Wiesn

Wiesn! Und die Sonne schien heute! Ich war aufgeregt. Und freute mich wie ein kleines Kind. Wie damals, wenn unsere Eltern mit meiner Schwester und mir an einem Sonntagvormittag auf die Wiesn gegangen waren.  Damals trug man kaum Tracht. Wir sowieso nicht, die hätte bei den wilden Fahrten mit der Wildwasserbahn, “Rund um den Tegernsee“ und später der Olympia-Achterbahn ja nur gestört.

Ich hatte mein Dirndl bereits am Wochenende mitgebracht. Ich hatte mich für das Schwarz-rote entschieden. Nicht für die farbenfrohen blauen, grünen und lilafarbenen Dirndl, die noch in meinem Schrank hingen Und zwar ohne auch nur kurz zu überlegen. So ganz konnten sämtliche Psychopharmaka meine Stimmung also doch nicht übertünchen. Ich war aufgeregt. Ich flocht meine Haare am Kopf entlang. Schminkte mich mit großer Sorgfalt. Überlegte hin und her, ob ich schon zum Mittagessen im Dirndl kommen sollte – ich hatte  etwas Angst, dass mich meine Therapeutin so sehen würde, ich hatte ihr vorsichtshalber mal lieber nichts von diesem Ausflug erzählt (was sie nicht wusste, konnte sie mir schließlich nicht verbieten). Und entschied mich dann dafür. Sonst würde es hinterher knapp werden. Ich war mittlerweile so aufgeregt wie verdammt lange nicht mehr – zum einen, weil ich mich freute, zum anderen weil ich Angst hatte, dass die ganze Aktion doch nach hinten losgehen könnte. Es würde laut werden. Es würden sehr viele Leute sein. Ich musste mit dem Zug hinfahren. Aber ich hätte meine Schwester dabei. Und Johanna. Und ich musste einfach auf die Wiesn. Zumindest einmal drüberlaufen.

Schließlich war ich fertig, schluckte vorsichtshalber noch ein paar der homöopathischen, beruhigenden Kügelchen meiner Mutter, die ich für Notfälle immer noch bei mir hatte und ging zum Mittagessen. Ich war so nervös und aufgeregt, dass ich überhaupt nichts hinunter hinunter  brachte. Ich zwang mich, zumindest eine halbe Portion zu essen. Ein paar nicht-bayrische Patienten waren ganz begeistert von Johannas und meinem Dirndl, aber ich hörte ihnen gar nicht zu. Ich war so aufgeregt, ich musste endlich auf den Weg kommen. Es war ein wenig wie Lampenfieber. Ich wusste, es würde sich legen, wenn ich erstmal im Auto sitzen würde. Allerspätestens, wenn wir endlich an der Theresienwiese wären.

Johanna fuhr uns zum nahen S-Bahnhof, dort stiegen wir in den Zug und ich wurde langsam ruhiger. Mein Magen beruhigte sich halbwegs und die hektische Fahrigkeit meiner Bewegungen nahm langsam ab. Wir waren auf dem Weg zur Wiesn! Im Dirndl! Ich hatte ein wenig Angst gehabt, dass das enge Mieder mir so sehr die Luft abschnüren würde, dass ich Panik bekäme. Aber das war überhaupt kein Problem. Am Hauptbahnhof trafen wir uns mit meiner Schwester, liefen in Richtung Theresienwiese, wo  vor dem Haupteingang Johannas Freund, Tobias, wartete. Alle vier waren wir richtig fesch aufgemaschelt für unseren nachmittäglichen Wiesnspaziergang -die Sonne schien, noch war es ruhig, alles war perfekt. Ich sog die Luft ein, und konnte gar nicht genug sehen von dem prächtigen Brauereigespann, den großen Zelten, den bunten Fahrgeschäften, die über unseren Köpfen kreisten und schließlich die Bavaria am anderen Ende. Wir leisteten uns im Biergarten der Fischer Vroni einen Fisch und eine Maß Bier bzw. Spezi, ich konnte gar nicht glauben, dass ich wirklich da war. Dass ich es genießen konnte, hier zu sitzen, mit netten Leuten, in der Sonne, im Biergarten der Fischer Vroni auf dem Oktoberfest. Nach dem wir auch den letzten Bissen des sündteuren Fischs von den Gräten abgefieselt hatten und die Massen leer waren, gingen wir los. Ich wollte Johanna unbedingt die alte Münchener Rutsche zeigen und damit fahren. Bei den Wiesn-Ausflügen mit unseren Eltern früher war die Toboggan immer fester Bestandteil gewesen. Wir spazierten also einmal bis zum Ende der Zelt-Straße, und bogen dann vor dem Weinzelt nach links ab, bis ganz zum Ende. Wie immer standen davor viele Menschen, jedes Fahrgeschäft spielte eine andere Musik. Die Musik fand ich sehr anstrengend, aber mit der Menschenmenge hatte ich überhaupt kein Problem. Ich war einfach glücklich, dabei zu sein. Wir kauften also jeder ein Ticket, fuhren nacheinander mit dem rasanten Förderband auf die erste Plattform und stiegen dann die immer enger werdende Holzwendeltreppe nach oben. Dort oben liegt einem die Wiesn zu Füßen. Auf dem ältesten Fahrgeschäft, auf dem alten, bunt angemalten Holzturm stehend, steht man beinahe Aug‘ in Aug‘ mit der Bavaria und thront über allem. Sicher, es gibt höhere Fahrgeschäfte. Aber hier hat man den schönsten Ausblick. Ich sog alles in mich ein, als wäre ich nicht zum zwanzigsten, sondern zum allerersten Mal dort oben. Ich fühlte mich wie das kleine Mädchen, das ich war, als ich zum ersten Mal hier oben stand. Ich war in diesem Moment das kleine Mädchen. Ich erlebte diesen ganzen Wiesnbesuch so intensiv, so unmittelbar wie keinen zuvor. Es war ein eigenartiges Gefühl, ich wusste es nicht so recht zu deuten. Aber es war schön.

Der Anschieber riss mich aus meinem kurzen Tagtraum. Los, auf geht’s! Sonst kommt keiner mehr hoch! Er richtete mir den alten Teppich hin, half mir, mich richtig darauf zu platzieren und schob. Gar nicht beschaulich, sondern ziemlich rasant führt einen die alte Münchener Rutsch spiralförmig zurück auf den Boden der Tatsachen, in den Trubel. Es war so schön! Johanna genoss den Tag ebenso. Meine Schwester und Tobias, so war zumindest mein Eindruck, hatten ebenso Spaß an diesem entspannten Ausflug. Wir schlenderten weiter, ich kaufte gebrannte Mandeln, für die Rückfahrt, wir fuhren Kettenkarussell. Die Sonne stand nach wie vor hoch am strahlend blauen Himmel, es war Freitagnachmittag. Wie erwartet füllte sich die Festwiese mehr und mehr, bis es schließlich ziemlich voll war. Die ständig wechselnde Musik der Fahrgeschäfte war nicht mehr nur nervig, sondern nervtötend. Ich wollte gehen. Bis hierher war es schön gewesen, aber nun konnte ich nicht mehr. Johanna reichte es auch, also machten wir uns auf den Rückweg. Aber um zurück zur S-Bahn zu kommen, mussten wir noch einmal über die komplette Theresienwiese gehen. Mein Zustand verschlechterte sich rapide. Schließlich hakte ich mich bei meiner Schwester unter, hielt mich regelrecht an ihr fest. Sie bemerkte meinen festen Griff und legte den Arm um mich. Langsam stieg Angst in mir hoch. Ich war so froh, dass sie da war. Ich wusste, sie würde mich halten. Ich ging schneller, meine Schritte wurden zittriger, die Knie schwächer. Ich bemühte mich, im Hier zu bleiben. Nicht abzudriften. Kein Grund zur Panik, redete ich mir selbst zu. Wir sind auf dem Heimweg, ich bin nicht allein, es wird nichts passieren. Schließlich waren wir endlich raus. Es wurde ruhiger, wenn auch nicht gerade ruhig. Schließlich waren wir an der Hackerbrücke. Der S-Bahnhof war voll, aber im Vergleich zur Theresienwiese gerade zu entspannt. Es war eine Wohltat. Auch ich wurde wieder ruhiger. Wir verabschiedeten uns von meiner Schwester und Tobias, unsere S-Bahn fuhr ein, wir stiegen ein. Oh, war das schön, meinte Johanna. Ja, war es. Aber ich bin jetzt auch total k.o. Aber das war es wert, setzte ich nach.

Wir waren zum Abendessen wieder zurück. Nach   exakt fünf Minuten war ich fertig. Ich schmierte mir zwei Brote, aß sie schweigend und verzog mich auf mein Zimmer. Es war mir gerade viel, viel, viel zu laut im Speisesaal. Auch für Volleyball war ich heute nicht zu haben. Ich saß im halbdunklen Zimmer, nur die kleine Leuchte an unserem Tisch war an, ich hatte immer noch die Ohropax im Ohr und malte in meinem Malbuch. In meinem Kopf drehte sich kein Tornado, keine Gedanken wühlten mich auf. Ich war glücklich und zufrieden, ich war auf der Wiesn gewesen und es war alles gut gegangen. Aber mein Kopf war übervoll. Eineinhalb Stunden auf der Wiesen boten mehr als genug Reize, um ihn für eine Woche an den Rand seines derzeitigen Fassungsvermögens zu bringen. Aber das war es definitiv wert gewesen!

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