Fragen über Fragen

Am Freitag – warum auch immer – ging es mir viel besser. Vielleicht, weil das Wochenende nahte und ich mich trotz allem auf die Hochzeit meiner Cousine freute. Außerdem schien die Sonne.

Nach dem Frühstück absolvierte ich einen kleinen Marathon: Zwischen 8.30 und 9.00 Uhr musste ich mich endlich beim Sport melden und mich wie mit der Ärztin besprochen eintragen lassen. Ich meldete mich für die Wassergymnastik nächste Woche wegen meiner Erkältung auch gleich wieder ab, und für Pilates, das wurde zusätzlich zum Pflichtprogramm angeboten, an. Dann ging es zwei Stockwerke höher, zur Station. Auf der Tür stand deutlich, dass man nur während der Sprechzeiten – also zwischen Viertel und fünf vor neun – klopfen durfte. Sonst, auch bei Notfällen, hätte man sich immer an die MZ zu wenden. Das machte in meinen Augen so gar keinen Sinn. Wo sollte ich mich denn bei Notfällen hinwenden, wenn nicht an die Station? In der MZ waren ja normalerweise keine Ärzte. Und schon gar keine Psychologen. Und überhaupt war mir immer noch schleierhaft, wer eigentlich mein erster Ansprechpartner war. Die Klinik hier war so komplett anders organisiert als die Psychiatrie. Dort war man immer zu mir gekommen. Ich musste mich um nichts kümmern. Hier war es offensichtlich genau andersrum. So ganz stieg ich da noch nicht durch.

Mit mir standen mittlerweile etwa fünf andere Patienten vor dem Zimmer herum und ich wurde immer wieder gefragt, auf wen ich denn warten würde. Meine Psychologin war wohl noch gar nicht da, obwohl es schon fünf vor neun war. Dafür sprach mich die Ärztin an, die mich am Mittwoch untersucht hatte. Meine Leberwerte wären nicht in Ordnung. Ob ich das wüsste? Nein, das war mir neu. Das hätte den Kollegen in der Psychiatrie schon auffallen sollen. Da würde ich wohl meine Medikamente nicht vertragen. Jedenfalls musste das geklärt werden. Und damit ließ sie mich stehen. Meine Leberwerte waren nicht in Ordnung. Sie glichen mehr denen eines starken Alkoholikers, hatte sie gesagt. Das war nicht gut. Aber was bedeutete das nun? Ich wollte meine Medikamente nicht absetzen müssen! Hatte ich doch bei genug anderen gesehen, was das dann hieß. Da konnte man mich ja gleich in ein Loch stoßen. Ich hatte keine Zeit, darüber weiter nach zu denken, weil endlich meine Psychologin kam. Sie unterschrieb den Urlaubsschein, und erwähnte, dass ich keinesfalls Alkohol trinken sollte, da meine Leberwerte so schlecht waren. Ja, und, was heißt das, konnte ich zumindest sie fragen. Das müsse sie auch erst mit der Ärztin besprechen, und weg war sie. Ich stand wieder da.

Ich war einigermaßen genervt von diesen Mini-Sprechstunden auf dem Gang und halben Informationen. Ich hatte immer noch nicht umrissen, wohin ich mich mit meinen Fragen wenden sollte, und fühlte mich alleingelassen. Als ich meine Zimmerkollegin fragte, ging die in einer jammerigen Schimpftirade über die „unmögliche“ Organisation auf, die aber auch alles andere als hilfreich war. Johanna war da eine bessere Hilfe. Sie erklärte mir beim Mittagessen, dass mein erster Ansprechpartner immer die Therapeutin war, nicht, wie in der Psychiatrie, die Ärztin. Und dass ich alle Themen eben dann in den Therapiestunden mit ihr besprechen sollte, oder in der täglichen zehnminütigen Sprechstunde einen Termin mit der Ärztin, den Therapeuten oder meinem Co-Therapeutin ausmachen sollte. Und mit allem, was dringend war, sollte ich mich an die MZ wenden. Sprich: Wenn ich etwas brauchte, musste ich mich darum kümmern. Ich wurde nicht mehr bemuttert und überwacht wie in der Psychiatrie. Das war gut – ein weiterer, großer Schritt Richtung Selbstständigkeit. Eigentlich ganz normal, wie eben „draußen“ auch. Keine große Sache, sollte man meinen. Meine alte Flexibilität war jedoch irgendwie dahin. Das war eine riesige Umstellung, die mich im Moment an die Grenze meiner nervlichen Belastbarkeit trieb.

Ein weiterer, großer Vorteil der wiedergewonnen Freiheit und Selbstständigkeit war aber, dass ich zu jeder Tageszeit ein- und ausgehen konnte, wie ich wollte. Einfach so. Ohne, dass die Pförtnerin erst meinen Patientenausweis überprüfte. Oder mir gar die Tür öffnen musste. Ich konnte einfach am Empfang vorbeispazieren und rausgehen. Ins Dorf. Oder einfach spazieren. Oder sogar mit meinem Auto irgendwohin fahren. Ich war wieder frei.

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Abschied von der Gang

Heute war so viel passiert, so dass ich gar nicht wirklich dazu kam, traurig zu sein, da Steffi und Johanna morgen gehen würden. Die beiden aber waren ganz schön aufgeregt. Johanna vor allem, weil es ihr momentan nicht gut ging – ihre Medikamente hatten immer stärkere Nebenwirkungen gezeigt, aber keine Wirkung, und waren erst wieder ausgeschlichen (so nennt man das schrittweise Absetzen von Psychopharmaka) worden. Das neue Medikament wirkte noch nicht – die Dosis war noch zu gering – und dann auch noch ein Klinikwechsel. Das waren zwei Fragezeichen auf einmal. Ruth aber machte ihr Mut. Ruth litt seit Jahrzehnten an posttraumatischen Belastungsstörungen und kannte sich in diesem mir völlig fremden System gut aus. Sie war selbst – wenn auch bereits vor zwanzig Jahren – in der gleichen Klinik gewesen und sprach durchweg positiv von ihr. Ruth hatte die Klinik dort gut getan, sie war mehrere Jahre, so lang wie nie zuvor in ihrem Leben, symptomfrei gewesen. Außerdem gab es dort ein Hallenbad. Und eine Sauna. Und das Essen war angeblich gut. Nicht nur im Vergleich zu dem Fraß hier in der Psychiatrie, sondern wirklich gut.

Steffi war zwar auch aufgeregt, aber noch viel mehr heilfroh darüber, endlich aus der Psychiatrie herauszukommen. Ich war nach wie vor für die gleiche Klinik wie Johanna gemeldet, aber hatte immer noch keine Aufnahmebestätigung erhalten. In der Regel erfuhr man den Aufnahmetermin etwa eine Woche im Voraus. Damit hatte sich unsere ursprüngliche Hoffnung zerschlagen, zeitgleich aufgenommen zu werden. Johanna wäre zwar sowieso in einer anderen Station, aber dann wären wir immerhin nicht ganz allein. Also versuchte ich in den letzten Tagen vor allen Dingen nicht daran zu denken, was ich ohne meine beiden Mädels hier tun würde. Für Donnerstag hatte ich einen kleinen Ausflug mit meiner Schwester geplant, das Wochenende würde ich natürlich wieder zu Hause verbringen. Aber sonst?

Passend zur Stimmung drehte das Wetter während des Tages. Es wurde immer kälter, bis am Nachmittag sogar Regenwolken aufzogen. Wir hatten eigentlich einen gemütlichen letzten Abend im Park, mit der Slackline, unseren Decken und vor allen Dingen mit Pizza verbringen wollen. Jetzt saßen wir mit der Pizza, die uns direkt vor die Haustür geliefert wurde, im sterilen und ungemütlichen Eingangsbereich. Wir ratschten ein wenig, aber hauptsächlich aßen wir. In den letzten Tagen hatten wir die beiden Kliniken bis ins kleinste Detail auseinandergenommen, die beiden hatten ihre Packlisten verglichen, wir hatten gegenseitige Besuchspläne gemacht – so dass jetzt eigentlich nichts mehr zu sagen war. Ich blieb über. Ich würde hier bleiben. Allein, bislang auf noch nicht absehbare Zeit. Mindestens eine Woche noch. Eine Woche konnte lang sein. Besonders hier in der Psychiatrie. Ohne jemanden, mit dem man ganz entspannt und normal quatschen konnte. Oder mit dem man gern zwei Stunden lang durch den Wald spazierte.

Plötzlich stand Ruth hinter mir. Da bist du ja, Sophie. Ich habe dich schon überall gesucht! Du sollst zum Stationszimmer kommen, die Schwester will dich sprechen. Dann schmunzelte sie uns an: Bestimmt ist das eine Nachricht von der Klinik! Ich wollte es nicht glauben. Steffi und Johanna stimmten ein. Oh bestimmt! Du kommst mit mit uns!

Ich klappte also den Deckel meiner Pizzaschachtel zu, damit sie nicht kalt würde (so etwas Gutes hatte ich in diesen vier Wänden noch nie gegessen!) und ging über die Treppe in den 1. Stock, in unsere Station. Dort klopfte ich an die Tür zum Stützpunkt. Schwester Elke hatte heute Dienst und als sie mich durch das Glasfenster vor der Tür stehen sah, lächelte sie bereits. Sie öffnete die Tür. Es war tatsächlich endlich die heißersehnte Nachricht aus der Klinik. Ich würde am 8. September, also nächsten Dienstag erwartet. Endlich! Ich war erleichtert. Eine Woche. Der Zeitraum war also jetzt absehbar. Eine Woche hielt ich hier alleine aus.

Der Abschied von Johanna und Steffi am nächsten Tag war recht unspektakulär. Wir frühstückten noch gemeinsam und, zwischen zwei Therapien und ihren Abschlussbesprechungen mit den behandelnden Ärzten, umarmten wir uns. Viele Worte gab es nicht mehr zu sagen. Passt auf euch auf, meldet euch – und bis bald.

Kitz auf der Lichtung

Am Montag ging es erst richtig los:

  • 7:00 Uhr: Blut abnehmen und Urin-Probe abgeben
  • 7:30 Uhr: Thyroxin-Tablette nehmen
  • 8:00 Uhr: Blutdruckmessen, Wiegen
  • 8:10 Uhr: Frühstück
  • 8:30 Uhr: Morgenration Tabletten einnehmen
  • 9:00 Uhr: EKG

Puh. Was für ein Stress. So viele verschiedene Dinge hatte ich schon lange nicht mehr an einem Tag erledigt. Es fühlte sich richtig gut an! Um 9:30 Uhr hörte ich mir dann sogar noch die Einführungsveranstaltung für die verschiedenen Entspannungstechniken, Autogenes Training und Progressive Muskelrelaxation – was auch immer das war – an, die ein, und das fiel mir dann doch auf, ziemlich gut aussehender Psychologe hielt. Damit hatte ich mein Soll für diesen Tag dann erledigt. Das fühlte sich richtig gut an. Ich hatte alles geschafft, was ich tun sollte! Und zwar ohne Schwierigkeiten.

Im Anschluss stand die Visite an. Ich bekam Freigängerstatus und durfte während der Besuchszeiten, also wochentags von 13.00 Uhr bis 20.00 Uhr und am Wochenenden  von 8.00 Uhr bis 20.00 Uhr die Klinik auch alleine verlassen.

Johanna nahm mich nachmittags auf einen ausgiebigen Spaziergang mit. Erst ging es durch einen Schleichweg durch das Unterholz vom Kasernengelände auf einen Waldweg, und von dort dann eine lange, große Runde über Felder und Wälder um die Klinik herum. Unterwegs entdeckten wir plötzlich, keine zehn Meter von uns weg, ein Reh mit zwei kleinen Kitzen. Sie standen mitten auf einer Wegkreuzung, die Bäume ringsum schlossen sich über ihnen zu einem Bogen und trotzdem brach ein einziger großer Sonnenstrahl durch, so dass das Reh und die beiden kleinen Kitze wie im Scheinwerferlicht standen. Wie gemalt. Wunderschön. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch kein Rehkitz in freier Wildbahn gesehen, und dann gleich zwei! Und dann noch so schön! Und sie blieben tatsächlich einige Sekunden stehen und fixierten uns, bevor sie zurück ins Unterholz sprangen.

Krankschreibung II

Am nächsten Tag hatte ich bereits um 11.30 Uhr einen Termin bei meiner Allgemeinärztin. Wie schon gestern, vor dem Besuch beim Psychiater, war ich einigermaßen nervös. Hoffentlich schrieb sie mich ohne Diskussion wieder krank. Rational betrachtet stand es eigentlich außer Frage, aber man wusste ja nie.

Ich erzählte ihr, dass ich mich mittlerweile körperlich besser fühlte. Ich erzählte ihr aber auch von der Schlaflosigkeit und dem Egalsein, der Antriebslosigkeit und gleichzeitig der Unfähigkeit, Nichts zu tun, wenn es mir gut ging. Ich erzählte ihr vom Termin beim Psychiater am Vortag. Von dem Gespräch mit der Personalabteilung, dass ich einfach nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte.

Sie fragte mich, wie denn mein Gefühl wäre, wann ich wieder arbeiten könnte. Ich antwortete ihr, keine Ahnung. Ich weiß es nicht. Ich fügte noch an, vielleicht ginge es ja quasi „über Nacht“ wieder weg? Da musste sie mich – das hatte ich schon befürchtet, noch bevor ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte – enttäuschen. Es dauert in der Regel genauso lange, aus einem Burn-Out herauszukommen, wie es gedauert hat, bis er sich aufgebaut hat. Oder: Wer am allerlängsten dagegen ankämpft, kämpft hinterher auch am allerlängsten, bis er wieder fit ist. Sie riet mir, in der Arbeit erst einmal anzukündigen, dass ich frühestens im Oktober wieder da wäre. Das wären vier Monate, dachte sie laut. Im Nachsatz schob sie hinterher, dass sie aber eigentlich nicht denke, dass ich in diesem Kalenderjahr überhaupt nochmal arbeiten würde.

Sie riet mir außerdem, statt der antriebsfördernden Citalopram, die mir die Psychiaterin am Vorabend verschrieben hatte, erst einmal mit schlaffördernden, weil entspannenden Mitteln zu beginnen. Klingt logisch. Wer unter Schlafmangel leidet, ist selten entspannt und motiviert. Also verschrieb sie mir eine kleine Dosis Mirtazapin. Sie bestätigte mir jedoch, dass es gut war, dass ich dort gewesen war, und dass auch sie der Meinung war, dass eine Psychotherapie dringend notwendig war. Im Gegensatz zum Psychiater, der mich nur auf die Website der kassenärztlichen Vereinigung verwiesen hatte (was wiederum Kopfschütteln bei der Ärztin hervorrief), gab sie mir ein paar Namen von Psychotherapeuten, mit denen die Praxis zusammenarbeitete.

Sie schrieb mich für die nächsten zwei Wochen krank, danach hatte ich, vor ihrem Urlaub, einen erneuten Termin bei ihr. Hierfür müsste ich den Auszahlungsschein von der Krankenkasse dann bitte mitbringen. Ich blickte wohl entsprechend verwirrt, von einem Auszahlungsschein hatte ich noch nie gehört. Ab der sechsten Wochen zahlt nicht mehr der Arbeitgeber, sondern die Krankenkasse übernimmt die Auszahlung des Krankengelds, erklärte die Ärztin mir, in der Regel 70% des Nettogehalts. Dieser Schein ersetzt die Krankschreibung, die man „normalerweise“ an die Krankenkasse schickt. Für den Arbeitgeber hatte ich wieder einen dieser gelb-orangenen Zettel erhalten.

In Sachen Psychopharmaka war ich zwar in meiner ersten Eingebung bestätigt worden, so ganz sicher war ich mir aber immer noch nicht. Ich würde noch den Termin am Freitag bei der Therapeutin im BOZM abwarten.