Ausflug

Ach, wie schön das Leben doch sein konnte! Draußen schien die Sonne, das Mittagessen war sehr gut gewesen und der Knallertisch entwickelte sich richtig positiv. Wir hatten eine Neue dazubekommen. Auch so ganz und gar nicht der Typ Mensch, mit dem ich normalerweise zu tun hätte – aber es war mittlerweile genau diese total verrückte Mischung, die den Tisch ausmachte. Jede von uns führte draußen ein völlig anderes Leben, allein schon, weil wir alle unterschiedlich alt waren. Und deshalb hatte jede von uns so unglaublich unterschiedliche Dinge zu erzählen. Ein wenig fühlte ich mich wie auf Reisen. Unterwegs trifft man immer auf Menschen, mit denen man zu Hause vermutlich kein Wort wechseln würde. Einfach, weil es sich nie ergäbe. Und mit jedem Menschen, mit jeder neuen Ansicht, lernt man dazu; begreift Neues oder rückt die eigenen Ansichten wieder zurecht. Es war meistens hochinteressant, was die anderen zu erzählen hatten. Wenn es mir gut ging, freute ich mich auf jedes Essen. Wenn es mir schlecht ging, war es aber auch völlig okay, dass ich sofort, nachdem ich gegessen hatte, wieder den Tisch verließ.

Heute ging es mir gut. Ich hatte ja noch keine Therapien und Johanna und Tina hatten Freitagnachmittag immer frei. Die Sonne schien, ein Tapetenwechsel würde sicherlich nicht schaden und so beschlossen wir drei, einen Ausflug in die nächste Stadt zu machen. Ein bisschen bummeln und Eis essen. Die anderen beiden waren schon hier gewesen und kannten sich aus. Ich war noch nie dort gewesen, obwohl ich die einzige Münchnerin war und somit sehr in der Nähe wohnte. Und das Städtchen war wunderbar malerisch, ein wenig mittelalterlich geprägt, mit vielen kleinen Gässchen, wunderbaren Häusern und einem Flussufer in der Altstadt. Und vielen schönen Geschäften! Direkt am Hauptplatz, wo Johanna das Auto abstellte, begann die kleine Einkaufsstraße. H&M, Thalia, Street One oder S.Oliver waren da, aber auch sehr viele kleine Geschäfte, die keiner Kette angehörten. Johanna hatte, seit es ihr wieder gut ging, das Einkaufsfieber gepackt. Sie hatte zum ersten Mal seit mehr als einem halben Jahr wieder überhaupt wirklich Freude an etwas und das machte sich auch beim Shoppen bemerkbar. Zielstrebig steuerten die beiden also das erste Geschäft an, das sich von einer Glasfront aus, die so breit war wie der Laden selbst, tief in das Gebäude hineinwand. Ein schöner Laden. Ich brauchte zwar nichts, aber ein bisschen stöbern konnte ja nicht schaden. Ich folgte also Johanna und Tina. Die beiden liefen zielstrebig auf die ersten Ständer zu. Ich blieb wie angewurzelt vor der Türschwelle stehen. Als wäre eine Wand vor mir heruntergefahren. Ich konnte dieses Geschäft nicht betreten. Ich konnte keinen Schritt weiter gehen.

Ich stand da und wollte eigentlich rein. Aber  es ging nicht. Ich konnte nicht durch diese Mauer gehen, die sich da plötzlich vor mir aufgetan hatte. Ich gab mich geschlagen. Fünfzig Meter weiter war offensichtlich eine Buchhandlung, eine ganze Reihe Buchregale und Ständer mit Postkarten standen davor. Ich rief Johanna und Tina zu, dass ich dort auf sie warten würde. Johanna wusste ja, dass ich mit dem Einkaufen Schwierigkeiten hatte. Tina schaute mich fragend an. Ich sagte ihr nur, ich kann nicht, das geht gerade einfach nicht. Sie stellte keine Fragen, die beiden meinten nur, sie würden dann sowieso gleich zur Buchhandlung kommen.

Ich stöberte also ein wenig in den Bücherkisten und bis Johanna und Tina kamen hatte ich mich wieder beruhigt. Die Gefahr war schließlich gebannt. Ich betrat kein Kleidergeschäft mehr. Andere Geschäfte aber waren kein Problem. Ich entdeckte ein paar hundert Meter weiter sogar mein neues Lieblingsgeschäft: Eine liebevoll eingerichtete, großzügige Buchhandlung (es gibt in diesem Städtchen offensichtlich sehr viele Leser) mit spannend ausgewähltem Sortiment, die zudem einige Dekoartikel, Schreibwaren und Künstlerbedarf führte. Ich konnte mich gar nicht sattsehen. Weiter hinten im Laden entdeckte ich, wonach ich insgeheim gesucht hatte: Ein Malbuch.

Ruth, meine Zimmergenossin in der Psychiatrie, hatte sich an einem meiner letzten Tage ein Mandala-Malbuch gekauft. Mandala kannte ich bis dahin nur aus der Freiarbeit in der Grundschule. Ich hatte die damals geliebt. Und auch Johanna hatte vor kurzem eines geschenkt bekommen. Johanna hatte in der Psychiatrie auch in der Ergotherapie, in der ich nie war, zuletzt hauptsächlich Zentangel gemalt. Für mich war das einfach systematisches Gekritzel, wie früher in der Schule am Heftrand. Aber sie machte das gerne, es tat ihr gut. Buntstifte hatte ich mir im Juli bereits gekauft, da eine gute Freundin mir vorgeschlagen hatte, ich könnte doch ein wenig malen? An mir war aber keine große Künstlerin verloren gegangen, deshalb hatte ich die dann doch kaum benutzt. Aber diese Malbücher waren wirklich schön. Ich suchte mir also eines aus, eines mit Tieren natürlich, und entdeckte hinterher bei Tchibo sogar noch ein 10er-Pack bunte Gelstifte, die ich auch mitnahm.

Damit war unsere Shoppingtour beendet und wir setzten uns in ein kleines Eiscafé am Flussufer und gönnten uns etwas Gutes. Es war einfach schön mit den beiden. Wir verstanden uns gut, ohne jeden Druck, es gab keine komischen Nachfragen, wir unterhielten uns über völlig normale Dinge, über die Klinik und Mitpatienten und ließen uns von dem glitzernden Wasserspiel zwischen Sonne und Stauwehr faszinieren. Es war ein wunderschöner Nachmittag. Dass ich nicht in das Geschäft gehen konnte und meine Ängste offenbar doch noch intensiver waren, als ich mir selbst gegenüber und auch der Psychologin gegenüber zugeben wollte, war schon lange wieder vergessen.

 

Dirndl-Shopping

Nach dem ich mich wieder beruhigt hatte – war ja eigentlich auch völlig egal, was da jemand meinte zu wissen, den ich nicht einmal kannte – beschlossen meine Schwester und ich, wohin unser nachmittäglicher Ausflug hingehen sollte. Es regnete draußen, was die Auswahl stark einschränkte, und so entschieden wir uns, Dirndl kaufen zu gehen. Meine Schwester wollte sich für die kommende Wiesn neu ausstaffieren und in der Nähe der Klinik war ein großes Trachtengeschäft.

Ich war seit der Panikattacke im Juli nicht mehr in einem Laden gewesen. In keiner Art von Geschäft. Ich war noch nicht einmal Lebensmittel kaufen gewesen. Aber ich liebe Dirndl. Notfalls, sagte meine Schwester zu mir, fahren wir eben wieder zurück. Wir verließen also meine Station, ich gab brav meine Patientenkarte am Empfang ab, die Tür wurde geöffnet und wir verließen die Klinik. Genaugenommen war mir ganz egal, wo wir nun hinfahren würden. Hauptsache, ich sähe mal wieder andere vier Wände und andere Menschen. Auf dem Weg zum Trachtengeschäft stoppten wir noch kurz an einer Bäckerei. Das Mittagessen war mal wieder mehr als bescheiden gewesen, ich hatte tierischen Hunger. Schließlich kamen wir dort an. Erwartungsgemäß – Ende August – war viel los. Paare, Freundinnen, Mamas mit ihren Töchtern, alle auf der Suche nach einem neuen Wiesn-Outfit. Aber die viele Menschen verteilten sich in dem Laden recht gut. So viele Dirndl! Und sogar einige wirklich schöne! Wenige zwar, aber die waren toll. Und bezahlbar. Meine Schwester und ich stöberten gemeinsam auf der Suche nach einem möglichst moosgrünem Dirndl mit Leinenmieder. Das gab es natürlich nicht, aber ein paar andere sehr schöne, die meine Schwester anprobierte.

Zwischendurch fragte sie mich, ob auch alles okay wäre mit mir, aber mir ging es gut. Sicher, ich war nicht so fit wie normalerweise, das spürte ich. Aber ich hatte keine Angst, keine Panik, es war kein Herzstechen und keine Enge in der Brust zu spüren, meine Atmung ging nicht schneller. Nur für einen kurzen Moment begann ich panisch zu werden: Als ich plötzlich allein war und meine Schwester nicht sofort hinter der nächsten Kleiderstange wiederfand. Ich entdeckte sie keine Minute später in der Umkleidekabine. Aber das war während der doch knapp zwei Stunden, die wir dort verbrachten, der einzige Moment, in dem so etwas wie Angst oder Panik in mir hochkam. Das war gut!

Gekauft hat sie schlussendlich nichts, das perfekte Dirndl war einfach nicht dabei. Anschließend waren wir noch am Starnberger See. Ich hatte immer noch Hunger und wollte unbedingt ein vernünftiges Abendessen. Hmm. Lecker war es. Dann ging es wieder zurück in die Klinik, wo ich den restlichen Abend versuchte, meine neue Zimmergenossin so gut als möglich zu ignorieren. War nicht ganz einfach.

Was wünscht du dir für diesen Sommer?

Heute begann neutral. Ich hatte für meine Verhältnisse gut geschlafen und saß morgens auch halbwegs wach beim Frühstück. Mein Magen hatte sich langsam daran gewöhnt, dass das Frühstück hier mangels gutem Mittagessen größer ausfällt als früher. Eine Vollkornsemmel mit Honig, die esse ich immer zuerst. Dann noch eine Scheibe Vollkornbrot, ebenfalls mit Honig. Dann, wenn ich noch Zeit habe, gibt es ein kleines Schälchen Müsli, das ich mit der Marmelade und dem Naturjoghurt mische. Das kleine Päckchen Milch bleibt täglich über, das kommt leider automatisch mit dem Müsli und kann nicht abbestellt werden. Das Obst, heute war es eine grüne Birne, hebe ich mir meistens auf. Als Notration für zwischendurch oder um das Mittagessen zu strecken. Ich saß an meinem gewohnten Platz, gemeinsam mit meiner Zimmernachbarin Johanna und Steffi, wir sprachen kurz, wer heute welche Therapien hatte.

Nach dem Frühstück ging ich zum Sport – Funktionsgymnastik war es heute. Die Trainerin, die bislang im Urlaub gewesen war, leitete die Stunde, die heute erstmals schön ausgewogen war. Kniebeuge, Liegestütze, Unterarmstütz, Bauchmuskeltraining wurden heute Stück für Stück abgearbeitet und dann wurde sogar noch etwas gedehnt. Die Sportgruppen am Morgen dauern jeweils eine halbe Stunde – und zum ersten Mal seit ich hier bin, war ich nach dieser kurzen halben Stunde nicht völlig nassgeschwitzt und verausgabt. Ich fühlte mich fit genug nach einer Woche Seniorensport demnächst in der anspruchsvolleren Gymnastikgruppe zu starten.

Nach einer kurzen Pause hatte ich um elf Uhr zum ersten Mal Kunsttherapie. In der „Kreativthemengruppe“ kam eine kleine, bunte Runde zusammen. Johanna war mit mir in der Gruppe, außerdem sechs weitere Patienten, beinahe alle aus unserer Station. Darunter Elvira. Elvira war mir bisher vor allem als laut und aufdringlich aufgefallen. Mittleres Alter, gute Figur und betont jugendliches, gepflegtes Aussehen und vor allen Dingen: laute Stimme und der Hang zu blöden Sprüchen. Na gut. Man konnte sich seine Gruppen eben nicht aussuchen.

Nach einer kurzen Eingangsrunde sollten wir uns aus einem Haufen Überschriften, die aus Zeitungen ausgeschnitten worden waren, eine aussuchen, die uns ansprach. Unsere Gedanken dazu sollten wir dann zu Papier bringen. „Wo ist der Ausgang“. „Stunde Null“. „Reise in die dunkle Seite der Seele“. So und ähnlich lauteten die verschiedenen Headlines. Ich entschied mich für „Was wünscht du dir für diesen Sommer?“. So, wie die Zeile aussah, stammte sie aus der Neon, die Ausgabe kannte ich aber nicht. Für diesen Sommer hatte ich mir alles Mögliche gewünscht, aber sicher nicht, in der Psychiatrie zu landen. Ein Urlaub war geplant, wir wollten ans Meer, nach Kroatien. Aus dem Urlaub wurde jedoch nichts mehr. Zeit am Meer hätte ich mir, obwohl ich sonst eher ein Bergfex bin und Aktivurlaube jeder Art einem reinen Badeurlaub vorziehen würde, bereits lange vor der Krankschreibung gewünscht. Ich hatte eine regelrechte Sehnsucht entwickelt. Die Sehnsucht nach dem Meer blieb, bis heute. Das Meer riecht nach Freiheit. Nach Faul-Sein-Dürfen. Danach, nur das zu tun, worauf man Lust hat. Sich ins Wasser stürzen, die Kühle am ganzen Körper zu genießen. Wie das Wasser durch die Haare strömt, sie mitnimmt. Die eigene Kraft und die Kraft des Meeres spüren, während man durch die Wellen krault. Selbst das Brennen des Salzwassers in den Augen würde ich gerne spüren. Sich treiben und tragen lassen, die Sonne auf dem Bauch spüren. Und am Strand schließlich den Sand genießen, der leicht unter den Füßen nachgibt, der die Beine und den Bauch kitzelt, wenn man ihn darauf rieseln lässt. Den Wind in den Haaren, die einem mitunter ins Gesicht fliegen, und, natürlich, die Sonne im Gesicht. Und vor allem: Während all dem keinen einzigen Gedanken verschwenden. Einfach frei sein. Im Hier und Jetzt sein. Genau das wünsche ich mir. Mein Meer.

Also, entschied ich, würde ich ein Meer malen. Ich griff mir das größte Blatt Papier. Mein Meer war groß. Die Wasserfarben mussten es sein und ein großer, weicher Pinsel. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben mit so einem großen, schönen Pinsel gemalt. Ich tunkte ihn in das Wasserglas, und drehte ihn dann in dem kleinen Töpfchen mit der dunkelblauen Farbe. Wie lange hatte ich schon keine Wasserfarben mehr benutzt! Ich setzte den Pinsel auf und malte eine lange Wellenlinie über das Blatt. Das Blau war schön wässrig und der Pinsel glitt leicht über das Papier. Ich wiederholte die Bewegung, wechselte zwischen Blau und Dunkelblau ab und ließ den Pinsel gleiten. Von links nach rechts. Von oben nach unten. Und dachte dabei an nichts anderes als an das Meer. Blau. So ruhig. So still. Ich wurde ruhiger, das Malen wirkte wie eine Meditation auf mich. Ein Pinselstrich nach dem anderen, die Wellen durchzogen das Blatt. Dann nahm ich etwas Wasser und etwas Farbe und malte die Zwischenräume, die zwischen den einzelnen Linien noch weiß geblieben waren, weiter aus. Stück um Stück. Schließlich war mein Blatt ein einziges großes Meer. Ich beschloss, dass ein Glitzern der Sonne drauf müsste. Ich bin keine begnadete Künstlerin und war nicht ganz schlüssig, wie ich das Glitzern am besten auf meine Wellen brachte. Ganz vertieft tauchte ich den Pinsel wieder in das Wasser, strich die letzten Reste Blau heraus, tauchte ihn wieder ein und rührte im gelben Farbtöpfchen. Dann zeichnete ich, immer noch mit dem dicken Pinseln, kleine, kurzen Linien im mittleren Drittel des oberen Bildrands jeweils auf die Wellenspitze und ließ die gelben Punkte etwa in der Mitte des Blattes in einer Spitze zusammenlaufen. Ich war nicht ganz zufrieden mit dem Aussehen. Also setzte ich den Pinsel, so wie er war, nochmal an, um die einzelnen Glitzer-Linien zu verbinden und die Farben etwas zu verwischen. „Mei, das ist so beruhigend, dir zuzuschauen!“ Elvira riss mich aus meinem Gedanken. Dahin war die Ruhe und das „Völlig-vertieft-in-etwas-Sein“, das ich so selten überhaupt noch schaffte. Verstimmt antwortete ich: „Es beruhigt mich irgendwie.“ Aber die Ruhe war erstmal dahin, ich war ziemlich sauer. Außer Elvira war jeder still und konzentrierte sich auf sein Blatt. Elvira malte nichts, sie konnte heute nicht. Es ging ihr auch wirklich sichtlich schlecht. Aber dann sollte sie doch bitte schön schwarze Kreise oder sonst was auf ihr Blatt malen, aber nicht mich nerven, dachte ich bei mir. Ich unternahm einen neuen Anlauf. Schließlich entstanden ein halbwegs ansehnlicher Sonnenglitzer und  vier kleine Delfine aus Wachsmalkreiden in meinem Meer. Außerdem ein paar Palmenblätter am Rand, weil ich gerade Lust auf Grün hatte. Das schöne meditative Malen war zwar dahin, aber immerhin blieb ich weiterhin ruhig und konnte mich an meinem Meer erfreuen.

Mein Mittagessen heute war ein Germknödel. Dachte ich zumindest. Auf meinem Teller waren unter der Haube schließlich drei kleine Hefeknödel versteckt, die Vanillesoße war von einer schönen dicken Haut belegt. Kein Mohn, kein Zucker. Von der Größe her erinnerten sie mich kurz an die eher mäßig gelungen Rohrnudeln, an denen ich mich im Auslandssemester einmal versucht hatte. Ich teilte eine der drei kleinen Nudeln. Kein Zwetschgenmus zu finden. Ich probierte den ersten Bissen. Schmeckte nicht nach Germknödeln. Auch eher wenig nach Dampfnudeln. Aber wenn man sich dran gewöhnt hatte, dass es eben nicht nach dem schmeckt, was man erwartet hatte, war es erstaunlich gut. Ich hatte die „Germknödel“ gegessen, dann noch die Birne vom Frühstück und schließlich den Rest meines „Proviants“ vom Wochenende, sechs kleine Cocktailtomaten. Johanna, Steffi und ich ratschten, erzählten uns von den verschiedenen Therapien vom Vormittag. Die Ruhe vom Malen war weg. Und mein Kopf fühlte sich voll an. Wie immer, wenn ich in einer guten Phase zu viel gemacht hatte. Ich hatte mittlerweile gelernt, die „neuen“ Signale, die mir mein Kopf sendete, zu deuten. Also verabschiedete ich mich, ich wollte mich vor der nächsten neuen Gruppe um halb zwei noch ein Weilchen dem Nichtstun widmen und so meinen Kopf wieder beruhigen. Nun ist das mit dem Nichtstun so eine Sache: Ich konnte es noch nie und auf Befehl nichts zu tun ist in etwa so schwer wie nicht an den grünen Elefanten zu denken, wenn einem jemand sagt, dass man nicht an den grünen Elefanten denken soll. Also hörte ich Musik, was meiner Meinung nach dem Nichtstun in diesem Moment am nächsten kam. Bei „Bussi Baby“ musste ich spontan an einen guten Kollegen denken. Ich hatte lang nichts mehr von ihm gehört. Spontan schrieb ich ihm eine Whatsapp-Nachricht. Dann hatte ich das Handy ja schon in der Hand. Eine Freundin hatte mir ein Foto von einem Dirndl geschickt, dass sie möglicherweise kaufen wollte. Das Dirndl war viel zu groß und passte überhaupt nicht zu ihr. Ich fragte mich, welche wahnsinnige Verkäuferin ihr das wohl eingeredet hatte. Ich bin keine große Einkäuferin – aber ich liebe Dirndl. Und so konnte ich meine Freundin ja auf keinen Fall auf die Hochzeit gehen lassen. Also begann ich, im Internet Dirndl zu googeln, von denen ich dachte, dass sie zu ihr passen würden. So lange, dass ich beinahe zu spät zur nächsten Therapie gekommen wäre.

Die Depressionsgruppe war eine psychoedukative Veranstaltung. In drei Stunden lernte man in einer Gruppe die Theorie zur Krankheit. Die Auslöser, die Symptome, die Behandlungsmöglichkeiten. Ich bin ein großer Fan von Ärzten, die mir nicht nur sagen, was ich habe, sondern auch warum und mir  das ganze Krankheitsbild umfassend erklären. Also war ich hier genau richtig.

Eine Depression, das war mir neu, geht immer einher mit einer Veränderung des Hormonstoffwechsels im Gehirn. Bisher sind sich die Wissenschaftler noch nicht einig, was davon die Henne ist und was das Ei, dass dabei aber ein direkter Zusammenhang besteht, erklären sie jedoch alle einstimmig*.

Einige von den Auslösern, die wir in der Gruppe zusammentrugen, waren mir bekannt. Einige überraschten mich. Ich hinterfragte mich, was waren meine Tröpfchen, die das Fass bis zum Überfließen getrieben hatten? Warum zum Teufel hatte meine Psyche derartige psychosomatische Hüftschmerzen ausgelöst, die mich a) vom Sporttreiben abhielten und mir damit meinen Ausgleich nahmen und b) mir nur zusätzliche unnötige Arztbesuche und Kopfzerbrechen und damit noch mehr Stress bereiteten. Das ist doch völlig unsinnig! Aber ja, die liebe Depression, unser Freund, ist hinterhältig. Und eine Spirale. Und zwar keine lustige, bunte, wie wir sie früher die Treppenstufen hinunterhüpfen ließen, sondern eine fiese, dunkle, steile Abwärtsspirale, der man kaum Einhalt gebieten kann.

Im Anschluss an die Stunde – Steffi war auch dabei gewesen – gingen wir hinaus, um gemeinsam, aber ohne zu reden, in der Sonne zu liegen. Wir schnappten uns jeder einen der metallenen Liegestühle und legten uns nebeneinander hin. Mein Kopf war voll. Bereits während des Mittagessens hatte ich das schon gemerkt. Als würde mein Hirn von innen Druck auf die Schädeldecke ausüben. Pochend, immer stärker. Als würden all die Gedanken, die ich in den letzten Tagen angesammelt hatten und die mein Gehirn noch nicht verarbeitet hatten, sich wie in einer Zentrifuge im Kreis drehen. Ich war in einer Zwickmühle: Tat ich nichts und versuchte, jeden neuen Reiz zu vermeiden, tobte der Tornado in meinem Kopf. Beschäftigte ich mich jedoch mit etwas anderem – so wie in der Burnout-Gruppe geschehen – bekam mein Kopf noch mehr Futter, das auch noch irgendwo in meinem zu vollen Schädel Platz finden musste. Nichtstun ging nicht, etwas tun auch nicht. Ich lag auf meinem Stuhl und versuchte, meinen Kopf in Zaum zu bekommen. Ruhig zu werden. Aber je mehr ich es versuchte, umso schlimmer wurde es. Ich wurde nervös und unruhig. Steffi neben mir schien zu schlafen. Ich hatte, wie so oft abends nach der Arbeit in den letzten zwei Juni-Wochen und in den schlimmsten Momenten im Juli das Gefühl, durchzudrehen. Das nicht zu bändigende Treiben in meinem Kopf machte mich wahnsinnig. Den Kopf gegen die Wand schlagen, alles herausschreien – de facto: durchdrehen -, danach war mir. Ich konnte nicht mehr still sitzen. Ich stand auf, brachte mein Buch nach oben, und beschloss, eine Runde im Wald zu drehen. Allein, um Ruhe zu haben. Ich ging los, rannte beinahe. Schnellen Schrittes, in der Hoffnung, die körperliche Bewegung würde auch meinem Kopf Ruhe verschaffen. Bereits nach etwa 500m befand ich mich in dem kleinen Pfad im Unterholz, mein Kopf tobte weiter. Als würde er explodieren wollen. Ich suchte nach einem Ausweg, ging schneller, mittlerweile war ich auf dem breiten Waldweg unterwegs, aber mein Kopf tobte weiter. Ich bekam Angst. Ich war allein im Wald und mein Kopf tobte. Noch hatte ich mich unter Kontrolle, der Verstand die Oberhand. Aber was, wenn der Kopf gewann?!

Das Panik-Notfall-Programm meiner Therapeutin!, fiel mir siedend heiß ein, das funktionierte bestimmt auch hier. Ich zwang mich, langsam zu gehen. Drosselte das Tempo wie für einen gemächlichen Spaziergang. Ich zwang mich, in meine Fußsohlen zu spüren, wie ich sie abrollte, zwang mich, auf das Knirschen meiner Schritte auf dem Kieselweg zu achten. Ich zwang mich auch, tief in den Bauch einzuatmen, und langsam, ganz langsam, auszuatmen. Immer wieder. Ich zählte dabei, wie bei der Atemmeditation aus der Yogastunde letzte Woche, beim Einatmen langsam bis vier und beim Ausatmen bis acht. Immer wieder entwischte mir mein Kopf, der Tornado brach wieder aus. Immer wieder kämpfte ich mit ihm. Achte auf die Schritte. Atme tief und langsam aus. Ich versuchte es auch mit der Achtsamkeit: Spüre die Sonne auf der Haut. Wie sie deine Haut wärmt. Spüre den Wind in deinen Haaren. Zack, war mein Kopf wieder weg. Geh langsam! Spür hin! Mein Kopf riss wieder aus. Schließlich ging ich dazu über, Dinge anzufassen – sie bewusst zu spüren. Ich hob einen Tannenzapfen auf und achte darauf, wie er sich in meiner Hand anfühlte. Tastete einen Baum ab. So im Kampf mit mir selbst marschierte ich etwa eine halbe Stunde durch den Wald, auf meine Atmung achtend, betont langsam, immer wieder einen Baum oder eine andere Pflanze am Wegrand berührend. Immer wieder riss mein Kopf aus, aber es wurde seltener. Schließlich, als ich beinahe schon zurück an der Klinik war, gelang es mir endlich, aus den vielen Gedanken eine Art Gedicht zu konstruieren. Ich hielt mich daran fest. Ich ging schneller. So schnell es ging wollte ich an meinen Laptop, um zu schreiben. In der Klinik angekommen, entschied ich mich um. Ich musste mich mit dem Schreiben beruhigen, dazu würde das Gedicht nicht taugen, das wäre viel zu kurz. Ich sperrte meinen schmalen Schrank auf, nahm den Laptop, immer noch komplett in einer anderen Welt, zu hundert Prozent damit beschäftigt, den Tornado im Zaum zu halten, setzte mich an das kleine Tischchen, und begann zu schreiben. Ich fing beim Aufstehen an, und schrieb den Tag im Detail herunter – genau den Text, denn ihr anfangs gelesen habt. Ich schrieb und schrieb und schrieb und schrieb. Ich schrieb mir den Tag von der Seele, ordnete meine Gedanken, holte mir mein Meer ein zweites Mal heran, und wurde nach und nach ruhiger. Bis schließlich plötzlich Johanna ins Zimmer kam. Es gab Abendessen, ob ich mitkäme? Es war bereits kurz nach fünf. Ich hatte beinahe zwei Stunden geschrieben, ohne dass mir aufgefallen war, wie die Zeit verrann. Etwas unwillig ging ich mit essen. Lieber hätte ich den Tag noch zu Ende geschrieben, ich hatte das Gefühl, dass ich das gerade brauchte. Aber ich brauchte auch ein Abendessen, das Mittagessen war mal wieder nicht besonders reichlich gewesen. Zu Tisch war ich immer noch sehr ruhig. Sprach kaum, folgte auch kaum den Gesprächen, die am Tisch hin und her flogen, immer auf der Hut, meinen Kopf sofort wieder einzufangen, wenn er sich selbstständig machen wollte. Aber er wollte gar nicht mehr, stellte ich fest. Ich entspannte mich langsam. Eigentlich hatte ich fest vorgehabt, nach dem Abendessen direkt weiterzuschreiben, um auch die Szenen im Wald zu sortieren. Aber gerade ging es mir wieder gut. Es wäre wohl vermutlich besser, den schlimmen Teil des Nachmittags erst einmal ruhen zu lassen. Mir ging es wieder gut, daran sollte ich festhalten. Ich ging also kurzentschlossen mit Johanna und Steffi spazieren, wieder durch den Wald, aber diesmal eine andere Runde. Im Gespräch mit den anderen beiden wurde ich zusehends entspannter, auch Steffi hatte keinen besonders guten Nachmittag gehabt. Ich hatte ja gedacht, sie würde schlafen, aber auch sie hatte wohl, anders als ich zwar, mit ihrem Kopf ein größeres Gefecht ausgefochten. Und Johanna machte sich Sorgen. Ihre neuen Tabletten begannen wohl zu wirken – aber leider erstmal nur deren Nebenwirkungen. Ihre Hände zitterten permanent. So spazierten wir durch den Wald. Drei völlig normale junge Erwachsene, die das Leben kurzerhand mal eben in die Psychiatrie verfrachtet hat. Und wir kämpften damit. Aber nicht mehr heute Abend. Wir sprachen, nach einer Weile des gegenseitigen Tröstens, lieber über schönere Dinge. Erzählten uns gegenseitig von unserem „alten“ Leben. Als es noch gut gewesen war.

* Womit auch geklärt wäre, warum Frauen öfter an einer Depression leiden. Unser Hormonstoffwechsel verändert sich ständig.

 

Welcome back, Panik!

Am Montagnachmittag war ich noch im Entspannungsyoga gewesen, das tat mir sehr, sehr gut. Am Dienstagnachmittag dann probierte ich Qi Gong aus. Auf einer Rasenfläche vor dem Klinikeingang versammelten sich circa zehn Patienten jeden Alters in einem Kreis. Die Qi Gong Lehrerin war gleichzeitig auch eine unserer Empfangsdamen, eine Frau mit beeindruckendem Charisma. Wir standen also alle im Kreis, die Beine hüftbreit, die Augen geschlossen. Als Einstieg, da offensichtlich außer mir weitere Neulinge dabei waren, wollte sie die unterschiedlichen Atemtechniken mit uns erarbeiten. Wir übten die tiefe, ruhige Bauchatmung, sollten spüren, wie viel Raum und wieviel Weite und Gelassenheit diese uns gab. Und dann sollten wir uns auf die Brustatmung konzentrieren. Mir schwante schon, keine gute Idee. Trotzdem machte ich mit.

Spüren Sie die Enge in der Brust. Spüren Sie die Enge, die die Brustatmung verursacht.

Und ich erstickte beinahe. Oder besser, ich hatte das Gefühl, zu ersticken. In meinem Kopf spielte sich eine Panikattacke ab, losgetreten ganz allein von dem Engegefühl, das die Brustatmung ausgelöst hatte, dem körperlichen Empfinden der Enge. Vom dem gleichen Gefühl und Empfinden, das ich während der Panikattacke verspürte.

Ich riss die Augen auf, bewegte meine Hände und Füße, und weitete aktiv meine Brust. Ich dehnte leicht, atmete in den Bauch und ignorierte für den Rest der Stunde die Atmungsanweisungen der Lehrerin. Diese innerliche Panikattacke hatte nur wenige Sekunden gedauert, vom Rest der Gruppe hatte niemand etwas mitbekommen. Ich aber war aber die nächsten Tage wieder ziemlich durch den Wind. Zwei der Patienten, die mit im Qi Gong Kreis standen, erinnerten mich an meinem Vater und an eine liebe Tante. Allein der Gedanke, dass eben mein Vater und meine Tante statt den beiden Patienten so jämmerlich und hilflos hier stehen könnten, trieb mich beinahe in den Wahnsinn. Den ganzen restlichen Abend versuchte ich, die Patientin – der Vater-Patient war auf einer anderen Station – aufzuheitern. Was bei einer schweren Depression meistens leider vergeblich ist. Ich merkte schnell, dass ich mich damit noch dazu wieder über meine eigene Grenze bewegte und mein Kopf begann, zu rebellieren, aber ich tat mich sehr schwer, gegen diesen Impuls anzukommen. Erst als die Patientin, nur noch ein Häufchen Elend, sich verabschiedete, schaffte ich es auch, mich aus diesen Gedankengängen zu lösen. Die Vorstellung, meinem Vater und meiner Tante würde es so schlecht oder noch schlechter wie mir gehen, war jedoch nach wie vor total real. Ich schaffte es nicht, diese Vorstellung vollständig von mir wegzuschieben. Die beiden kamen immer wieder vorbei. Weder der Bulle von Tölz noch Johanna konnten sie vollständig vertreiben. Erst das Mirtazapin schaffte es.

Panik!

Ich hatte beinahe die komplette erste Woche, mit Ausnahme des Wochenendes, alleine und in der Natur verbracht. Das tat mir sehr gut.

Aber schließlich, und das bleibt einfach nicht aus, wenn man alleine lebt, musste ich Lebensmittel kaufen gehen. Also schrieb ich mir – zum ersten Mal seit ich denken kann – einen Einkaufszettel, packte meinen Geldbeutel und eine große Stofftasche und fuhr mit dem Fahrrad gemütlich die zehn Minuten zu dem kleinen Tengelmann, der etwa zehn Minuten von meiner Wohnung entfernt liegt. Der Weg führt, mit Ausnahme einer Kreuzung, immer gerade an einer wenig befahrenen Straße entlang. Ich stellte mein Fahrrad ab, packte meine Tasche und ging in den Laden hinein. Er war nicht sehr voll. Ein paar ältere Paare, die sich wohl kannten, tratschten gerade neben dem Kühlregal. Ich ging direkt durch zur Frühstücksabteilung. Seit einiger Zeit schon stellte ich mir mein Müsli selbst zusammen. Hafer- oder Dinkelflocken, Haferfleks, gehackte Nüsse, Kokosraspeln und manchmal mischte ich noch ein fertiges Schokomüsli darunter. Das war günstiger, schmeckte in der Regel besser – und es waren definitiv keine Rosinen drin.

Ich stand seit geschlagenen zehn Minuten vor dem Müsliregal und konnte mich für nichts entscheiden. Immerhin die Kokosraspeln hatte ich schon im Korb, da gab es nur zwei Alternativen. Die älteren Herrschaften sprachen unnatürlich laut miteinander. Also nahm ich einfach von allem das erstbeste, das mir in die Hand fiel – ob Dinkel oder Haferflocken war schließlich auch egal – suchte noch ein bisschen Obst, Gemüse, Joghurt und Nudeln zusammen und ging zur Kasse. Draußen deponierte ich die volle Tasche vorsichtig in dem Eisenkorb auf meinem Gepäckträger und fuhr nach Hause. Ich freute mich schon darauf, gleich das Müsli zusammenzumischen.

Auf halber Strecke blieb mir plötzlich die Luft weg. Ich hatte einen unwahrscheinlichen Druck auf der Brust, der mir das Atmen kaum noch ermöglichte. Ich war überrascht. Ich fuhr doch nur geradeaus, sehr langsam und auf der Straße war kein Verkehr. Intuitiv besann ich mich der Atemübungen, die ich von der Logopädie her kannte und konzentrierte mich nur noch darauf, langsam und sehr tief in den Bauchraum ein- und auszuatmen. Die langsame, gleichmäßige Bewegung auf dem Fahrrad erschien mir als wohltuend, also behielt ich sie bei, statt abzusteigen. Nach einigen tiefen Atemzügen legte sich der Druck, und ich konnte wieder normal atmen. Komisch, dachte ich bei mir. So etwas war mir noch nie passiert. Und vergas das Ganze wieder.

Die Gedanken an diese Episode waren ein paar Tage später recht schnell wieder da. Ich war mit meiner Mutter einkaufen, weil ich ein Kleid für die Hochzeit meiner Cousine im Herbst suchte. Wir waren in einem kleinen Laden in Freising, der sich auf festliche Kleider spezialisiert hatte. Mir gefiel der Laden nicht, aber ich wusste von Freundinnen, dass sie hier schon das ein oder andere wunderschöne Kleid gefunden hatten. Die Verkäuferin machte ihre Arbeit gut und obwohl mir keines der Kleider wirklich gefiel, probierte ich ein paar. Es war mir schlichtweg zu anstrengend, ihr zu sagen, dass ich sie alle ziemlich hässlich fand. Also öffnete ich in der Umkleidekabine den Reißverschluss eines türkisen Corsagenkleids und zog es mir über den Kopf. Aber irgendetwas hatte sich verhakt. Ich hatte das Kleid genau über dem Kopf und schaffte es nicht, es mir selbst nach unten oder oben zu ziehen. Von einer Sekunde auf die andere bekam ich keine Luft mehr; meine Kehle schnürte sich komplett zu; mein Herz und die ganze Brust begannen stark zu stechen; ich schnappte nach Luft; ich hatte plötzlich wahnsinnige Angst, zu ersticken; ich bekämpfte den Impuls das teure Kleid zu zerreißen, und schrie stattdessen leise nach meiner Mutter; „Zieh’s hoch, zieh’s hoch, zieh’s hoch“; sie war direkt vor der Kabine gestanden und reagierte schnell, zog mir mit einem Ruck das Kleid über den Kopf. Ich brauch heulend zusammen. Ich hatte immer noch riesige Angst, zitterte am ganzen Körper, mir war eiskalt geworden. Ich wollte mich am liebsten in der hintersten Ecke verkriechen, verschwinden.

Meine Mutter war total erschrocken. „Was ist denn passiert?“, fragte sie mich. Ich konnte kaum noch sprechen, mehr als „Ich weiß nicht“ brachte ich nicht heraus. Ich kam recht schnell wieder zu mir, nahm den Raum um mich herum wieder wahr, zog mich an, drückte meiner Mutter die Kleider in die Hand und verließ, ohne ein Wort zu der verdatterten Verkäuferin zu sagen, schnellen Schrittes, beinahe laufend, den Laden. Draußen setzte ich mich auf den Boden und versuchte, wieder mit tiefer Bauchatmung, die Kontrolle über mich zurückzugewinnen. Meine Beine zitterten immer noch. Der Einkaufsbummel beziehungsweise der ganze Tag waren damit gelaufen. Was zum Teufel war passiert? Klar, ich hing in dem Kleid fest. Aber realistisch gesehen war es vermutlich unmöglich, in einem Kleid zu ersticken. Erst Stunden später realisierte ich, dass das eine ausgewachsene Panikattacke gewesen war.

In den nächsten Wochen versuchte ich noch ein paar Mal, nach einem Kleid zu schauen. Aber keine Chance. Egal wie groß und offen der Laden war – spätestens bei der Durchsicht der Kleider fing das starke Stechen in der Brust wieder an. Der Neandertaler in mir wollte fliehen. Und mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu gehorchen. Mein Nervensystem hatte die Gewalt über mich.

Der Fluchtinstinkt stellte sich in den nächsten Wochen auch in anderen Situationen ein: Große Menschenansammlungen. Enge Räume. Laute Geräuschquellen. In manchen Momenten schaffte ich es, den Instinkt zu besiegen. Das kostete mich jedoch unwahrscheinlich viel Kraft. In den meisten Fällen gelang es mir nicht. Ich konnte die Flucht lediglich durch normales Geh-Tempo oder Vorwände kaschieren. Das war alles, was ich meinem vegetativen Nervensystem noch als Gegenwehr aufbieten konnte.