Dem Hengst seine Weide

Dienstag, 20. Oktober. Verabschiedung der Tanzlehrerin (die alte Oma war schon lange weg), ich hatte meinen Tisch mittlerweile, bis auf Tina, komplett überlebt. Letzte Woche in der Burnout-Gruppe. Mit dem Skript war ich wirklich so gut wie durch und ich war froh, dass ich bald raus war.

Heute waren der Hengst und der Beamte da. Es war also wieder eine Monologstunde. Die uns allen ziemlich auf die Nerven fiel. Von uns anderen kam kaum jemand zu Wort. Die dürre Frau mit der Hakennase versucht es ab und an, versucht den jeweils Monologisierenden zu beschwichtigen und eigenen Ideen anzubringen, aber meistens wurde auch sie abgewürgt. Beim Beamten, weil er einfach in seinem Gedankenkonzept dermaßen unflexibel war, dass er es nicht schaffte, eine Idee, die einem anderen als dem seinen Gehirn entsprungen war, auch nur zu betrachten, und beim Hengst, weil er einfach alles besser wusste.

Kurz vor der Pause arbeiteten wir in einer Gruppenarbeit an unseren „Zielen und Werten“. Ich hatte eine gute Gruppe erwischt, mit meiner Zimmernachbarin und einer älteren Frau, die zehn Jahre vor dem Ruhestand nun vor der Aufgabe stand, ihr Leben umzukrempeln. Neben uns hatte die Apothekerin ein schweres Los. Sie war in einer Gruppe mit dem Hengst und dem Beamten. Sie war ein herzensguter Mensch, eher ruhig und zurückhaltend veranlagt und kam in dieser Runde natürlich überhaupt nicht zu Wort. Die Diskussion – oder vielmehr das abwechselnde Anbringen gegenteiliger Meinung – zwischen Hengst und Beamten konnten wir alle verfolgen. Die beiden waren so laut, dass ich es kaum noch aushielt. Ich war immer noch sehr lautstärkenempfindlich, aber auch die anderen waren sichtlich genervt, so dass irgendwann die resolute ältere Dame in meiner Gruppe unvermittelt eine Ansage machte. Dann war Ruhe. Schließlich forderte uns die Therapeutin auf, unsere Ergebnisse auf die Fragen vorzustellen. Es ging um den „roten Faden“ in unserem bisherigen Leben und wie der Burn-out unser Lebenskonzept verändert hat. Wie immer beherrschte der Hengst die Diskussion. Und in diesem Fall war es nicht einfach nur nervig, weil es um seine eigene Geschichte ging, die wir nun alle schon zur Genüge kannten, sondern schlichtweg, wie ich zumindest fand, falsch. Außerdem war ich mittlerweile ein wenig streitlustig. Es ging nun darum, was uns das Gefühl gab, wertvoll zu sein. Denkt doch mal einen kurzen Moment darüber nach – was gibt euch eigentlich das Gefühl, wertvoll zu sein?

In unserer Gruppe waren wir uns recht einig gewesen. Liebe, Familie, Freundschaft und, für mich zumindest, Glaube. Natürlich gab es da den einen oder anderen kleinen Unterschied. Wir waren aber jedoch alle der Meinung, dass wir uns gerade dann am wertvollsten fühlten, wenn wir so akzeptiert wurden, wie wir waren, ohne dafür eine Leistung bringen zu müssen.

Der Hengst, mit schwieriger Kindheit – wir kannten mittlerweile auch seine ganze Lebensgeschichte – hat da natürlich eine etwas andere Ansicht. Das war ja auch gar nicht das Problem. Er definierte sich eben einzig und allein über seinen Verstand, seine Fähigkeiten. Das Problem war viel mehr, dass er uns unsere andere Ansicht nicht zugestehen wollte. Mittlerweile war ich tierisch genervt und sah es nicht mehr ein, einen auf lieb Kind zu machen und dem Hengst seine Weide so kampflos zu überlassen – auch wenn mir die Weide genaugenommen völlig egal war. Mit einer diebischen Freude hielt ich dagegen und ließ mich, nun erst recht nicht mehr, von Seneca und Platon, die er zu seiner Argumentation heranzog, beeindrucken. Da wir ungebildete Bande offensichtlich von diesen großen Gelehrten noch nie etwas gehört hatten oder, noch schlimmer, ihre Lehren ignorierten, schwang er sich zu einer regelrechten Lehrstunde über deren Philosophie auf. Keine Ahnung, wie intensiv sich die anderen in der Runde zuvor mit Platon und Seneca beschäftigt hatten, aber in der Runde saßen unter anderem: Eine Pharmazeutin, eine Lehrerin, ein Beamter, ein Arbeitgebervertreter, eine studierte Sozialpädagogin und, nicht zu vergessen, die Psychologin. Die ließ sich schließlich dazu hinreißen, ihn zu fragen, ob er denn Platon und Seneca auf Latein gelesen hatte? Ich konnte mir das Lachen kaum noch verbeißen. Er aber antwortete todernst, dass er es bis heute bereue, nicht besser Latein und Altgriechisch oder höhere Mathematik gelernt zu haben. Schließlich wäre er intelligent genug dazu. Gott. Es kostete mich alle Kraft, nicht in lautes Gelächter auszubrechen. Ich hatte Tränen in den Augen stehen. Die Therapeutin beendete die Diskussion – wir waren sowieso bei der letzten Frage gewesen – und schickte uns in die Pause.

Nach der Pause ging es dann schließlich fünf Minuten gut. Der Beamte monologisierte wieder – die Welt war schlecht und alle hier wollte ihm einreden, selbst so schlecht zu werden – so zumindest interpretierte er die Aussage der Therapeutin, sie könne nicht seine Kollegen therapieren, sie seien schließlich nicht hier und er müsse folglich an sich selbst arbeiten. Die dürre Dame wollte helfen, ihm erklären, wie die Therapeutin das wohl gemeint hatte, und berichtete aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz. Ich fand, es war ein hilfreicher Beitrag. Erzürnt griff der Hengst in das Geschehen ein, sagte, dass die Therapeutin dass ja sehr wohl genauso gesagt hatte, wie der Beamte uns das dann wiedergab. Daraufhin protestierten ich, meine Zimmerkollegin und die Dürre. Und der Hengst stieg auf seine Hinterbeine, wieherte, dass er sehr wohl wisse, was er gesagt habe, er lasse sich das hier nicht bieten, schließlich habe er einen IQ von 120 (oder auch 140, so genau weiß ich es nicht mehr) und verließ schnaubend den Therapieraum.

Stille. Wir waren perplex. Alle, samt der Therapeutin. Keiner konnte sich so recht erklären, was da gerade passiert war. Aber gut. Wir machten weiter. Keine zehn Minuten später, der Beamte lamentierte immer noch. Und machte den Fehler, in einem Raum mit 80% Frauenanteil, auf seine Kolleginnen zu schimpfen, die eine nach der anderen die Frechheit besaßen schwanger zu werden… wie der Satz weitergehen sollte, keine Ahnung. Nun war nicht nur mir der Kragen endgültig geplatzt. Zu fünft warfen wir ihm nun lautstark entgegen, dass es jetzt wirklich genug sei, er seinen Mund halten sollte und seine Kolleginnen verdammt noch mal das gute Recht hatten, schwanger zu werden, wann sie wollten – wo er denn seine Kinder sonst mal herbekommen wollen würde? Und zack, verließ der Nächste wutschnaubend den Raum.

Stille. Again. Nun waren wir nicht mehr perplex, sondern regelrecht schon fasziniert von der Wirkung, die unser Protest gehabt hatte. Dann kommt endlich mal wieder jemand anderes zu Wort, entfuhr es mir. Wir gingen zur Tagesordnung über. Der Rest der Stunde verlief in freundlicher Atmosphäre, ohne Zwischenfälle.

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Wieder in einer Umkleidekabine!

Heute ist der 19. Oktober. Morgen geht die Tanzlehrerin, die am gleichen Tag wie ich ankam, wieder nach Hause. Aber Zeit hat seine Bedeutung schon lange verloren.

Heute war – zumindest bisher – ein guter Tag. Um acht, wie jeden Montag und Mittwoch und Freitag, war ich mit Johanna laufen. Raus aus der Klinik, raus aus dem kleinen Ort, eine schmale Landstraße entlang, die sich zwischen frisch gepflügten und mit bunter Zwischenfrucht besäten Feldern hindurchschlängelt. Rückzu kommen wir jeden zweiten Tag bei einer kleinen Schafherde vorbei und hören rechter Hand einen kleinen Bach plätschern. Wir liefen die Runde zwar nicht komplett durch, das Geh-Intervall war aber immerhin sehr kurz.

Danach hatte ich endlich einmal wieder Zeit, um ausführlich zu duschen, meine Haare zu föhnen und zu glätten. Ich schminkte mich sogar – mit Wimperntusche und dem neuen, knallroten Lippenstift und machte mich auf den Weg zu meinem Auto. Für heute Vormittag hatte ich mir Großes vorgenommen: Shoppen.

Weiter als fünf Meter bin ich seit Anfang August nicht mehr in ein Bekleidungsgeschäft vorgedrungen. Die fünf Meter habe ich Ende letzter Woche in Begleitung geschafft. Heute also wollte ich mindestens bis ganz zum Ende des kleinen H&Ms gehen und die Kleider auch anfassen. Und vor allen Dingen mehr als zehn Minuten in dem Geschäft verbringen.

Und es ging richtig gut! Ich fühlte mich zwar unglaublich unwohl und ertappte mich selbst dabei, wie ich mir selbst einredete, dass es „sowieso nur lauter greislige Sachen“ gäbe, aber immerhin: Es fiel mir selbst auf. Und auch das bewusste Anfassen der Kleider tat gut: So hatte mein Kopf etwas Reales im Hier und Jetzt, auf das er sich zu konzentrieren hatte, und damit keine Zeit, abzudriften. Es ging schließlich so gut, dass ich mich entschloss, etwas anzuprobieren. Das Kleid war blau, ein angenehmer, dicker Stoff und im Rücken mit einem langen Reißverschluss versehen, so dass ich es nicht über den Kopf ziehen müsste. Es klappte gut. Nach wie vor fühlte ich mich nicht ganz wohl in meiner Haut und auf dem Weg zur Kabine, die natürlich so weit wie nur möglich vom Ausgang entfernt lag, warf ich immer wieder einen Kontrollblick zurück Richtung Straße, aber ich bekam kein Brust- oder Herzstechen oder Zittern. Auch nicht, als ich das Kleid probierte. Es war etwas zu klein und vor allem zu kurz (lieber H&M, ich habe fünf Kilo abgenommen und passe trotzdem auf einmal nicht mehr in eine 38?!), also nahm ich es nicht mit. Aber das war ja auch gar nicht meine Absicht gewesen. Ich hatte ein Kleid anprobiert! In einer Umkleidekabine! Und es ging gut! Tschakka! Sehr stolz und hocherfreut verließ ich den Laden. Klar, es war Montagvormittag, halb elf, es gab wohl kaum eine Uhrzeit und vor allen Dingen auch kaum einen Ort, an dem ein H&M leerer war, und mein Stresslevel war zuvor bei beinahe null gewesen, aber trotzdem!

Von meinem kleinen Erfolg angespornt ging ich auch gleich in das Geschäft nebenan – in das, vor dem noch vor fünf Wochen eine unsichtbare Wand stand. Und siehe da, ich konnte auch dort hineingehen, aber das Geschäft war dunkler und unordentlicher und irgendwie war das nicht annähernd so gut wieder H&M. Im hinteren Drittel fing auch das Bruststechen an. Ich hielt es noch ein Weilchen aus. Aber gut. Für den ersten Versuch, fand ich, war das richtig gut. Ich war dennoch sehr erleichtert, als ich auch aus dem zweiten Geschäft wieder draußen war. Die Expo war hiermit beendet. Im Anschluss belohnte ich mich mit vier Büchern, zwei Leinwänden und etwas Weihnachtsdeko… 120 € in einem Buchladen auszugeben, ist selbst für mich ein neuer Rekord… und einer neuen Laufhose (die gab es bei tschibo, das zählt nicht als Bekleidungsgeschäft).

Stolz wie Oskar stattete ich noch kurz dem Lechwehr meinen Besuch ab, schickte das Umkleidekabinenfoto stolz an meine Mutter, eine Schwester und Johanna und fuhr zurück in die Klinik. Ich war in Hochstimmung! Das Lächeln stahl sich auf mein Gesicht und blieb erst einmal da.

Etwa eine halbe Stunde später gab es Mittagessen, ich hatte vergessen zu bestellen. Ich hatte Glück und musste nicht warten, bis etwas überblieb, sondern bekam gleich ein Hühnchen mit Gemüse und Kartoffeln. Aber irgendwie war mein Appetit – noch vor einer halbe Stunde hatte ich richtig Hunger gehabt – weg. Das waren wohl schon wieder zu viele Emotionen gewesen. Später, nach der Kunsttherapie in der freien Gruppe, fühlte ich mich dann richtig schlapp. Irgendwie beinahe schon krank. Nicht schon wieder! Aber es wurde wieder besser, meine ersten Töpfersachen sind fertig geworden, und ich gehe nun noch, wieder mit Johanna, eine Runde spazieren. Abends geht es dann zum Abschiedsessen mit meinen Tischnachbarinnen.

Beate

Heute stelle ich euch meine neue beste Freundin, die Beate vor. Die ist auch gut bekannt mit einer anderen, neuen Bekannten, der Amygdala.

Nachdem in einem eher ausschweifenden Blitzlicht meine Therapeutin in Sachen Wiedereingliederung den Degen niedergelegt hatte und meine Wut verraucht war, gingen wir zur Tagesordnung über. Chris hatte heute, zum zweiten Mal überhaupt, ein Thema. Er war, wie bereits erwähnt, wegen Agoraphobie da. Darum ging es aber diesmal gar nicht. Er hatte einen riesigen Schritt gewagt und alle seine Medikamente abgesetzt. Zum einen kämpfte er nun seit zwei Wochen mit den Entzugserscheinung, zum anderen wusste er jetzt, wo sie nicht mehr gedämpft wurden, einfach nicht mehr wohin mit seinen Emotionen. Ich hatte es beim Volleyball auch schon bemerkt – teils wurde er nun richtig aggressiv, selbst beim kleinsten Auslöser. Er wollte nun also wissen, wie er denn damit umgehen sollte, oder besser, wie er seine Gefühle, die ja offensichtlich da waren, irgendwie in Schach bekommen konnte. Ignorieren ging nämlich nicht.

Da kommt die gute Amygdala ins Spiel. Die Amygdala, oder Mandelkern, steuert, vereinfacht gesagt, entsprechend den Sinnesreizen, die wir wahrnehmen, Emotionen aus. Das ganze geschieht unbewusst und noch bevor wir aktiv, bewusst und verstandesbetont auf diese reagieren können.

Erinnert ihr euch beispielsweise noch an  Ex-Ex-Freund, von dem ich vor Monaten geschrieben habe? Fast zwei Jahre später, man sollte vielleicht hinzufügen, dass es mir zu diesem Zeitpunkt schon überhaupt nicht mehr gut ging und ich zudem auch nicht ganz nüchtern war (Alkohol und Amygdala verstehen sich suuuuper…), war ich mit meinem damals aktuellen Freund auf einer Party. Ich kenne beinahe niemanden außer ihm. Er verschwindet auf die Toilette. Er ist lange weg. Und zufällig bemerke ich, dass auch seine Ex-Freundin, die ich an dem Abend zum ersten Mal sah, auch weg ist. Dejà-vu. Zack. Plötzlich war ich nur noch Gast in meinem Film. Mein Körper spielte automatisch absolute Panikreaktionen ab, ich hatte Mühe, mich vor einer Flucht (d.h. wie damals abhauen) – oder Angriffsreaktion (d.h. schreiend die Toiletten stürmen) abzuhalten. Und das alles, obwohl ich ganz genau wusste, dass dieser Moment überhaupt nichts mit dem vor zwei Jahren zu tun hatte und ich mir wirklich, wirklich keine Sorgen machen musste. Zumindest nicht wegen der Ex-Freundin. Ich hatte kaum eine Chance gegen mein Unterbewusstsein, ich wusste gar nicht so recht, was los war.

Das war nun ein Extrembeispiel. Aber so schaltet die Amygdala oft heftige emotionale Reaktionen zu einer Wahrnehmung, bevor wir bewusst dagegen steuern können. Oft nehmen wir die Reaktion auch gar nicht als abnormal wahr. Wir spüren sie ja, wie jede angemessene Reaktion auch. Also muss sie doch okay sein. Das Problem ist also, erst einmal herauszufinden, welche Emotion angemessen ist und welche die gute Amygdala übersteuert.

Das war auch genau das, was nun Chris wissen wollte. Wie zum Teufel kann ich Gefühle, die nun einmal da sind, und heftig da sind, einfach „weg“ machen? Die Antwort darauf weiß BEATE:

Benennen des aktuellen Gefühls

Erkennen des biographischen Zusammenhangs

Anerkennen der Dysfunktionalität (oder „Realitätscheck“)

Trennen von spontanem Verhaltensimpuls

Einüben / Experimentieren mit einem neuen Verhaltensmuster entsprechend des eigentlichen Bedürfnisses

Also:

B:

Mein Gefühl war, extremst verletzt worden zu sein.

E:

Der biographische Zusammenhang war in diesem Fall überdeutlich, habe ich ja schon erwähnt.

A:

Ich erkannte, dass die Situation zwar ähnlich war, aber nicht gleich und vor allem die handelnden Personen und deren Vorgeschichte eine ganz andere war.

T:

Ich trennte mich (wenn auch nur unter höchstem Kraftaufwand) von einem unsinnigem Flucht- oder Angriffsimpuls.

E:

Probierte eine neues Verhalten aus: Nämlich ruhig, ohne Vorwurf (zumindest dachte ich, dass es so wäre), das Thema sofort anzusprechen.

Der Abend endete zwar trotzdem nicht wie gewünscht. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Das Karussell ist wieder da…

Wer mit der Burn-Out-Gruppe fertig ist – das sind ca. vier Wochen – verlässt dann in der Regel zwei Wochen später die Klinik und beginnt wieder zwei Wochen später mit der Eingliederung. Ich habe zwar immer noch keinen Entlasstermin, der ursprüngliche war vor zwei Wochen auf unbestimmte Dauer verschoben worden, aber allein die Möglichkeit, dass ich Mitte November eventuell schon wieder arbeiten müsste, machte mich panisch. Ich war froh über jeden normalen Tag, den ich ohne Depressionen, Angst- oder Erschöpfungszustände verbrachte. Ich war froh, wenn ich den Klinikalltag gut bewältigen konnte. Nach einer Stunde kochen brauchte ich zwei Stunden Pause. Meine Konzentration verabschiedete sich nach wie vor nach spätestens einer Stunde. Ich hatte seit drei Monate nicht mehr in meiner eigenen Wohnung übernachtet, weil ich nicht gut allein sein konnte. Ich hatte Schwierigkeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln, mir war an manchen Tagen das Ticken der Uhr zu laut. Die Urlaubsvertretung meiner Therapeutin schaffte es relativ pragmatisch, diese Angst zu verscheuchen. Jetzt schauen sie erst einmal, dass sie wieder wissen, wer sie sind und was sie wollen. So lange es ihnen nicht gut geht, werden sie krankgeschrieben werden. Das beruhigte mich ungemein.

Keine Woche später hatte ich wieder einen Termin mit meiner eigentlichen Therapeutin, die gerade wieder aus dem Urlaub zurück war.

Wir müssen uns ja noch über ihre Entlassung unterhalten. Am 5. November ist ja der Termin. Was haben sie denn mit der Sozialberatung wegen der Eingliederung besprochen?

Mir blieb der Mund offen stehen, zack, war die panische Angst, die ich erst vor wenigen Tagen mühsam begraben hatte, wieder da.

Aber, davon weiß ich ja noch gar nichts.

Ach so? Ja, dann wurde das wohl vergessen. Es folgte eine kurze Diskussion, in der ich versuchte, meinen Standpunkt auszudrücken, aber ich war so überrumpelt, dass ich die naheliegendsten Argumente – wie etwa „dazu bin ich geistig und körperlich noch nicht in der Lage“ – nicht mehr fand.

Ich bekam also den Auftrag, mich am nächsten Tag bei der Sozialberatung anzumelden.

Nachdem der erste Schock verdaut war, wurde ich wütend. Und panisch. Und ängstlich. Und nervös.

Der Tornado in meinem Kopf legte wieder los. Wieder und wieder spielte sich in meinem Kopf die Szene ab, wie schon so oft verfluchte ich mich auch diesmal, nicht besser reagiert zu haben, ich zählte in meinem Kopf die einzelnen Gründe auf, die es mir unmöglich machten, in fünf Wochen wieder zu arbeiten. Ich kann in München nicht U-Bahn fahren – wie soll ich dann einen Termin in Hamburg wahrnehmen? Dazu müsste ich fliegen. Ich habe noch nicht einmal ein – von der Belastung her normales – Wochenende oder zwei Tage am Stück durchgestanden. Wie sollte ich da wieder arbeiten gehen können? Ich hielt es nach wie vor nicht länger als eine Stunde am Stück in der Cafeteria aus. Wie sollte ich dann mehrere Stunden in einem Vierzig-Mann-Großraumbüro überleben? Allein beim Gedanken daran zog sich bei mir alles zusammen. Ich überlegte hin und her, wappnete mich innerlich für einen Kampf gegen die Therapeuten und die Krankenkasse, ich war nicht mehr in der Lage, aus dem Karussell auszusteigen.

Wenn ich mich beschäftigte, stand es kurzzeitig still. Bei nächster Gelegenheit fuhr es wieder los. Immer schneller. Schließlich lag ich abends im Bett und hatte, genau wie während der letzten Wochen, in denen ich noch arbeitete, das Gefühl, wahnsinnig zu werden, wenn mein Kopf nicht bald aufhörte, sich immer weiter zu kreisen. Ich versuchte es etwa eine Stunde mit schlafen. Keine Chance. Entnervt schaltete ich das Licht wieder an – meine zwei Zimmernachbarinnen freuten sich sicher wie Schnitzel – schnappte mir einen Pullover und marschierte nach unten zur Medizinischen Zentrale. In meinem rosafarbenen-Snoopy-Satin-Schlafanzug, einem grauen Sweatshirt mit großen, bunten Kreisen darauf und Haaren, die kreuz und quer standen. Ich wollte ein Mittel, dass mich ausknockte. Irgendetwas, das so stark war, dass ich meinen Kopf und das verdammte Karussell loswurde. Am besten ein Betäubungsmittel.

Bei mir war keine Bedarfsmedikation festgelegt – abends hatte ich bis vor wenigen Wochen ja die entspannenden Mirtazapin genommen. Das Beste, was sie mir anbieten konnte, waren Baldrian-Pastillen, die wie weiße Smarties aussahen. Herzlichen Glückwunsch. Ich war nicht gerade hocherfreut darüber und stellte mich gedankliche auf eine katastrophale Nacht ein.

Wieder im Bett schrieb ich noch eine Weile mit meiner Schwester hin und her. Und irgendwann wurde ich müde. Ich schlief ein. Ich schlief tief und fest, träumte mal wieder komische, aber immerhin positive Träume. Beim ersten Schrillen des Weckers um 7:00 Uhr war das Karussell wieder da. Also stand ich, ganz entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, auf. Frühstückte etwas, obwohl mir eher schlecht war. Um acht war Walken. Das Laufen würde gut tun, da könnte ich mich etwas auspowern und der geistigen Erschöpfung eine körperliche entgegenstellen. Und eigentlich würde ich auch gerne davonlaufen. Ich hatte im Kopf am Vortag bereits Szenarien durchgespielt, wie ich dem Ganzen entfliehen könnte. Was passieren würde, wenn ich aus der Klinik abhauen würde. Generell einfach davonlaufen? Als wir auf die Therapeutin warteten, die uns in der Anwesenheitsliste abhakte, kam ich mit einem Mitpatienten ins Gespräch und irgendwie auf das Thema zu sprechen. Er meinte nur – naja, in der Regel kann man mit denen ja auch reden. Wenn’s nicht geht, geht’s halt nicht. Er war Traumapatient, die haben in der Regel eine große Erfahrung ,was Kliniken und Krankenkassen betrifft, insofern beruhigte mich das etwas. Das Laufen tat sehr gut. Danach wartete ich während der zehnminütigen Sprechzeit vor dem Stationszimmer auf die Therapeutin, die mich während der Urlaubsvertretung betreut hatte. Ich wollte gern zu ihr wechseln. Ich hatte das Gefühl, sie verstand mich besser. Aber sie kam nicht. Also musste ich wieder los, sonst würde ich es nicht mehr schaffen zu duschen, bevor die Gruppe begann. Die auch noch mit meiner Therapeutin war. Die gerade einer der letzten Menschen war, die ich sehen wollte.

Die Gruppe beginnt immer mit einem kurzen Stimmungsblitzlicht – jeder sagt, wie es ihm gerade geht. Ich sagte, etwas zögerlich: Super angespannt, wütend, ängstlich, beinahe schon panisch. Sie fragte direkt zurück: Auf mich? Ich erklärte ihr das, holte kurz aus – länger als bei einem Blitzlicht eigentlich üblich – was für panische Angst ich derzeit noch davor hatte, wieder arbeiten zu gehen, weil ich einfach spürte, dass sowohl Kopf und Körper noch nicht annähernd bereit dafür waren. Plötzlich zeigte sie Verständnis. Versprach mir, dass wir das Thema noch einmal näher besprechen würden. Danach war ich etwas erleichterter. Die Wut verraucht. Therapeuten sind auch nur Menschen.

Morgen ist das nächste Therapiegespräch. Ich bin gespannt. Aber jetzt wieder zuversichtlich. Den Termin bei der Sozialtherapie habe ich trotzdem.

 

 

Alltag in der Klinik

Montagmorgen. Der mittlerweile 9. Montag in Folge in einer Klinik. Ein Stück Knoten war entwirrt. Aber das Knäuel, das noch übrig war, war immer noch größer. Und ich immer noch im negativen Energiebereich. Die größte Sorge hatte mir die Therapeutin letzte Woche genommen. Ich war etwas erleichtert.

Das Wochenende war okay gewesen. Irgendwie komisch ohne Schwester. Ich war ziemlich antriebslos gewesen. Hatte nicht viel gemacht. Jetzt war ich wieder in der Klinik, mit Johanna beim Laufen gewesen um acht. Das tat gut, auch wenn in den letzten Tagen meine Hüfte wieder begonnen hatte zu mucken. Und neuerdings hatte ich unter dem linken Schulterblatt eine steinharte Verspannung, die ich beinahe bei jeder Bewegung meines Arms spürte. Am Mittwoch war wieder Damensauna. Die Infrarotkabine dort war das Einzige, was diesen Knopf löste.

Ins Klinikleben hatte ich mich mittlerweile total eingewöhnt, ich war ja nun auch schon ein „alter Hase“. Ich hatte nach wie vor nicht besonders tiefergehenden Kontakt mit anderen Mitpatienten außer Johanna, aber ich ging gern abends zum Volleyballspielen oder hin und wieder in den Kunstraum und malte oder töpferte abends. Tagsüber machte ich den ein oder anderen Ausflug, manchmal musste man einfach hier raus. Ich machte für mich ein bisschen Yoga, schrieb, las, ging mit Johanna lange Runden spazieren, malte in meinem Malbuch ein Tier nach dem anderen und zuletzt hatte ich mich an ein großes Puzzle gewagt. Da saß ich, wenn ich das Gefühl hatte, Ruhe zu brauchen, also wenige Reize für meinen Kopf, aber doch Beschäftigung zu brachen, und puzzelte. Es dauert zwei Wochen, bis das erste Puzzle fertig war. Aber es wurde fertig.

Ich hatte nach wie vor keine große Lust, Zeitung zu Lesen. Ich war immer noch viel zu sehr mit mir beschäftigt, als dass ich Energie übrig gehabt hätte, um mir um Dinge wie die Flüchtlingskrise Gedanken zu machen oder mit den Flüchtlingen Mitleid zu haben. Aber ich schnappte mir seit einiger Zeit jeden zweiten Tag abends, wenn der Kiosk schloss, die Abendzeitung, um das Sudoku zu lösen, mein kognitives Training. Mittlerweile schaffte ich, wenn ich mir Zeit ließ und Pausen einlegte, sogar das Mittelschwere.

Mit dem Zimmer hatte ich nach wie vor Glück: Sechs Wochen lang waren wir nur zu zweit gewesen. Seit letztem Mittwoch waren wir nun zu dritt. Eine supernette, etwa 45-jährige Berufsschullehrerin aus Norddeutschland, die Leben in die Bude brachte. Wie ich war sie wegen Burnout hier.

Pawlowsche Hunde

Heute in meiner Lieblings-Gruppe – der Angstgruppe – gab es ein bisschen Theorie: die Angstkurve, „psycho-edukativ“ nannte sich das Ganze. Ich stehe da drauf! Diese Theorien und Graphen kann man wenigstens verstehen.

Jedenfalls, der Gedanke hinter dem Konzept ist: Die Angst steigt nicht, wie von uns angenommen, ins Unermessliche, sondern es gibt einen Punkt, an dem sie nicht mehr steigt, sondern wieder sinkt. Die Angstreaktion ist genau wie die Stressreaktion des Körpers eine Reservefunktion: Sie wird aktiviert, um in bestimmten Situationen „überleben“ zu können. Das Noradrenalin und das Adrenalin, das dabei benötigt wird, ist aber irgendwann wieder aufgebraucht. Und dann hört die Angst auf, dann fallen wir – wie etwa nach einer schweren Prüfung oder einem harten Arbeitstag – in ein Erschöpfungstief.

Wir Angstpatienten sind alle Pawlosche Hunde:

Ich zum Beispiel bekam beim Kleiderkaufen eine Panikattacke. Daraufhin konditionierte sich mein Hirn unbewusst: Kleidergeschäfte sind gefährlich. Dann: Alle Räume, aus denen ich nicht unmittelbar an die frische Luft fliehen kann, sind gefährlich. Sprich: U-Bahn-Fahren ist gefährlich. Und irgendwann, weil auch die Angstreaktion einem Prozess der Generalisierung unterliegt, greift die Angst auf immer weitere Bereiche über. Letzte Woche hatte ich plötzlich Angst, alleine draußen spazieren zu gehen. Ich habe mich dagegen gewehrt und bin los gelaufen. Ich wollte nicht zulassen, dass diese dumme Angst nun wirklich beginnt, mein Leben einzuschränken. Und ich bin wirklich beinahe gelaufen. Erst nach etwa zwei Kilometern – auf der Hälfte der Runde – beruhigte ich mich und konnte mich entspannen. Das Gute ist: Man kann uns – genau wie einen Hund – auch wieder ent-konditionieren, und genau da setzt das Expositionstraining an.

Später im Zimmer kam mir plötzlich: Was für eine Ironie! Eigentlich hätte ich das alles bereits wissen müssen. Ich bin jahrelang Trainerin für Geräteturnen gewesen. Das erste, was du machst, wenn dir ein Kind vom Schwebebalken fällt, ist, es wieder draufzustellen (sofern es keine Verletzung davon getragen hat natürlich), selbst wenn es vor Schreck heult. Und wieder, und wieder. Bis es, allein oder mit Hilfe, klappt. Ich habe das einfach gemacht, weil es mit mir so gemacht wurde und mir später dann auch irgendwie sinnvoll erschien. Jetzt erst erschließt sich mir der Kreis: Wir lassen einer unbewussten Konditionierung (Schwebebalken = böse) gar nicht erst den Hauch einer Chance damit.

 

Urlaubsvertretung

Auch Therapeuten haben Urlaub. Und meine Therapeutin war Anfang Oktober zwei Wochen nicht da. In dieser Zeit würde ich meine beiden Therapiestunden, die ich jede Woche hatte, bei einer Urlaubsvertretung haben. Ich war meiner Ärztin zugeteilt worden. Bisher war sie mir vor allen Dingen als unnahbar und schroff aufgefallen – sie war es gewesen, die mich mit meinen erhöhten Leberwerten und vielen Fragen auf dem Gang stehen gelassen hatte. Die Konferenz (da trafen sich Ärzte und die verschiedensten Therapeuten, um über einen Fall zu diskutieren) würde erst in den nächsten Tagen darüber sprechen, war ihre ganze Antwort.

Ich war alles andere als erfreut über den Therapeutenwechsel. Mit meiner Therapeutin war ich ja ganz gut zurechtgekommen. Und generell ist es auch wenig sinnhaft, eine laufende Therapie zu unterbrechen. Die Ärztin wusste nichts von mir und ich kannte sie genauso wenig. Aber zwei Wochen gar keine Therapie zu haben, war eben auch keine Lösung. Im ersten Termin – sie war beinahe zehn Minuten zu spät, was natürlich von meiner Therapiezeit abgehen würde –  erläuterte ich, warum ich hier war und was ich bis hierhin bereits für Fortschritte gemacht hatte und an was ich noch gerne arbeiten würde. Es war mein Geburtstag – nachmittags, der Tag, an dem es mir so gut ging, wie seit Monaten nicht mehr. Strahlend hatte ich ihr vom Geschenk meiner Kollegen berichtet, dem singenden Luftballon. Sie würde in den zwei Wochen gerne über meine Persönlichkeit sprechen. Das wäre für die zwei Wochen realistisch und ein verhältnismäßig abgeschlossener Block, begründete sie ihre Entscheidung. Ich war einverstanden und so gab sie mir einen Persönlichkeits-Test mit. Mal wieder ein Fragebogen. Er war beinahe so lang wie der Anamnesebogen, ich glaube, acht DIN A4-Seiten. Fragen über Fragen. Von „Ich weiß genau, wie ich das andere Geschlecht beeindrucken kann“ bis „Ich komme ungern zu spät“. Manche Fragen doppelten sich, um Nuancen anders gestellt. Das wichtigste war: Man durfte nicht über die Antworten nachdenken, sondern sollte die Ausprägung ankreuzen, die dem ersten Impuls entsprach.

Ich hatte ihr den Test einen Tag später unter der Tür durchgeschoben. Der zweite Termin in dieser Woche mit ihr entfiel, da sie einen Notfall einschieben musste. Mir ging es sowieso gut, mir war es also ganz recht. Mittlerweile war Dienstag, der zweite Termin also mit ihr. Ich war depri. Nicht so schlimm, wie ich es schon gehabt hatte. Aber doch deutlich. Dass ich heute Mittag, nachdem sie nicht zur Wassergymnastik aufgetaucht war, Johanna völlig verzweifelt und verheult in ihrem Zimmer vorgefunden hatte, hatte meine Laune auch eher wenig gesteigert. Mir ging es immerhin noch besser als Johanna. Aber Johanna ging es gerade wirklich verdammt scheiße.

Ich saß also am Nachmittag wieder bei der Ärztin, die mir nach der ersten gemeinsamen Stunde nicht mehr ganz so unsympathisch war. Wie es mir ginge. Naja. Nicht so gut, und ich wüsste nicht warum. Sie bat mich, zu erzählen, was in den vergangenen Tagen so passiert war, was ich am Wochenende gemacht hatte. Und ich erzählte. Vor allem von meiner Schwester. Sie war am Sonntag nach Berlin abgereist. Und, obwohl ich mir sicher war, dass Berlin die richtige Entscheidung für sie war – und das schon gleich gar keine Entscheidung, in keinerlei Art und Weise, gegen mich war – war ich traurig. Und fühlte mich alleingelassen. Immerhin hatte sie mir in den letzten Monaten unglaublichen Halt gegeben. Da war es wieder. Dieses Gefühl, alleine gelassen zu werden. Die Ärztin war einigermaßen erstaunt, schließlich war ich nur eine Woche zuvor ganz beseelt gewesen von dem tollen Geschenk, den lieben Anrufen und Nachrichten, die ich zu meinem Geburtstag erhalten hatte. Sie forschte nach, warum das so wäre. Ich wusste das. Nicht erst seit der Therapie. Und dennoch hatte ich diesem Trigger nie wirklich etwas entgegen setzen können. Ich wusste um ihn, aber das war es auch. Ich heulte. Wie in beinahe jeder Therapiesitzung bisher. Sie versuchte mich aufzubauen. Wie aus einer intelligenten, jungen Frau mit so vielen Fähigkeiten so ein kleines Häufchen Elend ohne jegliches Selbstvertrauen werden konnte? Sie schaffte es tatsächlich, mich aufzubauen. Und gab mir eine Aufgabe bis zur nächsten Stunde. Ich sollte meine Eltern, meine Schwester, meine beste Freundin und – wenn ich denn noch Kontakt hätte – meine Ex-Partner bitten, mir in Stichworten kurz zu schreiben, was sie an mir lieben/geliebt haben. Ich nickte.

Später erst wurde mir die Ungeheuerlichkeit dieser Aufgabe erst bewusst. Ich sollte anderen Menschen bitte, mir zu sagen, was sie an mir gut fänden. Nach Komplimenten haschen.