Wieder zurück

Heute würde ich zum allerletzten Mal über das Wochenende nach Hause fahren. In weniger als zwei Wochen, genauer in 12 Tagen, würde ich entlassen werden. Nach einer gefühlten Unendlichkeit in Kliniken durfte ich wieder heim. Ich war noch nicht komplett fit, aber es war an der Zeit, wieder in mein Leben zurückzukehren. Ich fühlte mich gut.

Ich genoss die Autofahrt, über die Landstraße quer durch Oberbayern, an einem sonnigen Morgen. Und beinahe schon daheim beschloss ich: Es war Samstagvormittag! Ich weiß schon gar nicht mehr, wie die Turnhalle riecht. Meine Mädels, also die Mädels, die ich zehn Jahre lang trainiert hatte, würden da sein. Ich bog nach links ab statt nach rechts. Ich musste in die Turnhalle.

Ich war aufgeregt, parkte ein, drehte hektisch den Schlüssel, zog ihn aus der Zündung und rannte fast den Fußweg entlang zum Halleneingang. Wie hatte ich diesen Geruch vermisst! Wie hatte ich mein zweites zuhause vermisst! Und die Mädels! Es war ein bisschen ungewohnt, einfach so, grundlos, plötzlich mitten in eine laufende Trainingsstunde zu platzen. Die Mädels waren auch einigermaßen überrascht, mich zu sehen. Aber sie freuten sich. Und ich freute mich. Wieder zurück zu sein. Willkommen zu sein, mit offenen Armen empfangen zu werden. Einfach wieder in der Halle zu sein. Wie früher. Ich war, wie immer in der letzten Zeit, ziemlich emotional und konnte meine Tränen nicht zurückhalten. Aber endlich – es waren Glückstränen.

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Kirchweih

Samstagmorgen fuhr ich, wie immer, wieder nach Hause. Ich hatte ein entspanntes, schönes Wochenende vor mir: Am Samstag hatte ich nichts ausgemacht, ich wollte einfach zu Hause entspannen, erntete ein paar Äpfel und buk daraus einen guten Kuchen, wusch Wäsche und genoss das schöne Wetter und hörte meiner Katze beim Schnurren zu.

Für Sonntag, es war der Kirchweihsonntag, hatte ich mich zum Frühstück mit einer guten Freundin verabredet, war dann mit meinen Eltern essen. Auch wenn das Essen gut war, hallte es in dem kleinen Nebenraum sehr. Es war sehr laut, ich spürte förmlich, wie meine Energie begann, sich zu verabschieden. Nach dem Essen wollten meine Eltern gerne auf „einen Sprung“ bei meiner Tante vorbeischauen. Dort im Dorf war Kirchweihmarkt, bei der Tante gab es Kaffee und sehr viel sehr guten Kuchen und natürlich Kirchweihnudeln und ein Teil meiner Verwandtschaft würde dort sein. Nichts Besonderes, einfach ein angenehmes und lockeres Kommen und Gehen. Ich ging mit – schließlich hatte ich sie alle schon lange nicht mehr gesehen. Auch meine Cousine mit den beiden kleinen Kindern, wo ich im Juli öfter zu Besuch war, würde da sein. Aber es wurde mir sehr schnell zu viel. Ich ging nicht einmal mehr mit hoch auf den Markt. Aß ein Stück Kuchen. Eine Kirchweihnudel, aus der ich die Rosinen herauskrümelte. Unterhielt mich mit meiner Tante und meiner Cousine. Malte ein wenig mit meiner kleinen Großcousine, die mir daraufhin ein kleines Bild von einem Einhorn schenkte. Aber dann war Ende Gelände. Ich musste weg. Ich ertrug den „Lärm“ nicht mehr, ich hatte keine Kraft und Lust mehr, mich mit irgendjemandem zu unterhalten, selbst die Energie, dem Gespräch, das auf der Kaffeetafel hin- und herflog, nur zu folgen, fehlte mir. Ich fuhr nach Hause. Da war niemand, außer der Katze, da war es still. Meine Schwester war ja in Berlin.

Neue Woche

Am Samstagmorgen fuhr ich, wie jedes Wochenende, nach einem ausgiebigen Frühstück, nach Hause. Nach wie vor zu meinen Eltern. Meine Schwester, die offiziell ja bereits in der vergangenen Woche umgezogen war, war zum letzten Mal zu Hause. Am Sonntag würde sie endgültig nach Berlin ziehen, am Montag hatte sie dort ihren ersten Arbeitstag.

Das Wochenende war sehr unspektakulär. Ich war k.o., aber guter Laune, meine Eltern hatte ich nun seit vierzehn Tagen nicht gesehen, die Katze war da. Am Sonntag hatte ich ein mulmiges Gefühl. Meine Schwester war schließlich in den letzten Wochen immer da gewesen. Sie hatte immer Zeit gehabt, ich hatte sie jederzeit anrufen können. Nun würde sie nicht nur Vollzeit arbeiten, also telefonisch nicht erreichbar sein. Sondern auch noch in Berlin wohnen. Unendlich weit weg. Aber ich konnte sie verstehen. An ihrer Stelle wäre ich auch nach Berlin gegangen. Der Abschied war traurig. Wie so Abschiede eben sind.

Ich war dann auch nicht mehr lange da, ich packte hauptsächlich noch meine Sachen und machte mich dann auch auf den Weg zurück in die Klinik. Am Montagmorgen bekam ich keine Mirtazapin mehr. Die Ärztin führte meine schlechten Leberwerte darauf zurück, dass ich die Kombination meiner Medikamente eben nicht vertrug und hatte beschlossen, testweise die Mirtazapin abzusetzen. Über diese Entscheidung war ich einigermaßen erleichtert gewesen. Bei Johanna und diversen anderen Patienten hatte ich in den vergangenen Wochen miterleben dürfen, wie heftig die Nebenwirkungen und auch die späteren Entzugserscheinung der Psychopharmaka sein konnten, wenn man sie nicht vertrug. Ich hatte mich immer sehr glücklich geschätzt, dass ich bis dato keinerlei Probleme gehabt hatte. Nun wurden also bei mir die Mirtazapin abgesetzt. Das waren die Tabletten, die ich abends nahm, um einschlafen zu können. Am Tag bevor mir die Ärztin mitteilte, dass sie mir die Mirtazapin absetzen würden, war ich zum allerersten Mal seit Anfang Juli einfach so eingeschlafen. Ich hatte mich, wie so oft, am Nachmittag in mein Bett gekuschelt, weil ich erschöpft gewesen war, um so zu tun, als ob ich schliefe. Schlafen ging ja nie, aber das stille Ruhen tat auch gut. Und dabei war ich doch tatsächlich eingeschlafen. Von daher dachte ich, es wäre ein guter Zeitpunkt, das Mirtazapin abzusetzen – jetzt, wo ich schließlich auch von alleine wieder schlafen konnte. Jedenfalls, zurück zum Montagmorgen, war diesmal nicht einmal mehr eine halbe Tablette in meiner Tagesration Tabletten, die mir der Pfleger in der MZ in mein blaues Schächtelchen einsortierte. Damit war sie wohl endgültig ausgeschlichen. Ich nahm das zur Kenntnis, beunruhigte mich aber nicht weiter. Bislang hatte ich ja auch keinerlei Probleme mit der geringeren Ration gehabt.

Etwa um neun war das Morgenprogramm vorbei. Frühstück, Laufen, Tabletten holen, Duschen. Montagvormittag hatte ich immer frei, Johanna auch. Johanna war nicht besonders gut drauf. Das Wochenende war durchwachsen gewesen. Bei ihr hakte die Psychotherapie im Moment ziemlich und noch dazu passte bei ihr nach wie vor die Zusammenstellung der Tabletten nicht. Sie hatte zwar keine Nebenwirkungen mehr – das Zittern hatte aufgehört – aber dafür auch kaum Wirkung. Es war gerade noch okay. Aber in Kombination mit der schwierigen Therapiesituation nicht gut. Wir sind dann also nicht in die Stadt oder an den See gefahren, sondern hatten einen langen Spaziergang gemacht. Zu den Pferden, den Hasen, den Schafen und an dem malerischen Flüsschen entlang. Sonst verlief der Tag wie gewöhnlich. In der Kunsttherapie bastelte ich „meinen Rahmen“, den restlichen Nachmittag verbrachte ich relativ zurückgezogen. Ich schrieb mit meiner Schwester, wie es ihr denn so ginge. Und war früh im Bett. Meine Stimmung war nicht besonders gut. Aber ich schlief, auch ohne Tabletten, gut ein.

Alles ganz gut im Griff.

Sonntagmorgen gab es sogar Croissants und süßes Gebäck zum Frühstück! Ich war wirklich im Himmel hier – was das Essen betrifft zumindest. Außer mir war nur die alte Dame am Tisch, sie war gestern mit der „Isarcard“ durch München getingelt und erzählte mir von ihren Erlebnissen. Es war eigentlich ganz unterhaltsam, was sie so erzählte, ich erzählte ein bisschen von einem Ausflug gestern. Schließlich fragte sie mich über halb München aus – ich war eine der wenigen Münchnerinnen hier in der Klinik und so wurde ich manchmal regelrecht zum Reiseführer. Was muss man gesehen haben? Wie kommt man da hin? Was kostet das? Lohnt sich das? Insbesondere die alte Dame, die keinen Internetzugang hatte, machte mich manchmal beinahe wahnsinnig. So hatte ich ihr extra die Eintrittspreise der Erdinger Therme rausgesucht, nur um mir dann eine Viertelstunde lang anhören zu müssen, wie unverschämt teuer die wären. Da diskutierte ich lieber mit ihr über das Baby-Nashorn, das sie im Tierpark Hellabrunn zu besuchen gedachte.

Nach dem Frühstück setzten Tina und ich uns ins Atrium. Ich las, sie surfte im Internet, bis es Zeit für das Mittagessen war. Meine Eltern kamen gegen zwei Uhr vorbei. Nachdem ich ihnen die Klinik gezeigt hatte und sie alles für schön und viel angenehmer als in der Psychiatrie befunden hatten, fuhren wir in das Städtchen. Wie beim ersten Mal war es wunderschön, ein sehr sonniger Tag, und nachdem wir ein wenig herumspaziert waren, gab es noch ein großes Stück Kuchen in einem kleinen Café am Fluss. Es war wirklich schön, dass sie extra hergekommen waren, um mich zu besuchen, als sie abends dann wieder fuhren, war ich allerdings auch wieder sehr froh um meine Ruhe. Ich malte noch ein wenig in meinem Malbuch, die beste Beschäftigung, um meinen Kopf wieder zur Ruhe zu bringen und etwas zu sortieren, damit war der Tag auch beendet.

Montag war unspektakulär, die Kunsttherapie begann recht schnell, mir auf die Nerven zu gehen. Heute sollte ich meinen „Seelengarten“ malen. Zum einen fand ich das Thema dämlich, ich wollte mich lieber einfach mit den Farben austoben, zum anderen waren in der Gruppe hauptsächlich ältere Damen, die nur bemüht waren, mit feinen Kreiden und Stiften schön zu malen. Ich hatte im Skikurs in der ersten Klasse schon diejenigen nicht leiden können, die immer schön, aber eben auch schön langsam gefahren waren, anstatt mal etwas schneller und dafür eventuell einen Sturz in Kauf zu nehmen. Ich fühlte mich in dieser Gruppe völlig fehl am Platz. Ich kleckste mit einem großen Pinsel und plakativen Acrylfarben auf meinem großen Blatt umher, während der Rest der Gruppe fein säuberlich mit verwischbaren Kreiden kleinste Details ausarbeitete. Am Abend bekam ich Besuch von zu Hause 🙂 und gönnte mir gutes Schnitzel in einem putzigen, kleinen Biergarten im Nachbardorf. Die Gegend hier war wirklich wunderschön. Alles in allem hatte ich mich wahnsinnig schnell eingelebt. Ich war mit meinen Therapien ziemlich beschäftigt, meine Freizeit verbrachte ich hauptsächlich mit Johanna und Tina, aber die beiden reichten mir völlig, es wäre mir nach wie vor viel zu anstrengend gewesen, weitere Bekanntschaften zu vertiefen oder mich gar abends in der Cafeteria zu einer Gruppe zu gesellen. Außerdem war ich meistens froh um die Ruhe auf meinem Zimmer. Teils saß ich sogar mit Ohropax auf meinem Balkon, weil es von der Cafeteria-Terrasse zu laut nach oben schallte. Davon abgesehen ging es mir sehr gut. Die Depression war wie verflogen. Hin und wieder kam die Angst. Nervig zwar, aber nicht mehr der Rede wert. Ich hatte das alles ganz gut im Griff, fand ich.

102 Dalmatiner

Wochenende! Keine Schnarcher im Zimmer! Gutes Essen! Was für Kleinigkeiten mich momentan in Hochstimmung versetzen können…

Ich stand – es war bereits kurz nach acht – bereit, um zum letzten Mal von meinem Wochenend-Taxi (=Papa) abgeholt zu werden. Ich hatte nun die dritte Nacht in Folge mehr als schlecht geschlafen (Jeanette sei Dank), war tagsüber nicht mehr wie zuvor hauptsächlich mit mir selbst und meiner Genesung beschäftigt, sondern vor allem damit, gewissen Personen aus dem Weg zu gehen. Und das war bei dem schlechten Wetter nicht einfach. Zudem machte sich eine leichte Erkältung bemerkbar, ich hatte den Wetterumschwung unterschätzt. Mir ging es also nicht besonders gut, ich fühlte mich schwach und unsicher, aber die Aussicht auf ein Wochenende zu Hause hellte meine Stimmung deutlich auf.

Wie auch an den vergangenen Wochenenden hatte meine Ärztin mich wieder angehalten, mir einen detaillierten Plan mit Pausen zu notieren, den sie am Freitag auch nochmal mit mir durchgegangen war. Ich war im Moment sowieso überhaupt nicht motiviert, irgendetwas zu machen, ich wollte einfach zu Hause sein, mit der Katze auf dem Bauch auf dem Sofa sitzen und meiner Familie zusehen, bei dem was sie so taten, und wenn es nur Putzen und Kochen war. Der Plan war also wie folgt:

Samstag:

  • 9.00 Uhr: Ankunft
  • Bis 10.00 Uhr: Frühstück
  • Anschließend: Wäsche waschen
  • Pause bis Mittag.
  • Mittagessen.
  • Pause.
  • 16:00 Uhr: Grillen mit den Turnmädels

Sonntag:

  • Ausschlafen.
  • 12.00 Uhr Mittagessen.
  • Pause
  • 15.00 Uhr: Packen für die neue Klinik
  • Selbst (!) nach München in meine Wohnung fahren
  • Etwa 18.00 Uhr: Pause und Abendessen; fertig packen
  • 19.00 Uhr: Zurück in die Klinik fahren.

Ihr seht schon, ein hochspannendes Programm.

Das Highlight war ganz eindeutig das Grillen mit den Turnmädels am Samstagabend. Bis vor einem Jahr hatte ich gemeinsam mit einer Freundin, Mädchen im Alter von mittlerweile 15-17 Jahren trainiert. Das Grillen war früher der wichtigste Bestandteil des Trainingslagers in den Sommerferien gewesen und wir, bzw. viel mehr alle anderen hatten beschlossen, diese Tradition fortzuführen. Wir trafen uns also auch in diesem Sommer bei einem der Mädchen zu Hause, jeder brachte etwas mit. Es war ein entspanntes und gemütliches Beisammensein. Meine Trainerkollegin wusste, wie es mir ging. Alle anderen nicht. Ich hatte zugesagt, ich wollte kommen, auch wenn mir von vorneherein schon klar war, dass ich nicht allzu lange würde bleiben können. Aber zumindest zum Essen.

Es war ein komisches Gefühl. Irgendwie hoffte ich, dass mich jemand ganz einfach frage würde, wie es mir ginge, damit das Thema gleich am Anfang vom Tisch war und ich dann, ohne großes Trara, früher gehen könnte. Aber das Thema kam nicht auf. Es war schön, die Mädels und meine Freundin wieder zu sehen. Es war schön zu sehen, dass es ihnen gut ging (mal abgesehen von einem Kreuzbandriss). Aber das fröhliche Durcheinander war anstrengend. Ich fühlte mich verloren. Ein Schatten meiner selbst. Ich musste mich unglaublich anstrengen, um einem Gespräch – und an diesem Tisch liefen immer mehrere gleichzeitig – folgen zu können. Ich war froh, als das Fleisch fertig war. Damit konnte ich mich beschäftigen. Und es holte mich jedenfalls ins Hier und Jetzt zurück. Wenn ich aß, konnte mein Geist nicht Urlaub machen. Er musste essen. Damit war ich dann aber auch so beschäftigt, dass ich gar nicht mitbekam, dass ich bereits mehrfach gebeten worden war, den grünen Salat weiter zu reichen. Es war wohl der dritte Versuch, diesmal von meiner Nachbarin zur Linken, auf den ich schließlich doch noch reagierte. Das passierte nicht nur einmal. Nach dem Essen flirrte das Gespräch weiter, nein, ich wollte keinen Spritz trinken, warum? Ich muss noch fahren, und ich merkte, wie mein Geist immer wieder von dannen schwirrte. Schokomuffins waren ein gutes Mittel, ihn wieder zurückzubeordern, außerdem hatte ich Hunger, ich brauchte Energie, viel Zucker war da ideal. Irgendwann sah ich ein, dass es besser war, zu gehen. Ich bekam sowieso nichts mehr mit, ich war schon wieder nicht mehr da und ich fühlte mich körperlich schwach. Meine Trainerkollegin hatte mich schon mehrfach etwas besorgt angesehen, das war mir aufgefallen. Dann hatte ich immer versucht, zurückzulächeln. Von den anderen schien niemand etwas gemerkt zu haben. Ich zog langsam meine Strickjacke an, schob die Decke zurück, die ich mir um die Schultern gelegt hatte (so verfroren war ich früher auch nicht gewesen) und schulterte meine Tasche. Dann stand ich langsam auf. Ich wäre am liebsten einfach lautlos, ohne Kommentar, aufgestanden und gegangen. Ich hatte keine Kraft mehr, jetzt noch ein Gespräch oder gar eine Diskussion zu beginnen. Ich wollte einfach nur weg, nach Hause, mit der schnurrenden Katze auf dem Bauch, vielleicht würde ich eine ruhige Dokumentation ansehen. Keine Gespräche, kein Lärm – ich wollte nicht jemand sein müssen. Auch wenn es nur ich selbst war.

Als ich schließlich stand, starrten mich alle an. Mit Tasche und Jacke würde ich wohl nicht auf die Toilette gehen. „Ich gehe.“, sagte ich nur. „Schönen Abend noch“ Aber natürlich konnte ich mich damit nicht aus der Affäre ziehen. Was, warum? Es ist doch noch gar nicht spät? Fragten die gastgebenden Eltern und einige der Mädels. Mir geht es nicht gut. „Ach, komm zu mir, Franzi“, sagte Anna, „ich mache dich gesund! Magst du einen Tee oder sowas?“ Ich versuchte zu lächeln. So lieb von ihr. Ich bemühte mich zusammen zu reißen. Aber ich spürte die Tränen schon aufsteigen. „Danke“, antwortete ich Anna. „Aber das hilft leider nichts. Ich bin schon seit Juli krank.“ Ich weinte, ich konnte mich nicht mehr zusammenreißen. Und sah die fragenden Blicke. „Burnout“, sagte ich nur. Betroffene Gesichter. Der Vater, der mich ja mittlerweile auch seit mehr als zehn Jahren kannte, rief beinahe – aber du bist doch noch so jung! Ja. Ich zuckte die Schultern, bemüht, nicht noch mehr zu heulen: „Jedenfalls. Schönen Abend euch noch. Bis bald.“ Sie boten mir an, mich nach Hause zurückzufahren. Ob ich mir sicher war, noch Autofahren zu können. „Jaja, das geht schon.“ Ich ging um das Haus herum, verschwand aus dem Blickfeld. Im Auto begann ich erst einmal hemmungslos zu heulen. Zu viele Emotionen für mich Nervenbündel. Schließlich schluckte ich den letzten Rest der Tränen hinunter, startete den Motor und fuhr die kurze Strecke zurück zu meinen Eltern. Ein Dorf weiter. Es war wirklich nicht weit, das Fahren lenkte mich von mir ab, trotzdem war ich froh, als ich endlich zu Hause war. Im Haus war es still, es war niemand zu Hause. Ich war froh drum. Ich wollte gerade einfach nur allein mit meiner Traurigkeit sein. Die Katze vielleicht. Die wäre gut. So schön weich zu streicheln. Und das Schnurren so angenehm. Sie war tatsächlich da und protestierte nicht, als ich sie zu mir auf die Couch zog. Ich weinte eine Weile weiter, bis die Tränen versiegt waren. Ich wieder leer war, alle Emotionen aufgeräumt. Dann schaltete ich den Fernseher ein, in der Hoffnung etwas zu finden, das mich ablenkte. Der Fernseher war unglaublich laut. Ich drehte den Ton auf die unterste Stufe. Ich wusste genau, dass er damit eigentlich kaum noch zu hören war. Aber für mich war es gerade eine angenehme, normale Lautstärke. Ich zappte durch. Im Disney Channel lief 102 Dalmatiner. Sehr gut. Kurz drauf kam meine Mutter zu Hause. Auf die Frage, wie es war, und ihre Feststellung, dass sie mich noch nicht zu Hause erwartet hätte, antwortete ich: „Schön. Aber zu anstrengend.“ Ob sie das Pendel der Uhr vielleicht anhalten könnte? Es wäre so laut. Sie schaute mich etwas ungläubig an. Stoppte es dann aber. Setzte sich auf das Sofa gegenüber und schaute mit mir gemeinsam die 102 Dalmatiner. Vermutlich hörte sie so gut wie nichts. Sagte es aber nicht. Im Anschluss kam dann die 101 Dalmatiner. Die Katze mittlerweile auf meinem Bauch, schnurrend. Dann ging ich ins Bett. Ich war wieder ruhig. Aber auch völlig leer.

Sonntag ging es mir nicht gut. Die Stimmung war gerade noch okay, aber ich war müde, hatte überhaupt keinen Antrieb, und war immer noch so seltsam leer. Das Mittagessen war gut. Danach packte ich ohne besondere Motivation meine Sachen für die neue Klinik. Und langsam schlich sich die Einsamkeit wieder bei mir ein. Ich ertappte mich schließlich dabei, dass ich unten im Wohnzimmer stehend, dachte, ich wäre allen egal. Nicht einmal meine Schwester kümmerte sich um mich. Aber mittlerweile wusste ich diese Gedanken einzuordnen. Das war nicht ich. Das war die Depression. „So ein Unsinn“, scholt ich mich. Meine Schwester war schließlich oben im Zimmer, in ihrem Bett, nicht einmal 50 Meter von mir entfernt und ich hatte sie schließlich auch noch um gar nichts gebeten. Ich zwang mich, nach oben zu gehen, in ihr Zimmer. Reden konnte ich da schon nicht mehr. Ich setzte mich einfach zu ihr aufs Bett. Sie sah sofort, dass es mir nicht gut ging, unterbrach ihr Skype-Gespräch und fragte, was los wäre – ich murmelte nur ein leises  „Ich weiß nicht.“ Und rollte mich auf ihrer Bettdecke zusammen. Ich hörte sie sich von ihrer Freundin verabschieden. Mir liefen bereits die Tränen über die Wangen. Sie nahm mich in den Arm und hielt mich fest. Es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder gefangen hatte. Ich dachte nach. Ich musste noch nach München, in meine Wohnung, ich brauchte für die neue Klinik dringend ein paar Sachen von dort. Aber ich hatte Angst, dort alleine zu sein. Nicht vor dem Autofahren – das täte mir mit Sicherheit gut. Aber dort alleine zu Abend zu essen? Ich hatte wieder Angst vor mir selbst. Was, wenn ich dort wieder kippen würde? Da wäre ich alleine. Ich bat meine Schwester, mitzukommen. So fuhren wir dann, jede im eigenen Auto, nach München. Das Fahren tat gut. Es tat gut zu wissen, dass meine Schwester da war. Als wir in München ankamen, ging es mir schon wieder deutlich besser. Ich fühlte mich wieder halbwegs sicher. Wir machten gemeinsam Brotzeit, dann fuhr sie wieder nach Hause, und ich in Richtung Münchener Süden in die Klinik. Zum letzten Mal. Zwei Nächte noch. Und mir war es noch an keinem Sonntagabend so beschissen gegangen.

Beerenzeit

Meine Schwester holte mich um Punkt acht ab. Wir fuhren nach Hause; diesmal spürte ich keine Angstzustände. Vielleicht war ich einfach zu erledigt dafür. Daheim frühstückten wir auf der Terrasse in der Sonne. Es war bereits Ende August, und es war immer noch unglaublich warm und schön. Es tat unendlich gut, zu Hause zu sein, in der Sonne zu sitzen, gemütlich zu frühstücken – mit gutem Essen, richtigen Brezen, selbstgemachter Marmelade und frischen Himbeeren aus dem Garten. Und vor allem tat es richtig gut, endlich Ruhe und Zeit zu haben, um mit meiner Schwester zu reden. Wir hatten uns seit meiner Krankschreibung nur einige einzelne Tage gesehen, davon nur einen nicht in der Psychiatrie. Klar wusste sie, dass ich krankgeschrieben war, es mir nicht gut ging, dass ich in der Psychiatrie war. Aber ich hatte ja nicht mehr telefoniert, kaum noch Nachrichten geschrieben und meine Eltern hatten ihr wohl auch die Details vorenthalten. Vielleicht, weil sie dachten, dass wir sowieso in Kontakt stünden. Vielleicht, weil sie meiner Schwester die Reise nach Sri Lanka nicht verderben wollten. Vielleicht aber auch einfach, weil sie selber gar nicht wussten, wie sie es hätten ausdrücken sollen. Jedenfalls, glaube ich, dass meine Schwester erst so richtig begriff, wie schlimm es um mich stand, als meine Mutter ihr sagte, sie solle nicht mehr zurück nach London fliegen, sondern ihre Masterarbeit zu Hause fertig schreiben, da sie mich unmöglich allein lassen konnten. Dass überhaupt meine Mutter sie nicht darum bat oder es ihr vorsichtig nahelegte, sondern -wie ich mittlerweile meine mitbekommen zu haben – ihr klipp und klar eröffnete, dass sie hier gebraucht wurde. Punkt. Ich kann mich nicht erinnern, dass das, seit wir beide ausgezogen waren, überhaupt jemals vorgekommen war.

Wir unterhielten uns  sehr lange. Sie wollte wissen, was passiert war, und warum. Mehrmals in diesen drei Stunden, die wir draußen am Frühstückstisch saßen, standen ihr die Tränen in den Augen und mir versagte die Sprache. Und mir stehen auch jetzt beim Schreiben, ein ganzes halbes Jahr später, wieder die Tränen in den Augen. Es tat mir gut zu sehen wie sie sich bemühte, zu verstehen. Zu sehen, dass sie besorgt war. Zu sehen, dass ich alles andere als egal war. (Natürlich wusste ich das – aber die letzten Tage war ich wieder das kleine Häufchen Depression und Angst gewesen. Da war das nun umso wichtiger.) Sie sagte sogar tatsächlich das Fest ab und verabredete sich stattdessen mit ihrer besten Freundin zum Schwimmen. Dann bin ich wenigstens abends wieder da, wenn Helene weg ist, meinte sie. Das fand ich gut. Sehr gut sogar. Sie fuhr dann also, und ich widmete mich meiner neuen bevorzugten Sommertätigkeit zu Hause: Beeren pflücken. Ich war ja bereits im vergangenen Jahr über zwei Wochen rätselhaft (dieses Rätsel war mittlerweile immerhin gelöst…) krank gewesen. Nach einer kurzen Kehlkopfentzündung war ich zwei Wochen lang viel zu erschöpft gewesen, um überhaupt auch nur eine Stunde spazieren zu gehen. Auch da hatte ich meine Tage damit verbracht, abwechselnd einfach nur im Garten meiner Eltern zu sitzen und die Eichhörnchen, meine Katze und die vielen Vögel zu beobachten und Beeren zu pflücken. Johannisbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Walderdbeeren – da gab es einiges zu tun. Ich schnappte mir also ein kleines Schüsselchen und ging auf Beerenjagd.

Den Nachmittag verbrachte ich ganz entspannt mit Helene – es gab unter anderem Vanilleeis mit frischen Himbeeren. Wir aßen sogar noch zusammen zu Abend. Meine Schwester war inzwischen wieder gekommen, dann wieder gegangen und war ein paar Häuser weiter immer noch bei ihrer Freundin. Ich war zu Hause und sah fern. Es wurde langsam dunkel. Ich war alleine zu Hause. Und die Angst kam wieder. Ich schrieb meiner Schwester eine Whatsapp-Nachricht, wie lange sie wohl noch bei ihrer Freundin wäre. Die Nachricht kam nicht an. Dann schrieb ich ihrer Freundin. Kam auch nicht an. Natürlich hätte ich auch einfach auf dem Festnetz anrufen können. Ich bin mir sicher, die beiden wären sofort dagewesen. Aber ich wollte nicht diejenige sein, die heulend wie ein kleines Kind nicht alleine sein konnte. Also nahm ich die Mirtazapin und  legte mich – ausnahmsweise mit Katze – ins Bett. Das Schnurren tat gut. Die Angst wurde trotzdem nicht weniger. Dennoch schlief ich relativ schnell ein.

Der Sonntag verlief ähnlich ruhig. Mir ging es gut, solange ich nicht viel machen musste. Am Nachmittag waren wir sogar noch zu zweit beim Baden am See. Die Sonne und das Wasser waren wohltuend.

Abends fuhr mich meine Schwester wieder zurück in die Klinik. Die Fahrt dauerte etwa eine Stunde. Ich war erschöpft. Ich möchte jetzt nicht sagen, dass ich mich auf die Klinik freute. Aber ich sehnte mich nach meinem Schutzort. Und ich freute mich auf Steffi und Johanna. Bis Mittwoch hatte ich sie ja noch.

Autofahrende Angstzustände

Da ich mein Auto nicht dabei hatte – und offiziell hatte ich ja unterschrieben, dass ich nicht Autofahren würde – hatte ich meine Abholung um Punkt acht Uhr morgens, also genau zur Türöffnung, bestellt.

Nur nichts wie raus hier. Frühstücken würde ich daheim. Ich stand also bereits um kurz vor acht unten im Foyer, hatte meine Patientenkarte abgegeben – der Herr am Empfang hatte bereits mittels Scanner überprüft, ob mein Verlassen ordnungsgemäß war – aber die Tür war noch zu. Um Punkt acht betätigte der Rezeptionist dann endlich den Türöffner. Mit mir warteten bereits Johanna und Stefanie, sowie zwei ältere Herren, die ich aber nicht kannte.

Wir verabschiedeten uns draußen auf der Treppe, die beiden gingen zu ihren Autos. Ich wartete auf meinen Vater. Ich wurde langsam ungeduldig, ich wollte endlich weg hier. Um zehn nach acht rief ich zu Hause an, um herauszufinden, wann er denn losgefahren war. In diesem Moment kam er vorgefahren.

Ich freute mich sehr, ihn zu sehen. Er stieg extra aus, umarmte mich, und strahlte auch sichtlich. Ich stellte meine Tasche in den Kofferraum, und wir fuhren los. Ich erzählte ein bisschen aus der Klinik, er erzählte mir, was es im Dorf so Neues gab, dann wurde ich still. Ich saß auf dem Beifahrersitz, mittlerweile waren wir auf der Autobahn, und ich bekam plötzlich sehr schlecht Luft, spürte einen heftigen Druck auf meiner Brust, ich war am ganzen Körper angespannt, biss die Zähne zusammen, meine Beine und Hände begannen, nervös zu zittern. Mittelschwere Angstzustände. Dabei fuhr mein Vater nicht schnell und es war kaum Verkehr. Es bestand absolut keine Gefahr, ich verstand selbst nicht so recht, woher das so plötzlich kam. Sie wurden zwar nicht schlimmer, soweit konnte ich sie im Zaum halten – der tiefen Bauchatmung sei Dank – aber sie gingen auch nicht vollständig weg. Zu meinem Vater sagte ich nichts. Wir hätten ja nichts an der Situation ändern können. Wenn ich heim wollte, musste ich zumindest Beifahrer sein können. Und ich wollte unbedingt nach Hause. Also hielt ich es aus.