Wieder unter Kontrolle

Ich war froh, dass es mir am Mittwoch wieder besser ging. Aber meine gute Stimmung, ja fast schon eine Überdrehtheit, die mich durch die letzte Woche und das Wochenende getragen hatte, war dahin. Ich war niedergeschlagen und erschöpft, war wieder sehr vorsichtig geworden und auch die Angst nahm wieder zu. Ebenso verspürte ich wieder leichte Hüftschmerzen.

Mittwochs war wie immer Visite, ich war diesmal dankbar darüber. Meine Ärztin merkte auf den ersten Blick, dass die Hochstimmung vom Montag passé war. Ich erzählte ihr, was passiert war, und wie es mir nun ging. Meine Allgemeinärztin in München hatte mich nach der schlimmen Episode Ende Juli  gewarnt: Sie müssen aufpassen, dass Sie sich nicht wieder in eine Art kleinen Burnout hineinmanövrieren. Das hatte ich, sagte ich der Ärztin, wohl wieder geschafft. Genauso hatte es sich angefühlt. Sie sah mich nachdenklich an. Sie müssen lernen, Pausen zu machen.

Wir besprachen, welche Gruppen und Therapien ich diese Woche noch besuchen sollte, so dass ich nicht zu viel machte. Außerdem trug sie mir auf, einen detaillierten Zeitplan für das Wochenende zu schreiben – mit ausreichend Pausen. Dann blickte sie mich lächelnd an: Und vergessen Sie nicht – Sie haben einen Weg gefunden, sich wieder einzufangen. Seien Sie darauf stolz! Das ist ein riesiger Schritt. Damit verabschiedete sie sich, bat mich, das Zimmer zu verlassen und Ruth, meine Zimmerkollegin, hineinzurufen, die auch bei ihr in Behandlung war. Dann saß ich draußen auf einem der an die Wand montierten Stühle und wartete, bis das das rote Licht an unserem Zimmer wieder auf grün schaltete und die Ärztin es wieder verließ.

Sie hatte absolut Recht. Es hatte mich zwar unglaublich viel Kraft, Energie und Zeit gekostet. Aber ich hatte zum ersten Mal wieder die Kontrolle über meinen Kopf behalten!

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Beim Psychiater

Die alte, ehemals sehr gute Freundin von mir, Dani (alle Namen geändert), hatte mir den Unterschied zwischen Psychiater und Psychologe bzw. Psychotherapeut erklärt. Ein Psychologe bzw. Psychotherapeut arbeitet mit Gesprächen und Analysen – das sind die mit der berühmten Couch. Ein Psychiater ist quasi der Arzt dahinter, er arbeitet vor allem mit Psychopharmaka – also Happy-Pills und dergleichen. Sie sagte außerdem, dass es der Psychiater wäre, der die ganze Behandlung steuern würde und mich durch diesen Dschungel der tausend Möglichkeiten leiten würde.

Am Montag nach dem schönen Wochenende in den Grainau war ich zwar etwas erschöpft, so dass ich den größten Teil des Tages im Bett zubrachte, aber insgesamt in ganz guter Verfassung. Der Termin war erst am späten Nachmittag und ich beschloss, mit dem Fahrrad dorthin zu fahren. Das würde ungefähr eine Dreiviertelstunde dauern, damit hätte ich dann auch die eine Stunde Bewegung an der frischen Luft am Tag, die mir meine Allgemeinärztin „verordnet“ hatte.

Ein Termin bei einem Psychiater. Ich schob den Gedanken weg. Oder versuchte alternativ, mich davon zu überzeugen, dass das ein ganz normaler Arzttermin war. Wie etwa beim Internisten. Ich kannte wohl genauso viele Menschen, die in psychiatrischer Behandlung waren wie in internistischer. Mit dem Unterschied, dass ich von Ersteren bisher gar nichts wusste. Erst in den letzten drei Wochen habe ich erfahren, wie viele Menschen in meinem Umfeld in psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung sind oder waren. Das schockierte mich, aber war verständlich. Denn nach wie vor denken wir doch so: Wer beim Psychiater ist, ist geisteskrank. Und das Bild, dass wir alle von einem Irrenhaus und Menschen in psychiatrischer Behandlung haben, ist in der Regel alles andere als positiv.

Ich fuhr also gemächlich quer durch München. Ich fuhr extra langsam, weil es so heiß war, und ich wollte nicht völlig verschwitzt dort ankommen. Bei ungefähr 40° im Schatten war das aber unmöglich. Diese verdammte Hitze. Ich war noch nie ein Freund großer Hitze; 28° Grad reichen mir völlig aus. Aber so geschlaucht wie in diesem Jahr hatte sie mich sonst nicht. Selbst die mehrstündige Wanderung um den Ayers Rock im australischen Outback oder Wanderungen im und am Grand Canyon hatten mich körperlich weniger mitgenommen als dieser heiße Sommer in Deutschland.

Die Praxis lag dann auch noch im vierten Stock ohne Aufzug (oder vielleicht habe ich den einfach übersehen, gut möglich). Immerhin war es schön kühl. Es war ein klassischer Altbau, dicke Mauern, hübsch gestaltetes Treppenhaus. Eigentlich wunderschön, insgesamt hätte es aber mindestens einen neuen Anstrich notwendig gehabt. Genauso die Praxis. Die war eher dunkel, im Stil der Siebzigerjahre eingerichtet. Die Sprechstundenhilfe war sehr freundlich, wusste sofort, wer ich war, und bat mich, im Wartezimmer Platz zu nehmen. Dort saß nur eine weitere Patientin, sie war etwa im gleichen Alter wie ich. Das Wartezimmer sah aus wie alle Wartezimmer dieser Welt. An den vier Wänden standen bequeme Stühle, vor dem hohen Fenster war ein kleines Tischchen mit allerlei Zeitschriften darauf platziert, ein paar Grünpflanzen in den Ecken und mehr oder weniger dekorative Bilder an der Wand. Das einzige, was vielleicht etwas aus dem Rahmen fiel, war der altmodische Teppich.

Als die Ärztin die andere Patientin zu sich hereinbat, entschuldigte sie sich sehr freundlich bei mir, ich würde noch etwa eine halbe Stunde warten müssen, der Termin eben hätte leider länger als üblich gedauert. Sie machte einen sehr netten Eindruck, wirkte sehr jung auf mich. Es überraschte mich nicht, ich hatte mir ihre Praxis und ihren Lebenslauf vorher im Internet angesehen. Aber trotzdem: Sie war genau das Gegenteil von dem grauhaarigen und bedächtigen Herren, den ich mir bisher als den Prototyp eines Psychiaters vorgestellt hatte. Als sie mich dann hereinbat –  das Sprechzimmer war ähnlich altmodisch eingerichtet wie der Rest der Praxis – war ich etwas befangen. Sie fragte mich, warum ich hier wäre und ich wusste nicht so recht, was ich antworten sollte. Also begann ich, ihr, wie der Psychologin und etwas kürzer gehalten auch der Allgemeinärztin, meine Geschichte zu erzählen. Sie ließ mich eine Zeitlang erzählen, unterbrach mich dann aber. Warum sind Sie denn hier? Was fehlt Ihnen denn? Ja, was fehlte mir denn? Ich hatte mich völlig verändert – aber es war gar nicht so einfach, das jemanden zu erklären, der mich vorher nicht kannte. Also zählte ich auf: Mir ist alles egal, ich mache nichts mehr, ich liege den ganzen Tag im Bett und ich kann nicht mehr einschlafen. Sie machte, wie ich fand, relativ kurzen Prozess. Sie verschrieb mir Citalopram, das wohl gängigste Anti-Depressiva, erklärte mir, wie ich es einzunehmen hatte, und ergänzte, dass es circa drei bis vier Wochen dauern würde, bis es wirkte. Ich sollte Anfang September wiederkommen, da die Praxis erstmal vier Wochen geschlossen war. Ich fragte dann noch nach einer Krankschreibung. Sie meinte, sie könnte mich schon krankschreiben, dann würde aber der Arbeitgeber sehen, dass ich bei einem Psychiater war. Ob mir das recht sei? Nein, war es nicht. Als ich die Praxis verließ, war ich total verunsichert. Ich hatte ja keine Ahnung, was bei einem Psychiater normal war, aber irgendwie hatte ich kein gutes Gefühl bei der Sache.

Dass Psychopharmaka keine Kopfschmerztabletten sind, weiß man ja. Die Beipackzettel würde ich lieber gar nicht erst auffalten. Und jetzt einfach so mir nichts, dir nichts welche zu nehmen, ohne zu wissen, wie sie eigentlich wirkten…. Nein. Daher löste ich das Rezept erstmal nicht ein. Ich wollte lieber noch die Meinung der Therapeutin und meiner Allgemeinärztin einholen.

 

So viele Tage im Nichts

Mir war nicht ständig alles egal. Abends war es meistens besser als morgens. Manchmal konnte ich mich dazu aufraffen, Sport zu treiben oder spazieren zu gehen. Das tat gut. Manche Tage waren aus irgendeinem Grund sogar richtig gut. Zweimal in diesen zwei Wochen erschrak ich sogar richtiggehend über mich selbst. Ich hatte gelacht. Beim ersten Mal, als ich zwei Stunden lang mit meinem zweijährigen Cousin „Pferd“ gespielt hatte und er laut lachend und vor Freude quietschend vor mir her „galoppierte“ – übrigens sehr zur Freude der Nachbarn. Das zweite Mal ertappte ich mich in einer Wasserrutsche im Freibad. Meine Mutter hatte mich beinahe hineingenötigt, vermutlich in einem Versuch, mich aus der Reserve zu locken. Ich rutschte nur ihr zuliebe. Aber sie hatte Erfolg. Ich konnte offenbar doch noch lachen.

Die meiste Zeit jedoch war mir einfach alles egal. Ich sprach kaum noch. Lachte nicht mehr. Starrte stundenlang regungslos vor mich hin. Ich, die „Stillsitzen“ sonst nicht einmal buchstabieren konnte.

So viele Stunden vergingen im Nichts. Ich weinte viel, meine Augen brannten. Niemand konnte mir helfen. Nicht einmal meine Familie oder sehr enge Freunde. Keiner verstand, wie ich mich fühlte. Keiner konnte mich aufheitern. Jeder meinte, ich solle einfach mal den Sommer genießen und in ein paar Wochen wäre ich wieder fit. Ich konnte aber doch nichts mehr genießen! Ich erinnerte mich sehr wohl, was mir früher einmal Spaß gemacht hatte. Aber das erschien mir wie aus einem anderen Leben.

Außerdem meldeten sich langsam die Angst und das Herzstechen wieder zurück. Schließlich waren schon zweieinhalb Wochen vergangen. Was, wenn die Ärztin mich nicht mehr krankschreiben würde? Ich in zwei Wochen wieder arbeiten müsste?

Die Angst ließ mich aktiv werden. Ich kontaktierte eine alte, ehemals sehr gute Freundin, die im vergangenen Jahr wegen Burn-Out ein halbes Jahr ausfiel. Ich wusste ja eigentlich gar nicht so recht, was mich in der nächsten Zeit erwarten würde. Ich rief bei der Allgemeinärztin an, um einen Termin zu machen. Auf den Rat der Freundin hin suchte ich nach einem Psychiater, und bekam dank einer Empfehlung bereits in der nächsten Woche einen Termin. Und schließlich schrieb ich auch der Psychologin wieder. Sie hatte damals gemeint, ich sollte mich melden, wenn ich in ein Loch falle. Ich hatte damals nicht ganz begriffen, was sie meinte, und war mir auch nicht sicher, ob ich überhaupt schon im Loch war. Aber das war mir egal. Mein Arbeitgeber übernimmt pro Mitarbeiter insgesamt drei Termine. Ich vereinbarte den zweiten.