Nur Zaungast

Heute, an meinem letzten Kliniksonntag, traf ich mich mit zwei Freunden in München. Wir waren in einer beeindruckenden Fotoausstellung und schlenderten anschließend lange an der Isar entlang.

Ich kenne die beiden seit einigen Jahren. Eigentlich sind es Arbeitskollegen, aber wir haben mehr Zeit beim Sport oder auf Feiern zusammen verbracht als auf gemeinsamen Projekten. Ich hatte sie seit Juni nicht mehr gesehen. Ich freute mich und es war dann wirklich ein schöner Nachmittag – dennoch: Ich fühlte mich irgendwie fremd.

Ich kann gar nicht genau sagen, was es war. Als ob ich alles um mich herum anders wahrnehmen würde als die beiden. Ich brauchte mehr Zeit, um die Fotos, all die Sinneseindrücke zu verarbeiten, die auf mich einstürmten. Als ob ich lange, sehr viel länger als nur diese viereinhalb Monate nicht dagewesen wäre. Ein bisschen wie ein Kind, das von für Erwachsene selbstverständlichen Dinge fasziniert ist. Ich war vorsichtiger, etwas mehr auf der Hut als die anderen beiden. Für mich war das ganze einfach nicht so selbstverständlich. Es war ein vorsichtiges Herantasten an die Normalität. So ganz angekommen war ich da leider noch nicht und ich hatte das Gefühl, nur Zaungast zu sein. Zaungast der Normalität.

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Wieder zurück

Heute würde ich zum allerletzten Mal über das Wochenende nach Hause fahren. In weniger als zwei Wochen, genauer in 12 Tagen, würde ich entlassen werden. Nach einer gefühlten Unendlichkeit in Kliniken durfte ich wieder heim. Ich war noch nicht komplett fit, aber es war an der Zeit, wieder in mein Leben zurückzukehren. Ich fühlte mich gut.

Ich genoss die Autofahrt, über die Landstraße quer durch Oberbayern, an einem sonnigen Morgen. Und beinahe schon daheim beschloss ich: Es war Samstagvormittag! Ich weiß schon gar nicht mehr, wie die Turnhalle riecht. Meine Mädels, also die Mädels, die ich zehn Jahre lang trainiert hatte, würden da sein. Ich bog nach links ab statt nach rechts. Ich musste in die Turnhalle.

Ich war aufgeregt, parkte ein, drehte hektisch den Schlüssel, zog ihn aus der Zündung und rannte fast den Fußweg entlang zum Halleneingang. Wie hatte ich diesen Geruch vermisst! Wie hatte ich mein zweites zuhause vermisst! Und die Mädels! Es war ein bisschen ungewohnt, einfach so, grundlos, plötzlich mitten in eine laufende Trainingsstunde zu platzen. Die Mädels waren auch einigermaßen überrascht, mich zu sehen. Aber sie freuten sich. Und ich freute mich. Wieder zurück zu sein. Willkommen zu sein, mit offenen Armen empfangen zu werden. Einfach wieder in der Halle zu sein. Wie früher. Ich war, wie immer in der letzten Zeit, ziemlich emotional und konnte meine Tränen nicht zurückhalten. Aber endlich – es waren Glückstränen.

Buch- und Filmtipp: Silver Linings

„Silver Linings“ bedeutet übersetzt Silberstreif, also der goldfarbene oder silbrige Rand, den Wolken haben, wenn die Sonne hinter ihnen steht. Im Englischen existiert zudem das Sprichwort „every cloud has its silver lining“, was frei übersetzt in etwa „es ist nie alles schlecht“ bedeutet.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen („Silver Linings Playbook“), verzeiht mir daher bitte, wenn sich der ein oder andere englische Ausdruck hier einschleicht.

Pat ist nach Jahren in der Nervenheilanstalt wieder zu Hause. Seine Mutter hat ihn endlich heimgeholt und er ist glücklich: Sein Bruder hat ihm eine Saisonkarte für sein Footballteam geschenkt und „apart time“, die Trennungszeit von seiner Ehefrau Nikki, scheint nun auch bald vorbei zu sein. Nur bekommt er sie nicht zu Gesicht. Keiner weiß, wo sie ist, auf Fragen weichen ihm alle aus. Außer seiner neuen Bekannten Tiffany.Sie ist die Schwägerin seines besten Freundes, verwitwet, nymphoman, depressiv. Sie verspricht ihm, Briefe zwischen ihm und Nikki zu vermitteln – aber nur, wenn Pat dafür mit ihr gemeinsam für den Tanzwettbewerb „Dance against Depression“ trainiert. Dafür muss er aber einige Heimspiele sausen lassen…

Matthew Quicks Hauptpersonen, im Film gespielt von Bradley Cooper und Jennifer Lawrence, freunden sich an. Aus den beiden Außenseitern wird ein starkes Team, gegenseitig helfen sie sich Schritt für Schritt ins Leben zurück. Eine bewegende, traurige, auf jeden Fall beeindruckende Geschichte über uns alle, Football, Tanzen, Liebe und Leidenschaft.

In diesem (seltenen) Fall sind sowohl Buch als auch Film sehr, sehr empfehlenswert. Das Buch, das gänzlich aus Pats Perspektive heraus erzählt wird, erlaubt uns tiefgründigere Einblicke in seine Gedankenwelt: Wie er die Welt nach Jahren in der Anstalt sieht. Was die „apart time“ für ihn bedeutet. Der Film dafür bietet zahlreiche Football- und Tanzszenen, deren Ausdruckskraft wir im Buch nur erahnen können sowie, nicht zu vergessen, Bradley Cooper, Jennifer Lawrence und Robert de Niro.

Ein Buch und Film für alle: Für die Jungs gibt es Football (Philadelphia Eagles!), für die Mädels tolle Tanzszenen und die Liebesgeschichte, für alle gemeinsam gibt das ein rundes Gesamtbild ab. Unbedingt lesens- bzw. sehenswert!

Das Buch gibt’s nicht nur am Amazonas, sondern u.a. auch hier: Hugendubel.de