MBSR-Kurs, Tag 1

Achtsam mit Rosinen und dem eigenen Körper umgehen – und ganz schön viele Hausaufgaben!

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Rosinen! Bäh!

Entweder man liebt Rosinen oder man hasst sie. Ich hasse sie. Aber gut, das hilft mir gerade auch nichts – erwartet doch die Kursleiterin, dass ich mich trotzdem, achtsam, diesen drei Rosinen da vor mir nähere. Einer nach der anderen.

Ich soll die erste ganz genau betrachten. Minutenlang. Wie ein kleines glänzendes Gehirn sieht sie aus. Eigentlich ganz hübsch. Dann daran riechen. Ich schnuppere, drehe und wende sie. Nach viel riecht sie nicht. Danach soll ich tatsächlich dran hören. Als ob eine Rosine sänge… sie singt nicht, nein. Aber sie verändert den Luftzug zu meinem Ohr und damit irgendwie auch ein bisschen meine Wahrnehmung. Rechts mehr wie links. Schließlich soll ich sie natürlich doch in den Mund nehmen. Also, ich darf – aber wenn ich mich meiner Selbstfürsorge entsprechend dafür entscheide, sie nicht zu essen, ist das auch okay. Aber wer immer tut was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist, also nehme ich die Rosine in den Mund. Besser: ich lege sie einfach auf meine Zunge. Ich schmecke gar nicht so viel. Vor allen Dingen ist sie nicht so süß wie erwartet. Dann ertaste ich sie mit der Zunge: die kleinen Rosinen-Hirnwindungen fühlen sich witzig an. Schließlich breitet sich langsam ein Geschmack in meinem Mund aus. Es schmeckt schon nach Rosine, aber nur ganz sanft – nicht so aufdringlich pappsüß, wie sonst alles. Eigentlich ganz gut denke ich, als ich sie schlucke.

Die zweite esse ich ein wenig schneller. Auch okay. Die dritte so wie immer. Bäh! Rosinen schmecken einfach nicht!

Das war, kurz gefasst, eine der zentralen Übungen der ersten Kursstunde. Nach einem Kennenlernen durfte wir uns eben mit „Anfängergeist“ an unseren drei Rosinen versuchen. Ich war überrascht, wie viel Neues ich an diesen Rosinen, an etwas, was ich schon hunderttausende Male in der Hand und im Mund gehabt hatte, entdeckte. Verrückt.

So, wie wir die Rosine neu entdeckt hatten, lud uns die Kursleiterin dann ein, unseren Körper neu zu entdecken. Auf dem Rücken liegend oder sitzend, in bequemer Kleidung, führte sie uns durch einen Body-Scan. Auf ihre Anleitung hin wanderten wir dann vierzig Minuten mit unserer Aufmerksamkeit durch den eigenen Körper: Wie liegt die Ferse auf? Was spüre ich in den Zehenspitzen? Kälte? Wärme? Feuchtigkeit? Einen Bewegungsimpuls? Schmerz? Nichts? Wie geht es meinem Knie gerade? Was spüre ich dort? Ziel dieser Übung ist es, den eigenen Körper, der uns Tag für Tag durch unser Leben trägt und meistens nur beachtet wird, wenn er nicht mehr richtig funktioniert, wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken – sich selbst wieder besser zu spüren. Und, Ziel zwei – es zu üben, auch unangenehme Situationen auszuhalten: Den verspannten Nacken zu spüren, ohne etwas dagegen zu tun. Oder den Bewegungsimpuls, und wenn er noch so groß ist, vorübergehen zu lassen.

Zugegeben, die Rosinen haben bei mir besser funktioniert. Ich bin beim Body-Scan immer wieder weggedöst und konnte mich kaum konzentrieren. Aber dafür habe ich eine Woche Zeit zum Üben. Da der MBSR-Kurs mir vor allem im Alltag helfen soll, muss ich die Achtsamkeit – logisch – auch in meinen Alltag integrieren. Diese Woche: täglich einen Body-Scan und achtsam essen.

MBSR – Was ist das eigentlich?

Mit Achtsamkeit und Meditation weniger Stress? Jon Kabat-Zinn behauptet, dass es funktioniert. Ich probiere das jetzt aus. Wir werden ja sehen, ob er tatsächlich Recht hat.

Zum ersten Mal hörte ich in der Psychosomatik davon: Fast alle Burn-out-Patienten (also eigentlich alle außer mir, aber ich war offiziell ja Angstpatientin) nahmen an diesem Kurs teil. Sie erzählten von ewigem Geh-meditieren und Schokolade im Mund schmelzen lassen. Komisch. Ich interessierte mich nicht weiter dafür, bis ich ein paar Wochen später zufällig wieder – zum zweiten Mal nach meiner Achtsamkeits- und Genusstherapie in der Psychiatrie – auf Jon Kabat-Zinn stieß. Kabat-Zinn ist nicht der Erfinder, aber doch der Begründer der Achtsamkeit (englisch: Mindfulness).

MBSR, oder ausgeschrieben Mindfulness Based Stress Reduction (deutsch: Stressbewältigung durch Achtsamkeit) ist ein von Jon Kabat-Zinn an der University of Massachusettes entwickeltes Programm. In acht Wochen lernen Teilnehmer verschiedene Techniken, die vor allem aus der buddhistischen Zen-Meditation und dem Yoga entliehen sind. Im Zentrum steht das bewusste Sein: Die Dinge, die man tut, aufmerksam tun. Die Situationen, die einem im Hier und Jetzt empfangen, annehmen, ohne sie zu bewerten oder ändern zu wollen. Den Autopiloten, der uns täglich durch unser Leben steuert, ohne, dass wir darüber nachdenken, was wir denn da eigentlich gerade tun, bewusst ausschalten. Am Ende des Kurses sollen die Teilnehmer in der Lage sein, durch die gezielte Lenkung der eigenen Aufmerksamkeit Stress zu reduzieren.

Im Verlauf meiner eigenen Therapie habe ich mehr und mehr festgestellt, dass mir Achtsamkeit, also das bewusst Tun und Spüren, gerade in Momenten, in denen mein Kopf tobte, immer wieder verlässlich geholfen hat, zur Ruhe zurückzufinden. Etwas mehr als zwei Jahre ist meine letzte Therapiesitzung nun her. Im nächsten Jahr steht das Staatsexamen an und ich merke im Moment, dass ich die viele Ruhe und die Gelassenheit, die mich größtenteils durch die beiden vergangenen Jahre getragen hat, wieder ein wenig verliere. Ich muss wieder etwas für mich tun, beschloss ich, bevor ich mitten im Stress stecke und es zu spät. Dieses „etwas“ ist ein MBSR-Kurs. Der läuft seit letzter Woche – und, um mir selbst auch ein wenig mehr bewusst werden zu lassen, wie es mir damit eigentlich geht, werde ich euch hier und auch auf Instagram (@soph.blau) ein wenig an meinen Erfahrungen teilhaben lassen.

Rollenspiel

Donnerstag. Ich hatte einen neuen Plan: Er fühlte sich richtig und gut an. Und ich fühlte mich tausendmal leichter. Pilates tat unglaublich gut (der störende ältere Herr vom letzten Mal war diesmal, nach intensiver Einweisung durch die Trainerin, ruhig). Und in meiner Einzeltherapie heute würde ich meiner Therapeutin meinen neuen Plan präsentieren. Sie war nicht sonderlich begeistert davon, dass ich mir bis Neujahr Zeit geben wollte – viel zu lange, wie sie meinte – aber sie akzeptierte, dass ich die Eingliederung mit meiner Ärztin zu Hause planen wollte. Einzige Bedingung: Ich legte ihr bis nächste Woche einen detaillierten Tages- und Wochenablaufplan für die Zeit bis zum Start der Eingliederung vor. Läuft.

Schließlich widmeten wir uns dem Gespräch mit meinem Chef. Was wollte ich sagen? Und vor allem: was erwartete ich mir davon? Lange, lange Zeit hatte ich gehofft, ein solches Gespräch würde irgendetwas ändern. Obwohl ich eigentlich insgeheim immer wusste, dass es das nicht tun würde. Genau deshalb hatte ich mir wohl auch die letzten Monate so schwer getan, ein direktes Gespräch unter vier Augen zu suchen. Mittlerweile war ich zu der Einsicht gekommen, dass das Gespräch wohl an seinem Verhalten vermutlich nichts ändern würde, ich es aber brauchte. Ich wollte einfach meine Sicht der Dinge darlegen – ob sie angenommen wurde oder nicht, ich brauchte klare Verhältnisse um mir damit innerlich die Basis für einen Neuanfang zu schaffen. Ich erwartete nichts mehr. Ich musste mit mir selbst klar kommen, und dazu brauchte ich das Gespräch. Das akzeptierte – zu meiner Überraschung – dann auch meine Therapeutin. Unter diesen Umständen sei es sinnvoll, ein Gespräch zu führen. Ich hatte bereits nach der Gruppentherapie versucht, einen Brief zu verfassen. Hatte aber schnell festgestellt, dass viele der Punkte, die ich anbringen wollte, sinnlos waren. Weil sie entweder zu persönlich oder zu kritisch waren, als dass man auf deren Basis ein halbwegs vernünftiges Gespräch hätte führen können. Ich wollte nicht mehr das kleine Mädchen, also vor allem: das verletzte Kind sein, sondern ein ebenbürtiger Gesprächspartner auf Augenhöhe. Also hatte ich mich neu sortiert. Und übte nun mit meiner Therapeutin im Rollenspiel.

Spaß war das keiner. Aber es war notwendig. Selbst wenn mir „nur“ die Therapeutin gegenüber saß, die weder optisch noch sonst irgendwie Ähnlichkeiten mit meinem Chef hatte, verwandelte ich mich anfangs – zack: in ein kleines Mäuschen! Bei meinen 1,77m. Es dauerte tatsächlich die komplette Therapiestunde, bis ich es hinbekam, während des Gesprächs auf Augenhöhe zu bleiben. Das mein „Chef“ nicht das „Verletzte Kind“ in mir Ansprach, sondern den „Gesunden Erwachsenen“. Da waren sie wieder, meine Freunde.

Zusammenbruch

Am Abend noch hatte ich Ihnen allen geschrieben. Meiner Mutter, meinem Vater, meiner Schwester, meiner besten Freundin, meinem aktuellen Ex-Freund und meinem ersten Freund, mit dem ich immer noch in Kontakt war. Ich hatte Angst. Noch nie in meinem Leben hatte ich so etwas gemacht. Was, wenn Ihnen nichts einfallen würde. Würden sie überhaupt antworten?

Nach und nach trudelten die Antworten ein. Ich sammelte sie auf einem Block, erstaunlicherweise überschnitt sich wenig. Meine Eltern hatten am meisten geschrieben. Belustigt hatte mich eine Antwort meiner Mutter: „Sehr liebevoll, besonders mit Schafen und Katzen.“ Auf meine etwas verwirrte Frage hin, was sie damit genau meinte, antwortete sie, naja, eben liebevoll. Und Katzen und Schafe magst du doch gern.“ Na gut 🙂

Mehrmals war „immer gut gelaunt“ und „für jeden Spaß zu haben“ zu lesen. Das bereitete mir Sorgen. Was war denn dann, wenn ich nicht lachte? So wie im Moment? Mochten sie mich dann gar nicht mehr? Insgesamt aber war ich erleichtert über die Antworten. Sie hatten sich alle gemeldet, jeder hatte sich Zeit für mich genommen. Und es waren Dinge dabei, die ich selbst nie aufgezählt hätte. Aber auch alle, die mir selbst wichtig waren. Ich war erleichtert. Meine Stimmung hellte sich aber nicht auf. Im Laufe des Mittwochs wurde sie eher noch schlechter. In der Angstgruppe hatte heute die mit einer sonst großen Klappe ausgestattete, coole Jenny ein Thema gehabt. Selbst sie, deren Auftreten sonst eher einschüchterte, hatte Taschentücher gebraucht. Die waren sowieso in jeder Stunde im Dauereinsatz.

Aus welchem Grund auch immer – es war für mich selbst absolut nicht ersichtlich, meine Schwester war ja nun schon ein paar Tage in Berlin und hatte bisher eher positiv geschrieben – ging es mir immer schlechter. Mittwochabend spazierten Johanna und ich eine große Runde. Die Stimmung war auf dem bisherigen absoluten Tiefpunkt. Sonst war es immer mindestens einer von uns beiden recht gut gegangen. Johanna schimpfte ein wenig auf ihre Therapiegruppen und die Therapeutin. Ich hatte nichts zu schimpfen. Ich war einfach depressiv, ohne jeden Antrieb, ohne jeden Funken Lebensenergie. Einschlafen ging irgendwann irgendwie.

Am nächsten Morgen wurde es nicht besser. Um zehn hatte ich Therapiestunde. Ich war ein Häufchen Elend. Die Therapeutin fragte mich gar nicht erst, wie es mir ging. Es war offensichtlich. Ich hielt ihr die Liste hin, die ich in den vergangenen zwei Tagen gesammelt hatte. Sie überflog sie. Wunderschön. Für jeden Spaß und jedes Abenteuer zu haben. Spontan. Fröhlich. Warmherzig. Es waren wirklich viele Dinge. Viele sehr positive Dinge. Die Ärztin betonte das auch noch mal. Dass sie solche Listen nicht allzu oft sähe. Ob mich das nicht aufheitern würde. Offensichtlich war ich nicht nur nicht allein, sondern wurde auch sehr geschätzt. „Ich weiß“, antwortete ich ihr. „Aber es kommt nicht mehr durch“, waren meine Worte. „Ich kann es nicht spüren.“

Und ich verstand einfach nicht, warum es mir ausgerechnet jetzt so schlecht ging. Es gab doch keinen Anlass. „Oh naja“, meinte da die Ärztin. „Das ist eigentlich kein Wunder. Schließlich nehmen Sie seit ein paar Tagen gar kein Mirtazapin mehr. Das wirkt ja auch anti-depressiv.“ Ich nahm das in dem Moment gar nicht so war. Erst später, als ich mich halbwegs wieder beruhigt hatte, fiel mir das wieder ein. Mir war nie bewusst gewesen, dass das nicht nur beruhigend und schlaffördernd, sondern auch anti-depressiv wirkte. Das erklärte natürlich einiges. Half mir aber dennoch nichts. Ich konnte die Tablette ja nicht einfach wieder nehmen.

Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, über was wir in dieser Stunde gesprochen hatten. Aber wirklich aufbauen konnte sie mich diesmal nicht. Ich hing zu tief drin. Nur, dass sie mich zuletzt fragte, ob es irgendetwas anderes, ein ganz anderes Thema gäbe, was mich zusätzlich beunruhigte? Ich schniefte immer noch. Ja. Ich hatte Angst, bald wieder in die Arbeit zu müssen. Wie all die anderen aus der Burnoutgruppe, die bereits zwei bis drei Wochen nach ihrer Entlassung mit der Eingliederung begonnen. „Solange es Ihnen nicht gut geht, werden sie nicht arbeiten müssen, da machen Sie sich mal keine Sorgen. Wenn Sie krank sind, werden sie von jedem Arzt auch krankgeschrieben werden.“ Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Eine Sorge weniger.

Als sie mich verabschiedete, tat sie etwas, was Therapeuten sonst nie tun. Sie stand auf, und nahm mich in den Arm. Drückte mich fest und fragte mich: „Gibt es denn hier in der Klinik niemanden, der sie in dem Arm nehmen kann?“ „Johanna“, schluchzte ich. „Sagen sie ihr, sie soll sie ganz fest drücken, ja?“

Ich ging hoch in mein Zimmer. Rief Johanna an. Ob sie kommen könnte. Sie war schon auf dem Weg zur Wassergymnastik. Da sollte ich eigentlich auch hin. Egal. Ich war sowieso nicht fähig. Sie kam zu mir und war ziemlich perplex, als sie mich völlig verheult vor ihr stehen sah. „Ge Franzi, was ist denn los? Komm her.“ Sie nahm mich in den Arm, wir setzten uns auf mein Bett. Und ich heulte. Und heulte. Sie redete mir gut zu. Schaukelte mich fast wie ein kleines Kind. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich will, dass das alles endlich aufhört. Sie setzte dagegen, „Franzi, es wird alles wieder gut.“ Wie ich es schon so oft bei ihr getan hatte. Irgendwann hatte sie es geschafft, mich zu beruhigen. Oder ich hatte einfach keine Tränen und keine Kraft mehr, zu weinen. Ich weiß es nicht. Sie blieb neben mir sitzen, fütterte mich mit Schokolade. Versuchte, mich zum Lachen zu bringen, bis es Zeit war für das Mittagessen. Ich stand immer noch ziemlich neben mir. Genauso in der Burnoutgruppe. Ich beteiligte mich kaum. Sah einfach nur zu. Am Abend ging ich eine große Runde spazieren. Ich musste mich dazu zwingen. Ich spürte, wie die Angst sich wieder fest in mir verbiss. Ich hatte Angst davor, allein draußen zu sein. Insgeheim Angst, ich würde mir vielleicht etwas antun, da draußen, allein auf dem Feld. Aber wenn ich die Angst gewinnen ließe, wäre ich hier eingesperrt. Das durfte nicht sein. Das erste Stück rannte ich beinahe. Wie damals im Wald begann ich absichtlich langsam zu gehen und baute kleine Achtsamkeitsübungen ein. Es half. Ich konnte langsamer gehen und die Angst verflog. Abends heulte ich mich in den Schlaf.

Pawlowsche Hunde

Heute in meiner Lieblings-Gruppe – der Angstgruppe – gab es ein bisschen Theorie: die Angstkurve, „psycho-edukativ“ nannte sich das Ganze. Ich stehe da drauf! Diese Theorien und Graphen kann man wenigstens verstehen.

Jedenfalls, der Gedanke hinter dem Konzept ist: Die Angst steigt nicht, wie von uns angenommen, ins Unermessliche, sondern es gibt einen Punkt, an dem sie nicht mehr steigt, sondern wieder sinkt. Die Angstreaktion ist genau wie die Stressreaktion des Körpers eine Reservefunktion: Sie wird aktiviert, um in bestimmten Situationen „überleben“ zu können. Das Noradrenalin und das Adrenalin, das dabei benötigt wird, ist aber irgendwann wieder aufgebraucht. Und dann hört die Angst auf, dann fallen wir – wie etwa nach einer schweren Prüfung oder einem harten Arbeitstag – in ein Erschöpfungstief.

Wir Angstpatienten sind alle Pawlosche Hunde:

Ich zum Beispiel bekam beim Kleiderkaufen eine Panikattacke. Daraufhin konditionierte sich mein Hirn unbewusst: Kleidergeschäfte sind gefährlich. Dann: Alle Räume, aus denen ich nicht unmittelbar an die frische Luft fliehen kann, sind gefährlich. Sprich: U-Bahn-Fahren ist gefährlich. Und irgendwann, weil auch die Angstreaktion einem Prozess der Generalisierung unterliegt, greift die Angst auf immer weitere Bereiche über. Letzte Woche hatte ich plötzlich Angst, alleine draußen spazieren zu gehen. Ich habe mich dagegen gewehrt und bin los gelaufen. Ich wollte nicht zulassen, dass diese dumme Angst nun wirklich beginnt, mein Leben einzuschränken. Und ich bin wirklich beinahe gelaufen. Erst nach etwa zwei Kilometern – auf der Hälfte der Runde – beruhigte ich mich und konnte mich entspannen. Das Gute ist: Man kann uns – genau wie einen Hund – auch wieder ent-konditionieren, und genau da setzt das Expositionstraining an.

Später im Zimmer kam mir plötzlich: Was für eine Ironie! Eigentlich hätte ich das alles bereits wissen müssen. Ich bin jahrelang Trainerin für Geräteturnen gewesen. Das erste, was du machst, wenn dir ein Kind vom Schwebebalken fällt, ist, es wieder draufzustellen (sofern es keine Verletzung davon getragen hat natürlich), selbst wenn es vor Schreck heult. Und wieder, und wieder. Bis es, allein oder mit Hilfe, klappt. Ich habe das einfach gemacht, weil es mit mir so gemacht wurde und mir später dann auch irgendwie sinnvoll erschien. Jetzt erst erschließt sich mir der Kreis: Wir lassen einer unbewussten Konditionierung (Schwebebalken = böse) gar nicht erst den Hauch einer Chance damit.

 

6. Oktober

Jetzt bin ich seit vier Wochen hier. Seit knapp zwei Monaten in Kliniken, seit mehr als drei Monaten krankgeschrieben und immer noch kann ich es mir nicht einmal vorstellen, wieder zu Arbeiten. Die meisten, die mit mir ankamen, wissen ihren Entlassungstermin bereits. Ich habe immer noch keinen blassen Schimmer. Gleichzeitig habe ich riesige Angst davor, vielleicht tatsächlich in vier Wochen schon wieder mit der Eingliederung beginnen zu müssen. Ich kann doch nicht einmal mit einer Freundin gemeinsam kochen, ohne dass mein Kopf hinterher wieder sehr deutlich „Überlastung“ meldet. Ich weiß nicht, wohin. Ich weiß nicht, wie.

Meine Schwester ist am Wochenende nach Berlin gezogen. Immerhin schon ein Stück näher als die letzte Station in London. Aber immer noch viel zu weit weg, um spontan in den Arm genommen werden zu können. Ich fühle mich einmal mehr einsam.

Einsam und ziellos. Dann wieder genervt. Ich will einfach nicht mehr heulen. Ich will endlich wieder ein normales Leben führen. Gleichzeitig habe ich Angst davor.

Die Therapiesitzungen sind auch nicht immer einfach. Die Gruppenstunden sind sehr von der Konstellation der Teilnehmer abhängig. Die Schematherapie Angst ist super, ich fühle mich wohl und finde auch den Rahmen, um zumindest hin und wieder offen sprechen zu können. Die Burn-Out-Gruppe, die eher psycho-edukativ angelegt ist, geht mir auf den Senkel. Viele Dinge, dich ich schon weiß, mit dem Beamer an die Wand geworfen. Es fehlt nur das Pult für die Dozentin / Therapeutin. Außerdem fühle ich mich in der Gruppe nicht wohl. Ich bin mit Abstand die Jüngste. Abgesehen von den Symptomen kann ich mich mit den wenigsten Problemen der anderen identifizieren. Ganz anders als in der Angstgruppe und auch anders als zu Beginn meiner Zeit in Windach sind mittlerweile vorrangig Menschen in dieser Therapie, mit denen ich lieber nichts zu tun haben will. Das sind keine angsteinflößenden Menschen, Nerds, Freaks oder sonst wie wirklich komische Leute. Aber einfach niemand, der mir sympathisch ist, keiner, der mir das Gefühl gibt, am richtigen Ort zu sein. Ich will in der Gruppe gar nicht über meine Antreiber, oder noch schlimmer, Gefühle, sprechen. Damit ist das Ziel ziemlich gut verfehlt.

Und auch in der Einzeltherapie geht es langsam ans Eingemachte. Die persönliche Biographie wird erarbeitet – und zwar nicht die berufliche Laufbahn, sondern vor allem die emotionale. Die eigene Persönlichkeitsstruktur. Auch hier habe ich meinen Wortschatz um ein neues erweitern dürfen. Es wird auch bewusst in die Tiefe gegraben. Wo liegt der Ursprung für die eigenen Handlungs- und Denkmuster. Früheste Erinnerungen. Da ist es doch manchmal erstaunlich, was sich bei einer, eigentlich glücklichen Kindheit, finden lässt. Dazu braucht es nicht einmal eine Scheidung oder gar schlimmere Dinge wie Missbrauch etc. Wie viele Spuren man bei Kindern hinterlässt – da stellt man sich schon mal die Frage, ob man es überhaupt verantworten kann, einmal selbst Mutter zu sein. Man kann es eigentlich nur falsch machen.

Die Therapien wühlen unglaublich auf. Erinnerungen, die man eigentlich, teils schon vor Jahrzehnten, begraben hatte, blubbern wieder auf. Die Emotionen, die damit verbunden sind. Gedanken kreisen stundenlang. Bis der Kopf wieder meldet – Pause! Das tut er meist mit einem leichten Druckgefühl dem raschen Absenken der Konzentrationsfähigkeit – was hast du gerade nochmal gesagt? – und vor allem auch einem sehr großen Verlangen nach Ruhe. Die bunten Ohropax sind momentan auf Dauereinsatz. Und zwar nicht, weil meine Zimmernachbarin schnarcht, sondern weil tagsüber die Geräusche, die von der Terrasse unter mir oder vom Gang in das Zimmer dringen, zu laut sind.

Klar, gibt es immer mal wieder gute Tage und Momente, und die Freude darüber, dass sie da sind, lassen mich manchmal auch beinahe so wie früher strahlen und lachen. Aber sind eben nach wie vor nur Momente. Wenn ich Glück habe, mal ein ganzer Tag.

Wir schreiben heute den 6. Oktober. Über Zeit darf ich gar nicht nachdenken.

 

Neue Woche

Am Samstagmorgen fuhr ich, wie jedes Wochenende, nach einem ausgiebigen Frühstück, nach Hause. Nach wie vor zu meinen Eltern. Meine Schwester, die offiziell ja bereits in der vergangenen Woche umgezogen war, war zum letzten Mal zu Hause. Am Sonntag würde sie endgültig nach Berlin ziehen, am Montag hatte sie dort ihren ersten Arbeitstag.

Das Wochenende war sehr unspektakulär. Ich war k.o., aber guter Laune, meine Eltern hatte ich nun seit vierzehn Tagen nicht gesehen, die Katze war da. Am Sonntag hatte ich ein mulmiges Gefühl. Meine Schwester war schließlich in den letzten Wochen immer da gewesen. Sie hatte immer Zeit gehabt, ich hatte sie jederzeit anrufen können. Nun würde sie nicht nur Vollzeit arbeiten, also telefonisch nicht erreichbar sein. Sondern auch noch in Berlin wohnen. Unendlich weit weg. Aber ich konnte sie verstehen. An ihrer Stelle wäre ich auch nach Berlin gegangen. Der Abschied war traurig. Wie so Abschiede eben sind.

Ich war dann auch nicht mehr lange da, ich packte hauptsächlich noch meine Sachen und machte mich dann auch auf den Weg zurück in die Klinik. Am Montagmorgen bekam ich keine Mirtazapin mehr. Die Ärztin führte meine schlechten Leberwerte darauf zurück, dass ich die Kombination meiner Medikamente eben nicht vertrug und hatte beschlossen, testweise die Mirtazapin abzusetzen. Über diese Entscheidung war ich einigermaßen erleichtert gewesen. Bei Johanna und diversen anderen Patienten hatte ich in den vergangenen Wochen miterleben dürfen, wie heftig die Nebenwirkungen und auch die späteren Entzugserscheinung der Psychopharmaka sein konnten, wenn man sie nicht vertrug. Ich hatte mich immer sehr glücklich geschätzt, dass ich bis dato keinerlei Probleme gehabt hatte. Nun wurden also bei mir die Mirtazapin abgesetzt. Das waren die Tabletten, die ich abends nahm, um einschlafen zu können. Am Tag bevor mir die Ärztin mitteilte, dass sie mir die Mirtazapin absetzen würden, war ich zum allerersten Mal seit Anfang Juli einfach so eingeschlafen. Ich hatte mich, wie so oft, am Nachmittag in mein Bett gekuschelt, weil ich erschöpft gewesen war, um so zu tun, als ob ich schliefe. Schlafen ging ja nie, aber das stille Ruhen tat auch gut. Und dabei war ich doch tatsächlich eingeschlafen. Von daher dachte ich, es wäre ein guter Zeitpunkt, das Mirtazapin abzusetzen – jetzt, wo ich schließlich auch von alleine wieder schlafen konnte. Jedenfalls, zurück zum Montagmorgen, war diesmal nicht einmal mehr eine halbe Tablette in meiner Tagesration Tabletten, die mir der Pfleger in der MZ in mein blaues Schächtelchen einsortierte. Damit war sie wohl endgültig ausgeschlichen. Ich nahm das zur Kenntnis, beunruhigte mich aber nicht weiter. Bislang hatte ich ja auch keinerlei Probleme mit der geringeren Ration gehabt.

Etwa um neun war das Morgenprogramm vorbei. Frühstück, Laufen, Tabletten holen, Duschen. Montagvormittag hatte ich immer frei, Johanna auch. Johanna war nicht besonders gut drauf. Das Wochenende war durchwachsen gewesen. Bei ihr hakte die Psychotherapie im Moment ziemlich und noch dazu passte bei ihr nach wie vor die Zusammenstellung der Tabletten nicht. Sie hatte zwar keine Nebenwirkungen mehr – das Zittern hatte aufgehört – aber dafür auch kaum Wirkung. Es war gerade noch okay. Aber in Kombination mit der schwierigen Therapiesituation nicht gut. Wir sind dann also nicht in die Stadt oder an den See gefahren, sondern hatten einen langen Spaziergang gemacht. Zu den Pferden, den Hasen, den Schafen und an dem malerischen Flüsschen entlang. Sonst verlief der Tag wie gewöhnlich. In der Kunsttherapie bastelte ich „meinen Rahmen“, den restlichen Nachmittag verbrachte ich relativ zurückgezogen. Ich schrieb mit meiner Schwester, wie es ihr denn so ginge. Und war früh im Bett. Meine Stimmung war nicht besonders gut. Aber ich schlief, auch ohne Tabletten, gut ein.