Kirchweih

Samstagmorgen fuhr ich, wie immer, wieder nach Hause. Ich hatte ein entspanntes, schönes Wochenende vor mir: Am Samstag hatte ich nichts ausgemacht, ich wollte einfach zu Hause entspannen, erntete ein paar Äpfel und buk daraus einen guten Kuchen, wusch Wäsche und genoss das schöne Wetter und hörte meiner Katze beim Schnurren zu.

Für Sonntag, es war der Kirchweihsonntag, hatte ich mich zum Frühstück mit einer guten Freundin verabredet, war dann mit meinen Eltern essen. Auch wenn das Essen gut war, hallte es in dem kleinen Nebenraum sehr. Es war sehr laut, ich spürte förmlich, wie meine Energie begann, sich zu verabschieden. Nach dem Essen wollten meine Eltern gerne auf „einen Sprung“ bei meiner Tante vorbeischauen. Dort im Dorf war Kirchweihmarkt, bei der Tante gab es Kaffee und sehr viel sehr guten Kuchen und natürlich Kirchweihnudeln und ein Teil meiner Verwandtschaft würde dort sein. Nichts Besonderes, einfach ein angenehmes und lockeres Kommen und Gehen. Ich ging mit – schließlich hatte ich sie alle schon lange nicht mehr gesehen. Auch meine Cousine mit den beiden kleinen Kindern, wo ich im Juli öfter zu Besuch war, würde da sein. Aber es wurde mir sehr schnell zu viel. Ich ging nicht einmal mehr mit hoch auf den Markt. Aß ein Stück Kuchen. Eine Kirchweihnudel, aus der ich die Rosinen herauskrümelte. Unterhielt mich mit meiner Tante und meiner Cousine. Malte ein wenig mit meiner kleinen Großcousine, die mir daraufhin ein kleines Bild von einem Einhorn schenkte. Aber dann war Ende Gelände. Ich musste weg. Ich ertrug den „Lärm“ nicht mehr, ich hatte keine Kraft und Lust mehr, mich mit irgendjemandem zu unterhalten, selbst die Energie, dem Gespräch, das auf der Kaffeetafel hin- und herflog, nur zu folgen, fehlte mir. Ich fuhr nach Hause. Da war niemand, außer der Katze, da war es still. Meine Schwester war ja in Berlin.

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Ein Tag, so wichtig wie Weihnachten

Am Mittwoch – mir ging es nach wie vor verhältnismäßig gut, was heißt, dass ich zumindest keine schwere depressive Episode mehr gehabt hatte – klingelte plötzlich mein Handy. Meine Allgemeinärztin war dran. Sie hatte mit ein paar Kliniken telefoniert und eine gefunden, die mich morgen bereits aufnehmen könnte.

Ich war völlig überfahren. Die Wartezeiten der Kliniken, die Burn-Out-Patienten behandeln, liegen in der Regel bei mehreren Wochen, wenn nicht Monaten. Ich hatte mich zwar gedanklich darauf eingestellt, dass ich demnächst in eine Klinik gehen würde, hatte aber nicht damit gerechnet, dass das vor September überhaupt möglich wäre. Außerdem war am Samstag ein großes Dorffest – das für uns alle in etwa den gleichen Stellenwert hat wie Weihnachten. Ich wollte unbedingt dabei sein, selbst wenn ich nur für einige wenige Stunden und bestimmt nicht bei der eigentlichen Party dabei sein könnte.

Von einer Minute auf die andere wurde ich wieder zum Nervenbündel, das still und stumm (viel geredet hatte ich in den letzten Wochen ja sowieso nicht) in der Ecke saß und vor sich hin starrte. Ich hatte Angst, wusste aber nicht so genau vor was. Der Gedanke an die Klinik lähmte mich. Ich googelte sie, sie machte einen ganz passablen Eindruck. Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie war der offizielle Titel.

Der Tag ging, der nächste kam. Ich hatte nicht mehr bei der Ärztin angerufen, ich hatte heute sowieso einen Termin bei ihr. Der Aufnahmetermin war verstrichen.

Meine Mutter musste zur Ärztin mitkommen, ich hatte ständig das Gefühl, dass ich meinen Körper mehr von außen steuerte als dass ich wirklich da war, ich war nicht in der Lage, Auto zu fahren. Die Fahrt war bereits anstrengend genug. Es war alles so schnell, obwohl meine Mutter sicher keinen neuen Geschwindigkeitsrekord aufstellte. Wir fuhren über die Ingolstädter und die Leopoldstraße zum Parkhaus an der Oper. Ich musste mich im Auto bereits an meinem Lapislazuli festklammern. Es war zu laut, zu schnell, zu viele Sinneseindrücke. In der Tiefgarage war es dunkel, die Decken tief, kein Ausgang in Sicht, die Luft schlecht. Ich musste mit mir kämpfen. Wollte nicht zusammenbrechen. Ich versuchte, ruhig die Tiefgarage zu verlassen, ganz gelang es mir nicht. Oben war es dann nicht viel besser. Für einen Donnerstagvormittag waren verhältnismäßig viele Passanten unterwegs, Obststände standen am Marienhof, Radfahrer fuhren durch die Fußgängerzone, es war laut. Es war Horror. Ich krallte mich immer mehr an meinem Stein fest und manövrierte mich hin zur Praxis – ich war schon wieder aus meinem Körper geflüchtet und hielt mich in einer diffusen Wolke irgendwo über mir auf. Meine Mutter konnte kaum mit mir Schritt halten. Und wenn ihr jetzt glaubt, dass man mir das angesehen hätte: Sicher nicht. Ich hatte mich – bewusster und mit sehr viel mehr Interesse daran als noch zwei Monate vorher –  für den Arzttermin schick gemacht. Langer Chiffon-Rock, passende grün-goldene Sandalen, eine weiße Bluse, die Haare extra gestylt, meine verspiegelte Sonnenbrille auf der Nase – ich sah mehr nach Urlaub aus als nach Arzt.

Den Großteil des Gesprächs übernahmen meine Mutter und meine Ärztin. Ich war immer noch beinahe so stumm wie ein Fisch und apathisch. Ich wollte unbedingt an dem Fest dabei sein. Meine Ärztin war aber gut darin, mir bzw. meinem Verstand einzureden, dass das alles andere als eine gute Idee war und meine Mutter hatte sichtlich große Angst, dass ich durch den ganzen Trubel und vor allen Dingen das Alleinsein zu Hause wieder in eine schwere depressive Episode rutschen würde und sich – vielleicht sogar noch schlimmere – Szenen wie am vorletzten Wochenende abspielen würden. Also stimmte ich zu. Die Ärztin telefonierte mit der Klinik. Am nächsten Tag um 10.00 Uhr war meine Aufnahme vereinbart.

Ich sah zwar irgendwie ein, dass das vernünftig war. Aber ich wollte nicht. Ich wollte beim Fest dabei sein.

Am Abend sollte der Aufbau beginnen. Eigentlich war ich dabei Stammgast. Beim Aufbau, beim Verkauf, beim Abbau. Ich war beim Schwimmen gewesen und auf dem Heimweg sah ich ein paar Leute bereits arbeiten. Ich beschloss, runter zu gehen, und zumindest dabei noch ein wenig meinen Beitrag zu leisten, wenn ich sonst schon nicht dabei sein konnte. Ich zog mir alte Shorts und ein T-Shirt an, und machte mich fest entschlossen auf den Weg, um dabei zu helfen. Es ging nur darum, Tische aufzubauen, die Theke einzurichten, mit etwa zehn anderen, die ich alle gut kannte. Kein großer Menschenauflauf also, alles unter freiem Himmel. Das kriege ich hin.

An der letzten Ecke, kurz bevor sie mich gesehen hätten, drehte ich wieder um. Ich konnte einfach nicht.

Da gab irgendetwas in mir auf. Ich hatte nichts mehr zu wollen. Ich hatte endlich meinem Körper zu gehorchen. Er hatte gewonnen. Niedergeschlagen, fast schon gebrochen, ging ich wieder nach Hause. Weinen konnte ich nicht mehr. Ich saß auf der Terrasse und starrte geradeaus hinaus in den Garten.

Morgen war wohl ein guter Tag, um in die Klinik zu gehen.

 

Panik!

Ich hatte beinahe die komplette erste Woche, mit Ausnahme des Wochenendes, alleine und in der Natur verbracht. Das tat mir sehr gut.

Aber schließlich, und das bleibt einfach nicht aus, wenn man alleine lebt, musste ich Lebensmittel kaufen gehen. Also schrieb ich mir – zum ersten Mal seit ich denken kann – einen Einkaufszettel, packte meinen Geldbeutel und eine große Stofftasche und fuhr mit dem Fahrrad gemütlich die zehn Minuten zu dem kleinen Tengelmann, der etwa zehn Minuten von meiner Wohnung entfernt liegt. Der Weg führt, mit Ausnahme einer Kreuzung, immer gerade an einer wenig befahrenen Straße entlang. Ich stellte mein Fahrrad ab, packte meine Tasche und ging in den Laden hinein. Er war nicht sehr voll. Ein paar ältere Paare, die sich wohl kannten, tratschten gerade neben dem Kühlregal. Ich ging direkt durch zur Frühstücksabteilung. Seit einiger Zeit schon stellte ich mir mein Müsli selbst zusammen. Hafer- oder Dinkelflocken, Haferfleks, gehackte Nüsse, Kokosraspeln und manchmal mischte ich noch ein fertiges Schokomüsli darunter. Das war günstiger, schmeckte in der Regel besser – und es waren definitiv keine Rosinen drin.

Ich stand seit geschlagenen zehn Minuten vor dem Müsliregal und konnte mich für nichts entscheiden. Immerhin die Kokosraspeln hatte ich schon im Korb, da gab es nur zwei Alternativen. Die älteren Herrschaften sprachen unnatürlich laut miteinander. Also nahm ich einfach von allem das erstbeste, das mir in die Hand fiel – ob Dinkel oder Haferflocken war schließlich auch egal – suchte noch ein bisschen Obst, Gemüse, Joghurt und Nudeln zusammen und ging zur Kasse. Draußen deponierte ich die volle Tasche vorsichtig in dem Eisenkorb auf meinem Gepäckträger und fuhr nach Hause. Ich freute mich schon darauf, gleich das Müsli zusammenzumischen.

Auf halber Strecke blieb mir plötzlich die Luft weg. Ich hatte einen unwahrscheinlichen Druck auf der Brust, der mir das Atmen kaum noch ermöglichte. Ich war überrascht. Ich fuhr doch nur geradeaus, sehr langsam und auf der Straße war kein Verkehr. Intuitiv besann ich mich der Atemübungen, die ich von der Logopädie her kannte und konzentrierte mich nur noch darauf, langsam und sehr tief in den Bauchraum ein- und auszuatmen. Die langsame, gleichmäßige Bewegung auf dem Fahrrad erschien mir als wohltuend, also behielt ich sie bei, statt abzusteigen. Nach einigen tiefen Atemzügen legte sich der Druck, und ich konnte wieder normal atmen. Komisch, dachte ich bei mir. So etwas war mir noch nie passiert. Und vergas das Ganze wieder.

Die Gedanken an diese Episode waren ein paar Tage später recht schnell wieder da. Ich war mit meiner Mutter einkaufen, weil ich ein Kleid für die Hochzeit meiner Cousine im Herbst suchte. Wir waren in einem kleinen Laden in Freising, der sich auf festliche Kleider spezialisiert hatte. Mir gefiel der Laden nicht, aber ich wusste von Freundinnen, dass sie hier schon das ein oder andere wunderschöne Kleid gefunden hatten. Die Verkäuferin machte ihre Arbeit gut und obwohl mir keines der Kleider wirklich gefiel, probierte ich ein paar. Es war mir schlichtweg zu anstrengend, ihr zu sagen, dass ich sie alle ziemlich hässlich fand. Also öffnete ich in der Umkleidekabine den Reißverschluss eines türkisen Corsagenkleids und zog es mir über den Kopf. Aber irgendetwas hatte sich verhakt. Ich hatte das Kleid genau über dem Kopf und schaffte es nicht, es mir selbst nach unten oder oben zu ziehen. Von einer Sekunde auf die andere bekam ich keine Luft mehr; meine Kehle schnürte sich komplett zu; mein Herz und die ganze Brust begannen stark zu stechen; ich schnappte nach Luft; ich hatte plötzlich wahnsinnige Angst, zu ersticken; ich bekämpfte den Impuls das teure Kleid zu zerreißen, und schrie stattdessen leise nach meiner Mutter; „Zieh’s hoch, zieh’s hoch, zieh’s hoch“; sie war direkt vor der Kabine gestanden und reagierte schnell, zog mir mit einem Ruck das Kleid über den Kopf. Ich brauch heulend zusammen. Ich hatte immer noch riesige Angst, zitterte am ganzen Körper, mir war eiskalt geworden. Ich wollte mich am liebsten in der hintersten Ecke verkriechen, verschwinden.

Meine Mutter war total erschrocken. „Was ist denn passiert?“, fragte sie mich. Ich konnte kaum noch sprechen, mehr als „Ich weiß nicht“ brachte ich nicht heraus. Ich kam recht schnell wieder zu mir, nahm den Raum um mich herum wieder wahr, zog mich an, drückte meiner Mutter die Kleider in die Hand und verließ, ohne ein Wort zu der verdatterten Verkäuferin zu sagen, schnellen Schrittes, beinahe laufend, den Laden. Draußen setzte ich mich auf den Boden und versuchte, wieder mit tiefer Bauchatmung, die Kontrolle über mich zurückzugewinnen. Meine Beine zitterten immer noch. Der Einkaufsbummel beziehungsweise der ganze Tag waren damit gelaufen. Was zum Teufel war passiert? Klar, ich hing in dem Kleid fest. Aber realistisch gesehen war es vermutlich unmöglich, in einem Kleid zu ersticken. Erst Stunden später realisierte ich, dass das eine ausgewachsene Panikattacke gewesen war.

In den nächsten Wochen versuchte ich noch ein paar Mal, nach einem Kleid zu schauen. Aber keine Chance. Egal wie groß und offen der Laden war – spätestens bei der Durchsicht der Kleider fing das starke Stechen in der Brust wieder an. Der Neandertaler in mir wollte fliehen. Und mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu gehorchen. Mein Nervensystem hatte die Gewalt über mich.

Der Fluchtinstinkt stellte sich in den nächsten Wochen auch in anderen Situationen ein: Große Menschenansammlungen. Enge Räume. Laute Geräuschquellen. In manchen Momenten schaffte ich es, den Instinkt zu besiegen. Das kostete mich jedoch unwahrscheinlich viel Kraft. In den meisten Fällen gelang es mir nicht. Ich konnte die Flucht lediglich durch normales Geh-Tempo oder Vorwände kaschieren. Das war alles, was ich meinem vegetativen Nervensystem noch als Gegenwehr aufbieten konnte.