MBSR-Kurs, Tag 2

Alles eine Frage der Perspektive!

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Ist die Welt wirklich so, wie ich sie sehe?

Diese Frage habe ich mir vor meinem Burnout nie gestellt. Natürlich war die Welt so, wie ich sie sah, sie war ja schließlich da. Die Blumen gelb, der Himmel blau, die Berge hoch und das Meer weit. Außerdem: Was ich fühlte, war wahr. Und wenn mich jemand beleidigt hatte, dann hatte mich jemand beleidigt. Wenn ich aus einer Situation keinen Ausweg mehr sah, gab es keinen Ausweg.

Aber wie viele Jahrtausende haben die Menschen auch geglaubt, die Erde sei das Zentrum des Sonnensystems? Dabei dreht sie sich doch!

Die zweite Einheit des MBSR-Kurses hat mir eines meiner großen „Learnings“ meiner Burnout-Therapie wieder deutlicher in Erinnerung gerufen: Dreht sich die Welt um mich? Oder drehe ich mich um die Welt? Ist die Kassiererin wirklich unhöflich zu mir gewesen? Oder hat sie einfach einen schlechten Tag und ihre Laune gar nichts mit mir zu tun? Nur weil ich erwartet habe, dass die anderen von sich aus anbieten, abzuspülen, heißt das ja nicht, dass die anderen sich je dazu verpflichtet gefühlt hatten. Ich habe ja schließlich freiwillig angeboten, für alle zu kochen.

Alles eine Frage der Perspektive

Alles eine Frage der Perspektive: Ist das Schiff im Fjord wirklich so winzig, wie es gerade wirkt?

Ich sehe die Welt so wie ich gelernt habe, sie zu sehen. Wie denn auch sonst, ich kenne und kann es gar nicht anders. Es wird auch immer so sein, dass ich die Welt sehe, wie ich bin. Wer kennt das denn nicht? Bin ich gestresst, müde und schlecht gelaunt fallen mir die schönen Dinge weniger auf, dafür fällt alles Negative viel mehr ins Gewicht. Aber wie schön kann dann die haargenaue gleiche Welt plötzlich sein, nur weil ich verliebt bin?

Ich kann nicht verhindern, dass ich die Welt sehe, wie ich bin. Aber ich kann daran arbeiten, mir genau das immer wieder bewusst zu machen und meinen Blickwinkel zu erweitern, meinen Autopiloten mal ausschalten.

Wenn ich daneben stehe, ist ein Kreuzfahrtschiff unendlich riesig. Von oben, vom Fjord aus betrachtet, recht winzig. Was ist nun wahr? Beides – es ist nur eine Frage der Perspektive.

 

Verrückte Sache

Mittwoch. Mittwoch heißt Angsttherapie. Und Angsttherapie heißt meine Einzel-Therapeutin. Und meine Einzeltherapeutin bestand darauf, dass ich diesmal ein Thema hatte. Ich hatte da eine andere Meinung. Aber sie duldete keine Widerrede. Also hatte ich zum ersten Mal ein Thema.

Obwohl ich nun schon seit sage und schreibe acht Wochen in dieser Gruppe war, mich wohlfühlte, die Leute kannte, widerstrebte es mir eigentlich ziemlich, mein „Problem“ vor der Gruppe auszubreiten. Es hatte schließlich wenig mit Angst zu tun, fand ich. Die Therapeutin sah das offensichtlich anders. Also sollte ich nun mit der Gruppe gemeinsam eine Strategie für das Gespräch mit meinem Chef, das ich führen wollte, entwickeln. Also erzählte ich zuerst meine Geschichte. Und dann steuerten die anderen ihren Input bei. Der tatsächlich hilfreich war.

In der Gruppe waren mittlerweile ein etwa 45-jähriger Ingenieur, ebenfalls wegen Burnout in Behandlung, und eine Studentin, die wegen PTBS hier war. Völlig unterschiedlich, alle beide. Logisch. Und völlig unterschiedlich auch ihr Feedback. Aber beides megawichtig.

Die Studentin meinte, ganz ehrlich, wenn du in dem Gespräch zu weinen beginnst, dann ist das eigentlich kein Problem. Es wird nur zum Problem, wenn dein Gegenüber nicht weiß, wie er damit umgehen soll. Merk dir das: Nicht du bist das Problem – du bist ja auch nur ein Mensch –, sondern der, der mit dir als Mensch nicht umgehen kann oder will, hat das Problem.

Und der Ingenieur erklärte mir, dass mein Chef ja auch nur mein Chef sei. Nicht mehr. Nicht weniger. Der selber einen Chef hat. Mit dem er selbst vielleicht auch Probleme hat. Und eine Personalabteilung im Nacken. Und wenn es blöd läuft, sogar einen Betriebsrat.

Da habe ich monatelang, ja mittlerweile jahrelang das Problem hin und her gewälzt, fünftausendmal Gespräche ersonnen und es trotzdem nicht geschafft, eine andere Perspektive einzunehmen. Dazu mussten erst zwei wildfremde Menschen kommen. Und sie haben sogar Recht. Verrückte Sache.