Die Macht der Gedanken

Montagmorgen war ich wie immer todmüde. Die erste Nacht in der Klinik schlief ich, trotz der Tabletten, sehr schlecht. Ich schlief spät ein, wachte oft auf. Ruth, die meistens schon um sechs das Zimmer verließ um zu Rauchen (in der Raucherecke im Innenhof, verbrachte sie auch beinahe den ganzen Tag), hörte ich nie. Sie war unglaublich leise und nahm große Rücksicht auf mich und Johanna, die wir beide immer noch schliefen. Uns weckte dann – wenig sanft – die Schwester bzw. der Pfleger, der mir um halb acht meine Thyroxintabletten ans Bett brachte. Ich bekam die Augen kaum auf. Aber es half nichts, um acht Uhr gab es Frühstück, bis viertel vor neun, und in dieser Zeit mussten wir außerdem zum Blutdruckmessen und Wiegen, sowie unsere Tabletten und Therapiepläne im Stationszimmer abholen. Das Frühstück auszulassen war keine Option, schließlich war das wenigstens essbar. Nachdem Frühstück – nun seit zwei Wochen das exakt gleiche – ging ich zum Morgensport, da wachte man zumindest halbwegs auf.

Um viertel nach elf stand  Walken auf dem Programm. Steffi, Johanna und ich machten in der Regel Intervalltraining. Eine der beiden Trainerinnen lief mit uns die Strecke, die die anderen gingen. Mittlerweile lief ich die Strecke im Intervall total locker. Meine Hüftschmerzen waren in der vergangenen Woche komplett zurückgegangen. Im letzten Teilstück das wir gingen, ging ich zufällig neben der Trainerin her. Wir unterhielten uns, und sie fragte mich, ob meine Hüftschmerzen hier denn nun besser geworden waren. Ich hatte ihr vergangene Woche bereits erzählt, dass das lediglich eine extrem Verspannung des Hüftbeugers war, die immer schlimmer wurde, je schlechter es mir ging beziehungsweise je mehr Stress ich hatte. Dann, plötzlich, fragte sie mich: Man soll das ja nicht alles überbewerten und zu sehr esoterisch sein – aber gab es denn etwas, im übertragenen Sinne, wo Sie keinen Schritt weiter gehen wollten?

Ich stockte. Daran hatte ich noch nie gedacht. Aber Ja. Den Punkt gab es. Zum etwa gleichen Zeitpunkt sowohl in der Arbeit als auch privat. Krass. Sollte es wirklich möglich sein? Da fiel mir meine Logopädin wieder ein. Ich hatte ihr Anfang Juli auch von meiner Krankschreibung erzählt. Sie meinte nur, dass sie das häufig erlebe. Diese Schwierigkeiten mit der Stimme, gerade Kehlkopfentzündungen, würden oft bei Burnout-Patienten auftreten. Wenn man das Gefühl hat, nicht mehr gehört zu werden, nichts mehr zu sagen zu haben, versage oft die Stimme tatsächlich.

Sollte es wirklich möglich sein?

In der ersten Yoga-Stunde hier in der Psychiatrie hatte die Yogalehrerin  eine beeindruckende, etwa 70-jährige Frau mit schulterlangen, grauen Haaren, die immer noch extrem fit war – einfache Einführungsübungen mit uns gemacht. Wir sollten uns hinlegen, oder hinsetzen – es waren drei, vier solcher Übungen – und uns mit aller Kraft auf den linken Fuß, den rechten Daumen, etc. konzentrieren. Und tatsächlich: Ich spürte eine Veränderung. Der Fuß wurde wärmer und schwerer, wenn ich mich darauf konzentrierte, wie schwer mein Fuß auf der Matte lag. Mein Finger fing an zu bitzeln, wenn ich meine ganze Energie dorthin schickte.

Kann es wirklich sein, dass wir die Macht der Gedanken gnadenlos unterschätzen? Vom Unterbewusstsein gar nicht erst zu reden?

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Warum der Burnout nicht vom Job kommt.

 

 

Ein Buch mit diesem Titel stand im Regal in dem Raum des BOZM, in dem ich immer mit meiner Psychologin sprach. Was. Für. Ein. Schwachsinn.

Dachte ich. Knapp zwei Monate später denke ich: Vielleicht hat der oder die Autorin doch gar nicht so unrecht?

In den letzten Wochen habe ich sehr viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Die Frustration war im Juli dem Zorn gewichen, der Zorn Mitte August langsam einer Art Akzeptanz und schließlich hatte ich mittlerweile die Kraft und auch die Zeit, mich auf die Suche nach den einzelnen Puzzle-Teilen zu machen. Nach wie vor ist mir immer noch schleierhaft, was genau dazu geführt hatte, dass ich nun eben hier saß. In einer Psychiatrie.

Ich habe den Job ja auch zuvor bereits drei Jahre lang gemacht, mit den exakt gleichen Kollegen und Chefs. Es war auch in diesen drei ersten Jahren stressig und viel gewesen. Und trotzdem hat es mir in diesen drei Jahren so gut wie immer Spaß gemacht, ich hatte sogar oft den Eindruck, dass ich diesen Stress regelrecht brauchte. Was war also passiert?

Es war beruflich in den letzten eineinhalb Jahren nicht optimal gelaufen. Das war nicht immer unbedingt wenig gewesen. Summa summarum hatte mich das auch einige Kraft und vor allem Nerven kostet. Aber das gehörte in gewissem Maße ja auch dazu. Aber doch nicht ausreichend um mich dermaßen umzuhauen?

Was also dann?

Langsam wird mir klar. Die allerersten Anzeichen – meine Hüftschmerzen – fallen mit einer plötzlichen Erkrankung meines Vaters zusammen. Einer vollkommen Unerwarteten. Die dann zwar viel unerheblicher war als im ersten Moment befürchtet, zwei Stents und sechs Wochen Reha später war beinahe alles wieder so wie vorher. Dennoch hatte sie mich aus dem Nichts heraus überrumpelt. Meine kleine Schwester steckte noch mitten im Studium. Ich war die Große, ich war verantwortlich. Wenn meinem Vater etwas zustoßen sollte: Ich hatte mich um alles zu kümmern.

Ich kippte von einem „ich will“ – damals unbemerkt – in ein „ich muss“. Ich musste Geld verdienen; am besten mehr; ich wollte gleichzeitig mehr Zeit für meine Familie haben; ich musste ab sofort auf einen Ernstfall vorbereitet sein; ich musste. Ich musste. Ich musste! Dazu kamen die unerklärlichen Hüftschmerzen, die mich beinahe ein Jahr lang teilweise beinahe vollständig am Gehen und damit auch am Sporttreiben hinderten, kam Stress in der WG, anschließend vier Umzüge in einem halben Jahr, eine Fernbeziehung. Und gleichzeitig ständig: Ich muss mich um alles kümmern. Ich muss das alles hinkriegen. Es hängt alles an mir – in meinem Kopf zumindest. Sonst hatte das niemand von mir erwartet. Nur ich.

Jetzt, noch einmal einige Monate später, stelle ich fest: Ich bin innerhalb weniger Monate in allen Lebensbereichen unmerklich von einem „Ich-will-und-ich-kann“ in ein „Ich-muss“ gekippt. Ich hatte Krieg an allen Fronten. Nicht die Arbeit allein hatte sich verändert. Meine Denkweise hatte sich verändert.

 

Ich kann, weil ich will, was ich muss.

Kant

Wieder unter Kontrolle

Ich war froh, dass es mir am Mittwoch wieder besser ging. Aber meine gute Stimmung, ja fast schon eine Überdrehtheit, die mich durch die letzte Woche und das Wochenende getragen hatte, war dahin. Ich war niedergeschlagen und erschöpft, war wieder sehr vorsichtig geworden und auch die Angst nahm wieder zu. Ebenso verspürte ich wieder leichte Hüftschmerzen.

Mittwochs war wie immer Visite, ich war diesmal dankbar darüber. Meine Ärztin merkte auf den ersten Blick, dass die Hochstimmung vom Montag passé war. Ich erzählte ihr, was passiert war, und wie es mir nun ging. Meine Allgemeinärztin in München hatte mich nach der schlimmen Episode Ende Juli  gewarnt: Sie müssen aufpassen, dass Sie sich nicht wieder in eine Art kleinen Burnout hineinmanövrieren. Das hatte ich, sagte ich der Ärztin, wohl wieder geschafft. Genauso hatte es sich angefühlt. Sie sah mich nachdenklich an. Sie müssen lernen, Pausen zu machen.

Wir besprachen, welche Gruppen und Therapien ich diese Woche noch besuchen sollte, so dass ich nicht zu viel machte. Außerdem trug sie mir auf, einen detaillierten Zeitplan für das Wochenende zu schreiben – mit ausreichend Pausen. Dann blickte sie mich lächelnd an: Und vergessen Sie nicht – Sie haben einen Weg gefunden, sich wieder einzufangen. Seien Sie darauf stolz! Das ist ein riesiger Schritt. Damit verabschiedete sie sich, bat mich, das Zimmer zu verlassen und Ruth, meine Zimmerkollegin, hineinzurufen, die auch bei ihr in Behandlung war. Dann saß ich draußen auf einem der an die Wand montierten Stühle und wartete, bis das das rote Licht an unserem Zimmer wieder auf grün schaltete und die Ärztin es wieder verließ.

Sie hatte absolut Recht. Es hatte mich zwar unglaublich viel Kraft, Energie und Zeit gekostet. Aber ich hatte zum ersten Mal wieder die Kontrolle über meinen Kopf behalten!