Sozialberatung I

Am Mittwochnachmittag war der Termin bei der Sozialberatung. Eigentlich wollte ich da gar nicht hin. Ich wusste doch, was ich wollte. Aber meine Therapeutin bestand darauf, und da man die Termine bei der Sozialberaterin nicht immer sofort bekam, sondern ein, zwei Wochen darauf warten musste, ging ich hin.

Die Sozialberater in den Kliniken kümmern sich um alles Mögliche:Wiedereingliederungen -wie in meinem Fall -Gerichtstermine, Weiterbildungen, Hilfestellung bei familiären Schwierigkeiten oder bei Ärger mit der Krankenkasse zum Beispiel. Ich war ein einfacher Fall für die Dame: Ein junge, Studienabsolventin mit laufendem Vertrag und mehreren Jahren Berufserfahrung. Also entweder würde sie die Eingliederung gemeinsam mit mir, meinem Arbeitgeber und der Kasse planen oder mich bei neuen Bewerbungen unterstützen, so die Blaupause. Sie würde mich über meine rechtlichen Möglichkeiten und Pflichten aufklären – zum Beispiel, in welchem Fall ich Anrecht auf Arbeitslosengeld hätte oder was ich bei neuen Bewerbungen zu berücksichtigen hätte.

Ich war vorsichtig geworden – ich hatte in den letzten Monaten schnell gelernt, dass ich auf jedes Wort, dass ich gegenüber der Kasse, dem Arbeitgeber, aber auch gegenüber Therapeuten (da wurde ja jeder Unterton analysiert) und eben solchen Diensten äußerte, Acht geben musste.

Ich hatte mir also eine Taktik zurecht gelegt: Ich wollte mich erstmal über alle meine Möglichkeiten informieren – über einen Jobwechsel genauso wie über eine Wiedereingliederung, Selbstständigkeit, Auszeit, oder eine völlig neue Ausbildung.

Die Sozialberaterin war freundlich und nicht unsympathisch, aber auch nicht unbedingt auf meiner Wellenlänge. Sie wollte mich offensichtlich, ganz egal in welche Richtung ich fragte, wieder zurück in meine alte Firma lotsen. Sie gab mir zwar auch die Antworten auf meine diversen Fragen und forschte auch weiter nach – warum ich denn zum Beispiel eine neue Ausbildung wagen wollen würde, wie ich mir genau eine Selbstständigkeit als Texterin vorstellen würde, ob es denn, wenn ich vielleicht nicht zurück in den alten Job wollte, andere Positionen in der Firma gab, die in Frage kämen? Im Endeffekt lief alles auf eine Eingliederung hinaus.

Das hatte ich zwar erwartet, aber nicht in so   vehementer Weise. Was mich jedoch viel mehr beunruhigte, war die Tatsache, dass sie der absoluten Überzeugung war – und durch kein Argument meinerseits davonabzubringen war – dass ich spätestens zwei Wochen nach Ende meines Klinikaufenthalts, also in nicht einmal acht Wochen (!) mit der Eingliederung oder eben einer neuen Tätigkeit beginnen sollte.

Der Termin war schließlich vorbei, ich war froh darum. Ich wusste, dass sie mich ohne meine Einwilligung hier zu nichts zwingen konnten. Aber ich wurde dennoch unruhig. Was würde passieren, wenn ich mich dem Rat aller Menschen hier in der Klinik verweigerte? Was, wenn ich sie nicht überzeugen konnte, dass ihre Pläne nicht gut für mich waren, dass ich a) nicht zurück wollte und b) auch ganz unabhängig davon noch weit davon entfernt war, so fit zu sein, um wieder arbeiten zu können?. Auch wenn es für sie hier alle vielleicht ganz anders aussah. Das war nicht Nnue – selbst der Chefarzt der Psychiatrie, der in der ersten Woche Visite bei mir machte, meinte, ich sähe ganz und gar nicht nach einer Patientin mit schwerer Depression und Angstzuständen aus. Schön für sie. Half mir aber nichts. Machte alles eher noch komplizierter.

Ich war schon die letzten Wochen super verspannt gewesen, unter dem linken Schulterblatt hatte sich ein fester Knoten gebildet, den ich bei jeder Armbewegung spürte, und ich hatte das ungute Gefühl, es würde in den nächsten Tagen nicht besser werden – angesichts der Auseinandersetzungen, die ich wohl vor mir hatte. Aber heute konnte ich dieses Problem noch ignorieren. Ich ging also mit Johanna noch eine große Runde spazieren. Wir beide freuten uns schon auf unsere vorreservierten dreißig Minuten in der Infrarotkabine. Es war das einzige, was den dicken Knoten zwischen den Schultern löste und außerdem auch die vielen Knoten und Knötchen in meinen Gedanken lockerte. Beides würde zwar wieder kommen, die Infrarotkabine war keine Dauerlösung – aber für heute Abend war Ruhe.

Werbeanzeigen