Abschiedsrunde

Gestern war wieder ein „Pause“-Tag. Ich habe den ganzen Tag, mit Ausnahme von einem kleinen Spaziergang und zwei Stunden Kunsttherapie, lesend im Bett verbracht. Das Buch war gut, meine Laune morgens nicht besonders gut – ich habe immer noch das Gefühl, dass ich diese Tage brauche.

Heute geht der Abschiedsturnus los. Erst zwanzig Minuten lang computergestützt in der Basisdokumentation Fragebögen zum Befinden und einen Feedbackbogen zur Klinik ausfüllen, dann geht es nach München, zum ersten Ersttermin mit einem Psychologen für die ambulante Psychotherapie. Sechs Wochen war ich beinahe auf dieser Warteliste, gefühlt die halbe Stadt habe ich abtelefoniert; jetzt habe ich drei Ersttermine. Einen bei einer Psychologin, die mich aber erst ab Februar betreuen könnte; einen bei einer, die jedoch nur einen Termin dienstags um halb zehn wöchentlich frei hat; und eben dem im MVZ heute, wo ich eigentlich noch gar nichts Genaues weiß. Ich bin gespannt. Ich bin gespannt, ob ich meine Geschichte mittlerweile erzählen kann, ohne dabei zu weinen. Das ist ja nun immerhin das vierte Mal, dass ich sie einem Psychologen / Psychiater / Arzt schildern werde. Mal sehen. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, wie schnell ich mich für diesen oder jenen Therapeuten entscheiden muss. Das Bauchgefühl ist wichtig, das habe ich gelernt – aber viel mehr kann man ja in einer Sitzung gar nicht feststellen. Mal sehen.

Immerhin, habe ich gerade festgestellt: Meine Augenringe haben wieder ein normales Maß angenommen. Und das, obwohl ich nach wie vor sehr unruhig schlafe – besonders, seit wir eine Schnarcherin im Zimmer haben, die noch dazu gerade erkältet ist. Zwei Tage noch. Ich freue mich so.

Vom Suchen und Finden eines Therapeuten

Am besten sucht man sich einen Therapeuten schon bevor man auch nur krank ist…

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Auf Kriegsfuß mit der Therapeutin

Heute war der erste Dienstag ohne Burnout-Gruppe. Ein bisschen Ablenkung durch den Hengst hätte ich gerade heute allerdings gut gebrauchen können. Wenigstens war mein Einzelgespräch heute schon um 13.00 Uhr. Zuvor war Wassergymnastik, das war gut, sonst wäre ich wohl den ganzen Vormittag nervös im Kreis gelaufen.

Ich wusste, mich würde heute die endgültige Diskussion in Sachen Eingliederung erwarten. Beziehungsweise, ich hoffte es. Ich hatte keine Ahnung, was ich machen würde, wenn sie mich weiter zwingen wollten.

Wie es mir gehe? Naja. Nervös, zittrig. So schlecht wie seit Wochen nicht mehr. Ich sagte auch direkt, dass ich am Wochenende zum ersten Mal seit Monaten Suizidgedanken gehabt hatte. Meine Liste an Argumenten brach regelrecht aus mir heraus. Und auch, dass ich langsam das Gefühl hatte, dass Ihnen die Krankenhausstatistik wichtiger war als ich.

Sie reagierte professionell, gefasst. Aber ich merkte, dass ich sie damit ziemlich getroffen hatte. Das tat mir fast schon leid.

Das wäre natürlich nicht der Fall, entgegnete sie. Vielmehr schilderte sie mir nun Ihre Sicht der Dinge. Ich war eben erst aus einer schweren Depression heraus. Das, was ich am dringendsten bräuchte, wäre ein geregelter Alltag. Und das hieße in meinem Fall eben auch, wieder zur Arbeit zu gehen. Außerdem wäre die Belastung bei einer Eingliederung sowieso erstmal recht gering.

Und außerdem hätte sie den Eindruck, dass ich einfach eine riesige Angst hatte vor allem, was mit meinem Job zu tun hatte. Und da wäre Weglaufen – so wie ich es nun vorhatte – die allerschlechteste Lösung. Selbst wenn ich nicht dauerhaft bei dem Unternehmen oder gar in der Branche bleiben würde, das würde sie mir ja gar nicht verwehren, hätte ich während einer Eingliederung die Möglichkeit, mit allem Frieden zu schließen und quasi im Guten zu gehen. Und vor allem könnte ich meine Belastungsresistenz Schritt für Schritt prüfen. Bei einem neuen Job müsste ich sofort auf 100% sein.

Meine erste Reaktion war natürlich, nein, nein, will ich nicht, kann ich nicht, was für ein Blödsinn. Ich könne einfach nicht. Ich kann ja noch nicht einmal mit einer Freundin kochen, ohne dass ich mich dann hinterher zwei Stunden hinlegen muss. Wie soll ich da auch nur eine Eingliederung überstehen?

Den zweiten Termin bei der Sozialtherapeutin sollte ich trotzdem wahrnehmen, ordnete sie an. Whatever.

Die Therapiestunde war wohl die hitzigste, die ich je hatte. Eine der wenigen, in der ich nicht heulte. Diesmal nämlich tat ich das, was ich in diversen Situationen, die allesamt miteinander zu meiner heutigen Lage geführt haben, nicht getan hatte: Ich stand für mich ein.

Trotzdem blieb die eine Aussage in meinem Kopf hängen: Lief ich davon?

 

 

Ich kann noch nicht!

Eigentlich wollte ich mich heute Abend mit dem Kollegen treffen, mit dem ich am engsten zusammenarbeitete. Aber das konnte ich knicken. Ich würde heute sicher nicht nach München fahren. Es tat mir leid, ich hätte ihn gerne gesehen. Aber es half nichts.

Warum wir uns treffen wollten? Zum einen verstanden wir uns einfach gut, zum anderen, wenn ich schon über eine Wiedereingliederung nachdenken musste, dann musste ich mir ja auch einen Bild vom aktuellen Stand der Dinge machen. Ich hatte in der Zwischenzeit einen neuen Chef bekommen, den ich nicht kannte, zum Beispiel.

Aber eigentlich konnte mir das egal sein, denn ich wollte und konnte keine Eingliederung in den nächsten vier Wochen machen. Es ging nicht. Ich begann, mir die Gründe aufzuschreiben. Eine Argumentation für die nächste Einzeltherapie aufzubauen. Strategisch.

  1. Es hat vier Monate gedauert, um auf ca. 50% zu kommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in den nächsten fünf Wochen die restlichen 50% schaffe!
  2. Alle meine Kollegen und Chefs sagen mir, ich solle erst wieder kommen, wenn ich bei 100% bin. Was hat denn die Krankenkasse davon, wenn ich im März wieder liege?
  3. Zu meinem Job gehören auch Abendveranstaltungen bis nach Mitternacht, Reisen, Wochenenddienste. Ich will das alles erst ohne Druck privat testen, bevor ich bei solchen Dingen unter Druck im Job funktionieren muss!
  4. Sie sagen mir seit Wochen, ich soll mir keinen Druck machen. Den Druck machen Sie aber gerade mir!
  5. Das Gespräch mit meinem Chef muss mindestens eine Woche vor einer Wiedereingliederung stattfinden. Dazu brauche ich aber einen Psychologen, der mich kennt und entsprechend unterstützen kann. Den habe ich für die Zeit nach der Klinik noch nicht und der ist auch im jetzigen Zeitrahmen nicht gegeben!
  6. Mein Leben soll erst wieder einen normalen Rahmen bekommen, bevor ich beginne, zu arbeiten. Also mindestens zwei Wochen!!
  7. Somatische Symptome wie Herzstechen, unbegründete Engegefühle im Brust-/Halsbereich und Verspannung nehmen gerade wieder stark zu! Außerdem habe ich sogar zusätzlich noch zu beißen begonnen!

Langsam begann ich den Verdacht zu hegen, dass es ihr mehr auf die Klinikstatistik ankam als auf mich.

 

Elterngespräch

Gerade bei psychischen Krankheiten ist das persönliche Umfeld in der Regel stark mit betroffen. Umso sinnvoller sind daher Eltern- oder Paargespräche.

Zum einen haben die Angehörigen so die Möglichkeit, Genaueres über das Krankheitsbild zu erfahren und insbesondere auch, wie damit umzugehen ist. Zum anderen bietet sich in einem geschützten Rahmen die Möglichkeit, Punkte anzusprechen, die die Beziehung zwischen den beiden Menschen betreffen, die Auswirkungen auf die Krankheit haben / hatten.

Ich nähere mich langsam der 30. Insbesondere in einer ländlichen Umgebung hält sich immer noch stark das Bild, das man mit 30 seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat, eine gute Zeit, um zu heiraten, Haus zu bauen und Kinder zu kriegen. Ganz unabhängig davon würde ich mir wünschen, endlich irgendwo anzukommen. An einem Ort, von dem ich weiß, dass dies keine Zwischenstation auf meinem Lebensweg ist, mit Menschen, die mich nicht nur in einem Lebensabschnitt begleiten werden. Aber leider ist dem nicht so. Und das zählt leider einfach auch zu den Dingen, die sich mit einem eisernen Willen nicht regeln lassen. Also treibe ich weiter so vor mich hin, ob mir das gefällt oder nicht. Ich kann es nicht ändern. Die meiste Zeit ist das auch völlig okay für mich.

Stressig wird es aber, wenn das ohnehin bereits fragile Bauwerk, das ich mir dazu aufgestellt habe, dann von außen belastet wird. Wenn etwa wiederholt erwähnt wird, Hm, mit 25 war ich schon vier Jahre mit meinem jetzigen Mann zusammen. Wenn der Chef erklärt, man käme ja jetzt in ein Alter, in dem man sich ja auch grundsätzliche Fragen stellen müsste.

Verdammt, Leute, ich wüsste doch auch gerne, wo es mich hin treibt! Und mit wem! Aber ich weiß es nicht! Also lasst mich damit in Ruhe. Löst euch endlich von euren fixen Plänen und Vorstellungen – meint ihr denn, mir geht es anders? Leben ist das, was passiert, während wir Pläne machen. Wie wahr dieser Spruch ist, habe ich in diesem Jahr oft genug erfahren müssen.

Jedenfalls hatte ich gestern auch noch das Elterngespräch. Ich war davor ziemlich aufgeregt gewesen. Aber es lief gut. Die Therapeutin war toll (ganz entgegen zu gestern) und ich war stolz auf mich und meine Eltern. Alleine, dass sie da waren, tat mir unglaublich gut.

Danach gingen wir in die Cafeteria, einen Kaffee trinken. Als wir durch die Glastüren traten, saßen am rechten Ende des Raumes eine Gruppe Jugendlicher, alle mit einem Zettel auf der Stirn. Als wir bestellten, blickte mein Vater unauffällig zu ihnen hinüber. Leise und etwas unsicher fragte er mich, ob das denn auch eine Therapie wäre? Ich musste schmunzeln. Vor zwei Sekunden hatte ich selber überlegt, was denn die U20er da treiben. Passte auch wunderbar in das verquere Bild, dass einem Hollywood von einer Gruppentherapie vermittelt. Aber nein, antwortete ich. Die spielen nur „Wer bin ich?“.

 

Beate

Heute stelle ich euch meine neue beste Freundin, die Beate vor. Die ist auch gut bekannt mit einer anderen, neuen Bekannten, der Amygdala.

Nachdem in einem eher ausschweifenden Blitzlicht meine Therapeutin in Sachen Wiedereingliederung den Degen niedergelegt hatte und meine Wut verraucht war, gingen wir zur Tagesordnung über. Chris hatte heute, zum zweiten Mal überhaupt, ein Thema. Er war, wie bereits erwähnt, wegen Agoraphobie da. Darum ging es aber diesmal gar nicht. Er hatte einen riesigen Schritt gewagt und alle seine Medikamente abgesetzt. Zum einen kämpfte er nun seit zwei Wochen mit den Entzugserscheinung, zum anderen wusste er jetzt, wo sie nicht mehr gedämpft wurden, einfach nicht mehr wohin mit seinen Emotionen. Ich hatte es beim Volleyball auch schon bemerkt – teils wurde er nun richtig aggressiv, selbst beim kleinsten Auslöser. Er wollte nun also wissen, wie er denn damit umgehen sollte, oder besser, wie er seine Gefühle, die ja offensichtlich da waren, irgendwie in Schach bekommen konnte. Ignorieren ging nämlich nicht.

Da kommt die gute Amygdala ins Spiel. Die Amygdala, oder Mandelkern, steuert, vereinfacht gesagt, entsprechend den Sinnesreizen, die wir wahrnehmen, Emotionen aus. Das ganze geschieht unbewusst und noch bevor wir aktiv, bewusst und verstandesbetont auf diese reagieren können.

Erinnert ihr euch beispielsweise noch an  Ex-Ex-Freund, von dem ich vor Monaten geschrieben habe? Fast zwei Jahre später, man sollte vielleicht hinzufügen, dass es mir zu diesem Zeitpunkt schon überhaupt nicht mehr gut ging und ich zudem auch nicht ganz nüchtern war (Alkohol und Amygdala verstehen sich suuuuper…), war ich mit meinem damals aktuellen Freund auf einer Party. Ich kenne beinahe niemanden außer ihm. Er verschwindet auf die Toilette. Er ist lange weg. Und zufällig bemerke ich, dass auch seine Ex-Freundin, die ich an dem Abend zum ersten Mal sah, auch weg ist. Dejà-vu. Zack. Plötzlich war ich nur noch Gast in meinem Film. Mein Körper spielte automatisch absolute Panikreaktionen ab, ich hatte Mühe, mich vor einer Flucht (d.h. wie damals abhauen) – oder Angriffsreaktion (d.h. schreiend die Toiletten stürmen) abzuhalten. Und das alles, obwohl ich ganz genau wusste, dass dieser Moment überhaupt nichts mit dem vor zwei Jahren zu tun hatte und ich mir wirklich, wirklich keine Sorgen machen musste. Zumindest nicht wegen der Ex-Freundin. Ich hatte kaum eine Chance gegen mein Unterbewusstsein, ich wusste gar nicht so recht, was los war.

Das war nun ein Extrembeispiel. Aber so schaltet die Amygdala oft heftige emotionale Reaktionen zu einer Wahrnehmung, bevor wir bewusst dagegen steuern können. Oft nehmen wir die Reaktion auch gar nicht als abnormal wahr. Wir spüren sie ja, wie jede angemessene Reaktion auch. Also muss sie doch okay sein. Das Problem ist also, erst einmal herauszufinden, welche Emotion angemessen ist und welche die gute Amygdala übersteuert.

Das war auch genau das, was nun Chris wissen wollte. Wie zum Teufel kann ich Gefühle, die nun einmal da sind, und heftig da sind, einfach „weg“ machen? Die Antwort darauf weiß BEATE:

Benennen des aktuellen Gefühls

Erkennen des biographischen Zusammenhangs

Anerkennen der Dysfunktionalität (oder „Realitätscheck“)

Trennen von spontanem Verhaltensimpuls

Einüben / Experimentieren mit einem neuen Verhaltensmuster entsprechend des eigentlichen Bedürfnisses

Also:

B:

Mein Gefühl war, extremst verletzt worden zu sein.

E:

Der biographische Zusammenhang war in diesem Fall überdeutlich, habe ich ja schon erwähnt.

A:

Ich erkannte, dass die Situation zwar ähnlich war, aber nicht gleich und vor allem die handelnden Personen und deren Vorgeschichte eine ganz andere war.

T:

Ich trennte mich (wenn auch nur unter höchstem Kraftaufwand) von einem unsinnigem Flucht- oder Angriffsimpuls.

E:

Probierte eine neues Verhalten aus: Nämlich ruhig, ohne Vorwurf (zumindest dachte ich, dass es so wäre), das Thema sofort anzusprechen.

Der Abend endete zwar trotzdem nicht wie gewünscht. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Das Karussell ist wieder da…

Wer mit der Burn-Out-Gruppe fertig ist – das sind ca. vier Wochen – verlässt dann in der Regel zwei Wochen später die Klinik und beginnt wieder zwei Wochen später mit der Eingliederung. Ich habe zwar immer noch keinen Entlasstermin, der ursprüngliche war vor zwei Wochen auf unbestimmte Dauer verschoben worden, aber allein die Möglichkeit, dass ich Mitte November eventuell schon wieder arbeiten müsste, machte mich panisch. Ich war froh über jeden normalen Tag, den ich ohne Depressionen, Angst- oder Erschöpfungszustände verbrachte. Ich war froh, wenn ich den Klinikalltag gut bewältigen konnte. Nach einer Stunde kochen brauchte ich zwei Stunden Pause. Meine Konzentration verabschiedete sich nach wie vor nach spätestens einer Stunde. Ich hatte seit drei Monate nicht mehr in meiner eigenen Wohnung übernachtet, weil ich nicht gut allein sein konnte. Ich hatte Schwierigkeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln, mir war an manchen Tagen das Ticken der Uhr zu laut. Die Urlaubsvertretung meiner Therapeutin schaffte es relativ pragmatisch, diese Angst zu verscheuchen. Jetzt schauen sie erst einmal, dass sie wieder wissen, wer sie sind und was sie wollen. So lange es ihnen nicht gut geht, werden sie krankgeschrieben werden. Das beruhigte mich ungemein.

Keine Woche später hatte ich wieder einen Termin mit meiner eigentlichen Therapeutin, die gerade wieder aus dem Urlaub zurück war.

Wir müssen uns ja noch über ihre Entlassung unterhalten. Am 5. November ist ja der Termin. Was haben sie denn mit der Sozialberatung wegen der Eingliederung besprochen?

Mir blieb der Mund offen stehen, zack, war die panische Angst, die ich erst vor wenigen Tagen mühsam begraben hatte, wieder da.

Aber, davon weiß ich ja noch gar nichts.

Ach so? Ja, dann wurde das wohl vergessen. Es folgte eine kurze Diskussion, in der ich versuchte, meinen Standpunkt auszudrücken, aber ich war so überrumpelt, dass ich die naheliegendsten Argumente – wie etwa „dazu bin ich geistig und körperlich noch nicht in der Lage“ – nicht mehr fand.

Ich bekam also den Auftrag, mich am nächsten Tag bei der Sozialberatung anzumelden.

Nachdem der erste Schock verdaut war, wurde ich wütend. Und panisch. Und ängstlich. Und nervös.

Der Tornado in meinem Kopf legte wieder los. Wieder und wieder spielte sich in meinem Kopf die Szene ab, wie schon so oft verfluchte ich mich auch diesmal, nicht besser reagiert zu haben, ich zählte in meinem Kopf die einzelnen Gründe auf, die es mir unmöglich machten, in fünf Wochen wieder zu arbeiten. Ich kann in München nicht U-Bahn fahren – wie soll ich dann einen Termin in Hamburg wahrnehmen? Dazu müsste ich fliegen. Ich habe noch nicht einmal ein – von der Belastung her normales – Wochenende oder zwei Tage am Stück durchgestanden. Wie sollte ich da wieder arbeiten gehen können? Ich hielt es nach wie vor nicht länger als eine Stunde am Stück in der Cafeteria aus. Wie sollte ich dann mehrere Stunden in einem Vierzig-Mann-Großraumbüro überleben? Allein beim Gedanken daran zog sich bei mir alles zusammen. Ich überlegte hin und her, wappnete mich innerlich für einen Kampf gegen die Therapeuten und die Krankenkasse, ich war nicht mehr in der Lage, aus dem Karussell auszusteigen.

Wenn ich mich beschäftigte, stand es kurzzeitig still. Bei nächster Gelegenheit fuhr es wieder los. Immer schneller. Schließlich lag ich abends im Bett und hatte, genau wie während der letzten Wochen, in denen ich noch arbeitete, das Gefühl, wahnsinnig zu werden, wenn mein Kopf nicht bald aufhörte, sich immer weiter zu kreisen. Ich versuchte es etwa eine Stunde mit schlafen. Keine Chance. Entnervt schaltete ich das Licht wieder an – meine zwei Zimmernachbarinnen freuten sich sicher wie Schnitzel – schnappte mir einen Pullover und marschierte nach unten zur Medizinischen Zentrale. In meinem rosafarbenen-Snoopy-Satin-Schlafanzug, einem grauen Sweatshirt mit großen, bunten Kreisen darauf und Haaren, die kreuz und quer standen. Ich wollte ein Mittel, dass mich ausknockte. Irgendetwas, das so stark war, dass ich meinen Kopf und das verdammte Karussell loswurde. Am besten ein Betäubungsmittel.

Bei mir war keine Bedarfsmedikation festgelegt – abends hatte ich bis vor wenigen Wochen ja die entspannenden Mirtazapin genommen. Das Beste, was sie mir anbieten konnte, waren Baldrian-Pastillen, die wie weiße Smarties aussahen. Herzlichen Glückwunsch. Ich war nicht gerade hocherfreut darüber und stellte mich gedankliche auf eine katastrophale Nacht ein.

Wieder im Bett schrieb ich noch eine Weile mit meiner Schwester hin und her. Und irgendwann wurde ich müde. Ich schlief ein. Ich schlief tief und fest, träumte mal wieder komische, aber immerhin positive Träume. Beim ersten Schrillen des Weckers um 7:00 Uhr war das Karussell wieder da. Also stand ich, ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, auf. Frühstückte etwas, obwohl mir eher schlecht war. Um acht war Walken. Das Laufen würde gut tun, da könnte ich mich etwas auspowern und der geistigen Erschöpfung eine körperliche entgegenstellen. Und eigentlich würde ich auch gerne davonlaufen. Ich hatte im Kopf am Vortag bereits Szenarien durchgespielt, wie ich dem Ganzen entfliehen könnte. Was passieren würde, wenn ich aus der Klinik abhauen würde. Generell einfach davonlaufen? Als wir auf die Therapeutin warteten, die uns in der Anwesenheitsliste abhakte, kam ich mit einem Mitpatienten ins Gespräch und irgendwie auf das Thema zu sprechen. Er meinte nur – naja, in der Regel kann man mit denen ja auch reden. Wenn’s nicht geht, geht’s halt nicht. Er war Traumapatient, die haben in der Regel eine große Erfahrung ,was Kliniken und Krankenkassen betrifft, insofern beruhigte mich das etwas. Das Laufen tat sehr gut. Danach wartete ich während der zehnminütigen Sprechzeit vor dem Stationszimmer auf die Therapeutin, die mich während der Urlaubsvertretung betreut hatte. Ich wollte gern zu ihr wechseln. Ich hatte das Gefühl, sie verstand mich besser. Aber sie kam nicht. Also musste ich wieder los, sonst würde ich es nicht mehr schaffen zu duschen, bevor die Gruppe begann. Die auch noch mit meiner Therapeutin war. Die gerade einer der letzten Menschen war, die ich sehen wollte.

Die Gruppe beginnt immer mit einem kurzen Stimmungsblitzlicht – jeder sagt, wie es ihm gerade geht. Ich sagte, etwas zögerlich: Super angespannt, wütend, ängstlich, beinahe schon panisch. Sie fragte direkt zurück: Auf mich? Ich erklärte ihr das, holte kurz aus – länger als bei einem Blitzlicht eigentlich üblich – was für panische Angst ich derzeit noch davor hatte, wieder arbeiten zu gehen, weil ich einfach spürte, dass sowohl Kopf und Körper noch nicht annähernd bereit dafür waren. Plötzlich zeigte sie Verständnis. Versprach mir, dass wir das Thema noch einmal näher besprechen würden. Danach war ich etwas erleichterter. Die Wut verraucht. Therapeuten sind auch nur Menschen.

Morgen ist das nächste Therapiegespräch. Ich bin gespannt. Aber jetzt wieder zuversichtlich. Den Termin bei der Sozialtherapie habe ich trotzdem.

 

 

Urlaubsvertretung

Auch Therapeuten haben Urlaub. Und meine Therapeutin war Anfang Oktober zwei Wochen nicht da. In dieser Zeit würde ich meine beiden Therapiestunden, die ich jede Woche hatte, bei einer Urlaubsvertretung haben. Ich war meiner Ärztin zugeteilt worden. Bisher war sie mir vor allen Dingen als unnahbar und schroff aufgefallen – sie war es gewesen, die mich mit meinen erhöhten Leberwerten und vielen Fragen auf dem Gang stehen gelassen hatte. Die Konferenz (da trafen sich Ärzte und die verschiedensten Therapeuten, um über einen Fall zu diskutieren) würde erst in den nächsten Tagen darüber sprechen, war ihre ganze Antwort.

Ich war alles andere als erfreut über den Therapeutenwechsel. Mit meiner Therapeutin war ich ja ganz gut zurechtgekommen. Und generell ist es auch wenig sinnhaft, eine laufende Therapie zu unterbrechen. Die Ärztin wusste nichts von mir und ich kannte sie genauso wenig. Aber zwei Wochen gar keine Therapie zu haben, war eben auch keine Lösung. Im ersten Termin – sie war beinahe zehn Minuten zu spät, was natürlich von meiner Therapiezeit abgehen würde –  erläuterte ich, warum ich hier war und was ich bis hierhin bereits für Fortschritte gemacht hatte und an was ich noch gerne arbeiten würde. Es war mein Geburtstag – nachmittags, der Tag, an dem es mir so gut ging, wie seit Monaten nicht mehr. Strahlend hatte ich ihr vom Geschenk meiner Kollegen berichtet, dem singenden Luftballon. Sie würde in den zwei Wochen gerne über meine Persönlichkeit sprechen. Das wäre für die zwei Wochen realistisch und ein verhältnismäßig abgeschlossener Block, begründete sie ihre Entscheidung. Ich war einverstanden und so gab sie mir einen Persönlichkeits-Test mit. Mal wieder ein Fragebogen. Er war beinahe so lang wie der Anamnesebogen, ich glaube, acht DIN A4-Seiten. Fragen über Fragen. Von „Ich weiß genau, wie ich das andere Geschlecht beeindrucken kann“ bis „Ich komme ungern zu spät“. Manche Fragen doppelten sich, um Nuancen anders gestellt. Das wichtigste war: Man durfte nicht über die Antworten nachdenken, sondern sollte die Ausprägung ankreuzen, die dem ersten Impuls entsprach.

Ich hatte ihr den Test einen Tag später unter der Tür durchgeschoben. Der zweite Termin in dieser Woche mit ihr entfiel, da sie einen Notfall einschieben musste. Mir ging es sowieso gut, mir war es also ganz recht. Mittlerweile war Dienstag, der zweite Termin also mit ihr. Ich war depri. Nicht so schlimm, wie ich es schon gehabt hatte. Aber doch deutlich. Dass ich heute Mittag, nachdem sie nicht zur Wassergymnastik aufgetaucht war, Johanna völlig verzweifelt und verheult in ihrem Zimmer vorgefunden hatte, hatte meine Laune auch eher wenig gesteigert. Mir ging es immerhin noch besser als Johanna. Aber Johanna ging es gerade wirklich verdammt scheiße.

Ich saß also am Nachmittag wieder bei der Ärztin, die mir nach der ersten gemeinsamen Stunde nicht mehr ganz so unsympathisch war. Wie es mir ginge. Naja. Nicht so gut, und ich wüsste nicht warum. Sie bat mich, zu erzählen, was in den vergangenen Tagen so passiert war, was ich am Wochenende gemacht hatte. Und ich erzählte. Vor allem von meiner Schwester. Sie war am Sonntag nach Berlin abgereist. Und, obwohl ich mir sicher war, dass Berlin die richtige Entscheidung für sie war – und das schon gleich gar keine Entscheidung, in keinerlei Art und Weise, gegen mich war – war ich traurig. Und fühlte mich alleingelassen. Immerhin hatte sie mir in den letzten Monaten unglaublichen Halt gegeben. Da war es wieder. Dieses Gefühl, alleine gelassen zu werden. Die Ärztin war einigermaßen erstaunt, schließlich war ich nur eine Woche zuvor ganz beseelt gewesen von dem tollen Geschenk, den lieben Anrufen und Nachrichten, die ich zu meinem Geburtstag erhalten hatte. Sie forschte nach, warum das so wäre. Ich wusste das. Nicht erst seit der Therapie. Und dennoch hatte ich diesem Trigger nie wirklich etwas entgegen setzen können. Ich wusste um ihn, aber das war es auch. Ich heulte. Wie in beinahe jeder Therapiesitzung bisher. Sie versuchte mich aufzubauen. Wie aus einer intelligenten, jungen Frau mit so vielen Fähigkeiten so ein kleines Häufchen Elend ohne jegliches Selbstvertrauen werden konnte? Sie schaffte es tatsächlich, mich aufzubauen. Und gab mir eine Aufgabe bis zur nächsten Stunde. Ich sollte meine Eltern, meine Schwester, meine beste Freundin und – wenn ich denn noch Kontakt hätte – meine Ex-Partner bitten, mir in Stichworten kurz zu schreiben, was sie an mir lieben/geliebt haben. Ich nickte.

Später erst wurde mir die Ungeheuerlichkeit dieser Aufgabe erst bewusst. Ich sollte anderen Menschen bitte, mir zu sagen, was sie an mir gut fänden. Nach Komplimenten haschen.

„Es kommt mir mehr und mehr so vor, als wäre die Vergangenheit ein noch viel ungesicherterer, weniger verbürgter Ort als die Zukunft. Das, was hinter mir liegt, soll das Gesicherte sein, das Abgeschlossene, das Gewesene, das nur darauf wartet, erzählt zu werden, und das vor mir soll die sogenannte zu gestaltende Zukunft sein?

Was, wenn ich auch meine Vergangenheit gestalten muss? Was, wenn nur aus einer durchdrungenen, gestalteten Vergangenheit so etwas wie eine offene Zukunft entstehen kann? Es ist ein bedrückender Gedanke, aber hin und wieder kommt mir das Leben, das noch vor mir liegt, wie eine für mich maßgeschneiderte, unumgänglich zu absolvierende Wegstrecke vor, eine Linie, auf der ich vorsichtig bis zum Ende balancieren werde.

Ja, daran glaube ich: Erst, wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnerungspäckchen wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremde, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden habe, erst dann werde ich Entscheidungen treffen können, wird die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wird sich die Linie zu einer Fläche weiten.“

Joachim Meyerhoff, Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war, S. 348

Das wütende Kind

Same procedure wie üblich: Nach einem kurzen Frühstück trabten Johanna und ich los. Abwechselnd walkend und joggend setzten wir uns an die Spitze der langen Schlange Morgensportler, die sich aus der Klinik über die umliegende Feldwege ergoss. In gleichmäßigem Tempo brachten wir uns auf den aktuellen Stand, wie wir die Nacht so verbracht hatten – das konnte in der Tat ein langes Thema werden, dank Zimmernachbarn, Albträumen oder nicht wirkenden Tabletten – , teilten unsere Sorgen und Freude und besprachen den anstehenden Tag. Tina würde heute gehen, und Johanna damit zwei neue Zimmernachbarinnen erhalten. Zu spät waren wir auf den Gedanken kommen, dass eine von uns zur anderen ins Zimmer ziehen könnte. Die Verwaltung hatte gestern Vormittag dem Bestreben dann entsprechend ein Ende gesetzt. In meinem Zimmer war nach wie vor ein Bett frei. Mit meiner Zimmergenossin hatte ich zwar Kontakt, aber immerhin kamen wir uns weder tagsüber noch nachts gegenseitig in die Quere. Johannas Freund würde nun definitiv mit auf die Wiesn kommen. Das war seit der vergangenen Woche unser Topthema, natürlich auf meinem Mist gewachsen. Ich konnte nicht ohne Wiesn. Schweren Herzens hatte ich, Ende August erst, alles abgesagt. Noch in der Psychiatrie hatte ich eine Zeitlang gehofft, zumindest an einer Sonntag-Mittags-Wiesn dabei sein zu können. Irgendwann hatte ich mich schließlich geschlagen gegeben. Ein Wiesnzelt würde heuer (=in diesem Jahr) eine Tortur für mich sein. Und wenn ich das sonst noch so liebte. Aber ein Wiesnspaziergang bei schönem Wetter, einer Fahrt auf der alten Münchner Rutsche, der Toboggan, und ein Früchtespieß mussten, mussten, mussten einfach drin sein! Ich plante den Ausflug mit meiner Schwester nun schon seit drei Wochen, und auch Johanna und ihr Freund würden nun mitkommen. Am Freitag nach dem Mittagessen wollten wir los. Vorsichtshalber verschwieg ich diesen Ausflug vor meiner Therapeutin. Was sie nicht wusste, konnte sie nicht absagen. Dass das ein bisschen wahnsinnig war, wusste ich selbst genau genug. Aber ich musste einfach auf die Wiesn. Und wenn es nur eine halbe Stunde war.

Nach dem Joggen – Johanna und ich wurden immer fitter und liefen mittlerweile beinahe die ganze Strecke durch – saß ich um 9.20 Uhr wieder in der Angstgruppe. Tina hatte heute ein Thema, an ihrem letzten Tag, in ihrer letzten Therapiestunde. Nach der Begrüßungsrunde, ich war heute ruhig und entspannt, Tina ganz im Gegensatz zu ihrer sonst sehr coolen Art sehr aufgeregt und nervös, verteilte meine Therapeutin vier Stühle, offensichtlich nach einem System, im Raum. Da ich, mal wieder als Einzige, keinen blassen Schimmer hatte, was vor sich ging, erklärte sie, dass Tina nun eine bestimmte, in diesem Fall ihre aktuelle, Lebenssituation anhand einem Schematherapeutischen Modell (wir waren hier ja in der Schematherapie Angst) selbst analysieren solle. Sie stellte insgesamt fünf Stühle auf. Einer war der „Gesunde Erwachsene“, einer der „Kritiker“, einer die „Schutzmauer“, einer das „wütende Kind“ und der letzte schließlich das „verletzte Kind“. Die beiden letzteren Stühle standen nebeneinander hinter der Schutzmauer, der Kritiker seitlich neben der Schutzmauer und der gesunde Erwachsene über bzw. vor allem. Jeder dieser Stühle sollte also einen der Verhaltensmodi darstellen, in die man, wie dieses Schema eben besagte, je nach Situation, meistens unbewusst, rutschte. Der gesunde Erwachsene ist die Instanz, in der man im besten Fall immer sein sollte, der Idealzustand. Auf dessen Stärkung zielen die meisten Therapien ab. Er ist die Instanz, in der wir bewusst und vernunftgesteuert handeln, unsere Emotionen auf Angemessenheit oder auch Verhältnismäßigkeit prüfen und überlegt reagieren. Ich bin wahrlich keine Psychologie-Koryphäe, aber ich würde sagen, dass dieser gesunde Erwachsene dem Freudschen „Ich“ sehr nahe kommt. Die Schutzmauer war eben eine emotionale Schutzmauer, der Kritiker eben der Kritiker – das „Über-Ich“ oder die ganze Ansammlung an Glaubenssätzen und Grundsätzen, die wir im Laufe der Zeit angesammelt haben und die nun die Anforderungen darstellen, an denen wir uns automatisch und unterbewusst selbst messen. Die beiden Kinder sind im wahrsten Sinne des Wortes Kinder: Das wütende Kind reagiert wütend. Wie ein kleines Kind. Oder eben verletzt, wie ein kleines Kind. Mit Vernunft kommt man ihnen beiden nur schwer bei, wenn sie einmal losgelassen sind. Unserer individuellen Biografie und aktuellen Lebenssituation entsprechend sind die Modi, die ich eben aufgezählt habe, sehr unterschiedlich ausgeprägt. Tina stand nun also vor diesen Stühlen und sollte selbst entscheiden, welcher Modus in ihr gerade am stärksten ausgeprägt war. Es ging um eine unschöne Trennungssituation. Ich kannte die Geschichte, ich fand ganz eindeutig, dass er der Arsch war. Tina wählte – nicht eines der Kinder. Auch nicht die Schutzmauer, wie wir es wohl alle erwartet hatten. Sondern den Kritiker. Auf diesem Stuhl fühlte sie sich am sichersten, am wohlsten. Sie erklärte uns warum. Die Therapeutin forderte sie nun auf, sich auf den nächsten Stuhl zu setzten und damit in den nächsten Modus zu wechseln. Sie sollte den auswählen, der bei ihr am nächststärksten ausgeprägt war.  Sie erklärte uns wieder warum. Und wie sich das anfühlte. Wie bereits meine allererste Stunde in der Angstgruppe war auch diese sehr intensiv. In erster Linie natürlich für Tina, aber auch für uns andere. Wir alle kannte ihre Situation, sie hatte uns die Geschichte vorher erzählt, so dass wir ihr entsprechend Feedback geben konnten. Und es war teils schmerzhaft zu erkennen, wie weit weg die sonst so taffe und sicher wirkende Tina sich vom gesunden Erwachsenen bewegte. Wie weit weg sie sich auch vom naheliegendsten aller Modi, dem wütenden Kind bewegte. Und zu sehen, wie extrem Tinas heutige Reaktion von Erfahrungen ihrer Grundschulzeit abhing. Die Muster, nach denen wir reagieren, nach denen wir automatisch bei bestimmten Situationen in bestimmte Modi rutschen, bilden sich in der Kindheit. Dort in der Regel als Schutzmechanismen, als Überlebensautomatismus. Diese Schutzmechanismen können aber über die Jahre hinweg eine geradezu gegenteilige Wirkung einnehmen. Sie hemmen uns oder bringen uns sogar schwerwiegende Probleme. Meistens erkennen wir sie nicht einmal, denn wir reagieren automatisch und unterbewusst, daher ist das für uns ganz einfach „normal“ und „richtig“. Diese Automatismen zu erkennen und einzuordnen ist einer der Hauptbestandteile der Therapie. Sehr anstrengend. Und oft sehr schmerzhaft. Die Schachtel Taschentücher war nach der Stunde leer. Tina hatte beinahe alle gebraucht.