Wer mich auch mal hören und nicht nur lesen will…

… und die Sendung bei Deutschlandfunk Nova gestern verpasst hat, kann das jetzt im Podcast tun. Ich erzähle ein bisschen von mir, dem Burnout und der Psychiatrie. Viel Spaß beim Zuhören 🙂

Zum DLF Nova Podcast

Ent-Stigmatisierung psychischer Krankheiten via Strafvollzug?!

Ich weiß, es war hier sehr lange recht ruhig – die Ausbildung, der Versuch, aus meinen vielen kurzen Blogtexten einen langen (Buch-)Text werden zu lassen und der viele Schnee haben mich ganz schön auf Trab gehalten in den letzten Monaten. Aber das, was ich am Montagnachmittag zufällig gelesen habe, beschäftigt mich zu sehr, um darüber zu schweigen. Um es schlicht zu formulieren: Ich bin entgeistert!

Stigmatisierung (Nomen): Ächtung, Diskriminierung 

Ent- (Präfix): drückt in Bildungen mit Substantiven aus, dass etwas entfernt wird

(Duden)

Entstigmatisierung bedeutet also, dass das Stigma, das etwas anhaftet, entfernt werden soll. Im Eingangstext des neuen Gesetzesentwurfs „Bayerisches Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz“, erklärt die Bayerische Staatsregierung, dass mit Hilfe dieser neuen Regelungen psychische Krankheiten und damit psychisch Kranke entstigmatisieren will.

Entsprechend liest sich auch der erste Teil des Gesetzes ganz gut: Die Staatsregierung will den Ausbau des psychiatrischen Auffangnetzes in Bayern vorantreiben, unter anderem plant sie auch den Aufbau eines jederzeit erreichbaren Notdienstes. Soweit so gut. Soweit vielleicht sogar sehr gut.

Weiterlesen „Ent-Stigmatisierung psychischer Krankheiten via Strafvollzug?!“

Alte Fehler neu gemacht.

Das Schöne an einem Neuanfang? Man kann alte Fehler ganz von vorn beginnen.

Es ist wieder Frühling. Ich bin wieder in München. Übers Wochenende zumindest.

Die erste Prüfungsphase ist geschafft, Probezeit bestanden. Der Neuanfang ist vorbei, er ist mittlerweile Alltag. Ein guter, schöner Alltag, meistens entspannt, mit tollen Menschen um mich herum.

Ich habe einen weiteren Meilenstein hinter mir gelassen, ich bin definitiv wieder im echten Leben angekommen. Als ich im Oktober mit der neuen Ausbildung begonnen habe, hatte ich keine Ahnung, was mich erwartet. War es richtig, mich auf mein Bauchgefühl zu verlassen? Neue Stadt, neue berufliche Ausrichtung, neue Wohnung, neu, neu, neu? Bin ich überhaupt schon fit genug für neu, neu, neu?

Weiterlesen „Alte Fehler neu gemacht.“

Buchtipp: Alle Toten fliegen hoch – Amerika

Und einmal mehr Tote. Aber immerhin erst in der Mitte des Buches. Auch wenn es das eigentlich ganz zentrale Thema des Romans von Joachim Meyerhoff ist, tritt es nicht stark hervor. Man liest fast ein bisschen drüber – genauso wie die Hauptfigur weiterlebt, und nicht genau hinsehen will.

Die Hauptfigur, ein Ich-Erzähler, 17 Jahre alt, aufgewachsen auf einem Psychiatriegelände als Sohn des Direktors der Klinik, bricht auf, er lässt die norddeutsche Provinz hinter sich und tauscht sie für ein Austauschjahr gegen die amerikanische ein. Sachlich, reflektiert manchmal ironisch, trocken, sehr oft sehr witzig und trotzdem zwischen den Zeilen sehr behutsam berichtet er über dieses Jahr.

Das Buch ist das erste in einem mehrteiligen Zyklus von Meyerhoff. Es ist auf seine nüchterne Art sehr fesselnd und nimmt einen mit in die Weiten Wyomings und die enge der norddeutschen Kleinstadt, in „The German“s Leben und lässt gleichzeitig die eigene Jugend, den eigenen Aufbruch, wieder aufleben. War das nicht die aufregendste Zeit?

Ein unterhaltsames Buch, das sich leicht und abwechslungsreich liest ohne dabei auch nur im Mindesten seicht zu werden: Unbedingt Lesen!

 

 

Wutminton

Und dann bin ich wieder zurück. Plötzlich war es ganz logisch, dass ich mich doch nicht vor den Zug werfe. Zack. Der Federball schoss zu mir zurück.

Dienstagabend, eigentlich hatte ich gehofft, dass heute wieder ein paar Leute Volleyball spielen würden. Aber es war niemand da, es war Champions League Abend. Auf dem Gang vor der Turnhalle traf ich eine Mitpatientin, ich wusste nicht einmal mehr ihren Namen, ich kannte sie nur von einem Volleyballspiel. Ich hatte keine Lust, mit ihr zu spielen. Dachte, ich würde lieber dann mit Tina und Johanna ratschen, immerhin war es Tinas letzter Abend. Aber ich wollte nicht unhöflich sein und schließlich war die Frau schneller als ich, holte ihre Federballschläger und ich spielte also plötzlich mit.

Warum bist du eigentlich da? Burnout. Depression. Panikattacken, meine alte Leier. Auch Burnout, kam mit dem nächsten Schlag zurück. Sie war sehr, sehr dünn. Hatte irgendwann aufgehört zu essen. Weil es einfach keinen Sinn mehr machte. Es schmeckte ja nicht mehr. Die haben gedacht, die könnten alles mit mir machen. Bam, knallte ich ihr den Federball mit aller Kraft quer durch die ganze Halle zurück. Krieg an allen Fronten. Bam, schleuderte ich ihr den Ball entgegen. Mein Hund ist gestorben, da ging‘s mit dem Frauli bergab. Bam, knallte sie den Ball zurück zu mir. Ich habe nicht mehr gewusst, wo anfangen, wo aufhören. Ich bin völlig durchgedreht, hatte Angst, ich werde verrückt. Bam. Alle Wut, alle Angst schoss durch die Turnhalle. Ich stand am Bahngleis. Dann bin ich wieder umgedreht. Weil es auf einmal wieder logisch war. Zasch, schoss der Ball durch die Halle.

Ich kannte die Frau nicht. Vorher einmal gesehen. Sie war am Bahngleis gestanden. Und hatte wieder umgedreht, weil es plötzlich logischer war. Logischer, als sich umzubringen. Im letzten Moment war es wieder logischer gewesen. Meine Angst vor mir selbst war mehr als begründet gewesen. Auch Johanna hatte mir von einer Bekannten mit Depression erzählt. Sie war spazieren gewesen. Und dann einfach in eine Schlucht gesprungen. Einfach so. Weil es sie plötzlich dorthin zog. Nicht, weil es von langer Hand geplant war. Weil es einfach plötzlich so viel Sinn machte.

Wutminton. Wir beide standen da, schlugen uns den Federball mit aller Kraft, mit aller Wut, Angst, Zorn, Verwirrtheit und Hoffnungslosigkeit um die Ohren. Mit jedem Schlag kotzten wir uns aus. Ohne Zusammenhang.

Wir waren beide nur noch ein Schatten unserer selbst. Und warum? Stress. Einfach nur Stress, Überforderung und niemand, der auf uns geschaut hätte. Nicht einmal wir selbst. Und dann stehst du plötzlich am Bahngleis.

Gottseidank gibt es bei mir zu Hause keines.

 

Rosenkranz

Ich fühlte mich unwohl. Irgendwie eingeengt. Gestern hatten wir die Slackline aufgebaut. Diesmal vor dem Klinikeingang, zwischen der Raucherecke und der Schaukel. Da war der Boden eben. Und außerdem dachte ich, dass vielleicht noch ein paar andere Bock hätten, es auszuprobieren. Hatten sie. Aus welchem Grund auch immer, ich weiß es nach wie vor nicht, wurde mir das diesmal rasch zu viel. Ich fühlte mich ein wenig gegen meinen Willen eingespannt und das zu einem Zeitpunkt, an dem ich mich lieber zurückgezogen hätte. Ich hatte es dann zwar schließlich, zu spät eigentlich, geschafft, mich abzuseilen, aber das maue Gefühl, dass man mich mal wieder dazu gebracht hatte, etwas zu tun, was ich eigentlich nicht tun wollte, und die Tatsache, dass mich das bisschen Slacklinen und Übungsleiterspielen so sehr überfordert hatten, behagten mir nicht. Ganz und gar nicht. Die Wassergymnastik war wie immer, das Wasser zu kalt, die Gymnastik ein wenig anstrengend, aber ich war einfach gern im Wasser. Danach war es wie immer stressig, innerhalb von einer Stunde raus aus dem Becken, über den Umweg Mittagessen um eins bereits fertig und aufnahmebereit in der Burnout-Gruppe zu sitzen. Und mittlerweile war die Teilnehmer-Anzahl in der Burnout-Gruppe ziemlich geschrumpft. Die waren zwar immer noch alle nett. Keiner tat mir da etwas zu leide. Aber es war eben auch keiner dabei, mit dem ich mit halbwegs identifizieren konnte. Ich war mit deutlichem Abstand die Jüngste. Punkt eins. Ich arbeitete in einer völlig anderen Welt wie sie. Punkt zwei. Ich war, was meine Energieressourcen betraf, physisch und psychisch in einem deutlich schlechteren Zustand als sie. Punkt drei. Und war aber, was die Analyse der Ursachen betrag, vielleicht auch aufgrund des Aufenthalts in der Psychiatrie zuvor, viel weiter als der Rest der Gruppe. Punkt vier. Ich fühlte mich unwohl. Mein Kopf rumorte. Ich brauchte eine Pause von allem hier. Dringend. Abstand. Ich wollte einen Chai-Latte. Und mich zumindest für zwei Stunden mal wieder „normal“ fühlen. Nicht in irgendeiner Klinik sein und mir den ganzen Tag anhören müssen, wie schlecht es anderen Leuten gerade ging, oder analysieren müssen, wie schlecht es mir gerade ging. Ich wollte eine Pause. Und einen Chai-Latte. Das einzige, was die hauseigene Cafeteria nicht im Angebot hatte.

Ich packte meine Tasche und fuhr in die Stadt. Ich fragte nicht einmal Johanna. Sie hatte sowieso gerade noch Therapie und mein Kopf wollte wirklich, wirklich, wirklich gerade überhaupt keinen Input von außen haben und nichts von Therapien, Burnout oder Kliniken hören. Ich schlenderte durch das Städtchen. Ließ die Kleidergeschäfte gleich links liegen, heute hatte ich kein Energie für ein Expositionstraining. Ich ging in den schönen Buchladen und stöberte dort umher. Las ein paar Bücher an. Besorgte mir endlich einen Ordner für die Zettelwirtschaft. Einen blauen, auch wenn er daheim dann farblich nicht ins Regal passen würde. Das war mir gerade egal. Kaufte eine kleine Leinwand. Ich wollte demnächst gerne mal den Freizeitbereich der Kunsttherapie nutzen, wenn man in der Kunsttherapie selbst nur dumme Gärten malen durfte. Kaufte zwei Zeitschriften, die burda easy und die flow, die kannte ich beide noch gar nicht und waren meilenweit von meinem alten Arbeits-Zeitschriftenspektrum entfernt. Und fand schließlich ein kleines Café, setzte mich dort allein an einen kleinen Tisch, bestellte einen Chai-Latte und genoss es, in der richtigen Welt zu sein. Allein. Einfach mal zumindest so tun zu können, als wäre alles so wie immer. Es war ruhig in dem Café und ich wurde langsam entspannter. Ich atmete die Normalität ein und blätterte in den beiden neuen Zeitschriften. Eine Näh-Zeitschrift. Ich könnte ja, wenn ich jemals irgendwann wieder aus diesen Kliniken raus wäre, mal wieder etwas nähen. Und die flow. Eine dieser Glücks- und Achtsamkeitszeitschriften, die unter den Klinikpatienten der Renner waren. Mit sowas esoterischem hätte ich mich früher nie beschäftigt. Für so etwas hätte ich gar keine Zeit gehabt. Auch diesmal hatte ich sie nur gekauft, weil auf dem Titel ein Gespräch mit dem „Erfinder“ der Achtsamkeit, Jon Kabat-Zinn angepriesen wurde. Das interessierte mich. Und außerdem war die flow einfach schön.

 

Schließlich war der Chai leer. Ich hatte alle Schnittmodelle mehrfach begutachtet und mich für mein erstes Projekt entschieden. Ich zahlte, seufzte, stand auf und ging, in Richtung Auto. Ich kam an der Kirche vorbei. Eine dieser riesigen Stadtpfarrkirchen. Ich besuche gerne Kirchen. Ich mag die Ruhe, die sie ausstrahlen. Sie sind ein Zufluchtsort – weit, weit weg und raus aus dem Alltag.

Ich ging also in die Kirche hinein. Auf der Suche nach Ruhe. Ich wollte beten, allein sein. Bei mir sein. Eine Ruhe, wie ich sie nur in Kirchen finde. Ich war beinahe enttäuscht, als ich feststellte, dass ich nicht alleine hier war. Dass weiter vorne eine Gruppe älterer Damen saß und Rosenkranz betete. Ich wollte beinahe schon gehen, dann entschied ich mich anders. Setzte mich in eine Bank, mit Abstand zu den Damen, aber doch in guter Hörweite und ließ mich, statt selbst zu beten, von dem angenehmen Wechselrhythmus des Rosenkranzes wiegen. Es war ein bisschen schade, dass keine Männer da waren, und der Wechsel daher nur zwischen den Damengruppen stattfand. Schließlich begann ich beinahe automatisch mitzubeten. Die Worte kenne ich in und auswendig. Vater Unser, der du bist im Himmel. Gegrüßet seist du, Maria. Ich wiegte im Rhythmus mit. Ich wurde ruhiger, und ruhiger, und ruhiger. Ich versank richtig im meditativen Wechselrhythmus. Ich betete etwa zwanzig Minuten leise mit. Bis ich mich entschloss, zu gehen. Ich war getragen von dieser Ruhe, von diesem gleichmütigen Singsang. Mein Kopf war ruhig, mein Geist, die restliche Anspannung, die selbst nach dem Chai-Latte noch da gewesen war, war dahin. Ich war so ruhig wie seit Tagen nicht mehr.

Ich versuchte, diesen Zustand festzuhalten, und es gelang mir erstaunlich gut. Ich genoss das Abendessen mit den Frauen am Tisch, das Nashornbaby im Tierpark Hellabrunn war mal wieder Thema und verrückte Reisegeschichten der alten Dame. Außerdem die Wiesn, die seit Samstag lief. Und Johanna und ich trugen uns für den nächsten Tag in die Infrarot-Kabine ein.

Die Hochzeit

Am Samstag stand ich früh auf. Ich war in guter Stimmung, voller Vorfreude auf die Hochzeit. Ich frühstückte, holte meine Wochenendration Tabletten in der MZ und fuhr nach Hause. Es war wenig Verkehr, ich war sogar etwas früher als geplant zu Hause.

Meine Eltern und meine Schwester waren bereits mitten in den Vorbereitungen, das Bad voll belegt. Ab zehn Uhr waren wir beim Brautpaar, ein paar Ortschaften weiter, zum Weißwurstfrühstück eingeladen, die Trauung war für den Mittag angesetzt. Wir würden mit zwei Autos fahren, so dass ich jederzeit nach Hause konnte.

Die Versuche, mir ein neues Kleid zu kaufen, waren ja kläglich gescheitert. Aber ich habe einen eleganten Weg gefunden, dieses Problem zu umgehen: Online-Shopping. Ich hatte bereits einen hellrosafarbenen, knielangen Plissée-Rock und dazu passende Sandalen zu Hause, beides wunderbar auch für eine Hochzeit geeignet. Dazu hatte ich mir eine weiße Spitzenbluse bestellt. Und, seien wir mal ehrlich, um „offline“ eine Bluse zu finden, die so gut zu dem Rock passte, hätte ich mir vermutlich wochenlang die Füße wund gelaufen.

Meine Schwester glättete mir meine Haare, da ich das auch nach vier Wochen mit kurzen Haaren immer noch nicht so richtig drauf hatte, und schließlich waren auch wir fertig. Meine Eltern waren schon vor etwa einer halben Stunde losgefahren.

Das Brautpaar hatte an der Garage ein Zelt angebaut, was aber eigentlich, denn es war ein strahlend schöner Herbsttag, gar nicht notwendig war. Sie hatten sogar eine ganze Blaskappelle engagiert, die während des Weißwurstfrühstücks spielte. Das würde eine richtig urige bayrische Bauernhochzeit geben.

Die Blaskapelle war allerdings verdammt laut. Viiieeeeel zu laut. Ich schnappte mir also zwei Weißwürste, mit süßem Senf und Breze versteht sich, setzte mich zu meiner Verwandtschaft an einen etwas abgelegenen Tisch und bemühte mich, die Musik zu ignorieren. Glücklicherweise musste die Kapelle auch hin und wieder eine Pause einlegen, ein Wohlgenuss für meine armen Ohren. Beim nächsten Einsatz der Musik war ich wieder weg. Langsam wurde es außerdem voll. Ich beschloss, erstmal auf die Toilette zu gehen. Die war im Haus, das war wunderbar weit weg von der Blasmusik. Auf dem Weg dahin konnte man wunderbar mit den verschiedensten Menschen ratschen. Unterwegs erfuhr ich, dass einer meiner Cousins seinen neuen Hund dabei hätte, einen Boarder-Collie-Welpen.

Der Welpe musste natürlich Gassi geführt werden. Ideal! Also suchte ich den Hof nach dem Hund ab, fand ihn (und meine Cousin am anderen Ende der Leine) schon halb auf dem Feldweg, ignorierte mein absolut Feldweg-untaugliches Schuhwerk und beschäftigte mich in der nächsten halben Stunde mit dem Hund, fernab von dem ganzen Trubel.

So in der Art ging der Tag weiter: Die Hochzeit war wunderschön, die Stimmung war toll, das Wetter perfekt und ich schaffte es, in einer Mischung aus Dabeisein und Mich-doch-immer-wieder-ausreichend-abseits-zu-halten, relativ lange relativ gut durchzuhalten. Ich tanzte sogar und dann, als es zum Brautverziehen in den sonnigen Biergarten unter alten, knorrigen Kastanien- und Obstbäumen ging, war mir alles egal. Die Band war verdammt laut, aber dagegen hatte ich Ohropax. Ich konnte trotzdem noch mitsingen, ich hörte nach wie vor alles, ich stand, wie alle anderen, auf den Stühlen, feuerte den Bräutigam an, bis er seine Braut endlich wieder ausgelost hatte, ich genoss es. Und es tat so gut! Ich fühlte mich, inmitten meiner ganzen Verwandtschaft, so sicher und so geborgen, dass ich zwischendrin, als mir dieser Gedanken durch den Kopf schoss, beinahe vor Glück angefangen hätte zu weinen. Ich war nicht allein. Nein. Ich hatte sie alle. Ich konnte auf jede Einzelne meiner Tanten, jeden Onkel, jede Cousine und jeden Cousin zählen. Und vor allen Dingen auf meine Schwester und meine Eltern. Ich war zum ersten Mal seit sehr langer Zeit glücklich, und zwar aus ganzem Herzen, ich hätte die Welt umarmen mögen.

Zum Schluss sattelte die Band auf AC/DC um, das war dann leider samt Ohropax zu laut. Das Brautstehlen hatte schon über eine Stunde gedauert, ich war erschöpft, verdrückte mich einmal mehr auf die Toilette und dann in einen eher abseits gelegenen Teil des Biergartens, wo sich die kleinen Kinder mit ihren Omas aufhielten.

Ich hatte meine Belastungsgrenze mehr als ausgereizt. Ich war auch schon wesentlich länger dabei gewesen, als ich mir je erhofft hatte. Es gab Abendessen. Danach würde ich fahren. Es ging nicht mehr. Als die Band draußen aufhörte, zog ich mir die Ohropax aus den Ohren. Und wenige  Sekunden später stopfte ich sie wieder rein. Es war viel, viel, viel zu laut. Es war nicht mehr auszuhalten. Insbesondere, da nach dem Brautverziehen und vor dem Abendessen der allgemeine Alkoholpegel auf Hochzeiten generell am höchsten war. Und ich stocknüchtern und völlig erschöpft. Das Abendessen war dennoch sehr, sehr lecker. Die Nachspeise konnte ich zu meiner Enttäuschung leider nicht mehr abwarten, ich verabschiedete mich. Meine Verwandten hatten sich sehr gefreut, mich zu sehen, zu sehen, dass ich dabei war und wieder lachen konnte. Und ich musste mit niemandem diskutieren, warum ich denn nun schon ginge. Meine Schwester kam mit mir mit, sie wollte mich offensichtlich nicht alleine gehen lassen.

Ich fuhr selbst, die Feier war etwa zwanzig Minuten von zu Hause entfernt gewesen. Es war eine altbekannte Strecke, die ich schon hundertmal in meinem Leben gefahren war. Trotzdem war ich heilfroh, als ich endlich, endlich sicher zu Hause war. Meine Konzentration war so rapide gesunken, dass ich nach zehn Minuten Fahrt das Gefühl hatte, mich nicht länger als 100m auf die Fahrbahn und das Fahren konzentrieren zu können. Auf meine Schwester konnte ich auch nicht zählen. Sie saß zwar neben mir, aber ganz abgesehen davon, dass sie nicht nüchtern war, hatte sie ihre Brille nicht auf. Ich würde den Baum nicht mal sehen, wenn ich schon dagegen gefahren wäre, meinte sie nur. Hilfreich.

Ich fuhr also langsamer, stehen bleiben wollte ich zwei Kilometer von zu Hause entfernt allerdings auch nicht mehr. Wir kamen sicher zu Hause an. Ich fiel tot ins Bett.

Am nächsten Tag wusste ich nicht einmal mehr, dass meine Schwester mit mir nach Hause gefahren war.

 

Ausflug

Ach, wie schön das Leben doch sein konnte! Draußen schien die Sonne, das Mittagessen war sehr gut gewesen und der Knallertisch entwickelte sich richtig positiv. Wir hatten eine Neue dazubekommen. Auch so ganz und gar nicht der Typ Mensch, mit dem ich normalerweise zu tun hätte – aber es war mittlerweile genau diese total verrückte Mischung, die den Tisch ausmachte. Jede von uns führte draußen ein völlig anderes Leben, allein schon, weil wir alle unterschiedlich alt waren. Und deshalb hatte jede von uns so unglaublich unterschiedliche Dinge zu erzählen. Ein wenig fühlte ich mich wie auf Reisen. Unterwegs trifft man immer auf Menschen, mit denen man zu Hause vermutlich kein Wort wechseln würde. Einfach, weil es sich nie ergäbe. Und mit jedem Menschen, mit jeder neuen Ansicht, lernt man dazu; begreift Neues oder rückt die eigenen Ansichten wieder zurecht. Es war meistens hochinteressant, was die anderen zu erzählen hatten. Wenn es mir gut ging, freute ich mich auf jedes Essen. Wenn es mir schlecht ging, war es aber auch völlig okay, dass ich sofort, nachdem ich gegessen hatte, wieder den Tisch verließ.

Heute ging es mir gut. Ich hatte ja noch keine Therapien und Johanna und Tina hatten Freitagnachmittag immer frei. Die Sonne schien, ein Tapetenwechsel würde sicherlich nicht schaden und so beschlossen wir drei, einen Ausflug in die nächste Stadt zu machen. Ein bisschen bummeln und Eis essen. Die anderen beiden waren schon hier gewesen und kannten sich aus. Ich war noch nie dort gewesen, obwohl ich die einzige Münchnerin war und somit sehr in der Nähe wohnte. Und das Städtchen war wunderbar malerisch, ein wenig mittelalterlich geprägt, mit vielen kleinen Gässchen, wunderbaren Häusern und einem Flussufer in der Altstadt. Und vielen schönen Geschäften! Direkt am Hauptplatz, wo Johanna das Auto abstellte, begann die kleine Einkaufsstraße. H&M, Thalia, Street One oder S.Oliver waren da, aber auch sehr viele kleine Geschäfte, die keiner Kette angehörten. Johanna hatte, seit es ihr wieder gut ging, das Einkaufsfieber gepackt. Sie hatte zum ersten Mal seit mehr als einem halben Jahr wieder überhaupt wirklich Freude an etwas und das machte sich auch beim Shoppen bemerkbar. Zielstrebig steuerten die beiden also das erste Geschäft an, das sich von einer Glasfront aus, die so breit war wie der Laden selbst, tief in das Gebäude hineinwand. Ein schöner Laden. Ich brauchte zwar nichts, aber ein bisschen stöbern konnte ja nicht schaden. Ich folgte also Johanna und Tina. Die beiden liefen zielstrebig auf die ersten Ständer zu. Ich blieb wie angewurzelt vor der Türschwelle stehen. Als wäre eine Wand vor mir heruntergefahren. Ich konnte dieses Geschäft nicht betreten. Ich konnte keinen Schritt weiter gehen.

Ich stand da und wollte eigentlich rein. Aber  es ging nicht. Ich konnte nicht durch diese Mauer gehen, die sich da plötzlich vor mir aufgetan hatte. Ich gab mich geschlagen. Fünfzig Meter weiter war offensichtlich eine Buchhandlung, eine ganze Reihe Buchregale und Ständer mit Postkarten standen davor. Ich rief Johanna und Tina zu, dass ich dort auf sie warten würde. Johanna wusste ja, dass ich mit dem Einkaufen Schwierigkeiten hatte. Tina schaute mich fragend an. Ich sagte ihr nur, ich kann nicht, das geht gerade einfach nicht. Sie stellte keine Fragen, die beiden meinten nur, sie würden dann sowieso gleich zur Buchhandlung kommen.

Ich stöberte also ein wenig in den Bücherkisten und bis Johanna und Tina kamen hatte ich mich wieder beruhigt. Die Gefahr war schließlich gebannt. Ich betrat kein Kleidergeschäft mehr. Andere Geschäfte aber waren kein Problem. Ich entdeckte ein paar hundert Meter weiter sogar mein neues Lieblingsgeschäft: Eine liebevoll eingerichtete, großzügige Buchhandlung (es gibt in diesem Städtchen offensichtlich sehr viele Leser) mit spannend ausgewähltem Sortiment, die zudem einige Dekoartikel, Schreibwaren und Künstlerbedarf führte. Ich konnte mich gar nicht sattsehen. Weiter hinten im Laden entdeckte ich, wonach ich insgeheim gesucht hatte: Ein Malbuch.

Ruth, meine Zimmergenossin in der Psychiatrie, hatte sich an einem meiner letzten Tage ein Mandala-Malbuch gekauft. Mandala kannte ich bis dahin nur aus der Freiarbeit in der Grundschule. Ich hatte die damals geliebt. Und auch Johanna hatte vor kurzem eines geschenkt bekommen. Johanna hatte in der Psychiatrie auch in der Ergotherapie, in der ich nie war, zuletzt hauptsächlich Zentangel gemalt. Für mich war das einfach systematisches Gekritzel, wie früher in der Schule am Heftrand. Aber sie machte das gerne, es tat ihr gut. Buntstifte hatte ich mir im Juli bereits gekauft, da eine gute Freundin mir vorgeschlagen hatte, ich könnte doch ein wenig malen? An mir war aber keine große Künstlerin verloren gegangen, deshalb hatte ich die dann doch kaum benutzt. Aber diese Malbücher waren wirklich schön. Ich suchte mir also eines aus, eines mit Tieren natürlich, und entdeckte hinterher bei Tchibo sogar noch ein 10er-Pack bunte Gelstifte, die ich auch mitnahm.

Damit war unsere Shoppingtour beendet und wir setzten uns in ein kleines Eiscafé am Flussufer und gönnten uns etwas Gutes. Es war einfach schön mit den beiden. Wir verstanden uns gut, ohne jeden Druck, es gab keine komischen Nachfragen, wir unterhielten uns über völlig normale Dinge, über die Klinik und Mitpatienten und ließen uns von dem glitzernden Wasserspiel zwischen Sonne und Stauwehr faszinieren. Es war ein wunderschöner Nachmittag. Dass ich nicht in das Geschäft gehen konnte und meine Ängste offenbar doch noch intensiver waren, als ich mir selbst gegenüber und auch der Psychologin gegenüber zugeben wollte, war schon lange wieder vergessen.

 

Klinik II

Die Türen schlossen sich hinter mir automatisch wieder. Ich ging zum Parkplatz, legte meine Reisetasche in den Kofferraum, verstaute meine Handtasche auf dem Beifahrersitz, setzte mich ins Auto und gab in mein Handy-Navi die Adresse der Psychosomatischen Klinik ein. Ich positionierte es in der Mittelkonsole, so dass ich den Pfeilen folgen konnte, startete den Motor, rangierte aus meiner Parklücke und ließ die Psychiatrie hinter mir. Das gelbe Kasernengelände verschwand schnell aus meinem Rückspiegel. Ich verließ das Waldstück, bog auf die Bundesstraße ein und fuhr in Richtung Autobahnauffahrt. Ich verspürte keine Freude. Aber Erleichterung. Ich war erleichtert, die Psychiatrie hinter mir lassen zu können. Das bedeutete, einen Schritt nach vorne zu gehen. Auch wenn ich gerade total erkältet und völlig k.o. war und eigentlich nur Schlafen wollte. Ich fuhr selbst mit meinem Auto. Ich hatte mein Leben wieder selbst in der Hand. Noch nicht ganz zwar. Aber ich war wieder für mich verantwortlich.

Nach etwa einer halbe Stunde Fahrt verließ ich die Autobahn, querte sie noch einmal in Richtung der Hinweisschilder „Autobahnkirche“ und „Klinik“ und ließ das gelbe Ortsschild hinter mir. Eine kurvige Straße mit Einfamilienhäusern lag vor mir, einige neu, aber die meisten sahen aus, als stünden sie hier schon seit Jahrzehnten. An der ersten Kreuzung wies ein weiteres Schild mit der Aufschrift „Klinik“ den Weg. Ich folgte einer langen, geraden Straße, die ebenfalls mit schönen Ein- und auch Mehrfamilienhäusern gesäumt war, bis sie schließlich in einer Art Allee endete, an deren Ende man, etwa 200 m außerhalb des Ortes, die Klinik sehen konnte. Ich parkte auf dem riesigen Patientenparkplatz vor dem Gebäude, überlegte, ob ich gleich mein ganzes Gepäck zum Eingang schleppen sollte oder nicht, entschied mich für die beiden wichtigsten Stücke – die Handtasche und meine Reisetasche mit ein wenig Kleidung, meinem Waschbeutel und meinem kleinen Kissen  – verschloss meinen Golf und ging Richtung Klinik. Es war ein großer, aber kompakter, etwa vierstöckiger Bau, dessen Fassade mit roten Schindeln verkleidet war. Die Klinik war auf der einen Seite von Feldern und Wiesen umgeben, auf der andere Seite durch große Lärmschutzwälle und einen Feldweg von der Autobahn getrennt. Trotzdem war es nicht sonderlich laut. Ich betrat die Klinik durch den Haupteingang und fand mich unversehens in einer Art Hotelempfang wieder. Links die Rezeption, in die, nach der umfangreichen Zeitschriftenauslage zu urteilen, ein kleiner Kiosk integriert war, rechts ein Gang, links ein Gang, und nach vorne hin öffnete sich ein offener Bereich, der mit ca. zehn Sitzgruppen ausgestattet war, an den, durch Glastüren und -fenster getrennt, eine helle Cafeteria anschloss. Ich war überrascht, so viele junge Erwachsene und sogar Jugendliche zu sehen. Die im Übrigen alle total normal aussahen. Nicht Psychiatrie-normal. Sondern normal normal. Alles Menschen wie ich oder meine Eltern oder sogar meine Turnmädels.

Ich hatte meine Tasche an die Wand gestellt, hier standen schon zwei, drei andere, und meldete mich an der Rezeption. Die Dame begrüßte mich, nahm meine Daten auf, klärte ein paar organisatorische Dinge, wie zum Beispiel ob sie Anrufer direkt zu mir durchstellen dürfe, und bat mich, den Gang links nach vorne zu gehen und mich bei der Klinikanmeldung zu melden. Mein Gepäck könne ich hier lassen. Also ging ich links den Gang entlang. Nach dem Aufenthaltsbereich folgte eine weitere kleine Halle, in der allerlei schwarze Bretter und Infokästen an der Wand hingen, dann folgte ich weiter dem Gang, von dem links und rechts Türen abgingen; an den Wänden standen Stühle, etwa in der Mitte des Gangs befand sich linker Hand ein großes Glasfenster mit der Aufschrift „Medizinische Zentrale“. Ich suchte die Tür, auf der „Anmeldung“ stand, und klopfte. Keine Reaktion. Na gut. Vielleicht klopfte man hier nicht. In der Psychiatrie mochten die das auch nicht unbedingt. Da wurde einfach zum vereinbarten Zeitpunkt die Tür geöffnet, und wenn man da war, war man da. Wenn nicht, ging die Tür wieder zu und wurde ein paar Minuten später wieder geöffnet. Da über den Gang verteilt auch schon mehrere Personen auf den Stühlen saßen, setzte ich mich auch. Endlich sitzen. Ich wollte eigentlich einfach nur in ein Bett und schlafen. Vielleicht einen heißen Tee. Ich war so richtig Erkältungs-k.o. Da sah ich Johanna – zumindest meinte ich, dass es Johanna wäre – am anderen Ende des Ganges. Sie sah sich um, ich winkte, für alles andere fehlte mir gerade die Energie, aber dann war sie aber schon wieder weg. Sie hatte gut ausgesehen, fröhlich, sofern man das denn auf die Entfernung erkennen konnte. Nach etwa fünf Minuten hatte sich die Tür zur Anmeldung immer noch nicht geöffnet. Und ich fragte eine Frau, etwa in meinem Alter, ob sie auch auf die Anmeldung warte. Nein, nein, sie habe einen Termin bei einer Ärztin. Bei der Anmeldung müsste man einfach hineingehen. Ach so. Na gut. Also stand ich wieder auf, klopfte und ging in das Büro hinein. Die Dame nahm meine Daten auf. Ich korrigierte mein Geburtsdatum. Ich war nicht Jahrgang 1982. Aber vermutlich lag das an meiner nicht besonders leserlichen Schrift auf dem Anmeldebogen. Dann schickte sie mich wieder hinaus, ich sollte vorne im Eingangsbereich warten, dort würde mich eine Dame vom Empfangsservice abholen. Also setzte ich mich vorne in einen der Sessel. Braun, nicht sonderlich bequem. Aber kaum dass ich mich gesetzt hatte, erschien schon eine ältere, freundlich blickende Dame, die meinen Namen fragend in die Halle sagte. Das bin ich, sagte ich, und stand auf.

Abschied von der Psychiatrie

Meine letzten beiden Tage in der Psychiatrie waren angebrochen. Ich hatte heute noch ein letztes Gespräch mit der Psychologin, musste, wie bei meiner Aufnahme, eine Blut- und eine Urinprobe abgeben und zum EKG. An allen Therapien nahm ich – abgesehen vom kognitiven Training – bis zum Schluss teil. Morgen, Dienstag würde ich dann nach dem Entlassungsgespräch mit meiner Ärztin gegen halb zehn Uhr selbst mit dem Auto in die psychosomatische Klinik fahren. Diese lag circa eine halbe Stunde Autofahrt entfernt, war einfach zu finden, und ich war froh, mir mit der Tatsache wieder selbst mit meinem Auto mobil zu sein, wieder ein Stückchen Freiheit erkämpft zu haben. Offiziell durfte ich natürlich immer noch nicht fahren – daher wich ich der Ärztin dezent aus, als sie mich bei der letzten Visite fragte, ob ich bereits wüsste, wie ich in die neue Klinik kommen würde.

Ich war einerseits heilfroh, endlich die Klinik verlassen zu können. Andererseits hatte ich aber auch ein bisschen Angst: Die Psychiatrie hier war mein Schutzraum gewesen. Hier hatte ich mich endlich wieder gefangen. Hatte die erste Stufe auf der Treppe genommen. Ich hoffte inständig, in der neuen Klinik bessere Zimmergenossen als zuletzt zu haben. Jetzt zum Schluss erst habe ich realisiert, wie verdammt wichtig das war. Wohl mit das wichtigste überhaupt. Johanna würde in der neuen Klinik da sein, sie freute sich schon sehr auf mich hatte sie zuletzt geschrieben, das war gut. Und dann waren da noch die Therapien. Einige Mitpatienten hier in der Psychiatrie sprachen nur davon, wie unglaublich stressig und anstrengend so eine psychosomatische Klinik wäre, da würde man nur von einer Therapie zur nächsten rennen. Das musste man auch erst einmal schaffen. Ich spürte im Moment wieder sehr deutlich, deutlicher als noch vor zwei Wochen, dass ich mir meine Energie sehr genau einteilen musste. Zudem war das Kratzen im Hals schlimmer geworden. Ich fühlte die Erkältung regelrecht in mir hochsteigen. Das ist immer noch ein Krankenhaus, beruhigt mich meine Ärztin. Der Fokus liegt dort genauso wie hier auf Ihrer Genesung, die in Ihrem eigenen Tempo vor sich gehen wird. Natürlich ist es eine große Umstellung, das wird ein, zwei Wochen dauern, bis Sie dort angekommen sind. Aber Sie werden das schon schaffen, da bin ich mir sicher.

Jeanette schnarchte nun auch tagsüber im Zimmer. Draußen war es regnerisch und ziemlich kühl, also war ich hauptsächlich damit beschäftigt, ein ruhiges und trotzdem halbwegs gemütliches Plätzchen für mich zu finden. Ich zählte die Stunden. Ohne Steffi und Johanna war es hier wirklich nicht besonders gut auszuhalten. Wir schrieben hin und wieder auf Whatsapp – den beiden ging es ganz gut in ihren neuen Kliniken – aber das war natürlich nicht das gleiche. Ich wollte endlich hier raus. An einen angenehmeren Ort. Der die neue Klinik zu sein schien.

So jedenfalls absolvierte ich die beiden letzten Tage. Viele der Patienten, die länger hier waren, bestellten an ihrem letzten Abend Pizza für die große Runde – ein kulinarischer Hochgenuss, verglichen zu dem „normalen“ Essen. Ich begnügte mich mit meinem letzten Butter-Zwieback und einer Tafel Schokolade – für mich allein. Ich war froh, meine Ruhe zu haben. Ich hatte viel im Kopf, da brauchte nicht noch mehr hinzukommen und schon gar kein überflüssiger Schwachsinn.

Der letzte Morgen war unspektakulär. Frühstück wie immer. Viele Patienten, die ich noch gut kannte, waren nicht mehr da, eine ging ebenfalls heute. Eigentlich blieb beinahe nur noch Ruth über. Wir verabschiedeten uns – vermutlich auf Nimmerwiedersehen – und wünschten uns inständig alles Gute. Sie war mir in den letzten Wochen wirklich ans Herz gewachsen.

Nach dem Frühstück fand das Abschlussgespräch statt. Schließlich packte ich meine letzten Habseligkeiten zusammen, verabschiedete mich am Stützpunkt von den Schwestern und Pflegern und verließ die Station. Im Erdgeschoss warf ich einen letzten Blick in den nach wie vor trostlosen, aber mittlerweile etwas grüneren Innenhof und gab meine Patientenkarte an der Rezeption ab. Die Empfangsdame kannte mich mittlerweile beim Namen. Auch sie wünschte mir alles, alles Gute. Und ich sollte doch Johanna bitte schöne Grüße ausrichten. Schließlich drückte sie den Türöffner, die Glasschiebetür öffnete sich und ich verließ die Psychiatrie.

Ich nahm die nächste Stufe auf meiner Treppe.