Wutminton

Und dann bin ich wieder zurück. Plötzlich war es ganz logisch, dass ich mich doch nicht vor den Zug werfe. Zack. Der Federball schoss zu mir zurück.

Dienstagabend, eigentlich hatte ich gehofft, dass heute wieder ein paar Leute Volleyball spielen würden. Aber es war niemand da, es war Champions League Abend. Auf dem Gang vor der Turnhalle traf ich eine Mitpatientin, ich wusste nicht einmal mehr ihren Namen, ich kannte sie nur von einem Volleyballspiel. Ich hatte keine Lust, mit ihr zu spielen. Dachte, ich würde lieber dann mit Tina und Johanna ratschen, immerhin war es Tinas letzter Abend. Aber ich wollte nicht unhöflich sein und schließlich war die Frau schneller als ich, holte ihre Federballschläger und ich spielte also plötzlich mit.

Warum bist du eigentlich da? Burnout. Depression. Panikattacken, meine alte Leier. Auch Burnout, kam mit dem nächsten Schlag zurück. Sie war sehr, sehr dünn. Hatte irgendwann aufgehört zu essen. Weil es einfach keinen Sinn mehr machte. Es schmeckte ja nicht mehr. Die haben gedacht, die könnten alles mit mir machen. Bam, knallte ich ihr den Federball mit aller Kraft quer durch die ganze Halle zurück. Krieg an allen Fronten. Bam, schleuderte ich ihr den Ball entgegen. Mein Hund ist gestorben, da ging‘s mit dem Frauli bergab. Bam, knallte sie den Ball zurück zu mir. Ich habe nicht mehr gewusst, wo anfangen, wo aufhören. Ich bin völlig durchgedreht, hatte Angst, ich werde verrückt. Bam. Alle Wut, alle Angst schoss durch die Turnhalle. Ich stand am Bahngleis. Dann bin ich wieder umgedreht. Weil es auf einmal wieder logisch war. Zasch, schoss der Ball durch die Halle.

Ich kannte die Frau nicht. Vorher einmal gesehen. Sie war am Bahngleis gestanden. Und hatte wieder umgedreht, weil es plötzlich logischer war. Logischer, als sich umzubringen. Im letzten Moment war es wieder logischer gewesen. Meine Angst vor mir selbst war mehr als begründet gewesen. Auch Johanna hatte mir von einer Bekannten mit Depression erzählt. Sie war spazieren gewesen. Und dann einfach in eine Schlucht gesprungen. Einfach so. Weil es sie plötzlich dorthin zog. Nicht, weil es von langer Hand geplant war. Weil es einfach plötzlich so viel Sinn machte.

Wutminton. Wir beide standen da, schlugen uns den Federball mit aller Kraft, mit aller Wut, Angst, Zorn, Verwirrtheit und Hoffnungslosigkeit um die Ohren. Mit jedem Schlag kotzten wir uns aus. Ohne Zusammenhang.

Wir waren beide nur noch ein Schatten unserer selbst. Und warum? Stress. Einfach nur Stress, Überforderung und niemand, der auf uns geschaut hätte. Nicht einmal wir selbst. Und dann stehst du plötzlich am Bahngleis.

Gottseidank gibt es bei mir zu Hause keines.

 

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Wunschzettel für Depressive?

Mit dem Wunschzettel bin ich etwas spät dran, ich weiß. Bin ich mal wieder schuld, wenn das Christkind einen Mords-Stress hat. Dass das bei den ganzen ausgefallenen und immer größer werdenden Wünschen noch keinen Burnout hat, ist eigentlich auch ein Wunder…  🙂

Mir geht es mittlerweile wieder so gut, dass ich mich wieder freuen kann. Was aber schenkt man jemanden, dem sowieso alles egal ist? Eine Freundin hatte mich bereits im August gefragt: „Was kann man dir und anderen Leuten, denen es so geht wie dir, eigentlich Gutes tun?“ Jetzt endlich, Iris, versuche ich mich mal an der Antwort deiner Frage:

Ich sage ganz bewusst „versuche“, weil das natürlich immer a) mit dem Mensch, dem man etwas gutes tun möchte zusammenhängt und b) auch eine Depression unterschiedliche Auslöser haben kann. Es soll schon Schäfer gegeben haben, die an Burnout erkrankt sind – die haben wohl wenig Freude an Schafen. Ich schon!

Das wichtigste: Habt keine Erwartungen. Erwartet nicht, dass jemand ans Telefon geht. Dass er sich an einen Geburtstag erinnert. Oder dass er sogar noch ein Geschenk hat. Dass er auf SMS antwortet. Dass er sich für etwas begeistern lässt. Oder dass er sich aufrichtig über ein Geschenk freut. Es ist – in der Regel – nicht böse gemeint. Es geht einfach gerade nicht.

Seid für denjenigen da. Bietet euch an; schaut vielleicht auch einfach mal spontan vorbei – wenn der Besuch gerade wirklich nicht ankommt, dann kann man ja auch wieder gehen. Nur beleidigt sollte man dann nicht sein! Depressive ziehen sich in der Regel sozial zurück. Dabei ist es viel besser, wenn soziale Kontakt gepflegt werden. Wenn also die Party Freitagabend vielleicht zuviel ist, dann schaut doch einfach einen Film zusammen. Geht zusammen spazieren. Kocht zusammen, geht zur Maniküre, geht zum Sport (vielleicht solltet ihr nicht gleich den Halbmarathon zusammen laufen, aber so ein bisschen geht immer!) … was auch immer euch einfällt. Und wenn ihr dann was gemeinsam macht: Stört euch nicht daran, wenn derjenige irgendwie anders ist als sonst. Ihr müsst ihn nicht aufmuntern oder trösten – das geht meistens gar nicht – seid einfach da und verbringt Zeit miteinander.

Was mir und den allermeisten anderen auch sehr gut getan hat: Tiere und kleine Kinder. Wenn ihr einen Hund habt, geht gemeinsam Gassi. Wenn ihr eine Katze habt, am besten eine schmusetaugliche und kein kratzborstiges Vieh, ladet euren Freund einfach zu euch ein. Geht zu einer Kuh- oder Pferdeweide, um die Tiere anzuschauen. Vielleicht, wenn das nicht zu anstrengend ist, in den Tierpark. Kinder sind zugegebenermaßen etwas schwieriger hervorzuzaubern, es sollte auch keine Horde sein. Aber habt keine Angst. Ihr werdet sehen, die Kinder schaffen es schneller und leichter jemanden aufzuheitern, als ihr selbst. Geht zusammen spazieren. Spielt. Lest vor. Bastelt. Backt Kuchen….

Wer eher an etwas Materielles gedacht hat: Blumen. Entspannte Hörspiele. Bücher. Musik. Malbücher für Erwachsene. Fotos von guten Zeiten und lieben Menschen. SCHOKOLADE!

 

 

 

 

 

Was wünscht du dir für diesen Sommer?

Heute begann neutral. Ich hatte für meine Verhältnisse gut geschlafen und saß morgens auch halbwegs wach beim Frühstück. Mein Magen hatte sich langsam daran gewöhnt, dass das Frühstück hier mangels gutem Mittagessen größer ausfällt als früher. Eine Vollkornsemmel mit Honig, die esse ich immer zuerst. Dann noch eine Scheibe Vollkornbrot, ebenfalls mit Honig. Dann, wenn ich noch Zeit habe, gibt es ein kleines Schälchen Müsli, das ich mit der Marmelade und dem Naturjoghurt mische. Das kleine Päckchen Milch bleibt täglich über, das kommt leider automatisch mit dem Müsli und kann nicht abbestellt werden. Das Obst, heute war es eine grüne Birne, hebe ich mir meistens auf. Als Notration für zwischendurch oder um das Mittagessen zu strecken. Ich saß an meinem gewohnten Platz, gemeinsam mit meiner Zimmernachbarin Johanna und Steffi, wir sprachen kurz, wer heute welche Therapien hatte.

Nach dem Frühstück ging ich zum Sport – Funktionsgymnastik war es heute. Die Trainerin, die bislang im Urlaub gewesen war, leitete die Stunde, die heute erstmals schön ausgewogen war. Kniebeuge, Liegestütze, Unterarmstütz, Bauchmuskeltraining wurden heute Stück für Stück abgearbeitet und dann wurde sogar noch etwas gedehnt. Die Sportgruppen am Morgen dauern jeweils eine halbe Stunde – und zum ersten Mal seit ich hier bin, war ich nach dieser kurzen halben Stunde nicht völlig nassgeschwitzt und verausgabt. Ich fühlte mich fit genug nach einer Woche Seniorensport demnächst in der anspruchsvolleren Gymnastikgruppe zu starten.

Nach einer kurzen Pause hatte ich um elf Uhr zum ersten Mal Kunsttherapie. In der „Kreativthemengruppe“ kam eine kleine, bunte Runde zusammen. Johanna war mit mir in der Gruppe, außerdem sechs weitere Patienten, beinahe alle aus unserer Station. Darunter Elvira. Elvira war mir bisher vor allem als laut und aufdringlich aufgefallen. Mittleres Alter, gute Figur und betont jugendliches, gepflegtes Aussehen und vor allen Dingen: laute Stimme und der Hang zu blöden Sprüchen. Na gut. Man konnte sich seine Gruppen eben nicht aussuchen.

Nach einer kurzen Eingangsrunde sollten wir uns aus einem Haufen Überschriften, die aus Zeitungen ausgeschnitten worden waren, eine aussuchen, die uns ansprach. Unsere Gedanken dazu sollten wir dann zu Papier bringen. „Wo ist der Ausgang“. „Stunde Null“. „Reise in die dunkle Seite der Seele“. So und ähnlich lauteten die verschiedenen Headlines. Ich entschied mich für „Was wünscht du dir für diesen Sommer?“. So, wie die Zeile aussah, stammte sie aus der Neon, die Ausgabe kannte ich aber nicht. Für diesen Sommer hatte ich mir alles Mögliche gewünscht, aber sicher nicht, in der Psychiatrie zu landen. Ein Urlaub war geplant, wir wollten ans Meer, nach Kroatien. Aus dem Urlaub wurde jedoch nichts mehr. Zeit am Meer hätte ich mir, obwohl ich sonst eher ein Bergfex bin und Aktivurlaube jeder Art einem reinen Badeurlaub vorziehen würde, bereits lange vor der Krankschreibung gewünscht. Ich hatte eine regelrechte Sehnsucht entwickelt. Die Sehnsucht nach dem Meer blieb, bis heute. Das Meer riecht nach Freiheit. Nach Faul-Sein-Dürfen. Danach, nur das zu tun, worauf man Lust hat. Sich ins Wasser stürzen, die Kühle am ganzen Körper zu genießen. Wie das Wasser durch die Haare strömt, sie mitnimmt. Die eigene Kraft und die Kraft des Meeres spüren, während man durch die Wellen krault. Selbst das Brennen des Salzwassers in den Augen würde ich gerne spüren. Sich treiben und tragen lassen, die Sonne auf dem Bauch spüren. Und am Strand schließlich den Sand genießen, der leicht unter den Füßen nachgibt, der die Beine und den Bauch kitzelt, wenn man ihn darauf rieseln lässt. Den Wind in den Haaren, die einem mitunter ins Gesicht fliegen, und, natürlich, die Sonne im Gesicht. Und vor allem: Während all dem keinen einzigen Gedanken verschwenden. Einfach frei sein. Im Hier und Jetzt sein. Genau das wünsche ich mir. Mein Meer.

Also, entschied ich, würde ich ein Meer malen. Ich griff mir das größte Blatt Papier. Mein Meer war groß. Die Wasserfarben mussten es sein und ein großer, weicher Pinsel. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben mit so einem großen, schönen Pinsel gemalt. Ich tunkte ihn in das Wasserglas, und drehte ihn dann in dem kleinen Töpfchen mit der dunkelblauen Farbe. Wie lange hatte ich schon keine Wasserfarben mehr benutzt! Ich setzte den Pinsel auf und malte eine lange Wellenlinie über das Blatt. Das Blau war schön wässrig und der Pinsel glitt leicht über das Papier. Ich wiederholte die Bewegung, wechselte zwischen Blau und Dunkelblau ab und ließ den Pinsel gleiten. Von links nach rechts. Von oben nach unten. Und dachte dabei an nichts anderes als an das Meer. Blau. So ruhig. So still. Ich wurde ruhiger, das Malen wirkte wie eine Meditation auf mich. Ein Pinselstrich nach dem anderen, die Wellen durchzogen das Blatt. Dann nahm ich etwas Wasser und etwas Farbe und malte die Zwischenräume, die zwischen den einzelnen Linien noch weiß geblieben waren, weiter aus. Stück um Stück. Schließlich war mein Blatt ein einziges großes Meer. Ich beschloss, dass ein Glitzern der Sonne drauf müsste. Ich bin keine begnadete Künstlerin und war nicht ganz schlüssig, wie ich das Glitzern am besten auf meine Wellen brachte. Ganz vertieft tauchte ich den Pinsel wieder in das Wasser, strich die letzten Reste Blau heraus, tauchte ihn wieder ein und rührte im gelben Farbtöpfchen. Dann zeichnete ich, immer noch mit dem dicken Pinseln, kleine, kurzen Linien im mittleren Drittel des oberen Bildrands jeweils auf die Wellenspitze und ließ die gelben Punkte etwa in der Mitte des Blattes in einer Spitze zusammenlaufen. Ich war nicht ganz zufrieden mit dem Aussehen. Also setzte ich den Pinsel, so wie er war, nochmal an, um die einzelnen Glitzer-Linien zu verbinden und die Farben etwas zu verwischen. „Mei, das ist so beruhigend, dir zuzuschauen!“ Elvira riss mich aus meinem Gedanken. Dahin war die Ruhe und das „Völlig-vertieft-in-etwas-Sein“, das ich so selten überhaupt noch schaffte. Verstimmt antwortete ich: „Es beruhigt mich irgendwie.“ Aber die Ruhe war erstmal dahin, ich war ziemlich sauer. Außer Elvira war jeder still und konzentrierte sich auf sein Blatt. Elvira malte nichts, sie konnte heute nicht. Es ging ihr auch wirklich sichtlich schlecht. Aber dann sollte sie doch bitte schön schwarze Kreise oder sonst was auf ihr Blatt malen, aber nicht mich nerven, dachte ich bei mir. Ich unternahm einen neuen Anlauf. Schließlich entstanden ein halbwegs ansehnlicher Sonnenglitzer und  vier kleine Delfine aus Wachsmalkreiden in meinem Meer. Außerdem ein paar Palmenblätter am Rand, weil ich gerade Lust auf Grün hatte. Das schöne meditative Malen war zwar dahin, aber immerhin blieb ich weiterhin ruhig und konnte mich an meinem Meer erfreuen.

Mein Mittagessen heute war ein Germknödel. Dachte ich zumindest. Auf meinem Teller waren unter der Haube schließlich drei kleine Hefeknödel versteckt, die Vanillesoße war von einer schönen dicken Haut belegt. Kein Mohn, kein Zucker. Von der Größe her erinnerten sie mich kurz an die eher mäßig gelungen Rohrnudeln, an denen ich mich im Auslandssemester einmal versucht hatte. Ich teilte eine der drei kleinen Nudeln. Kein Zwetschgenmus zu finden. Ich probierte den ersten Bissen. Schmeckte nicht nach Germknödeln. Auch eher wenig nach Dampfnudeln. Aber wenn man sich dran gewöhnt hatte, dass es eben nicht nach dem schmeckt, was man erwartet hatte, war es erstaunlich gut. Ich hatte die „Germknödel“ gegessen, dann noch die Birne vom Frühstück und schließlich den Rest meines „Proviants“ vom Wochenende, sechs kleine Cocktailtomaten. Johanna, Steffi und ich ratschten, erzählten uns von den verschiedenen Therapien vom Vormittag. Die Ruhe vom Malen war weg. Und mein Kopf fühlte sich voll an. Wie immer, wenn ich in einer guten Phase zu viel gemacht hatte. Ich hatte mittlerweile gelernt, die „neuen“ Signale, die mir mein Kopf sendete, zu deuten. Also verabschiedete ich mich, ich wollte mich vor der nächsten neuen Gruppe um halb zwei noch ein Weilchen dem Nichtstun widmen und so meinen Kopf wieder beruhigen. Nun ist das mit dem Nichtstun so eine Sache: Ich konnte es noch nie und auf Befehl nichts zu tun ist in etwa so schwer wie nicht an den grünen Elefanten zu denken, wenn einem jemand sagt, dass man nicht an den grünen Elefanten denken soll. Also hörte ich Musik, was meiner Meinung nach dem Nichtstun in diesem Moment am nächsten kam. Bei „Bussi Baby“ musste ich spontan an einen guten Kollegen denken. Ich hatte lang nichts mehr von ihm gehört. Spontan schrieb ich ihm eine Whatsapp-Nachricht. Dann hatte ich das Handy ja schon in der Hand. Eine Freundin hatte mir ein Foto von einem Dirndl geschickt, dass sie möglicherweise kaufen wollte. Das Dirndl war viel zu groß und passte überhaupt nicht zu ihr. Ich fragte mich, welche wahnsinnige Verkäuferin ihr das wohl eingeredet hatte. Ich bin keine große Einkäuferin – aber ich liebe Dirndl. Und so konnte ich meine Freundin ja auf keinen Fall auf die Hochzeit gehen lassen. Also begann ich, im Internet Dirndl zu googeln, von denen ich dachte, dass sie zu ihr passen würden. So lange, dass ich beinahe zu spät zur nächsten Therapie gekommen wäre.

Die Depressionsgruppe war eine psychoedukative Veranstaltung. In drei Stunden lernte man in einer Gruppe die Theorie zur Krankheit. Die Auslöser, die Symptome, die Behandlungsmöglichkeiten. Ich bin ein großer Fan von Ärzten, die mir nicht nur sagen, was ich habe, sondern auch warum und mir  das ganze Krankheitsbild umfassend erklären. Also war ich hier genau richtig.

Eine Depression, das war mir neu, geht immer einher mit einer Veränderung des Hormonstoffwechsels im Gehirn. Bisher sind sich die Wissenschaftler noch nicht einig, was davon die Henne ist und was das Ei, dass dabei aber ein direkter Zusammenhang besteht, erklären sie jedoch alle einstimmig*.

Einige von den Auslösern, die wir in der Gruppe zusammentrugen, waren mir bekannt. Einige überraschten mich. Ich hinterfragte mich, was waren meine Tröpfchen, die das Fass bis zum Überfließen getrieben hatten? Warum zum Teufel hatte meine Psyche derartige psychosomatische Hüftschmerzen ausgelöst, die mich a) vom Sporttreiben abhielten und mir damit meinen Ausgleich nahmen und b) mir nur zusätzliche unnötige Arztbesuche und Kopfzerbrechen und damit noch mehr Stress bereiteten. Das ist doch völlig unsinnig! Aber ja, die liebe Depression, unser Freund, ist hinterhältig. Und eine Spirale. Und zwar keine lustige, bunte, wie wir sie früher die Treppenstufen hinunterhüpfen ließen, sondern eine fiese, dunkle, steile Abwärtsspirale, der man kaum Einhalt gebieten kann.

Im Anschluss an die Stunde – Steffi war auch dabei gewesen – gingen wir hinaus, um gemeinsam, aber ohne zu reden, in der Sonne zu liegen. Wir schnappten uns jeder einen der metallenen Liegestühle und legten uns nebeneinander hin. Mein Kopf war voll. Bereits während des Mittagessens hatte ich das schon gemerkt. Als würde mein Hirn von innen Druck auf die Schädeldecke ausüben. Pochend, immer stärker. Als würden all die Gedanken, die ich in den letzten Tagen angesammelt hatten und die mein Gehirn noch nicht verarbeitet hatten, sich wie in einer Zentrifuge im Kreis drehen. Ich war in einer Zwickmühle: Tat ich nichts und versuchte, jeden neuen Reiz zu vermeiden, tobte der Tornado in meinem Kopf. Beschäftigte ich mich jedoch mit etwas anderem – so wie in der Burnout-Gruppe geschehen – bekam mein Kopf noch mehr Futter, das auch noch irgendwo in meinem zu vollen Schädel Platz finden musste. Nichtstun ging nicht, etwas tun auch nicht. Ich lag auf meinem Stuhl und versuchte, meinen Kopf in Zaum zu bekommen. Ruhig zu werden. Aber je mehr ich es versuchte, umso schlimmer wurde es. Ich wurde nervös und unruhig. Steffi neben mir schien zu schlafen. Ich hatte, wie so oft abends nach der Arbeit in den letzten zwei Juni-Wochen und in den schlimmsten Momenten im Juli das Gefühl, durchzudrehen. Das nicht zu bändigende Treiben in meinem Kopf machte mich wahnsinnig. Den Kopf gegen die Wand schlagen, alles herausschreien – de facto: durchdrehen -, danach war mir. Ich konnte nicht mehr still sitzen. Ich stand auf, brachte mein Buch nach oben, und beschloss, eine Runde im Wald zu drehen. Allein, um Ruhe zu haben. Ich ging los, rannte beinahe. Schnellen Schrittes, in der Hoffnung, die körperliche Bewegung würde auch meinem Kopf Ruhe verschaffen. Bereits nach etwa 500m befand ich mich in dem kleinen Pfad im Unterholz, mein Kopf tobte weiter. Als würde er explodieren wollen. Ich suchte nach einem Ausweg, ging schneller, mittlerweile war ich auf dem breiten Waldweg unterwegs, aber mein Kopf tobte weiter. Ich bekam Angst. Ich war allein im Wald und mein Kopf tobte. Noch hatte ich mich unter Kontrolle, der Verstand die Oberhand. Aber was, wenn der Kopf gewann?!

Das Panik-Notfall-Programm meiner Therapeutin!, fiel mir siedend heiß ein, das funktionierte bestimmt auch hier. Ich zwang mich, langsam zu gehen. Drosselte das Tempo wie für einen gemächlichen Spaziergang. Ich zwang mich, in meine Fußsohlen zu spüren, wie ich sie abrollte, zwang mich, auf das Knirschen meiner Schritte auf dem Kieselweg zu achten. Ich zwang mich auch, tief in den Bauch einzuatmen, und langsam, ganz langsam, auszuatmen. Immer wieder. Ich zählte dabei, wie bei der Atemmeditation aus der Yogastunde letzte Woche, beim Einatmen langsam bis vier und beim Ausatmen bis acht. Immer wieder entwischte mir mein Kopf, der Tornado brach wieder aus. Immer wieder kämpfte ich mit ihm. Achte auf die Schritte. Atme tief und langsam aus. Ich versuchte es auch mit der Achtsamkeit: Spüre die Sonne auf der Haut. Wie sie deine Haut wärmt. Spüre den Wind in deinen Haaren. Zack, war mein Kopf wieder weg. Geh langsam! Spür hin! Mein Kopf riss wieder aus. Schließlich ging ich dazu über, Dinge anzufassen – sie bewusst zu spüren. Ich hob einen Tannenzapfen auf und achte darauf, wie er sich in meiner Hand anfühlte. Tastete einen Baum ab. So im Kampf mit mir selbst marschierte ich etwa eine halbe Stunde durch den Wald, auf meine Atmung achtend, betont langsam, immer wieder einen Baum oder eine andere Pflanze am Wegrand berührend. Immer wieder riss mein Kopf aus, aber es wurde seltener. Schließlich, als ich beinahe schon zurück an der Klinik war, gelang es mir endlich, aus den vielen Gedanken eine Art Gedicht zu konstruieren. Ich hielt mich daran fest. Ich ging schneller. So schnell es ging wollte ich an meinen Laptop, um zu schreiben. In der Klinik angekommen, entschied ich mich um. Ich musste mich mit dem Schreiben beruhigen, dazu würde das Gedicht nicht taugen, das wäre viel zu kurz. Ich sperrte meinen schmalen Schrank auf, nahm den Laptop, immer noch komplett in einer anderen Welt, zu hundert Prozent damit beschäftigt, den Tornado im Zaum zu halten, setzte mich an das kleine Tischchen, und begann zu schreiben. Ich fing beim Aufstehen an, und schrieb den Tag im Detail herunter – genau den Text, denn ihr anfangs gelesen habt. Ich schrieb und schrieb und schrieb und schrieb. Ich schrieb mir den Tag von der Seele, ordnete meine Gedanken, holte mir mein Meer ein zweites Mal heran, und wurde nach und nach ruhiger. Bis schließlich plötzlich Johanna ins Zimmer kam. Es gab Abendessen, ob ich mitkäme? Es war bereits kurz nach fünf. Ich hatte beinahe zwei Stunden geschrieben, ohne dass mir aufgefallen war, wie die Zeit verrann. Etwas unwillig ging ich mit essen. Lieber hätte ich den Tag noch zu Ende geschrieben, ich hatte das Gefühl, dass ich das gerade brauchte. Aber ich brauchte auch ein Abendessen, das Mittagessen war mal wieder nicht besonders reichlich gewesen. Zu Tisch war ich immer noch sehr ruhig. Sprach kaum, folgte auch kaum den Gesprächen, die am Tisch hin und her flogen, immer auf der Hut, meinen Kopf sofort wieder einzufangen, wenn er sich selbstständig machen wollte. Aber er wollte gar nicht mehr, stellte ich fest. Ich entspannte mich langsam. Eigentlich hatte ich fest vorgehabt, nach dem Abendessen direkt weiterzuschreiben, um auch die Szenen im Wald zu sortieren. Aber gerade ging es mir wieder gut. Es wäre wohl vermutlich besser, den schlimmen Teil des Nachmittags erst einmal ruhen zu lassen. Mir ging es wieder gut, daran sollte ich festhalten. Ich ging also kurzentschlossen mit Johanna und Steffi spazieren, wieder durch den Wald, aber diesmal eine andere Runde. Im Gespräch mit den anderen beiden wurde ich zusehends entspannter, auch Steffi hatte keinen besonders guten Nachmittag gehabt. Ich hatte ja gedacht, sie würde schlafen, aber auch sie hatte wohl, anders als ich zwar, mit ihrem Kopf ein größeres Gefecht ausgefochten. Und Johanna machte sich Sorgen. Ihre neuen Tabletten begannen wohl zu wirken – aber leider erstmal nur deren Nebenwirkungen. Ihre Hände zitterten permanent. So spazierten wir durch den Wald. Drei völlig normale junge Erwachsene, die das Leben kurzerhand mal eben in die Psychiatrie verfrachtet hat. Und wir kämpften damit. Aber nicht mehr heute Abend. Wir sprachen, nach einer Weile des gegenseitigen Tröstens, lieber über schönere Dinge. Erzählten uns gegenseitig von unserem „alten“ Leben. Als es noch gut gewesen war.

* Womit auch geklärt wäre, warum Frauen öfter an einer Depression leiden. Unser Hormonstoffwechsel verändert sich ständig.

 

Ein bisschen Ferienlager

Nach dem Seniorensport war ich dann jedenfalls wieder wach, holte mir brav meine Zehn-Uhr-Medikamente ab (Eisentabletten und Vitamin-C-Pulver), und wartete auf die Visite. Die Ärztin war erfreut, genauso wie ich, dass es mir so gut ging. Außerdem drückte sie mir einen Zettel in die Hand: Am Nachmittag würde meine erste „richtige“ Therapie beginnen: Achtsamkeits- und Genusstherapie. Vor allen Dingen Burnout-Patienten würden davon profitieren, meinte sie. Ich konnte mir nicht viel darunter vorstellen, aber ich war froh, dass ich endlich, abgesehen von dem wöchentlichen Gespräch mit einer Psychologin à 50 Minuten, feste Therapietermine hatte. Im Laufe des Tages sollte ich dann außerdem noch eine Einladung zur Kunstthemengruppe und zur Depressionsgruppe (beides am Dienstag) erhalten.

Anschließend ging ich mit der Gruppe walken, danach gab es Mittagessen. Ich hatte schnell gelernt, ausschließlich nach den Beilagen zu bestellen. Kartoffeln, Gemüse oder Reis schmeckten zwar auch nicht, aber sie waren im Gegensatz zu Fleisch, Fisch oder Tortellini immerhin genießbar.

Am Wochenende war mir in meiner Wohnung meine Slackline in die Hände gefallen und ich hatte sie mit in die Psychiatrie gebracht. Seit zwei Jahren lag sie in einer Ecke herum, ohne dass ich sie auch nur einmal aufgebaut hatte, wie immer: keine Zeit dafür. Aber Slacklinen war eigentlich gerade genau das Richtige, dachte ich mir. Zwar nicht zu anstrengend, aber doch Sport – und vor allem zwingt die Line einen, sich ausschließlich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren – und verdrängt damit jeden anderen (depressiven) Gedanken.

Johanna war von der Idee begeistert, Steffi noch etwas skeptisch. Nach einem langen Spaziergang durch Wald und Felder – das war der Kompromiss gewesen – schnappten wir uns also unsere Handtücher oder Decken, was wir eben hatten, ein paar Zeitschriften, Wasserflaschen, Sonnenbrillen und die Slackline und richteten uns in dem kleinen Park vor dem Klinikeingang gemütlich ein. Die Bäume standen dort in idealem Abstand und durch das bereits lichte Blätterdach drang genau so viel Sonne, dass es nicht zu heiß, aber auch nicht zu kühl war.

Wie fühlte es sich gut an, mal wieder auf der Line zu stehen! Besonders gut ging es nach zwei Jahren ohne Übung nicht mehr, aber egal. Ich machte etwas, das mir Spaß machte, das mir lag, etwas, bei dem ich mich nur auf mich konzentrieren konnte. Außerdem war ich nicht umsonst mehr als zehn Jahre lang Übungsleiterin gewesen: Ich konnte Johanna und auch die anfangs skeptische Steffi für das Slacklinen begeistern und schon bald schafften sie es, ohne meine Hilfe einige Schritte alleine auf der Line zu balancieren. Und wie sie sich freuten! Besonders über Johannas strahlendes Gesicht, als sie es das erste Mal schaffte, ganz allein von einem Baum zum anderen zu queren, freute ich mich mehr als über meine eigenen Erfolge. Ich war endlich wieder in meinem Element.

Zwischendrin machten wir es uns auf unseren Decken in der Sonne gemütlich, lasen, dösten, und ich beobachtete auch einfach gerne, wie der Wind das grüne Blätterdach über uns hin und her bewegte. Wir hätten genauso gut im Englischen Garten liegen können. Es war, wenn man den Kopf nicht nach rechts zum Klinikeingang drehte, fast ein bisschen wie Ferienlager.

Wie immer eben

Als ich am Freitag aufwachte, war der Tag schlecht. Ich war depressiv, hatte überhaupt keinen Antrieb. Am liebsten wäre ich im Bett liegengeblieben. Ich musste allerdings frühstücken, sonst würde ich bis zum Mittagessen verhungern, soviel Obst hatte ich dann doch noch nicht gebunkert. Also quälte ich mich aus dem Bett. Ich bin auch ohne Depression ein kleiner Morgenmuffel, aber an diesem Morgen sprach man mich besser gar nicht erst an. Und machte schon gar keine Witze. Alles ödete mich an und ich war genervt von diesem Rückfall. Trotzdem – ich musste ja mindestens zwei Therapien am Tag belegen – ging ich, wie geplant, zum autogenen Training. Anfangs nervte mich auch das. Aber die vollkommene Konzentration auf meinen Körper entspannte mich. Während der halben Stunde, in der ich abwechselnd in meinen rechten Arm und mein linkes Bein hineinspürte, oder die Lehne des Stuhls an meinem Rücken bewusst annahm, wurde mein Kopf ruhig und die depressiven Gedanken verschwanden. Im Anschluss mischte ich noch die Damen und Herren der allgemeinen Gymnastik auf. Auf einen neuen Muskelkater!, dachte ich mir, aber der blieb glücklicherweise aus. Hinterher ging es mir wieder richtig gut – keine Spur mehr von Depression oder Antriebslosigkeit.

Am Wochenende würde ich außerdem heimfahren und endlich meine beste Freundin wiedersehen, die aus Kalifornien zurück war. Sie und ihr Mann hatten zu einer Wiedersehensparty eingeladen. Im Juli hatte ich noch sofort zugesagt – in einem Monat würde ich ja wohl wieder fit sein; zwei Wochen vor der Party hatte ich komplett abgesagt; jetzt war ich voller Elan, und beschloss auf jeden Fall hinzugehen, auch wenn ich vielleicht nur zwei Stunden dort sein könnte. Ich telefonierte mit einem Kumpel, der auch eingeladen war, um herauszufinden, ob es vielleicht ein Geschenk gäbe. Er klopfte dumme Sprüche, witzelte über die Tatsache, dass ich in einer Psychiatrie war, erzählte von seiner kleinen Tochter – und alles war wie immer. Es fühlte sich in mir drin auch an wie immer. Ich war da. Und ich begann, mich aus ganzem Herzen auf die Party zu freuen. Mich erfasste eine solche Freude, wie ich sie seit Monaten nicht mehr verspürt hatte. Ein Lächeln schlich sich in mein Gesicht, das für den restlichen Tag nicht mehr zu verjagen war. Mir ging es so unglaublich gut. Wie immer eben!

Sport ist Mord

Am nächsten Tag, wir schreiben den Mittwoch, stand erstmals Bewegung auf dem Programm, „Allgemeine Gymnastik“. Ich hätte auch noch die anstrengendere Funktionsgymnastik zur Auswahl gehabt, aber da ich seit Monaten keinen Sport mehr gemacht hatte, entschied ich mich für die leichtere Variante.

Außer mir sammelten sich in dem kleinen Gymnastikraum nach und nach knapp zwanzig Personen. Ich war die jüngste, der Großteil der Teilnehmer war wohl zwischen vierzig und siebzig, in etwa gleich viele Männer wie Frauen. Ich war auch die Einzige, die das trug, was man landläufig als Sportkleidung bezeichnen würde. Teilweise kamen die Patienten sogar im Kleid, in Jeans und offenen Hausschuhe – und konnten oder wollten einfach nicht kapieren, warum die Trainerin daran Anstoß nahm.

Was dann folgte, war eine halbe Stunde bessere Seniorengymnastik. Alles im Stehen, vor allem wurden die Beinmuskulatur und die Rumpfstabilisatoren trainiert. Das war alles anstrengender als es aussah, und ich kam ins Schwitzen.

Die nächsten zwei Tage kam ich die Treppe zwischen Erdgeschoss und erstem Stock kaum mehr hoch und runter. Ich hatte einen ordentlichen Muskelkater. Von der Seniorengymnastik. Die Ex-Leistungsturnerin hat Muskelkater von der Seniorengymnastik. Besser nicht weiter darüber nachdenken…