„Es kommt mir mehr und mehr so vor, als wäre die Vergangenheit ein noch viel ungesicherterer, weniger verbürgter Ort als die Zukunft. Das, was hinter mir liegt, soll das Gesicherte sein, das Abgeschlossene, das Gewesene, das nur darauf wartet, erzählt zu werden, und das vor mir soll die sogenannte zu gestaltende Zukunft sein?

Was, wenn ich auch meine Vergangenheit gestalten muss? Was, wenn nur aus einer durchdrungenen, gestalteten Vergangenheit so etwas wie eine offene Zukunft entstehen kann? Es ist ein bedrückender Gedanke, aber hin und wieder kommt mir das Leben, das noch vor mir liegt, wie eine für mich maßgeschneiderte, unumgänglich zu absolvierende Wegstrecke vor, eine Linie, auf der ich vorsichtig bis zum Ende balancieren werde.

Ja, daran glaube ich: Erst, wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnerungspäckchen wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremde, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden habe, erst dann werde ich Entscheidungen treffen können, wird die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wird sich die Linie zu einer Fläche weiten.“

Joachim Meyerhoff, Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war, S. 348

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Buchtipp: Das Haus der vergessenen Bücher

Wir tauchen ein in das Jahr 1919, mitten in Brooklyn. In einem kleinen, aber sehr feinen Antiquariat namens „Parnassus“ spukt es. Eigentlich nur der Geist und das Wissen alter Bücher – neuerdings geben sich dort aber auch so allerlei schwarze Gestalten aus der Welt der Geheimdienste die Ehre.

Christopher Morleys Roman „Das Haus der vergessenen Bücher“ erschien im amerikanischen Original erstmals 1919. 1890 geboren war er ein regelrechter „Vielschreiber“: Er ist Autor von mehr als 50 Romanen, Sachbüchern und Essays und schrieb für die New York Evening Post.

Ich fand es sehr spannend, während der Lektüre einen authentischen Einblick in das (Liebes- und Arbeits-) Leben in Brooklyn kurz nach dem ersten Weltkrieg zu bekommen. Vorneweg: den Deutschen ist man dort gar nicht wohlgesonnen!

Außerdem war es wirklich ein ungewohntes, erfreuliches Lesevergnügen, sich mal wieder von einem klassischen Erzähler durch den Roman führen zu lassen. In der moderneren, heute erhältlichen Literatur begegnen wir schließlich diesem althergebrachtem  Erzählstil kaum noch. Morleys Erzähler, der gefühlt an einem kalten Winterabend in der gemütlichen Stube im Lehnstuhl sitzend spricht, führt den Leser galant durch das Werk. Er spricht ihn direkt an, liefert Hintergrundwissen und weist auch schon mal im Sternchentext darauf hin, dass *Leser, die keine Buchhändler sind, sich die zweite Hälfte des Kapitels Maiskolbenklub schenken können.

„Das Haus der vergessenen Bücher“ ist ein kluges, dennoch unterhaltsames Werk, dessen heute selten gewordener Erzählstil eine erfrischende Abwechslung bietet. Absolut lesenswert – insbesondere für kleine und große Literaturfans!

 

„Meiner Meinung nach ist jeder ein Verräter an der Menschheit, der nicht seine ganze Kraft dem Versuch widmet, weitere Kriege zu verhindern.“

Roger Mifflin, Inhaber des „Parnassus“