Hilfe, ich bin in der U-Bahn!

Die nächsten beiden Tage waren nicht mehr ganz so anstrengend. Zwischen meinen Therapien las und schrieb ich viel, saß viel Zeit im Atrium (der Raum mit den Puzzles) und machte lange Spaziergänge mit Johanna. Abends um neun war ich in der Regel bereits eingeschlafen. An diesem Wochenende würde ich nicht nach Hause fahren. Die Ruhe hier tat mir gut und am Samstag wollte ich außerdem in die Berge. Hanni, eine gute Freundin, feierte Geburtstag – auf der Kampenwand. Nach langem Hin und Her hatte ich mich entschieden, mitzukommen. Ich würde selbst nach München fahren, ab dort würde ich dann bei Hanni mitfahren. Die Wanderung nach oben würde ich mitnehmen, das wären ca. 600 Höhenmeter, mit etwas Kraxelei zum Schluss. Abfahren würde ich jedoch mit der Gondel. Notfalls könnte ich bereits vor dem Gipfel aussetzen, da sich auf Höhe der Gondelbahn die Hütte befand, zu der die Gruppe dann später auch wieder absteigen würde. Plan A, B und C standen also, ich war flexibel.

Das hieß allerdings auch, dass ich meine Bergschuhe vorher aus meiner Wohnung holen müsste. Aus München. Also schloss ich mich Johanna und ihren beiden Zimmergenossinnen an, die am Freitagnachmittag mit dem Zug nach München zum Einkaufen fahren wollten. Ich würde dann eben mit der U-Bahn weiter in meine Wohnung fahren, die Schuhe holen, um dann die anderen wieder am Bahnhof zu treffen. Erst im Zug fiel mir auf, was ich da tat. Ich fuhr Zug. Und ich war seit Monaten nicht mehr U-Bahn gefahren. Das mochte ich noch nie besonders gern, ich fuhr lieber oberirdisch, da sah man wenigstens etwas von der Stadt. Aber ich hatte es ja zuletzt noch nicht einmal mehr mit dem Radl in der Stadt ausgehalten. Geschweige denn in der S-Bahn. Und jetzt musste ich U-Bahn fahren…

Die Zugfahrt ging erstaunlich gut, ich war von den anderen Mädels abgelenkt. Aber die stiegen in Pasing aus. Und von dort aus musste ich allein und dann noch dazu mit der U-Bahn bis zu meiner Wohnung gelangen. Meine neuen Angststörungen waren mir noch nicht so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich sie von vornherein vermied; sie überraschten mich immer wieder. Ich überlegte kurz, ob ich irgendwie anders, mit dem Taxi oder mit dem Bus fahren könnte. Aber nein. Ich sollte nicht vermeiden und außerdem, schalt ich mich selbst, mich nicht so anstellen. Was sollte denn schon passieren? Die paar Stationen würde ich wohl aushalten. Und dann hatte ich sowieso einen schönen, beinahe einstündigen Spaziergang durch den Englischen Garten vor mir. Bis zum Hauptbahnhof war dann auch alles in Ordnung. Die Fahrt mit der U-Bahn zum Sendlinger Tor und das Umsteigen waren auch noch okay. Aber ich spürte schon, wie ich zusehends angespannter wurde. Als sich am Marienplatz meine U-Bahn dann füllte, war die Panik da. Mein Magen und mein Kreislauf spielten verrückt, ich zitterte innerlich, als ob ich starken Schüttelfrost hätte, mir wurde kalt und heiß gleichzeitig. Aber ich ließ die Stange nicht los. Ich starrte auf den Boden der U-Bahn, versuchte zu ignorieren, dass die U-Bahn immer noch voller wurde und bemühte mich, mich auf meinen Atem zu konzentrieren und den Boden aufmerksam, oder besser achtsam, zu betrachten. Dieser grau-schwarze Boden in den U-Bahnen ist allerdings wirklich keine Schönheit. Es klappte so halbwegs. Ich riss mich zusammen und widerstand dem Fluchtimpuls, stieg nicht vorher aus, sondern hielt bis zu meiner geplanten Endstation durch. Aber dann rannte ich beinahe aus dem U-Bahnhof. Suchte die nächste Toilette, trank meine halbe Flasche leer, aß beinahe meine komplette „Notfallschokolade“ und versuchte, mich wieder zu sammeln und verließ den U-Bahnhof. Oben, mitten an der Münchner Freiheit, einem Verkehrsknotenpunkt der Münchener Innenstadt, war es nie leise. Aber jetzt war der Lärm geradezu ohrenbetäubend für mich. Ich stopfte mir meine Ohropax in die Ohren. Das war etwas besser, aber noch lange nicht gut. Ich musste hier weg. Das war alles zu viel, zu laut. So schnell ich konnte bewegte ich mich in Richtung Englischer Garten. Doch selbst hier, am Kleinhesseloher See, war es noch so laut, dass ich es kaum aushielt. Ich wäre meinem dröhnenden Kopf am liebsten davon gelaufen. Dass das nicht funktionierte, wusste ich aber mittlerweile. Daher bemühte ich mich, den Lärm zu ignorieren und ging, beinahe laufend, weiter. Erst als ich im grundsätzlich deutlich ruhigeren Nordteil des Gartens angekommen war, wurde es langsam besser. Ich ging bewusst langsamer, die Ohropax blieben drin. Schließlich wurde es esser, die Bewegung tat gut (irgendwie musste ich diesen Fluchtinstinkt ja beruhigen) und ich fand einen schönen, ruhigen Platz an der Isar in der Sonne und blieb dort eine halbe Stunde sitzen. Ich beobachtete – mal wieder – die Enten. Wie die Sonne im Fluss glitzerte. Die Möwen umherflogen und die Bäume sich leicht im Wind bewegten. Schließlich nahm ich auch die Ohropax raus. Es passte wieder alles, ich hatte mich beruhigt. In meiner Wohnung packte ich meine Bergschuhe ein, goss meine Orchidee, die meine Abwesenheit bislang ganz gut überlebt hatte, hörte Musik (nirgends in der Klinik gab es Musik und auch kein W-Lan auf dem Zimmer, das fehlte mir sehr) und genoss es ganz einfach, in meiner Wohnung zu sein. Schließlich musste ich wieder los. Erst mit dem Bus, dann mit der U-Bahn, dann am Hauptbahnhof in den Zug steigen, in den die anderen dann in Pasing zusteigen würden. Ich ging also zum Bus, stieg in die U-Bahn um. Nach mehreren Stationen in der U-Bahn fiel mir plötzlich auf, dass ich U-Bahn fuhr. Irgendwie hatte ich das total vergessen, war ganz automatisch wie immer aus dem Bus aus- und in die U-Bahn eingestiegen, ohne mir einen Kopf zu machen. Und es blieb auch so. Keine Angst. Keine Panik, nicht einmal eine leichte Anspannung verspürte ich. Das war doch verrückt! Aber ich war froh drum.

 

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Im Wald und auf der Lichtung

Kitz auf der Lichtung

Am Montag ging es erst richtig los:

  • 7:00 Uhr: Blut abnehmen und Urin-Probe abgeben
  • 7:30 Uhr: Thyroxin-Tablette nehmen
  • 8:00 Uhr: Blutdruckmessen, Wiegen
  • 8:10 Uhr: Frühstück
  • 8:30 Uhr: Morgenration Tabletten einnehmen
  • 9:00 Uhr: EKG

Puh. Was für ein Stress. So viele verschiedene Dinge hatte ich schon lange nicht mehr an einem Tag erledigt. Es fühlte sich richtig gut an! Um 9:30 Uhr hörte ich mir dann sogar noch die Einführungsveranstaltung für die verschiedenen Entspannungstechniken, Autogenes Training und Progressive Muskelrelaxation – was auch immer das war – an, die ein, und das fiel mir dann doch auf, ziemlich gut aussehender Psychologe hielt. Damit hatte ich mein Soll für diesen Tag dann erledigt. Das fühlte sich richtig gut an. Ich hatte alles geschafft, was ich tun sollte! Und zwar ohne Schwierigkeiten.

Im Anschluss stand die Visite an. Ich bekam Freigängerstatus und durfte während der Besuchszeiten, also wochentags von 13.00 Uhr bis 20.00 Uhr und am Wochenenden  von 8.00 Uhr bis 20.00 Uhr die Klinik auch alleine verlassen.

Johanna nahm mich nachmittags auf einen ausgiebigen Spaziergang mit. Erst ging es durch einen Schleichweg durch das Unterholz vom Kasernengelände auf einen Waldweg, und von dort dann eine lange, große Runde über Felder und Wälder um die Klinik herum. Unterwegs entdeckten wir plötzlich, keine zehn Meter von uns weg, ein Reh mit zwei kleinen Kitzen. Sie standen mitten auf einer Wegkreuzung, die Bäume ringsum schlossen sich über ihnen zu einem Bogen und trotzdem brach ein einziger großer Sonnenstrahl durch, so dass das Reh und die beiden kleinen Kitze wie im Scheinwerferlicht standen. Wie gemalt. Wunderschön. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch kein Rehkitz in freier Wildbahn gesehen, und dann gleich zwei! Und dann noch so schön! Und sie blieben tatsächlich einige Sekunden stehen und fixierten uns, bevor sie zurück ins Unterholz sprangen.