Alte Fehler neu gemacht.

Das Schöne an einem Neuanfang? Man kann alte Fehler ganz von vorn beginnen.

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Es ist wieder Frühling. Ich bin wieder in München. Übers Wochenende zumindest.

Die erste Prüfungsphase ist geschafft, Probezeit bestanden. Der Neuanfang ist vorbei, er ist mittlerweile Alltag. Ein guter, schöner Alltag, meistens entspannt, mit tollen Menschen um mich herum.

Ich habe einen weiteren Meilenstein hinter mir gelassen, ich bin definitiv wieder im echten Leben angekommen. Als ich im Oktober mit der neuen Ausbildung begonnen habe, hatte ich keine Ahnung, was mich erwartet. War es richtig, mich auf mein Bauchgefühl zu verlassen? Neue Stadt, neue berufliche Ausrichtung, neue Wohnung, neu, neu, neu? Bin ich überhaupt schon fit genug für neu, neu, neu?

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Vom Suchen und Finden eines Therapeuten

Am besten sucht man sich einen Therapeuten schon bevor man auch nur krank ist…

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Ein neuer Plan

Überhaupt, so eine verrückte Sache. Vielleicht hat ja auch meine Therapeutin Recht. Vielleicht laufe ich davon. Vielleicht habe ich tatsächlich nur Angst vor der Arbeit. Vor meinem Chef. Vor meinem Arbeitgeber. Und muss das genauso wie meine Angst vor Umkleidekabinen aktiv bekämpfen?

Dass ich, Stand heute, nicht fit genug bin, um in den nächsten Wochen wieder zu arbeiten, steht außer Frage. Aber dann wäre eine Eingliederung vielleicht tatsächlich nicht so dumm. Sechs Wochen, um zu sehen, ob ich wieder voll belastbar bin. Sechs Wochen, um einen vernünftigen Abschied zu nehmen und nicht einfach so zu verschwinden. Sechs Wochen, um mir (und auch allen anderen zu zeigen), dass ich es (wieder) kann. Sechs Wochen und dann könnte ich ja immer noch kündigen.

Ich rechnete mir aus, wie viele Urlaubstage ich hatte. Die verfallen ja nicht, und ich baue mit jedem Monat, ganz genau so, als würde ich arbeiten, zwei weitere auf. Vielleicht wäre es tatsächlich gar keine so dumme Idee: Sechs Wochen Eingliederung, um zu sehen, ob ich fit bin. Dann kündigen. Und eben dann erst Weltreise. Oder so.

Ich telefonierte mit der Ärztin, die mich zu Hause betreut hatte. Schilderte ihr die Situation, dass die Klinik eben wollte, dass ich direkt wieder zu arbeiten begänne, ich mich aber nicht in der Lage sähe. Ich wollte eine zweite Meinung und wissen, ob sie gegebenenfalls ebenfalls eine Eingliederung betreuen könnte. Ja, natürlich könne sie das. Wichtig wäre es aber erstmal, wieder außerhalb der „Käseglocke Klinik“, in der ich mich seit nun über zehn Wochen befand, Fuß zu fassen, im eigenen Leben wieder anzukommen.

Langsam nahm ein neuer Plan in meinem Kopf Form an: Mitte November werde ich entlassen. Sechs Wochen lang wollte ich mir dann Zeit geben, wieder zu Hause anzukommen, und all das, was ich in der Arbeit wieder können musste, also z.B. Reisen und Feiern, testen. Und dann ab 1. Januar mit der Eingliederung beginnen. Die würde bis Mitte Februar dauern, ich könnte anschließend kündigen und dann wollte ich mir ab etwa April bis mindestens August eine Pause gönnen.

Auf Kriegsfuß mit der Therapeutin

Heute war der erste Dienstag ohne Burnout-Gruppe. Ein bisschen Ablenkung durch den Hengst hätte ich gerade heute allerdings gut gebrauchen können. Wenigstens war mein Einzelgespräch heute schon um 13.00 Uhr. Zuvor war Wassergymnastik, das war gut, sonst wäre ich wohl den ganzen Vormittag nervös im Kreis gelaufen.

Ich wusste, mich würde heute die endgültige Diskussion in Sachen Eingliederung erwarten. Beziehungsweise, ich hoffte es. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen würde, wenn sie mich weiter zwingen wollten.

Wie es mir gehe? Naja. Nervös, zittrig. So schlecht wie seit Wochen nicht mehr. Ich sagte auch direkt, dass ich am Wochenende zum ersten Mal seit Monaten Suizidgedanken gehabt hatte. Meine Liste an Argumenten brach regelrecht aus mir heraus. Und auch, dass ich langsam das Gefühl hatte, dass Ihnen die Krankenhausstatistik wichtiger war als ich.

Sie reagierte professionell, gefasst. Aber ich merkte, dass ich sie damit ziemlich getroffen hatte. Das tat mir fast schon leid.

Das wäre natürlich nicht der Fall, entgegnete sie. Vielmehr schilderte sie mir nun Ihre Sicht der Dinge. Ich war eben erst aus einer schweren Depression heraus. Das, was ich am dringendsten bräuchte, wäre ein geregelter Alltag. Und das hieße in meinem Fall eben auch, wieder zur Arbeit zu gehen. Außerdem wäre die Belastung bei einer Eingliederung sowieso erstmal recht gering.

Und außerdem hätte sie den Eindruck, dass ich einfach eine riesige Angst hatte vor allem, was mit meinem Job zu tun hatte. Und da wäre Weglaufen – so wie ich es nun vorhatte – die allerschlechteste Lösung. Selbst wenn ich nicht dauerhaft bei dem Unternehmen oder gar in der Branche bleiben würde, das würde sie mir ja gar nicht verwehren, hätte ich während einer Eingliederung die Möglichkeit, mit allem Frieden zu schließen und quasi im Guten zu gehen. Und vor allem könnte ich meine Belastungsresistenz Schritt für Schritt prüfen. Bei einem neuen Job müsste ich sofort auf 100% sein.

Meine erste Reaktion war natürlich, nein, nein, will ich nicht, kann ich nicht, was für ein Blödsinn. Ich könne einfach nicht. Ich kann ja noch nicht einmal mit einer Freundin kochen, ohne dass ich mich dann hinterher zwei Stunden hinlegen muss. Wie soll ich da auch nur eine Eingliederung überstehen?

Den zweiten Termin bei der Sozialtherapeutin sollte ich trotzdem wahrnehmen, ordnete sie an. Whatever.

Die Therapiestunde war wohl die hitzigste, die ich je hatte. Eine der wenigen, in der ich nicht heulte. Diesmal nämlich tat ich das, was ich in diversen Situationen, die allesamt miteinander zu meiner heutigen Lage geführt haben, nicht getan hatte: Ich stand für mich ein.

Trotzdem blieb die eine Aussage in meinem Kopf hängen: Lief ich davon?

 

 

Ich kann noch nicht!

Eigentlich wollte ich mich heute Abend mit dem Kollegen treffen, mit dem ich am engsten zusammenarbeitete. Aber das konnte ich knicken. Ich würde heute sicher nicht nach München fahren. Es tat mir leid, ich hätte ihn gerne gesehen. Aber es half nichts.

Warum wir uns treffen wollten? Zum einen verstanden wir uns einfach gut, zum anderen, wenn ich schon über eine Wiedereingliederung nachdenken musste, dann musste ich mir ja auch einen Bild vom aktuellen Stand der Dinge machen. Ich hatte in der Zwischenzeit einen neuen Chef bekommen, den ich nicht kannte, zum Beispiel.

Aber eigentlich konnte mir das egal sein, denn ich wollte und konnte keine Eingliederung in den nächsten vier Wochen machen. Es ging nicht. Ich begann, mir die Gründe aufzuschreiben. Eine Argumentation für die nächste Einzeltherapie aufzubauen. Strategisch.

  1. Es hat vier Monate gedauert, um auf ca. 50% zu kommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in den nächsten fünf Wochen die restlichen 50% schaffe!
  2. Alle meine Kollegen und Chefs sagen mir, ich solle erst wieder kommen, wenn ich bei 100% bin. Was hat denn die Krankenkasse davon, wenn ich im März wieder liege?
  3. Zu meinem Job gehören auch Abendveranstaltungen bis nach Mitternacht, Reisen, Wochenenddienste. Ich will das alles erst ohne Druck privat testen, bevor ich bei solchen Dingen unter Druck im Job funktionieren muss!
  4. Sie sagen mir seit Wochen, ich soll mir keinen Druck machen. Den Druck machen Sie aber gerade mir!
  5. Das Gespräch mit meinem Chef muss mindestens eine Woche vor einer Wiedereingliederung stattfinden. Dazu brauche ich aber einen Psychologen, der mich kennt und entsprechend unterstützen kann. Den habe ich für die Zeit nach der Klinik noch nicht und der ist auch im jetzigen Zeitrahmen nicht gegeben!
  6. Mein Leben soll erst wieder einen normalen Rahmen bekommen, bevor ich beginne, zu arbeiten. Also mindestens zwei Wochen!!
  7. Somatische Symptome wie Herzstechen, unbegründete Engegefühle im Brust-/Halsbereich und Verspannung nehmen gerade wieder stark zu! Außerdem habe ich sogar zusätzlich noch zu beißen begonnen!

Langsam begann ich den Verdacht zu hegen, dass es ihr mehr auf die Klinikstatistik ankam als auf mich.

 

Sozialberatung I

Am Mittwochnachmittag war der Termin bei der Sozialberatung. Eigentlich wollte ich da gar nicht hin. Ich wusste doch, was ich wollte. Aber meine Therapeutin bestand darauf, und da man die Termine bei der Sozialberaterin nicht immer sofort bekam, sondern ein, zwei Wochen darauf warten musste, ging ich hin.

Die Sozialberater in den Kliniken kümmern sich um alles Mögliche:Wiedereingliederungen -wie in meinem Fall -Gerichtstermine, Weiterbildungen, Hilfestellung bei familiären Schwierigkeiten oder bei Ärger mit der Krankenkasse zum Beispiel. Ich war ein einfacher Fall für die Dame: Ein junge, Studienabsolventin mit laufendem Vertrag und mehreren Jahren Berufserfahrung. Also entweder würde sie die Eingliederung gemeinsam mit mir, meinem Arbeitgeber und der Kasse planen oder mich bei neuen Bewerbungen unterstützen, so die Blaupause. Sie würde mich über meine rechtlichen Möglichkeiten und Pflichten aufklären – zum Beispiel, in welchem Fall ich Anrecht auf Arbeitslosengeld hätte oder was ich bei neuen Bewerbungen zu berücksichtigen hätte.

Ich war vorsichtig geworden – ich hatte in den letzten Monaten schnell gelernt, dass ich auf jedes Wort, dass ich gegenüber der Kasse, dem Arbeitgeber, aber auch gegenüber Therapeuten (da wurde ja jeder Unterton analysiert) und eben solchen Diensten äußerte, Acht geben musste.

Ich hatte mir also eine Taktik zurecht gelegt: Ich wollte mich erstmal über alle meine Möglichkeiten informieren – über einen Jobwechsel genauso wie über eine Wiedereingliederung, Selbstständigkeit, Auszeit, oder eine völlig neue Ausbildung.

Die Sozialberaterin war freundlich und nicht unsympathisch, aber auch nicht unbedingt auf meiner Wellenlänge. Sie wollte mich offensichtlich, ganz egal in welche Richtung ich fragte, wieder zurück in meine alte Firma lotsen. Sie gab mir zwar auch die Antworten auf meine diversen Fragen und forschte auch weiter nach – warum ich denn zum Beispiel eine neue Ausbildung wagen wollen würde, wie ich mir genau eine Selbstständigkeit als Texterin vorstellen würde, ob es denn, wenn ich vielleicht nicht zurück in den alten Job wollte, andere Positionen in der Firma gab, die in Frage kämen? Im Endeffekt lief alles auf eine Eingliederung hinaus.

Das hatte ich zwar erwartet, aber nicht in so   vehementer Weise. Was mich jedoch viel mehr beunruhigte, war die Tatsache, dass sie der absoluten Überzeugung war – und durch kein Argument meinerseits davonabzubringen war – dass ich spätestens zwei Wochen nach Ende meines Klinikaufenthalts, also in nicht einmal acht Wochen (!) mit der Eingliederung oder eben einer neuen Tätigkeit beginnen sollte.

Der Termin war schließlich vorbei, ich war froh darum. Ich wusste, dass sie mich ohne meine Einwilligung hier zu nichts zwingen konnten. Aber ich wurde dennoch unruhig. Was würde passieren, wenn ich mich dem Rat aller Menschen hier in der Klinik verweigerte? Was, wenn ich sie nicht überzeugen konnte, dass ihre Pläne nicht gut für mich waren, dass ich a) nicht zurück wollte und b) auch ganz unabhängig davon noch weit davon entfernt war, so fit zu sein, um wieder arbeiten zu können?. Auch wenn es für sie hier alle vielleicht ganz anders aussah. Das war nicht Nnue – selbst der Chefarzt der Psychiatrie, der in der ersten Woche Visite bei mir machte, meinte, ich sähe ganz und gar nicht nach einer Patientin mit schwerer Depression und Angstzuständen aus. Schön für sie. Half mir aber nichts. Machte alles eher noch komplizierter.

Ich war schon die letzten Wochen super verspannt gewesen, unter dem linken Schulterblatt hatte sich ein fester Knoten gebildet, den ich bei jeder Armbewegung spürte, und ich hatte das ungute Gefühl, es würde in den nächsten Tagen nicht besser werden – angesichts der Auseinandersetzungen, die ich wohl vor mir hatte. Aber heute konnte ich dieses Problem noch ignorieren. Ich ging also mit Johanna noch eine große Runde spazieren. Wir beide freuten uns schon auf unsere vorreservierten dreißig Minuten in der Infrarotkabine. Es war das einzige, was den dicken Knoten zwischen den Schultern löste und außerdem auch die vielen Knoten und Knötchen in meinen Gedanken lockerte. Beides würde zwar wieder kommen, die Infrarotkabine war keine Dauerlösung – aber für heute Abend war Ruhe.

Das Karussell ist wieder da…

Wer mit der Burn-Out-Gruppe fertig ist – das sind ca. vier Wochen – verlässt dann in der Regel zwei Wochen später die Klinik und beginnt wieder zwei Wochen später mit der Eingliederung. Ich habe zwar immer noch keinen Entlasstermin, der ursprüngliche war vor zwei Wochen auf unbestimmte Dauer verschoben worden, aber allein die Möglichkeit, dass ich Mitte November eventuell schon wieder arbeiten müsste, machte mich panisch. Ich war froh über jeden normalen Tag, den ich ohne Depressionen, Angst- oder Erschöpfungszustände verbrachte. Ich war froh, wenn ich den Klinikalltag gut bewältigen konnte. Nach einer Stunde kochen brauchte ich zwei Stunden Pause. Meine Konzentration verabschiedete sich nach wie vor nach spätestens einer Stunde. Ich hatte seit drei Monate nicht mehr in meiner eigenen Wohnung übernachtet, weil ich nicht gut allein sein konnte. Ich hatte Schwierigkeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln, mir war an manchen Tagen das Ticken der Uhr zu laut. Die Urlaubsvertretung meiner Therapeutin schaffte es relativ pragmatisch, diese Angst zu verscheuchen. Jetzt schauen sie erst einmal, dass sie wieder wissen, wer sie sind und was sie wollen. So lange es ihnen nicht gut geht, werden sie krankgeschrieben werden. Das beruhigte mich ungemein.

Keine Woche später hatte ich wieder einen Termin mit meiner eigentlichen Therapeutin, die gerade wieder aus dem Urlaub zurück war.

Wir müssen uns ja noch über ihre Entlassung unterhalten. Am 5. November ist ja der Termin. Was haben sie denn mit der Sozialberatung wegen der Eingliederung besprochen?

Mir blieb der Mund offen stehen, zack, war die panische Angst, die ich erst vor wenigen Tagen mühsam begraben hatte, wieder da.

Aber, davon weiß ich ja noch gar nichts.

Ach so? Ja, dann wurde das wohl vergessen. Es folgte eine kurze Diskussion, in der ich versuchte, meinen Standpunkt auszudrücken, aber ich war so überrumpelt, dass ich die naheliegendsten Argumente – wie etwa „dazu bin ich geistig und körperlich noch nicht in der Lage“ – nicht mehr fand.

Ich bekam also den Auftrag, mich am nächsten Tag bei der Sozialberatung anzumelden.

Nachdem der erste Schock verdaut war, wurde ich wütend. Und panisch. Und ängstlich. Und nervös.

Der Tornado in meinem Kopf legte wieder los. Wieder und wieder spielte sich in meinem Kopf die Szene ab, wie schon so oft verfluchte ich mich auch diesmal, nicht besser reagiert zu haben, ich zählte in meinem Kopf die einzelnen Gründe auf, die es mir unmöglich machten, in fünf Wochen wieder zu arbeiten. Ich kann in München nicht U-Bahn fahren – wie soll ich dann einen Termin in Hamburg wahrnehmen? Dazu müsste ich fliegen. Ich habe noch nicht einmal ein – von der Belastung her normales – Wochenende oder zwei Tage am Stück durchgestanden. Wie sollte ich da wieder arbeiten gehen können? Ich hielt es nach wie vor nicht länger als eine Stunde am Stück in der Cafeteria aus. Wie sollte ich dann mehrere Stunden in einem Vierzig-Mann-Großraumbüro überleben? Allein beim Gedanken daran zog sich bei mir alles zusammen. Ich überlegte hin und her, wappnete mich innerlich für einen Kampf gegen die Therapeuten und die Krankenkasse, ich war nicht mehr in der Lage, aus dem Karussell auszusteigen.

Wenn ich mich beschäftigte, stand es kurzzeitig still. Bei nächster Gelegenheit fuhr es wieder los. Immer schneller. Schließlich lag ich abends im Bett und hatte, genau wie während der letzten Wochen, in denen ich noch arbeitete, das Gefühl, wahnsinnig zu werden, wenn mein Kopf nicht bald aufhörte, sich immer weiter zu kreisen. Ich versuchte es etwa eine Stunde mit schlafen. Keine Chance. Entnervt schaltete ich das Licht wieder an – meine zwei Zimmernachbarinnen freuten sich sicher wie Schnitzel – schnappte mir einen Pullover und marschierte nach unten zur Medizinischen Zentrale. In meinem rosafarbenen-Snoopy-Satin-Schlafanzug, einem grauen Sweatshirt mit großen, bunten Kreisen darauf und Haaren, die kreuz und quer standen. Ich wollte ein Mittel, dass mich ausknockte. Irgendetwas, das so stark war, dass ich meinen Kopf und das verdammte Karussell loswurde. Am besten ein Betäubungsmittel.

Bei mir war keine Bedarfsmedikation festgelegt – abends hatte ich bis vor wenigen Wochen ja die entspannenden Mirtazapin genommen. Das Beste, was sie mir anbieten konnte, waren Baldrian-Pastillen, die wie weiße Smarties aussahen. Herzlichen Glückwunsch. Ich war nicht gerade hocherfreut darüber und stellte mich gedankliche auf eine katastrophale Nacht ein.

Wieder im Bett schrieb ich noch eine Weile mit meiner Schwester hin und her. Und irgendwann wurde ich müde. Ich schlief ein. Ich schlief tief und fest, träumte mal wieder komische, aber immerhin positive Träume. Beim ersten Schrillen des Weckers um 7:00 Uhr war das Karussell wieder da. Also stand ich, ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, auf. Frühstückte etwas, obwohl mir eher schlecht war. Um acht war Walken. Das Laufen würde gut tun, da könnte ich mich etwas auspowern und der geistigen Erschöpfung eine körperliche entgegenstellen. Und eigentlich würde ich auch gerne davonlaufen. Ich hatte im Kopf am Vortag bereits Szenarien durchgespielt, wie ich dem Ganzen entfliehen könnte. Was passieren würde, wenn ich aus der Klinik abhauen würde. Generell einfach davonlaufen? Als wir auf die Therapeutin warteten, die uns in der Anwesenheitsliste abhakte, kam ich mit einem Mitpatienten ins Gespräch und irgendwie auf das Thema zu sprechen. Er meinte nur – naja, in der Regel kann man mit denen ja auch reden. Wenn’s nicht geht, geht’s halt nicht. Er war Traumapatient, die haben in der Regel eine große Erfahrung ,was Kliniken und Krankenkassen betrifft, insofern beruhigte mich das etwas. Das Laufen tat sehr gut. Danach wartete ich während der zehnminütigen Sprechzeit vor dem Stationszimmer auf die Therapeutin, die mich während der Urlaubsvertretung betreut hatte. Ich wollte gern zu ihr wechseln. Ich hatte das Gefühl, sie verstand mich besser. Aber sie kam nicht. Also musste ich wieder los, sonst würde ich es nicht mehr schaffen zu duschen, bevor die Gruppe begann. Die auch noch mit meiner Therapeutin war. Die gerade einer der letzten Menschen war, die ich sehen wollte.

Die Gruppe beginnt immer mit einem kurzen Stimmungsblitzlicht – jeder sagt, wie es ihm gerade geht. Ich sagte, etwas zögerlich: Super angespannt, wütend, ängstlich, beinahe schon panisch. Sie fragte direkt zurück: Auf mich? Ich erklärte ihr das, holte kurz aus – länger als bei einem Blitzlicht eigentlich üblich – was für panische Angst ich derzeit noch davor hatte, wieder arbeiten zu gehen, weil ich einfach spürte, dass sowohl Kopf und Körper noch nicht annähernd bereit dafür waren. Plötzlich zeigte sie Verständnis. Versprach mir, dass wir das Thema noch einmal näher besprechen würden. Danach war ich etwas erleichterter. Die Wut verraucht. Therapeuten sind auch nur Menschen.

Morgen ist das nächste Therapiegespräch. Ich bin gespannt. Aber jetzt wieder zuversichtlich. Den Termin bei der Sozialtherapie habe ich trotzdem.