Ich wär‘ grad so gern im Pauschalurlaub…

Eine Woche im Vier-Sterne-Hotel mit eigenem Pool und Strand in Fußnähe – wie verlockend sich das gerade anhört! Einfach am Strand liegen, lesen, schwimmen, sich den Bauch vollschlagen, und unproduktiv sein. Wie schön wäre das gerade?

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Jetset im Kopf

Es war wieder Freitag. Der dritte, den ich in der Psychiatrie verbachte. Es ging mir besser wie am ersten, dem Tag meiner Einlieferung. Aber es ging mir auch sehr viel schlechter als vergangenen Freitag. Da war ich ja in richtiger Hochstimmung gewesen, voller Vorfreude auf das Wochenende. Diesen Freitag ging es mir nicht gut. Die Episode am Dienstag hatte mich unwahrscheinlich viel Kraft gekostet. Und gestern hatte ich wieder Herzstechen und die alten Stress-Symptome gehabt. Helene und ihr Mann waren zu Besuch gewesen, wir waren Schwimmen und standen auf der Heimfahrt im Stau – ich drohte zu spät zurück in die Klinik zu kommen. Ich war mit der Bewältigung des Klinikalltags hier wieder beinahe überfordert. Zudem würden Johanna und Steffi nächste Woche die Klinik verlassen. Ich wäre dann allein in diesem Irrenhaus. Und Johanna saß mir beinahe schon seit zwei Tagen mehrere Stunden täglich heulend oder eben gerade nicht mehr heulend, aber hundeelend im Bett gegenüber. Ich fühlte mich wieder schwach, sehr schwach. Ich fühlte mich allein. Und ich hatte Angst vor dem Wochenende. Meine Eltern waren eine Woche in Urlaub gefahren, meine Schwester war daheim. Eigentlich hatte sie wieder zurück nach London fliegen wollen, um ihre Masterarbeit abzugeben. Aber sie blieb hier. Sie würde sie per Post einschicken. Auch wenn es mir niemand so gesagt hatte, vermutete ich, dass meine Mutter sie wohl dazu verdonnert hatte. Damit ich eine Anlaufstelle hatte während ihres Urlaubs. Ich war dankbar dafür. Auch wenn ich es natürlich selbst nie gewagt hätte, sie selbst darum zu bitten.

Am Montag hatte sie mich gefragt, ob es für mich okay wäre, wenn sie am Samstag mit ihren Freundinnen auf ein Volksfest – den Barthelmarkt – fahren würde. Sie wäre dann von mittags bis nach Mitternacht unterwegs, also den ganzen Samstag. Klar, das passt schon, sagte ich am Montag. Da ging es mir noch gut. Mittlerweile hatte sich die Situation allerdings wieder arg gedreht. Und ich lag nach dem Morgensport wieder in meinem Bett und kämpfte mit der Angst, die im Laufe des Tages wieder von mir Besitz ergriff. Die mir die Brust eindrückte, mich klein machte, die mir die Kehle zuschnürte. Ich wollte nicht, dass meine Schwester wegen mir nicht feiern gehen konnte. Ich fühlte mich schlecht dabei. Aber ich wusste irgendwie auch keine andere Alternative. Ich hatte solche Angst davor, allein zu sein, Angst davor, dass ich dann wieder komplett kippen würde, und Angst davor, dass ich dann schließlich vielleicht nicht, wie am Dienstag, die Kontrolle behalten würde. Ich hatte Angst davor, dass ich mir selbst etwas antun könnte.

Schließlich schrieb ich Helene. Sie war eigentlich mit ihrem Umzug Anfang nächster Woche mehr als beschäftigt. Sonst würde ich meine Schwester bitten müssen, abzusagen. Es ging einfach nicht anderes. Helene hatte Zeit. Sie würde am Nachmittag vorbeikommen, und dann, wenn ich wirklich nicht alleine sein konnte, könnte ich ja einfach mit zu ihr mitkommen und ihr beim Packen zusehen oder sogar helfen.

Ich telefonierte dann mit meiner Schwester, sagte ihr, dass es mir nicht besonders gut ginge, dass aber Helene morgen vorbeikommen würde, und notfalls, sagte ich, würde ich eben zu meiner Tante gehen – die auch im selben Ort wohnt. Sie klang etwas besorgt und meinte dann auch, so besonders viel Lust hätte sie sowieso gerade nicht auf das Fest, sie sei noch nicht ganz fertig mit ihrer Arbeit. Vielleicht würde sie auch gar nicht fahren. Jedenfalls machten wir aus, dass sie mich morgen früh um Punkt acht abholen würde und wir danach gemeinsam frühstücken würden. So richtig gesehen und lange miteinander gesprochen hatten wir das letzte Mal in London, einen Tag vor meiner Krankschreibung, auf meiner bisher letzten Dienstreise. Also vor beinahe zwei Monaten.

Nachdem ich das geklärt hatte, wurde ich etwas ruhiger. Das Gedankenkarussell in meinem Kopf lief heute aber wieder recht munter und turbulent. Ich war traurig, fühlte mich von der Welt verlassen. Mir ging es einfach schlecht. Nach dem Mittagessen lag ich schon wieder in meinem Bett, mit dem Gesicht zur Wand, aber diesmal hörte ich zumindest Musik. Jojo hatte Therapie, Ruth saß in ihrem Bett und strickte an Herzchen-Socken. Das Lied, das auf egoFM gespielt wurde, war traurig. Und ich begann zu weinen. Ich hatte keinen expliziten Grund. Ich war einfach traurig. Die Welt war grau, der Schleier war wieder da. Draußen herrschte strahlender Sonnenschein. Aber meine Welt war grau. Freudlos. Traurig. Ich lag einfach in meinem Bett und schluchzte. Zum ersten Mal, seit ich hier war. Die Apathie war der Trauer gewichen.

Da spürte ich sanft eine Hand auf meiner Schulter, so unerwartet jedoch, dass ich richtig erschrak. Aber es war nur Ruth. Sie beugte sich besorgt, beinahe schon mütterlich, über mich. Sophie, flüsterte sie, was ist denn los? Ich weiß nicht, schluchzte ich. Nichts eigentlich. Das Lied ist so traurig. Ruth streichelte noch ein paar Mal über meinen Arm. Kann ich etwas für dich tun?, fragte sie mich. Ich schüttelte den Kopf. Nein, es geht schon. Das Lied ist einfach so traurig gerade.

Später am Tag versuchte ich es dann noch mit Musik und Entspannung. Das war in etwa das einzige der über zwanzig Therapieprogramme, das unserem anspruchsvollen Dänen, Marc, zusagte. In der Schule hatten Fantasiereisen bei mir immer gut funktioniert, ich mochte sie gerne. Aber diesmal nicht. Ich konnte mich nicht darauf einlassen. Ich konnte mich nicht entscheiden, an welchem Strand ich gerade war. Ich war die ganze Zeit nur am Überlegen, welcher der Strände, die ich kannte, für den Zweck am besten passte. Mein Kopf jettete von Italien (Bibione) an die Ostsee (Heiligendamm), von Neuseeland (Hahei) nach Panama (San Blas Inseln). Von Entspannung keine Spur. An all diesen Orten war ich entspannt gewesen und glücklich gewesen – aber jetzt nicht. Das Karussell drehte mit Strandbildern, aber immer noch auf Hochtouren.

Was wünscht du dir für diesen Sommer?

Heute begann neutral. Ich hatte für meine Verhältnisse gut geschlafen und saß morgens auch halbwegs wach beim Frühstück. Mein Magen hatte sich langsam daran gewöhnt, dass das Frühstück hier mangels gutem Mittagessen größer ausfällt als früher. Eine Vollkornsemmel mit Honig, die esse ich immer zuerst. Dann noch eine Scheibe Vollkornbrot, ebenfalls mit Honig. Dann, wenn ich noch Zeit habe, gibt es ein kleines Schälchen Müsli, das ich mit der Marmelade und dem Naturjoghurt mische. Das kleine Päckchen Milch bleibt täglich über, das kommt leider automatisch mit dem Müsli und kann nicht abbestellt werden. Das Obst, heute war es eine grüne Birne, hebe ich mir meistens auf. Als Notration für zwischendurch oder um das Mittagessen zu strecken. Ich saß an meinem gewohnten Platz, gemeinsam mit meiner Zimmernachbarin Johanna und Steffi, wir sprachen kurz, wer heute welche Therapien hatte.

Nach dem Frühstück ging ich zum Sport – Funktionsgymnastik war es heute. Die Trainerin, die bislang im Urlaub gewesen war, leitete die Stunde, die heute erstmals schön ausgewogen war. Kniebeuge, Liegestütze, Unterarmstütz, Bauchmuskeltraining wurden heute Stück für Stück abgearbeitet und dann wurde sogar noch etwas gedehnt. Die Sportgruppen am Morgen dauern jeweils eine halbe Stunde – und zum ersten Mal seit ich hier bin, war ich nach dieser kurzen halben Stunde nicht völlig nassgeschwitzt und verausgabt. Ich fühlte mich fit genug nach einer Woche Seniorensport demnächst in der anspruchsvolleren Gymnastikgruppe zu starten.

Nach einer kurzen Pause hatte ich um elf Uhr zum ersten Mal Kunsttherapie. In der „Kreativthemengruppe“ kam eine kleine, bunte Runde zusammen. Johanna war mit mir in der Gruppe, außerdem sechs weitere Patienten, beinahe alle aus unserer Station. Darunter Elvira. Elvira war mir bisher vor allem als laut und aufdringlich aufgefallen. Mittleres Alter, gute Figur und betont jugendliches, gepflegtes Aussehen und vor allen Dingen: laute Stimme und der Hang zu blöden Sprüchen. Na gut. Man konnte sich seine Gruppen eben nicht aussuchen.

Nach einer kurzen Eingangsrunde sollten wir uns aus einem Haufen Überschriften, die aus Zeitungen ausgeschnitten worden waren, eine aussuchen, die uns ansprach. Unsere Gedanken dazu sollten wir dann zu Papier bringen. „Wo ist der Ausgang“. „Stunde Null“. „Reise in die dunkle Seite der Seele“. So und ähnlich lauteten die verschiedenen Headlines. Ich entschied mich für „Was wünscht du dir für diesen Sommer?“. So, wie die Zeile aussah, stammte sie aus der Neon, die Ausgabe kannte ich aber nicht. Für diesen Sommer hatte ich mir alles Mögliche gewünscht, aber sicher nicht, in der Psychiatrie zu landen. Ein Urlaub war geplant, wir wollten ans Meer, nach Kroatien. Aus dem Urlaub wurde jedoch nichts mehr. Zeit am Meer hätte ich mir, obwohl ich sonst eher ein Bergfex bin und Aktivurlaube jeder Art einem reinen Badeurlaub vorziehen würde, bereits lange vor der Krankschreibung gewünscht. Ich hatte eine regelrechte Sehnsucht entwickelt. Die Sehnsucht nach dem Meer blieb, bis heute. Das Meer riecht nach Freiheit. Nach Faul-Sein-Dürfen. Danach, nur das zu tun, worauf man Lust hat. Sich ins Wasser stürzen, die Kühle am ganzen Körper zu genießen. Wie das Wasser durch die Haare strömt, sie mitnimmt. Die eigene Kraft und die Kraft des Meeres spüren, während man durch die Wellen krault. Selbst das Brennen des Salzwassers in den Augen würde ich gerne spüren. Sich treiben und tragen lassen, die Sonne auf dem Bauch spüren. Und am Strand schließlich den Sand genießen, der leicht unter den Füßen nachgibt, der die Beine und den Bauch kitzelt, wenn man ihn darauf rieseln lässt. Den Wind in den Haaren, die einem mitunter ins Gesicht fliegen, und, natürlich, die Sonne im Gesicht. Und vor allem: Während all dem keinen einzigen Gedanken verschwenden. Einfach frei sein. Im Hier und Jetzt sein. Genau das wünsche ich mir. Mein Meer.

Also, entschied ich, würde ich ein Meer malen. Ich griff mir das größte Blatt Papier. Mein Meer war groß. Die Wasserfarben mussten es sein und ein großer, weicher Pinsel. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben mit so einem großen, schönen Pinsel gemalt. Ich tunkte ihn in das Wasserglas, und drehte ihn dann in dem kleinen Töpfchen mit der dunkelblauen Farbe. Wie lange hatte ich schon keine Wasserfarben mehr benutzt! Ich setzte den Pinsel auf und malte eine lange Wellenlinie über das Blatt. Das Blau war schön wässrig und der Pinsel glitt leicht über das Papier. Ich wiederholte die Bewegung, wechselte zwischen Blau und Dunkelblau ab und ließ den Pinsel gleiten. Von links nach rechts. Von oben nach unten. Und dachte dabei an nichts anderes als an das Meer. Blau. So ruhig. So still. Ich wurde ruhiger, das Malen wirkte wie eine Meditation auf mich. Ein Pinselstrich nach dem anderen, die Wellen durchzogen das Blatt. Dann nahm ich etwas Wasser und etwas Farbe und malte die Zwischenräume, die zwischen den einzelnen Linien noch weiß geblieben waren, weiter aus. Stück um Stück. Schließlich war mein Blatt ein einziges großes Meer. Ich beschloss, dass ein Glitzern der Sonne drauf müsste. Ich bin keine begnadete Künstlerin und war nicht ganz schlüssig, wie ich das Glitzern am besten auf meine Wellen brachte. Ganz vertieft tauchte ich den Pinsel wieder in das Wasser, strich die letzten Reste Blau heraus, tauchte ihn wieder ein und rührte im gelben Farbtöpfchen. Dann zeichnete ich, immer noch mit dem dicken Pinseln, kleine, kurzen Linien im mittleren Drittel des oberen Bildrands jeweils auf die Wellenspitze und ließ die gelben Punkte etwa in der Mitte des Blattes in einer Spitze zusammenlaufen. Ich war nicht ganz zufrieden mit dem Aussehen. Also setzte ich den Pinsel, so wie er war, nochmal an, um die einzelnen Glitzer-Linien zu verbinden und die Farben etwas zu verwischen. „Mei, das ist so beruhigend, dir zuzuschauen!“ Elvira riss mich aus meinem Gedanken. Dahin war die Ruhe und das „Völlig-vertieft-in-etwas-Sein“, das ich so selten überhaupt noch schaffte. Verstimmt antwortete ich: „Es beruhigt mich irgendwie.“ Aber die Ruhe war erstmal dahin, ich war ziemlich sauer. Außer Elvira war jeder still und konzentrierte sich auf sein Blatt. Elvira malte nichts, sie konnte heute nicht. Es ging ihr auch wirklich sichtlich schlecht. Aber dann sollte sie doch bitte schön schwarze Kreise oder sonst was auf ihr Blatt malen, aber nicht mich nerven, dachte ich bei mir. Ich unternahm einen neuen Anlauf. Schließlich entstanden ein halbwegs ansehnlicher Sonnenglitzer und  vier kleine Delfine aus Wachsmalkreiden in meinem Meer. Außerdem ein paar Palmenblätter am Rand, weil ich gerade Lust auf Grün hatte. Das schöne meditative Malen war zwar dahin, aber immerhin blieb ich weiterhin ruhig und konnte mich an meinem Meer erfreuen.

Mein Mittagessen heute war ein Germknödel. Dachte ich zumindest. Auf meinem Teller waren unter der Haube schließlich drei kleine Hefeknödel versteckt, die Vanillesoße war von einer schönen dicken Haut belegt. Kein Mohn, kein Zucker. Von der Größe her erinnerten sie mich kurz an die eher mäßig gelungen Rohrnudeln, an denen ich mich im Auslandssemester einmal versucht hatte. Ich teilte eine der drei kleinen Nudeln. Kein Zwetschgenmus zu finden. Ich probierte den ersten Bissen. Schmeckte nicht nach Germknödeln. Auch eher wenig nach Dampfnudeln. Aber wenn man sich dran gewöhnt hatte, dass es eben nicht nach dem schmeckt, was man erwartet hatte, war es erstaunlich gut. Ich hatte die „Germknödel“ gegessen, dann noch die Birne vom Frühstück und schließlich den Rest meines „Proviants“ vom Wochenende, sechs kleine Cocktailtomaten. Johanna, Steffi und ich ratschten, erzählten uns von den verschiedenen Therapien vom Vormittag. Die Ruhe vom Malen war weg. Und mein Kopf fühlte sich voll an. Wie immer, wenn ich in einer guten Phase zu viel gemacht hatte. Ich hatte mittlerweile gelernt, die „neuen“ Signale, die mir mein Kopf sendete, zu deuten. Also verabschiedete ich mich, ich wollte mich vor der nächsten neuen Gruppe um halb zwei noch ein Weilchen dem Nichtstun widmen und so meinen Kopf wieder beruhigen. Nun ist das mit dem Nichtstun so eine Sache: Ich konnte es noch nie und auf Befehl nichts zu tun ist in etwa so schwer wie nicht an den grünen Elefanten zu denken, wenn einem jemand sagt, dass man nicht an den grünen Elefanten denken soll. Also hörte ich Musik, was meiner Meinung nach dem Nichtstun in diesem Moment am nächsten kam. Bei „Bussi Baby“ musste ich spontan an einen guten Kollegen denken. Ich hatte lang nichts mehr von ihm gehört. Spontan schrieb ich ihm eine Whatsapp-Nachricht. Dann hatte ich das Handy ja schon in der Hand. Eine Freundin hatte mir ein Foto von einem Dirndl geschickt, dass sie möglicherweise kaufen wollte. Das Dirndl war viel zu groß und passte überhaupt nicht zu ihr. Ich fragte mich, welche wahnsinnige Verkäuferin ihr das wohl eingeredet hatte. Ich bin keine große Einkäuferin – aber ich liebe Dirndl. Und so konnte ich meine Freundin ja auf keinen Fall auf die Hochzeit gehen lassen. Also begann ich, im Internet Dirndl zu googeln, von denen ich dachte, dass sie zu ihr passen würden. So lange, dass ich beinahe zu spät zur nächsten Therapie gekommen wäre.

Die Depressionsgruppe war eine psychoedukative Veranstaltung. In drei Stunden lernte man in einer Gruppe die Theorie zur Krankheit. Die Auslöser, die Symptome, die Behandlungsmöglichkeiten. Ich bin ein großer Fan von Ärzten, die mir nicht nur sagen, was ich habe, sondern auch warum und mir  das ganze Krankheitsbild umfassend erklären. Also war ich hier genau richtig.

Eine Depression, das war mir neu, geht immer einher mit einer Veränderung des Hormonstoffwechsels im Gehirn. Bisher sind sich die Wissenschaftler noch nicht einig, was davon die Henne ist und was das Ei, dass dabei aber ein direkter Zusammenhang besteht, erklären sie jedoch alle einstimmig*.

Einige von den Auslösern, die wir in der Gruppe zusammentrugen, waren mir bekannt. Einige überraschten mich. Ich hinterfragte mich, was waren meine Tröpfchen, die das Fass bis zum Überfließen getrieben hatten? Warum zum Teufel hatte meine Psyche derartige psychosomatische Hüftschmerzen ausgelöst, die mich a) vom Sporttreiben abhielten und mir damit meinen Ausgleich nahmen und b) mir nur zusätzliche unnötige Arztbesuche und Kopfzerbrechen und damit noch mehr Stress bereiteten. Das ist doch völlig unsinnig! Aber ja, die liebe Depression, unser Freund, ist hinterhältig. Und eine Spirale. Und zwar keine lustige, bunte, wie wir sie früher die Treppenstufen hinunterhüpfen ließen, sondern eine fiese, dunkle, steile Abwärtsspirale, der man kaum Einhalt gebieten kann.

Im Anschluss an die Stunde – Steffi war auch dabei gewesen – gingen wir hinaus, um gemeinsam, aber ohne zu reden, in der Sonne zu liegen. Wir schnappten uns jeder einen der metallenen Liegestühle und legten uns nebeneinander hin. Mein Kopf war voll. Bereits während des Mittagessens hatte ich das schon gemerkt. Als würde mein Hirn von innen Druck auf die Schädeldecke ausüben. Pochend, immer stärker. Als würden all die Gedanken, die ich in den letzten Tagen angesammelt hatten und die mein Gehirn noch nicht verarbeitet hatten, sich wie in einer Zentrifuge im Kreis drehen. Ich war in einer Zwickmühle: Tat ich nichts und versuchte, jeden neuen Reiz zu vermeiden, tobte der Tornado in meinem Kopf. Beschäftigte ich mich jedoch mit etwas anderem – so wie in der Burnout-Gruppe geschehen – bekam mein Kopf noch mehr Futter, das auch noch irgendwo in meinem zu vollen Schädel Platz finden musste. Nichtstun ging nicht, etwas tun auch nicht. Ich lag auf meinem Stuhl und versuchte, meinen Kopf in Zaum zu bekommen. Ruhig zu werden. Aber je mehr ich es versuchte, umso schlimmer wurde es. Ich wurde nervös und unruhig. Steffi neben mir schien zu schlafen. Ich hatte, wie so oft abends nach der Arbeit in den letzten zwei Juni-Wochen und in den schlimmsten Momenten im Juli das Gefühl, durchzudrehen. Das nicht zu bändigende Treiben in meinem Kopf machte mich wahnsinnig. Den Kopf gegen die Wand schlagen, alles herausschreien – de facto: durchdrehen -, danach war mir. Ich konnte nicht mehr still sitzen. Ich stand auf, brachte mein Buch nach oben, und beschloss, eine Runde im Wald zu drehen. Allein, um Ruhe zu haben. Ich ging los, rannte beinahe. Schnellen Schrittes, in der Hoffnung, die körperliche Bewegung würde auch meinem Kopf Ruhe verschaffen. Bereits nach etwa 500m befand ich mich in dem kleinen Pfad im Unterholz, mein Kopf tobte weiter. Als würde er explodieren wollen. Ich suchte nach einem Ausweg, ging schneller, mittlerweile war ich auf dem breiten Waldweg unterwegs, aber mein Kopf tobte weiter. Ich bekam Angst. Ich war allein im Wald und mein Kopf tobte. Noch hatte ich mich unter Kontrolle, der Verstand die Oberhand. Aber was, wenn der Kopf gewann?!

Das Panik-Notfall-Programm meiner Therapeutin!, fiel mir siedend heiß ein, das funktionierte bestimmt auch hier. Ich zwang mich, langsam zu gehen. Drosselte das Tempo wie für einen gemächlichen Spaziergang. Ich zwang mich, in meine Fußsohlen zu spüren, wie ich sie abrollte, zwang mich, auf das Knirschen meiner Schritte auf dem Kieselweg zu achten. Ich zwang mich auch, tief in den Bauch einzuatmen, und langsam, ganz langsam, auszuatmen. Immer wieder. Ich zählte dabei, wie bei der Atemmeditation aus der Yogastunde letzte Woche, beim Einatmen langsam bis vier und beim Ausatmen bis acht. Immer wieder entwischte mir mein Kopf, der Tornado brach wieder aus. Immer wieder kämpfte ich mit ihm. Achte auf die Schritte. Atme tief und langsam aus. Ich versuchte es auch mit der Achtsamkeit: Spüre die Sonne auf der Haut. Wie sie deine Haut wärmt. Spüre den Wind in deinen Haaren. Zack, war mein Kopf wieder weg. Geh langsam! Spür hin! Mein Kopf riss wieder aus. Schließlich ging ich dazu über, Dinge anzufassen – sie bewusst zu spüren. Ich hob einen Tannenzapfen auf und achte darauf, wie er sich in meiner Hand anfühlte. Tastete einen Baum ab. So im Kampf mit mir selbst marschierte ich etwa eine halbe Stunde durch den Wald, auf meine Atmung achtend, betont langsam, immer wieder einen Baum oder eine andere Pflanze am Wegrand berührend. Immer wieder riss mein Kopf aus, aber es wurde seltener. Schließlich, als ich beinahe schon zurück an der Klinik war, gelang es mir endlich, aus den vielen Gedanken eine Art Gedicht zu konstruieren. Ich hielt mich daran fest. Ich ging schneller. So schnell es ging wollte ich an meinen Laptop, um zu schreiben. In der Klinik angekommen, entschied ich mich um. Ich musste mich mit dem Schreiben beruhigen, dazu würde das Gedicht nicht taugen, das wäre viel zu kurz. Ich sperrte meinen schmalen Schrank auf, nahm den Laptop, immer noch komplett in einer anderen Welt, zu hundert Prozent damit beschäftigt, den Tornado im Zaum zu halten, setzte mich an das kleine Tischchen, und begann zu schreiben. Ich fing beim Aufstehen an, und schrieb den Tag im Detail herunter – genau den Text, denn ihr anfangs gelesen habt. Ich schrieb und schrieb und schrieb und schrieb. Ich schrieb mir den Tag von der Seele, ordnete meine Gedanken, holte mir mein Meer ein zweites Mal heran, und wurde nach und nach ruhiger. Bis schließlich plötzlich Johanna ins Zimmer kam. Es gab Abendessen, ob ich mitkäme? Es war bereits kurz nach fünf. Ich hatte beinahe zwei Stunden geschrieben, ohne dass mir aufgefallen war, wie die Zeit verrann. Etwas unwillig ging ich mit essen. Lieber hätte ich den Tag noch zu Ende geschrieben, ich hatte das Gefühl, dass ich das gerade brauchte. Aber ich brauchte auch ein Abendessen, das Mittagessen war mal wieder nicht besonders reichlich gewesen. Zu Tisch war ich immer noch sehr ruhig. Sprach kaum, folgte auch kaum den Gesprächen, die am Tisch hin und her flogen, immer auf der Hut, meinen Kopf sofort wieder einzufangen, wenn er sich selbstständig machen wollte. Aber er wollte gar nicht mehr, stellte ich fest. Ich entspannte mich langsam. Eigentlich hatte ich fest vorgehabt, nach dem Abendessen direkt weiterzuschreiben, um auch die Szenen im Wald zu sortieren. Aber gerade ging es mir wieder gut. Es wäre wohl vermutlich besser, den schlimmen Teil des Nachmittags erst einmal ruhen zu lassen. Mir ging es wieder gut, daran sollte ich festhalten. Ich ging also kurzentschlossen mit Johanna und Steffi spazieren, wieder durch den Wald, aber diesmal eine andere Runde. Im Gespräch mit den anderen beiden wurde ich zusehends entspannter, auch Steffi hatte keinen besonders guten Nachmittag gehabt. Ich hatte ja gedacht, sie würde schlafen, aber auch sie hatte wohl, anders als ich zwar, mit ihrem Kopf ein größeres Gefecht ausgefochten. Und Johanna machte sich Sorgen. Ihre neuen Tabletten begannen wohl zu wirken – aber leider erstmal nur deren Nebenwirkungen. Ihre Hände zitterten permanent. So spazierten wir durch den Wald. Drei völlig normale junge Erwachsene, die das Leben kurzerhand mal eben in die Psychiatrie verfrachtet hat. Und wir kämpften damit. Aber nicht mehr heute Abend. Wir sprachen, nach einer Weile des gegenseitigen Tröstens, lieber über schönere Dinge. Erzählten uns gegenseitig von unserem „alten“ Leben. Als es noch gut gewesen war.

* Womit auch geklärt wäre, warum Frauen öfter an einer Depression leiden. Unser Hormonstoffwechsel verändert sich ständig.

 

Ein Tag am Meer

Chiemsee
Chiemsee

Bereits am Samstag ging es mir wieder recht gut – ich sag’s ja, Meisterin der Verdrängung – und das Bergweh befiel mich. Um aber wandern zu gehen, war ich zu schwach und das Wetter zu heiß. Also suchte ich mir eine Alternative: Ich würde meine Freundin am Chiemsee besuchen, von dort die Berge zumindest sehen und somit endlich wieder aus dem kleinen Radius zu Hause ausbrechen.

Meine Mutter war nicht sehr begeistert von der Idee, dass ich, drei Tage nach dem sie mich aus München abholen musste, alleine an den Chiemsee fahren wollte – bei wenig Verkehr würde das ca. 1,5 Stunden dauern. Ich setzte mich durch, ich fühlte mich gut. Ich stand natürlich im Stau, und brauchte beinahe zweieinhalb Stunden, aber das Autofahren tat mir gut. (Ich bin ein Dorfkind – ohne Auto sind wir alle nicht ganz vollständig.)

Am See war es wunderschön. Wir lagen an einer kleinen Bucht am Ostufer, wo außer uns nur fünf, sechs andere Leute waren. Der Blick auf die Berge über den See hinweg war traumhaft und zahllose Segler und Stand-Up-Padler kreuzten auf dem Bayerischen Meer hin und her. Wunderschön. Ruhig. Und beruhigend. Wir ließen uns stundenlang im teils badewannenwarmen Wasser treiben, schleckten Eis und wurden spontan noch mit selbstgemachten Buchteln verwöhnt. Es war wirklich ein perfekter, fast schon kitschiger Tag, an dessen Ende ich noch ausgelassen im Wasser plantschte, die Sonne, die sich langsam senkte, sich wunderbar golden im Wasser reflektierte. Wieder zu Hause – diesmal ohne Stau – ging es mir so gut wie seit Wochen nicht mehr. Das war der erste Tag seit meiner Krankschreibung, also seit etwas mehr als sechs Wochen gewesen, den ich voll und ganz hatte genießen können.

Vielleicht auch gerade weil ich unbewusst langsam lernte, mit den kleinen Freuden und den kleinen Schritten zufrieden zu sein.