Alltag in der Klinik

Montagmorgen. Der mittlerweile 9. Montag in Folge in einer Klinik. Ein Stück Knoten war entwirrt. Aber das Knäuel, das noch übrig war, war immer noch größer. Und ich immer noch im negativen Energiebereich. Die größte Sorge hatte mir die Therapeutin letzte Woche genommen. Ich war etwas erleichtert.

Das Wochenende war okay gewesen. Irgendwie komisch ohne Schwester. Ich war ziemlich antriebslos gewesen. Hatte nicht viel gemacht. Jetzt war ich wieder in der Klinik, mit Johanna beim Laufen gewesen um acht. Das tat gut, auch wenn in den letzten Tagen meine Hüfte wieder begonnen hatte zu mucken. Und neuerdings hatte ich unter dem linken Schulterblatt eine steinharte Verspannung, die ich beinahe bei jeder Bewegung meines Arms spürte. Am Mittwoch war wieder Damensauna. Die Infrarotkabine dort war das Einzige, was diesen Knopf löste.

Ins Klinikleben hatte ich mich mittlerweile total eingewöhnt, ich war ja nun auch schon ein „alter Hase“. Ich hatte nach wie vor nicht besonders tiefergehenden Kontakt mit anderen Mitpatienten außer Johanna, aber ich ging gern abends zum Volleyballspielen oder hin und wieder in den Kunstraum und malte oder töpferte abends. Tagsüber machte ich den ein oder anderen Ausflug, manchmal musste man einfach hier raus. Ich machte für mich ein bisschen Yoga, schrieb, las, ging mit Johanna lange Runden spazieren, malte in meinem Malbuch ein Tier nach dem anderen und zuletzt hatte ich mich an ein großes Puzzle gewagt. Da saß ich, wenn ich das Gefühl hatte, Ruhe zu brauchen, also wenige Reize für meinen Kopf, aber doch Beschäftigung zu brachen, und puzzelte. Es dauert zwei Wochen, bis das erste Puzzle fertig war. Aber es wurde fertig.

Ich hatte nach wie vor keine große Lust, Zeitung zu Lesen. Ich war immer noch viel zu sehr mit mir beschäftigt, als dass ich Energie übrig gehabt hätte, um mir um Dinge wie die Flüchtlingskrise Gedanken zu machen oder mit den Flüchtlingen Mitleid zu haben. Aber ich schnappte mir seit einiger Zeit jeden zweiten Tag abends, wenn der Kiosk schloss, die Abendzeitung, um das Sudoku zu lösen, mein kognitives Training. Mittlerweile schaffte ich, wenn ich mir Zeit ließ und Pausen einlegte, sogar das Mittelschwere.

Mit dem Zimmer hatte ich nach wie vor Glück: Sechs Wochen lang waren wir nur zu zweit gewesen. Seit letztem Mittwoch waren wir nun zu dritt. Eine supernette, etwa 45-jährige Berufsschullehrerin aus Norddeutschland, die Leben in die Bude brachte. Wie ich war sie wegen Burnout hier.

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Pawlowsche Hunde

Heute in meiner Lieblings-Gruppe – der Angstgruppe – gab es ein bisschen Theorie: die Angstkurve, „psycho-edukativ“ nannte sich das Ganze. Ich stehe da drauf! Diese Theorien und Graphen kann man wenigstens verstehen.

Jedenfalls, der Gedanke hinter dem Konzept ist: Die Angst steigt nicht, wie von uns angenommen, ins Unermessliche, sondern es gibt einen Punkt, an dem sie nicht mehr steigt, sondern wieder sinkt. Die Angstreaktion ist genau wie die Stressreaktion des Körpers eine Reservefunktion: Sie wird aktiviert, um in bestimmten Situationen „überleben“ zu können. Das Noradrenalin und das Adrenalin, das dabei benötigt wird, ist aber irgendwann wieder aufgebraucht. Und dann hört die Angst auf, dann fallen wir – wie etwa nach einer schweren Prüfung oder einem harten Arbeitstag – in ein Erschöpfungstief.

Wir Angstpatienten sind alle Pawlosche Hunde:

Ich zum Beispiel bekam beim Kleiderkaufen eine Panikattacke. Daraufhin konditionierte sich mein Hirn unbewusst: Kleidergeschäfte sind gefährlich. Dann: Alle Räume, aus denen ich nicht unmittelbar an die frische Luft fliehen kann, sind gefährlich. Sprich: U-Bahn-Fahren ist gefährlich. Und irgendwann, weil auch die Angstreaktion einem Prozess der Generalisierung unterliegt, greift die Angst auf immer weitere Bereiche über. Letzte Woche hatte ich plötzlich Angst, alleine draußen spazieren zu gehen. Ich habe mich dagegen gewehrt und bin los gelaufen. Ich wollte nicht zulassen, dass diese dumme Angst nun wirklich beginnt, mein Leben einzuschränken. Und ich bin wirklich beinahe gelaufen. Erst nach etwa zwei Kilometern – auf der Hälfte der Runde – beruhigte ich mich und konnte mich entspannen. Das Gute ist: Man kann uns – genau wie einen Hund – auch wieder ent-konditionieren, und genau da setzt das Expositionstraining an.

Später im Zimmer kam mir plötzlich: Was für eine Ironie! Eigentlich hätte ich das alles bereits wissen müssen. Ich bin jahrelang Trainerin für Geräteturnen gewesen. Das erste, was du machst, wenn dir ein Kind vom Schwebebalken fällt, ist, es wieder draufzustellen (sofern es keine Verletzung davon getragen hat natürlich), selbst wenn es vor Schreck heult. Und wieder, und wieder. Bis es, allein oder mit Hilfe, klappt. Ich habe das einfach gemacht, weil es mit mir so gemacht wurde und mir später dann auch irgendwie sinnvoll erschien. Jetzt erst erschließt sich mir der Kreis: Wir lassen einer unbewussten Konditionierung (Schwebebalken = böse) gar nicht erst den Hauch einer Chance damit.

 

Urlaubsvertretung

Auch Therapeuten haben Urlaub. Und meine Therapeutin war Anfang Oktober zwei Wochen nicht da. In dieser Zeit würde ich meine beiden Therapiestunden, die ich jede Woche hatte, bei einer Urlaubsvertretung haben. Ich war meiner Ärztin zugeteilt worden. Bisher war sie mir vor allen Dingen als unnahbar und schroff aufgefallen – sie war es gewesen, die mich mit meinen erhöhten Leberwerten und vielen Fragen auf dem Gang stehen gelassen hatte. Die Konferenz (da trafen sich Ärzte und die verschiedensten Therapeuten, um über einen Fall zu diskutieren) würde erst in den nächsten Tagen darüber sprechen, war ihre ganze Antwort.

Ich war alles andere als erfreut über den Therapeutenwechsel. Mit meiner Therapeutin war ich ja ganz gut zurechtgekommen. Und generell ist es auch wenig sinnhaft, eine laufende Therapie zu unterbrechen. Die Ärztin wusste nichts von mir und ich kannte sie genauso wenig. Aber zwei Wochen gar keine Therapie zu haben, war eben auch keine Lösung. Im ersten Termin – sie war beinahe zehn Minuten zu spät, was natürlich von meiner Therapiezeit abgehen würde –  erläuterte ich, warum ich hier war und was ich bis hierhin bereits für Fortschritte gemacht hatte und an was ich noch gerne arbeiten würde. Es war mein Geburtstag – nachmittags, der Tag, an dem es mir so gut ging, wie seit Monaten nicht mehr. Strahlend hatte ich ihr vom Geschenk meiner Kollegen berichtet, dem singenden Luftballon. Sie würde in den zwei Wochen gerne über meine Persönlichkeit sprechen. Das wäre für die zwei Wochen realistisch und ein verhältnismäßig abgeschlossener Block, begründete sie ihre Entscheidung. Ich war einverstanden und so gab sie mir einen Persönlichkeits-Test mit. Mal wieder ein Fragebogen. Er war beinahe so lang wie der Anamnesebogen, ich glaube, acht DIN A4-Seiten. Fragen über Fragen. Von „Ich weiß genau, wie ich das andere Geschlecht beeindrucken kann“ bis „Ich komme ungern zu spät“. Manche Fragen doppelten sich, um Nuancen anders gestellt. Das wichtigste war: Man durfte nicht über die Antworten nachdenken, sondern sollte die Ausprägung ankreuzen, die dem ersten Impuls entsprach.

Ich hatte ihr den Test einen Tag später unter der Tür durchgeschoben. Der zweite Termin in dieser Woche mit ihr entfiel, da sie einen Notfall einschieben musste. Mir ging es sowieso gut, mir war es also ganz recht. Mittlerweile war Dienstag, der zweite Termin also mit ihr. Ich war depri. Nicht so schlimm, wie ich es schon gehabt hatte. Aber doch deutlich. Dass ich heute Mittag, nachdem sie nicht zur Wassergymnastik aufgetaucht war, Johanna völlig verzweifelt und verheult in ihrem Zimmer vorgefunden hatte, hatte meine Laune auch eher wenig gesteigert. Mir ging es immerhin noch besser als Johanna. Aber Johanna ging es gerade wirklich verdammt scheiße.

Ich saß also am Nachmittag wieder bei der Ärztin, die mir nach der ersten gemeinsamen Stunde nicht mehr ganz so unsympathisch war. Wie es mir ginge. Naja. Nicht so gut, und ich wüsste nicht warum. Sie bat mich, zu erzählen, was in den vergangenen Tagen so passiert war, was ich am Wochenende gemacht hatte. Und ich erzählte. Vor allem von meiner Schwester. Sie war am Sonntag nach Berlin abgereist. Und, obwohl ich mir sicher war, dass Berlin die richtige Entscheidung für sie war – und das schon gleich gar keine Entscheidung, in keinerlei Art und Weise, gegen mich war – war ich traurig. Und fühlte mich alleingelassen. Immerhin hatte sie mir in den letzten Monaten unglaublichen Halt gegeben. Da war es wieder. Dieses Gefühl, alleine gelassen zu werden. Die Ärztin war einigermaßen erstaunt, schließlich war ich nur eine Woche zuvor ganz beseelt gewesen von dem tollen Geschenk, den lieben Anrufen und Nachrichten, die ich zu meinem Geburtstag erhalten hatte. Sie forschte nach, warum das so wäre. Ich wusste das. Nicht erst seit der Therapie. Und dennoch hatte ich diesem Trigger nie wirklich etwas entgegen setzen können. Ich wusste um ihn, aber das war es auch. Ich heulte. Wie in beinahe jeder Therapiesitzung bisher. Sie versuchte mich aufzubauen. Wie aus einer intelligenten, jungen Frau mit so vielen Fähigkeiten so ein kleines Häufchen Elend ohne jegliches Selbstvertrauen werden konnte? Sie schaffte es tatsächlich, mich aufzubauen. Und gab mir eine Aufgabe bis zur nächsten Stunde. Ich sollte meine Eltern, meine Schwester, meine beste Freundin und – wenn ich denn noch Kontakt hätte – meine Ex-Partner bitten, mir in Stichworten kurz zu schreiben, was sie an mir lieben/geliebt haben. Ich nickte.

Später erst wurde mir die Ungeheuerlichkeit dieser Aufgabe erst bewusst. Ich sollte anderen Menschen bitte, mir zu sagen, was sie an mir gut fänden. Nach Komplimenten haschen.

6. Oktober

Jetzt bin ich seit vier Wochen hier. Seit knapp zwei Monaten in Kliniken, seit mehr als drei Monaten krankgeschrieben und immer noch kann ich es mir nicht einmal vorstellen, wieder zu Arbeiten. Die meisten, die mit mir ankamen, wissen ihren Entlassungstermin bereits. Ich habe immer noch keinen blassen Schimmer. Gleichzeitig habe ich riesige Angst davor, vielleicht tatsächlich in vier Wochen schon wieder mit der Eingliederung beginnen zu müssen. Ich kann doch nicht einmal mit einer Freundin gemeinsam kochen, ohne dass mein Kopf hinterher wieder sehr deutlich „Überlastung“ meldet. Ich weiß nicht, wohin. Ich weiß nicht, wie.

Meine Schwester ist am Wochenende nach Berlin gezogen. Immerhin schon ein Stück näher als die letzte Station in London. Aber immer noch viel zu weit weg, um spontan in den Arm genommen werden zu können. Ich fühle mich einmal mehr einsam.

Einsam und ziellos. Dann wieder genervt. Ich will einfach nicht mehr heulen. Ich will endlich wieder ein normales Leben führen. Gleichzeitig habe ich Angst davor.

Die Therapiesitzungen sind auch nicht immer einfach. Die Gruppenstunden sind sehr von der Konstellation der Teilnehmer abhängig. Die Schematherapie Angst ist super, ich fühle mich wohl und finde auch den Rahmen, um zumindest hin und wieder offen sprechen zu können. Die Burn-Out-Gruppe, die eher psycho-edukativ angelegt ist, geht mir auf den Senkel. Viele Dinge, dich ich schon weiß, mit dem Beamer an die Wand geworfen. Es fehlt nur das Pult für die Dozentin / Therapeutin. Außerdem fühle ich mich in der Gruppe nicht wohl. Ich bin mit Abstand die Jüngste. Abgesehen von den Symptomen kann ich mich mit den wenigsten Problemen der anderen identifizieren. Ganz anders als in der Angstgruppe und auch anders als zu Beginn meiner Zeit in Windach sind mittlerweile vorrangig Menschen in dieser Therapie, mit denen ich lieber nichts zu tun haben will. Das sind keine angsteinflößenden Menschen, Nerds, Freaks oder sonst wie wirklich komische Leute. Aber einfach niemand, der mir sympathisch ist, keiner, der mir das Gefühl gibt, am richtigen Ort zu sein. Ich will in der Gruppe gar nicht über meine Antreiber, oder noch schlimmer, Gefühle, sprechen. Damit ist das Ziel ziemlich gut verfehlt.

Und auch in der Einzeltherapie geht es langsam ans Eingemachte. Die persönliche Biographie wird erarbeitet – und zwar nicht die berufliche Laufbahn, sondern vor allem die emotionale. Die eigene Persönlichkeitsstruktur. Auch hier habe ich meinen Wortschatz um ein neues erweitern dürfen. Es wird auch bewusst in die Tiefe gegraben. Wo liegt der Ursprung für die eigenen Handlungs- und Denkmuster. Früheste Erinnerungen. Da ist es doch manchmal erstaunlich, was sich bei einer, eigentlich glücklichen Kindheit, finden lässt. Dazu braucht es nicht einmal eine Scheidung oder gar schlimmere Dinge wie Missbrauch etc. Wie viele Spuren man bei Kindern hinterlässt – da stellt man sich schon mal die Frage, ob man es überhaupt verantworten kann, einmal selbst Mutter zu sein. Man kann es eigentlich nur falsch machen.

Die Therapien wühlen unglaublich auf. Erinnerungen, die man eigentlich, teils schon vor Jahrzehnten, begraben hatte, blubbern wieder auf. Die Emotionen, die damit verbunden sind. Gedanken kreisen stundenlang. Bis der Kopf wieder meldet – Pause! Das tut er meist mit einem leichten Druckgefühl dem raschen Absenken der Konzentrationsfähigkeit – was hast du gerade nochmal gesagt? – und vor allem auch einem sehr großen Verlangen nach Ruhe. Die bunten Ohropax sind momentan auf Dauereinsatz. Und zwar nicht, weil meine Zimmernachbarin schnarcht, sondern weil tagsüber die Geräusche, die von der Terrasse unter mir oder vom Gang in das Zimmer dringen, zu laut sind.

Klar, gibt es immer mal wieder gute Tage und Momente, und die Freude darüber, dass sie da sind, lassen mich manchmal auch beinahe so wie früher strahlen und lachen. Aber sind eben nach wie vor nur Momente. Wenn ich Glück habe, mal ein ganzer Tag.

Wir schreiben heute den 6. Oktober. Über Zeit darf ich gar nicht nachdenken.

 

Neue Woche

Am Samstagmorgen fuhr ich, wie jedes Wochenende, nach einem ausgiebigen Frühstück, nach Hause. Nach wie vor zu meinen Eltern. Meine Schwester, die offiziell ja bereits in der vergangenen Woche umgezogen war, war zum letzten Mal zu Hause. Am Sonntag würde sie endgültig nach Berlin ziehen, am Montag hatte sie dort ihren ersten Arbeitstag.

Das Wochenende war sehr unspektakulär. Ich war k.o., aber guter Laune, meine Eltern hatte ich nun seit vierzehn Tagen nicht gesehen, die Katze war da. Am Sonntag hatte ich ein mulmiges Gefühl. Meine Schwester war schließlich in den letzten Wochen immer da gewesen. Sie hatte immer Zeit gehabt, ich hatte sie jederzeit anrufen können. Nun würde sie nicht nur Vollzeit arbeiten, also telefonisch nicht erreichbar sein. Sondern auch noch in Berlin wohnen. Unendlich weit weg. Aber ich konnte sie verstehen. An ihrer Stelle wäre ich auch nach Berlin gegangen. Der Abschied war traurig. Wie so Abschiede eben sind.

Ich war dann auch nicht mehr lange da, ich packte hauptsächlich noch meine Sachen und machte mich dann auch auf den Weg zurück in die Klinik. Am Montagmorgen bekam ich keine Mirtazapin mehr. Die Ärztin führte meine schlechten Leberwerte darauf zurück, dass ich die Kombination meiner Medikamente eben nicht vertrug und hatte beschlossen, testweise die Mirtazapin abzusetzen. Über diese Entscheidung war ich einigermaßen erleichtert gewesen. Bei Johanna und diversen anderen Patienten hatte ich in den vergangenen Wochen miterleben dürfen, wie heftig die Nebenwirkungen und auch die späteren Entzugserscheinung der Psychopharmaka sein konnten, wenn man sie nicht vertrug. Ich hatte mich immer sehr glücklich geschätzt, dass ich bis dato keinerlei Probleme gehabt hatte. Nun wurden also bei mir die Mirtazapin abgesetzt. Das waren die Tabletten, die ich abends nahm, um einschlafen zu können. Am Tag bevor mir die Ärztin mitteilte, dass sie mir die Mirtazapin absetzen würden, war ich zum allerersten Mal seit Anfang Juli einfach so eingeschlafen. Ich hatte mich, wie so oft, am Nachmittag in mein Bett gekuschelt, weil ich erschöpft gewesen war, um so zu tun, als ob ich schliefe. Schlafen ging ja nie, aber das stille Ruhen tat auch gut. Und dabei war ich doch tatsächlich eingeschlafen. Von daher dachte ich, es wäre ein guter Zeitpunkt, das Mirtazapin abzusetzen – jetzt, wo ich schließlich auch von alleine wieder schlafen konnte. Jedenfalls, zurück zum Montagmorgen, war diesmal nicht einmal mehr eine halbe Tablette in meiner Tagesration Tabletten, die mir der Pfleger in der MZ in mein blaues Schächtelchen einsortierte. Damit war sie wohl endgültig ausgeschlichen. Ich nahm das zur Kenntnis, beunruhigte mich aber nicht weiter. Bislang hatte ich ja auch keinerlei Probleme mit der geringeren Ration gehabt.

Etwa um neun war das Morgenprogramm vorbei. Frühstück, Laufen, Tabletten holen, Duschen. Montagvormittag hatte ich immer frei, Johanna auch. Johanna war nicht besonders gut drauf. Das Wochenende war durchwachsen gewesen. Bei ihr hakte die Psychotherapie im Moment ziemlich und noch dazu passte bei ihr nach wie vor die Zusammenstellung der Tabletten nicht. Sie hatte zwar keine Nebenwirkungen mehr – das Zittern hatte aufgehört – aber dafür auch kaum Wirkung. Es war gerade noch okay. Aber in Kombination mit der schwierigen Therapiesituation nicht gut. Wir sind dann also nicht in die Stadt oder an den See gefahren, sondern hatten einen langen Spaziergang gemacht. Zu den Pferden, den Hasen, den Schafen und an dem malerischen Flüsschen entlang. Sonst verlief der Tag wie gewöhnlich. In der Kunsttherapie bastelte ich „meinen Rahmen“, den restlichen Nachmittag verbrachte ich relativ zurückgezogen. Ich schrieb mit meiner Schwester, wie es ihr denn so ginge. Und war früh im Bett. Meine Stimmung war nicht besonders gut. Aber ich schlief, auch ohne Tabletten, gut ein.

Wie kann an einem einzigen Tag so viel passieren?

Der Mittwoch würde mein erster „voller“ Tag sein: Walken bzw. Laufen, Angstgruppe, Kunsttherapie.

Die Frühstückszeiten kollidierten leider ungünstig mit der Walkingzeit: Frühstück gab es nur bis viertel vor neun, das hieß also, man sollte vorher frühstücken, wenn man nicht riskieren wollte, nichts mehr zu erwischen.

Um acht sammelten sich dann alle Patienten, die am Walking teilnehmen mussten/wollten in dem Nebenraum des Foyers, wo sich die schwarzen Bretter und der Wasserspender befanden. Es waren um die zwanzig. Eine Physiotherapeutin hakte unsere Namen auf einer Liste ab, ich folgte Johanna nach draußen und sie lief direkt los. Müssen wir denn nicht auf die Therapeutin warten?, fragte ich einigermaßen verwirrt. In der Psychiatrie war sehr stark darauf geachtet worden, dass kein Patient außer Sichtweite war. Nein, antwortete mir Johanna. Manche würden uns auf der Runde entgegen gehen, andere hakten sogar einfach nur ab.

Es war schön, wieder mit Johanna zu laufen, ich hatte das wirklich vermisst. Danach dehnten wir uns noch ein wenig, wie wir das in der Psychiatrie unter Anleitung der Therapeutin immer gemacht hatten und trennten uns. Ich holte meine Morgenration Tabletten an der MZ und ging in mein Zimmer, um mich fertig zu machen. Um 9.20 Uhr begann die Angstgruppe. Ich wollte nicht gleich bei der ersten Stunde zu spät kommen.

Die Runde war etwas kleiner als tags zuvor die der Burnout-Gruppe, die Atmosphäre war nicht nur angenehm, sondern richtig herzlich. Auch hier stellten sich wieder alle vor und sagten, wie es ihnen jeweils ging. Anstatt zu sagen, was sie sich heute Gutes tun würden, fügten sie an, ob sie ein Thema für die Gruppe hätten. Da waren Gabi, eine rundliche Fünfzigerin, mit einem unglaublich herzigen Lachen. Chris, 27, Typ Gangsta, wegen Agoraphobie hier. Tabea, eine sehr taff wirkende 23-Jährige, die definitiv nicht auf den Mund gefallen war. Ebenso Agoraphobie. Martín, Burnout und Angststörungen. Ich. Tina, die Zimmernachbarin von Johanna, Agoraphobie und Julia, eine junge Frau Anfang dreißig, hier wegen posttraumatischer Belastungsstörungen. Sie hatte für heute ein Thema. Geleitet wurde die Gruppe von meiner Therapeutin und einer zweiten Therapeutin der Station II. Wie meine Therapeutin war sie Anfang 30, hübsch und hatte eine sehr angenehme, lebenslustige, manchmal auch selbstironische Art, auch sie stellte sich vor. Anschließend wurden die Gruppenregeln erläutert. Die Wichtigste: Alles bleibt in diesem Raum. What happens in Angstgruppe, stays in Angstgruppe.

Ich stellte sehr schnell fest, dass diese Gruppe sehr viel anders als die Burnoutgruppe war. Es fehlte der Beamer, der Stuhlkreis war geschlossen. Es ging nicht um irgendein Skript, sondern um uns. Jeder konnte jedes Thema einbringen, erfuhr ich. Ich habe kein Thema, sagte ich, und erntete dafür einen leicht kritischen Blick meiner Therapeutin. Ich habe so etwas noch nie gemacht, ich würde es mir gerne erst einmal ansehen, verteidigte ich mich. Außerdem hatte schließlich Julia ein Thema. Es war eine Familienskulptur. Die Therapeutin erklärte Martín und mir kurz, dass Julia uns nun entsprechend einer Schlüsselsituation in ihrer Kindheit „aufstellen“ würde: Jeder von uns würde eine Rolle übernehmen, wie Vater, Mutter oder Geschwister. Dann würde uns Julia entsprechend dem damaligen Beziehungsverhältnis im Raum aufstellen – zum Beispiel einen übermächtigen Vater auf den Stuhl, oder eine Person, die Desinteresse zeigte, mit dem Rücken zur anderen gewandt. Dann würde zusätzlich jeder einen Satz zugeteilt bekommen, der spezifisch für diesen Menschen und diesen Zeitpunkt in Julias Leben war. Wir würden diesen Satz dann, in der Skulptur stehend, laut in einer bestimmten Reihenfolge sagen und dies dreimal wiederholen. Danach würde Julia selbst Teil der Skulptur werden, um tief in die ausgewählte Szene einzutauchen. Dann hatte sie die Möglichkeit, sich selbst, also ihre Figur innerhalb der Skulptur neu auszurichten und sich einen neuen Satz für sich selbst zu suchen, so dass sie in der Situation gestärkt wurde. Dann würden wir wieder alle unsere Sätze aufsagen, und Julia könnte so erfahren, dass sie diese Situation selbst verändern und für sich leichter machen konnte. Und ihr damit das Schlimmste nehmen.

Aja. Ich konnte mir nicht so wirklich vorstellen, was nun passieren würde und wie denn bitte schön durch das Aufstellen von anderen Leuten sich eine Situation verändern sollte, die Jahre her war. Aber gut. Ich musste mich darauf einlassen, deshalb war ich hier.

Julia war sichtlich nervös und hatte Angst, es schien sie arge Überwindung zu kosten. Nach und nach stellte sie uns auf. Es war eine Trennungsszene. Ich war die kleine Schwester, stand neben der großen Schwester und blickte auf den abweisenden Rücken der Mutter. Nur Julia und die Therapeutin sprachen, wir anderen standen still und stumm auf unseren Positionen. Schließlich hatte jeder einen Satz zugewiesen bekommen. Wir würden nun, jeder nacheinander, dreimal diesen Satz sagen, genau so betont wie von Julia vorgegeben. Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, was mein Satz war, ich weiß aber noch sehr genau, dass ich mich dabei auf einmal sehr verloren fühlte. Die Emotionen, die sich durch das laute Aufsagen der Sätze, durch die Wiederholungen und ganz einfach auch durch die Positionen, die wir im Raum einnahmen entwickelten, waren enorm. Das Ganze hatte überhaupt nichts mit mir und meinem Leben zu tun, ich bin noch nicht einmal ein Trennungskind. Trotzdem fühlte ich plötzlich wirklich wie die kleine Schwester in dieser Skulptur. Julia stand mittlerweile selbst in der Skulptur, war völlig aufgelöst und weinte. Sie konnte kaum noch ihren Satz sagen.

Sie tat mir so unendlich leid, es war so schwer, sie so zu sehen; dabei kannte ich sie erst seit einer halben Stunde. Ich war auch eine große Schwester. Ich konnte ihr so gut nachfühlen. Aber ich durfte mich aber nicht aus meiner Position herausbewegen. Die Therapeutin reichte ihr schließlich die Box mit den Taschentüchern und ich bemerkte, dass auch die anderen zu kämpfen begannen. Alle aber bemühten sich sehr, ihre Rolle beizubehalten. Es war wirklich unwahrscheinlich, welch intensive Emotionen plötzlich in dem kleinen Konferenzraum herrschten, in dem vor nur zwanzig Minuten noch fast jeder gesagt hatte, dass es ihm gut ging und dass er ruhig war.

Dann aber durfte Julia ihre eigene Position verändern und sich einen neuen Satz geben. Und plötzlich veränderte sich das ganze Gefüge. Julias Stimme wurde mit dem neuen Satz kräftiger, sie fing sich und hörte auf zu schluchzen. Noch dreimal wiederholten wir alle unseren Satz und mit jedem Mal schien Julia zu wachsen. Schließlich lösten wir uns aus der Skulptur und gaben Julia unmittelbar  Feedback: Wie es für uns auf unseren Positionen gewesen war und wie wir sie wahrgenommen hatten.

Am Ende der Stunde war ich komplett verwirrt. Auch die anderen hatten berichtet, dass es schwer für sie gewesen war. Aber keinen hatte diese Skulptur anscheinend so sehr mitgenommen wie mich. Ich hatte Julia so sehr nachfühlen können. Gut,  es war mein erstes Mal gewesen. Und gut, ich hatte in den letzten Monaten schon öfter die Erfahrung gemacht, dass ich mich kaum noch von den Emotionen anderer abgrenzen konnte. Aber schließlich fiel mir ein weiterer, möglicher Zusammenhang auf, über den ich bisher keine Sekunde nachgedacht hatte. Nach der plötzlichen Erkrankung meines Vaters hatte ich mich ähnlich gefühlt wie Julia in der Skulptur, die sie eben aufgestellt hatte. In einem völlig anderen Ausmaß und in einer völlig anderen Situation. Aber im Grund genommen ganz genauso wie Julia damals.

Diese erste Angstgruppenstunde war extrem anstrengend für mich gewesen, ich hatte einen verdammt vollen Kopf mit vielen neuen Gedanken. Ich verzog mich auf mein Zimmer, setzte mich in einen der Liegestühle auf dem Balkon in die Sonne und hing meinen Gedanken nach, versuchte, sie zu sortieren, schrieb einiges auf. Nach dem Mittagessen, um 13 Uhr, war meine erste Kunsttherapie.

Auch hier stellten sich wieder alle vor, auch hier sagte jeder, wie es ihm gerade ging. Auf dem Tisch vor uns hatte die Kunsttherapeutin, die genauso war, wie man sich eine Kunsttherapeutin so vorstellt, zahlreiche Papierschnipsel ausgebreitet; es waren Zeitungsauschnitte mit Sprüchen drauf. Wir sollten uns einen aussuchen, der uns ansprach. Ich war wie immer fasziniert davon, wie jeder innerhalb von wenigen Augenblicken einen Spruch für sich fand, ohne groß Nachdenken zu müssen und ohne, dass es Streitigkeiten gab. Ich entschied mich für „Everyday Amazing“. Jeden Tag wunderbar. Heute aus Protest. Ich wollte wieder zurück zu meinem alten „Everyday Amazing“.

Die Therapeutin hievte mehrere Stapel Zeitschriften auf den Tisch. Wir sollten eine Collage anfertigen, die zu unserem Schnipsel passte. Ich blätterte in den Zeitschriften, fand einige gute Headlines, die ich ausschnitt. Fand einige Gesichter in Illustrierten, mit denen ich in der Vergangenheit zusammen gearbeitet hatte. Und spürte, wie mir immer, je länger ich herumblättert, mir mehr und mehr die Luft wegblieb, ich schließlich Herzstechen bekam, mein Kreislauf beinahe wegsackte. Verdammt. Ich war mittlerweile vor allen Dingen genervt von diesen Anfällen, wusste ich ja, dass mir keinerlei Gefahr drohte, lediglich meine Psyche wieder Spielchen spielte. Natürlich hätte ich einfach die Therapeutin informieren und die Therapie verlassen n. Aber der Gedanke kam mir gar nicht erst, das fiel mir tatsächlich erst jetzt ein, als ich nun diesen Text schreibe. Ich atmete stattdessen tief ein und aus, beendete, was ich gerade getan hatte – nämlich die Zeitungen durchzublättern – legte sie alle beiseite, so dass ich sie nicht mehr sah und stand auf, versuchte, etwas Abstand zum Auslöser zu gewinnen. Langsam und bedacht holte ich mir Papier und Kleber, setzte mich wieder und begann, meine Ausschnitte aufzukleben, die Collage zu erstellen. Es legte sich wieder. Als ich weitere Ausschnitte suchte, nahm ich bewusst nur Zeitschriften in die Hand, die mir in der Arbeit nie untergekommen waren. Die NEON zum Beispiel und das sz-magazin. Das ging viel besser. Und ich fand meine Collage am Ende richtig gut! Mit einem Elefanten in der Mitte. Hinterher mussten wir der Therapeutin noch unsere Bilder erklären, obschon sie sowieso alle ziemlich selbsterklärend waren. Damit war die Therapie nach zwei Stunden, um drei, endlich vorbei.

What a day. Ich war froh, endlich Zeit für mich zu haben. Mein Kopf war voll von neuen Gedanken und alten Überlegungen. Für den Abend hatte ich mich mit Johanna für die Infrarot-Kabine eingetragen. Das würde, abgesehen vom Essen, der einzige weitere Programmpunkt heute sein. Ich brauchte die Zeit und die Ruhe, um meinen Kopf wieder zu sortieren. Wie kann an einem einzigen Tag so viel passieren?

Elefant im Wald
Das ist nur Kunstfell!

Die Burnout-Gruppe

Ich war sehr gespannt auf meine allererste Gruppentherapie: die Burnout-Gruppe. Sie wurde von Therapeutinnen der Station V geleitet. Warum ich nicht in der Burnout-Station oder wie in der Psychiatrie in einer Depressionsgruppe landete, sondern stattdessen in der Angst-Station aufgenommen wurde, war mir ein Rätsel gewesen und würde es auch bis zum Schluss bleiben.

Natürlich hatte ich bereits in der Psychiatrie erste Gruppentherapien gehabt und Johanna hatte mir auch schon ein bisschen aus ihren Gruppen erzählt. Aber ich war trotzdem ziemlich unsicher, was mich in diesen Stunden erwarten würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, mit Wildfremden über meine innersten Ängste zu sprechen. Das fiel mir nach wie vor auch gegenüber den Psychologen schwer, obwohl ich mich langsam daran gewöhnte.

Nach dem Mittagessen am Dienstag machte ich mich also auf zu meinem ersten Termin der Burnout-Gruppe. Praktischerweise war der Gruppenraum auf meinem Stockwerk, so dass ich ihn nicht lange suchen musste. Als ich hineinging, saßen dort bereits zwei Männer, vermutlich in ihren späten Vierzigern. Ob ich hier richtig wäre? Es entwickelte sich ein bejahender, humorvoller Wortwechsel, die beiden waren mir auf Anhieb sympathisch, ich fühlte mich wohl. Ich setzte mich auf einen der noch zahlreichen freien Stühle in dem Stuhlhalbkreis. Die beiden Männer scherzten weiter, und ich war augenblicklich in sehr gute Stimmung und fühlte mich richtig wohl. Das war in den letzten Monaten äußerst selten vorgekommen. Der eine, Thomas hieß er, der mir von den beiden angenehmer war, sprach ganz genauso wie jemand, den ich gut kannte und mochte. Der gleiche Dialekt, der gleiche Tonfall. Ich kam aber einfach nicht drauf, wer es war. Bis schließlich, einige Minuten später, der Groschen fiel. Mein Ex-Freund. Und, Tatsache: Thomas war aus der gleichen Stadt. Dort hatte ich mich bis zuletzt immer wohl gefühlt. Gut aufgehoben und geliebt.

Während ich fieberhaft versucht hatte, herauszufinden, an wen mich Thomas so erinnerte, waren die weiteren Gruppenmitglieder in den Raum gekommen, auch die Therapeutin, die am anderen Ende des Raumes, zu dem sich der Stuhlkreis hin öffnete, eine weiße Leinwand herunterließ und via Laptop und Beamer eine Präsentation öffnete. Da außer mir ein weiteres neues Gruppenmitglied hinzugekommen war, bat die Therapeutin die Teilnehmer, zu der üblichen Willkommensrunde eine kurze Vorstellung hinzuzufügen. Jeder sollte zu Beginn einer jeden Stunde sagen, wie er sich denn fühlte – das kannte ich schon aus der Psychiatrie – und, das war in der Burnout-Gruppe speziell – erklären, was er sich heute schon Gutes getan hatte oder noch Gutes tun werde. Okay.

Es waren außer mir und dem zweiten neuen, einem Spanier, weitere acht Personen in der Gruppe. Die Männer waren leicht in der Überzahl, ich schien die jüngste zu sein. Eine junge Frau war in meinem Alter, 28, erklärte, sie wäre schon seit fünf Wochen hier und würde die Klinik in zwei Wochen bereits verlassen. Mit dem Skript der Burnoutgruppe war sie beinahe schon fertig, daher wäre das ihre vorletzte Stunde in dieser Gruppe. Sie würde sich heute ein gutes Stück Kuchen in der Cafeteria gönnen. Ein junger Mann, Jonas, war 36, ebenso schon eine ganze Zeit hier. Er würde zum Abendessen in die einzige Pizzeria im Ort gehen und sich eben dieses Abendessen gönnen. Thomas hatte heute die letzte Stunde und würde abends Volleyball spielen. Martín, der Spanier, war bereits seit zwei Wochen in der Klinik, wie ich auch eigentlich der Angststation zugeteilt und war heute Morgen joggen. Das hatte er sich heute Gutes getan. Ich war die Sophie, seit einer Woche hier, wegen Burnout, Depression und Angstzuständen. Ich war gerade etwas aufgeregt, weil ich nicht wusste, was mich erwarten würde. Vor allem war ich mir nicht sicher, ob ich eine so lange Gruppenstunde überhaupt schon aushalten würde. Sonst ginge es mir, abgesehen von einer leichten Erkältung, ganz gut. Ich würde nachher draußen spazieren gehen.

Danach übernahm die Co-Therapeutin das Wort und begann mit uns eine geführte Entspannungsübung. Das war ebenfalls fester Bestandteil dieser Therapie. In jedem Termin würde eine andere Übung vorgestellt werden, so dass wir, die Teilnehmer, herausfinden konnten, welche für uns am besten funktionierte um diese dann auch selbstständig anwenden zu können. Daher musste jeder von uns nach er der Übung kurz erklären, ob es gelungen war, zu entspannen und wie es sich anfühlte.

Dann nahm die Therapeutin die Beamer-Bedienung in die Hand und die Co-Therapeutin drückte Martín und mir das ominöse Skript, in einem hässlichen senfgelben Schnellhefter gebunden, in die Hand. Es war ganz schön dick. Ich hatte Vorlesungen gehabt, deren Skripte dünner waren. Diese Therapie hatte einen stark psycho-edukativen Fokus, erklärte die Therapeutin. Sie würde, mit einer Kollegin im Wechsel, das Skript von Anfang bis Ende durchgehen, das würde im Schnitt vier Wochen dauern. Wir, die Patienten, stießen einfach hinzu, wenn ein Platz frei war, und würden dann eben vier Wochen der Therapie beiwohnen, bis wir das ganze Skript einmal durchgearbeitet hätten. Wir waren schon beinahe am Ende des Skripts. Nächste Woche würde ihre Kollegin dann übernehmen.

Die weitere Stunde lang fühlte ich mich beinahe wie in der Uni: Vor der Präsentation stehend erläuterte uns die Therapeutin zahlreiche theoretische Dinge. Es war tatsächlich nichts Neues dabei, ich hatte darüber entweder schon gelesen, oder bereits in der Psychiatrie davon gehört. Abgelöst wurde das ganze durch eine kurze Partnerübung und eine zehnminütige Pause, die wir – die Burnoutgruppe – unbedingt einzuhalten hatten. Es war weder besonders anstrengend, noch besonders aufregend. Die Atmosphäre war angenehm, es war gut auszuhalten, und ich hoffte, dass die Themen im Laufe der Wochen interessanter werden würden. Nach der Abschlussrunde – wir mussten erzählen, wie es uns denn jetzt ginge – und der Verabschiedung von Thomas war meine erste Gruppenstunde um kurz vor drei beendet. Ich war beinahe etwas enttäuscht, weil sie so unspektakulär gewesen war.