Kopf gegen Berg II

Am Freitagabend war ich quasi direkt nach dem Abendessen total erledigt ins Bett gefallen. Nun war Samstagmorgen, ich freute mich auf den Ausflug in die Berge – ich sah sie zwar auch von unserem Balkon aus, aber das war nicht das Gleiche – und fühlte mich wieder den Umständen entsprechend fit, für die Herausforderung gewappnet.

Ich war auch beinahe pünktlich bei Hanni angekommen. Wir waren zu dritt im Auto, das war gut. Ich saß hinten und konnte ein bisschen entspannen, was nach der beinahe einstündigen Autofahrt auch bereits sehr dringend notwendig war. Dummerweise hatte ich meine Ohropax vergessen. Am Berg selbst hielt ich mich ziemlich zurück. Ich kannte nicht alle, die dabei waren, ich war nicht scharf darauf, zu reden, ich wollte einfach in den Bergen sein und wandern. Das Geburtstagskind blieb die meiste Zeit in meiner Nähe, dafür war ich ziemlich dankbar. Der erste Teil des Weges war ein Forstweg, nach einiger Zeit aber  verwandelte er sich in einen schmalen Pfad. Das war anstrengend für mich, und ich fiel ans Ende der Gruppe zurück. Hanni und eine andere Freundin passten sich meinem Tempo an. Schließlich gab es eine Pause, die Wandergruppe musste schließlich fotografisch festgehalten werden, was mir die Gelegenheit gab, durch zu schnaufen. Man konnte den Gipfel bereits sehen, es lag vielleicht noch eine Stunde Weg vor uns. Bis zur Hütte war es nur noch eine halbe Stunde. Aber ich wollte ganz hoch, und bisher war ich zwar körperlich etwas angestrengt, aber meine Konzentration war noch gut, und der Weg wurde wieder breiter und ebener. Wir wanderten also gemütlich über einen breiten Weg auf das Plateau, auf dem sich die Hütte befand, ratschten, es war angenehm. Nach einer kurzen Pause nahmen wir dann das letzte Stück in Angriff. Der Pfad wurde immer schmaler, bis sich nur mehr ein Steig durch die Felsen wand. Ich fiel immer weiter zurück. Es wurde steiler und anstrengender, aber vor allem wurde der Weg immer unebener und ich musste immer besser aufpassen, wo und wie ich meine Schritte setzte. Ich brauchte immer wieder kurze Pausen. Schließlich waren wir an den Kraxelstellen, die teils auch etwas ausgesetzt waren, angekommen. Eine wunderschön Route, genau wie ich es eigentlich mag – nicht nur langweiliges Wandern, sondern ein bisschen Action. Ein paar Bergfexe aus der Gruppe waren regelrecht wie Gemsen über die Felsen gehüpft und schon lange oben. Ich brauchte länger. Ich musste vor jedem Schritt, den ich setzte, zweimal den Untergrund checken, ob er stabil genug war, oder ein Stein nicht doch wackelte. Sonst sah ich das auf den ersten Blick. Mit jedem Schritt nahm meine Konzentration rapide ab. Hanni und Sophie waren immer noch bei mir, eine ging vor mir, eine hinterher. Sie schafften es, das ganz zufällig aussehen zu lassen und ich war gottfroh drum, dass sie bei mir blieben. Normalerweise, das wusste ich aus Erfahrung, wären die beiden schon lange oben gewesen. Nach einer gefühlten Ewigkeit waren auch wir, die Nachhut, oben angekommen. Ich war völlig k.o., meine Beine zitterten, mein Kopf brauchte eine Pause. Aber ich war glücklich. Ich war oben, ich hatte es geschafft und es die Kraxelei hatte mir trotz allem Spaß gemacht.

Die anderen hatten bereits den ganzen Gipfel beschlagnahmt, wir machten eine lange Pause mit Brotzeit und Gipfelgeburtstagskuchen, bevor wir den Rückweg antraten. Es ging über die gleiche Strecke zurück, und ich war heilfroh, dass die gefährlichen Stellen gleich am Anfang zu überwinden waren. Die Pause oben hatte nicht ausgereicht, um meine Konzentration wieder halbwegs herzustellen. Ich brauchte ewig bis zu der Hütte – mit Sicherheit doppelt so lange wie angegeben, und brauchte dort auch ziemlich lange, bis ich zumindest wieder soweit war, den Gesprächen der anderen zuzuhören. Nach etwa zwei Stunden brachen die anderen auf zum Abstieg und ich marschierte ein kurzes Stück auf einem breiten Forstweg zur Gondel und fuhr ab. Unten angekommen war ich froh, erstmal alleine zu sein und Ruhe zu haben. Ich saß beinahe zwei Stunden einfach auf einer Bank in der Sonne und beobachtete die Umgebung um mich herum, und tat nichts, bis Hanni endlich mit dem Auto kam, um mich aufzusammeln. In München aßen wir noch gemeinsam zu Abend, für das Klinikabendessen wäre ich bereits zu spät, und dann machte ich mich auf den Heimweg. Nach etwa einer Viertelstunde Fahrt bekam ich leichte Angstzustände. Stechen in der Brust. Mein Atem verkrampfte. Ich hatte diese Symptome mittlerweile wirklich satt, ich war nur noch genervt davon. Ich fuhr einfach nur Auto, nicht einmal schnell, es kaum Verkehr, es gab mal wieder überhaupt keinen Grund dafür. Jetzt erst recht, dachte ich mir, und begann aus Protest lauthals im Radio mitzusingen. Und siehe da: Solange ich sang, waren die Angstsymptome verschwunden. In dem Buch, das ich gerade las, „Anti-Stress-Yoga“ von Anna Trökes, hatte die Autorin erklärt, dass man mit Singen – da ging es allerdings eher um die yogischen Mantras – sein Unterbewusstsein austricksen könne. Wenn jemand singt, kann keine Gefahr bestehen. Also kann er auch keine Angst haben. Funktioniert bei mir wunderbar! Ich habe meine Angst einfach ausgetrickst. 2:0 für mich!

Advertisements

102 Dalmatiner

Wochenende! Keine Schnarcher im Zimmer! Gutes Essen! Was für Kleinigkeiten mich momentan in Hochstimmung versetzen können…

Ich stand – es war bereits kurz nach acht – bereit, um zum letzten Mal von meinem Wochenend-Taxi (=Papa) abgeholt zu werden. Ich hatte nun die dritte Nacht in Folge mehr als schlecht geschlafen (Jeanette sei Dank), war tagsüber nicht mehr wie zuvor hauptsächlich mit mir selbst und meiner Genesung beschäftigt, sondern vor allem damit, gewissen Personen aus dem Weg zu gehen. Und das war bei dem schlechten Wetter nicht einfach. Zudem machte sich eine leichte Erkältung bemerkbar, ich hatte den Wetterumschwung unterschätzt. Mir ging es also nicht besonders gut, ich fühlte mich schwach und unsicher, aber die Aussicht auf ein Wochenende zu Hause hellte meine Stimmung deutlich auf.

Wie auch an den vergangenen Wochenenden hatte meine Ärztin mich wieder angehalten, mir einen detaillierten Plan mit Pausen zu notieren, den sie am Freitag auch nochmal mit mir durchgegangen war. Ich war im Moment sowieso überhaupt nicht motiviert, irgendetwas zu machen, ich wollte einfach zu Hause sein, mit der Katze auf dem Bauch auf dem Sofa sitzen und meiner Familie zusehen, bei dem was sie so taten, und wenn es nur Putzen und Kochen war. Der Plan war also wie folgt:

Samstag:

  • 9.00 Uhr: Ankunft
  • Bis 10.00 Uhr: Frühstück
  • Anschließend: Wäsche waschen
  • Pause bis Mittag.
  • Mittagessen.
  • Pause.
  • 16:00 Uhr: Grillen mit den Turnmädels

Sonntag:

  • Ausschlafen.
  • 12.00 Uhr Mittagessen.
  • Pause
  • 15.00 Uhr: Packen für die neue Klinik
  • Selbst (!) nach München in meine Wohnung fahren
  • Etwa 18.00 Uhr: Pause und Abendessen; fertig packen
  • 19.00 Uhr: Zurück in die Klinik fahren.

Ihr seht schon, ein hochspannendes Programm.

Das Highlight war ganz eindeutig das Grillen mit den Turnmädels am Samstagabend. Bis vor einem Jahr hatte ich gemeinsam mit einer Freundin, Mädchen im Alter von mittlerweile 15-17 Jahren trainiert. Das Grillen war früher der wichtigste Bestandteil des Trainingslagers in den Sommerferien gewesen und wir, bzw. viel mehr alle anderen hatten beschlossen, diese Tradition fortzuführen. Wir trafen uns also auch in diesem Sommer bei einem der Mädchen zu Hause, jeder brachte etwas mit. Es war ein entspanntes und gemütliches Beisammensein. Meine Trainerkollegin wusste, wie es mir ging. Alle anderen nicht. Ich hatte zugesagt, ich wollte kommen, auch wenn mir von vorneherein schon klar war, dass ich nicht allzu lange würde bleiben können. Aber zumindest zum Essen.

Es war ein komisches Gefühl. Irgendwie hoffte ich, dass mich jemand ganz einfach frage würde, wie es mir ginge, damit das Thema gleich am Anfang vom Tisch war und ich dann, ohne großes Trara, früher gehen könnte. Aber das Thema kam nicht auf. Es war schön, die Mädels und meine Freundin wieder zu sehen. Es war schön zu sehen, dass es ihnen gut ging (mal abgesehen von einem Kreuzbandriss). Aber das fröhliche Durcheinander war anstrengend. Ich fühlte mich verloren. Ein Schatten meiner selbst. Ich musste mich unglaublich anstrengen, um einem Gespräch – und an diesem Tisch liefen immer mehrere gleichzeitig – folgen zu können. Ich war froh, als das Fleisch fertig war. Damit konnte ich mich beschäftigen. Und es holte mich jedenfalls ins Hier und Jetzt zurück. Wenn ich aß, konnte mein Geist nicht Urlaub machen. Er musste essen. Damit war ich dann aber auch so beschäftigt, dass ich gar nicht mitbekam, dass ich bereits mehrfach gebeten worden war, den grünen Salat weiter zu reichen. Es war wohl der dritte Versuch, diesmal von meiner Nachbarin zur Linken, auf den ich schließlich doch noch reagierte. Das passierte nicht nur einmal. Nach dem Essen flirrte das Gespräch weiter, nein, ich wollte keinen Spritz trinken, warum? Ich muss noch fahren, und ich merkte, wie mein Geist immer wieder von dannen schwirrte. Schokomuffins waren ein gutes Mittel, ihn wieder zurückzubeordern, außerdem hatte ich Hunger, ich brauchte Energie, viel Zucker war da ideal. Irgendwann sah ich ein, dass es besser war, zu gehen. Ich bekam sowieso nichts mehr mit, ich war schon wieder nicht mehr da und ich fühlte mich körperlich schwach. Meine Trainerkollegin hatte mich schon mehrfach etwas besorgt angesehen, das war mir aufgefallen. Dann hatte ich immer versucht, zurückzulächeln. Von den anderen schien niemand etwas gemerkt zu haben. Ich zog langsam meine Strickjacke an, schob die Decke zurück, die ich mir um die Schultern gelegt hatte (so verfroren war ich früher auch nicht gewesen) und schulterte meine Tasche. Dann stand ich langsam auf. Ich wäre am liebsten einfach lautlos, ohne Kommentar, aufgestanden und gegangen. Ich hatte keine Kraft mehr, jetzt noch ein Gespräch oder gar eine Diskussion zu beginnen. Ich wollte einfach nur weg, nach Hause, mit der schnurrenden Katze auf dem Bauch, vielleicht würde ich eine ruhige Dokumentation ansehen. Keine Gespräche, kein Lärm – ich wollte nicht jemand sein müssen. Auch wenn es nur ich selbst war.

Als ich schließlich stand, starrten mich alle an. Mit Tasche und Jacke würde ich wohl nicht auf die Toilette gehen. „Ich gehe.“, sagte ich nur. „Schönen Abend noch“ Aber natürlich konnte ich mich damit nicht aus der Affäre ziehen. Was, warum? Es ist doch noch gar nicht spät? Fragten die gastgebenden Eltern und einige der Mädels. Mir geht es nicht gut. „Ach, komm zu mir, Franzi“, sagte Anna, „ich mache dich gesund! Magst du einen Tee oder sowas?“ Ich versuchte zu lächeln. So lieb von ihr. Ich bemühte mich zusammen zu reißen. Aber ich spürte die Tränen schon aufsteigen. „Danke“, antwortete ich Anna. „Aber das hilft leider nichts. Ich bin schon seit Juli krank.“ Ich weinte, ich konnte mich nicht mehr zusammenreißen. Und sah die fragenden Blicke. „Burnout“, sagte ich nur. Betroffene Gesichter. Der Vater, der mich ja mittlerweile auch seit mehr als zehn Jahren kannte, rief beinahe – aber du bist doch noch so jung! Ja. Ich zuckte die Schultern, bemüht, nicht noch mehr zu heulen: „Jedenfalls. Schönen Abend euch noch. Bis bald.“ Sie boten mir an, mich nach Hause zurückzufahren. Ob ich mir sicher war, noch Autofahren zu können. „Jaja, das geht schon.“ Ich ging um das Haus herum, verschwand aus dem Blickfeld. Im Auto begann ich erst einmal hemmungslos zu heulen. Zu viele Emotionen für mich Nervenbündel. Schließlich schluckte ich den letzten Rest der Tränen hinunter, startete den Motor und fuhr die kurze Strecke zurück zu meinen Eltern. Ein Dorf weiter. Es war wirklich nicht weit, das Fahren lenkte mich von mir ab, trotzdem war ich froh, als ich endlich zu Hause war. Im Haus war es still, es war niemand zu Hause. Ich war froh drum. Ich wollte gerade einfach nur allein mit meiner Traurigkeit sein. Die Katze vielleicht. Die wäre gut. So schön weich zu streicheln. Und das Schnurren so angenehm. Sie war tatsächlich da und protestierte nicht, als ich sie zu mir auf die Couch zog. Ich weinte eine Weile weiter, bis die Tränen versiegt waren. Ich wieder leer war, alle Emotionen aufgeräumt. Dann schaltete ich den Fernseher ein, in der Hoffnung etwas zu finden, das mich ablenkte. Der Fernseher war unglaublich laut. Ich drehte den Ton auf die unterste Stufe. Ich wusste genau, dass er damit eigentlich kaum noch zu hören war. Aber für mich war es gerade eine angenehme, normale Lautstärke. Ich zappte durch. Im Disney Channel lief 102 Dalmatiner. Sehr gut. Kurz drauf kam meine Mutter zu Hause. Auf die Frage, wie es war, und ihre Feststellung, dass sie mich noch nicht zu Hause erwartet hätte, antwortete ich: „Schön. Aber zu anstrengend.“ Ob sie das Pendel der Uhr vielleicht anhalten könnte? Es wäre so laut. Sie schaute mich etwas ungläubig an. Stoppte es dann aber. Setzte sich auf das Sofa gegenüber und schaute mit mir gemeinsam die 102 Dalmatiner. Vermutlich hörte sie so gut wie nichts. Sagte es aber nicht. Im Anschluss kam dann die 101 Dalmatiner. Die Katze mittlerweile auf meinem Bauch, schnurrend. Dann ging ich ins Bett. Ich war wieder ruhig. Aber auch völlig leer.

Sonntag ging es mir nicht gut. Die Stimmung war gerade noch okay, aber ich war müde, hatte überhaupt keinen Antrieb, und war immer noch so seltsam leer. Das Mittagessen war gut. Danach packte ich ohne besondere Motivation meine Sachen für die neue Klinik. Und langsam schlich sich die Einsamkeit wieder bei mir ein. Ich ertappte mich schließlich dabei, dass ich unten im Wohnzimmer stehend, dachte, ich wäre allen egal. Nicht einmal meine Schwester kümmerte sich um mich. Aber mittlerweile wusste ich diese Gedanken einzuordnen. Das war nicht ich. Das war die Depression. „So ein Unsinn“, scholt ich mich. Meine Schwester war schließlich oben im Zimmer, in ihrem Bett, nicht einmal 50 Meter von mir entfernt und ich hatte sie schließlich auch noch um gar nichts gebeten. Ich zwang mich, nach oben zu gehen, in ihr Zimmer. Reden konnte ich da schon nicht mehr. Ich setzte mich einfach zu ihr aufs Bett. Sie sah sofort, dass es mir nicht gut ging, unterbrach ihr Skype-Gespräch und fragte, was los wäre – ich murmelte nur ein leises  „Ich weiß nicht.“ Und rollte mich auf ihrer Bettdecke zusammen. Ich hörte sie sich von ihrer Freundin verabschieden. Mir liefen bereits die Tränen über die Wangen. Sie nahm mich in den Arm und hielt mich fest. Es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder gefangen hatte. Ich dachte nach. Ich musste noch nach München, in meine Wohnung, ich brauchte für die neue Klinik dringend ein paar Sachen von dort. Aber ich hatte Angst, dort alleine zu sein. Nicht vor dem Autofahren – das täte mir mit Sicherheit gut. Aber dort alleine zu Abend zu essen? Ich hatte wieder Angst vor mir selbst. Was, wenn ich dort wieder kippen würde? Da wäre ich alleine. Ich bat meine Schwester, mitzukommen. So fuhren wir dann, jede im eigenen Auto, nach München. Das Fahren tat gut. Es tat gut zu wissen, dass meine Schwester da war. Als wir in München ankamen, ging es mir schon wieder deutlich besser. Ich fühlte mich wieder halbwegs sicher. Wir machten gemeinsam Brotzeit, dann fuhr sie wieder nach Hause, und ich in Richtung Münchener Süden in die Klinik. Zum letzten Mal. Zwei Nächte noch. Und mir war es noch an keinem Sonntagabend so beschissen gegangen.

Kognitives Training

Dienstagfrüh war ich schon deutlich wacher als Montagfrüh. Diesmal war kein Morgensport möglich. Um neun Uhr war ich zum ersten Mal für „kognitives Training“ angemeldet.

Unser Däne, ein sehr gebildeter, aber auch anspruchsvoller Mitpatient, hatte diese Therapie ziemlich belächelt – da muss man zehn Obstsorten mit A aufzählen! (Kriegt ihr das aus dem Stegreif hin? Ich nicht). Er hatte umgehend die Therapie verlassen, sogar während der Stunde. Ich war eigentlich ganz froh um die Beschäftigung, Johanna war auch dabei, und außerdem war ich neugierig, was denn nun tatsächlich hinter dieser Therapie steckte. Ich hatte ein paar Arbeitsblätter im Stationszimmer gesehen, die ein bisschen wie die Freiarbeit oder Zusatzarbeit aus der Grundschule wirkten, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass das wirklich Teil einer Therapie sein sollte.

Um neun also fanden Johanna und ich uns in dem kleinen Therapieraum ein. Die Psychologin, die den Kurs betreute, war schon da, außerdem noch sechs andere Patienten: die ältere Dame auf meiner Station, die mich so sehr an meine Tante erinnerte, der Inder, der den ganzen Tag kein Wort sagte, der junge Mann mit der Glatze, der eigentlich sympathisch aussah, sich an den Armen ritzte und sichtlich aggressiv war, eine weitere junge Frau, die sehr dünn und blass war, und noch eine andere ältere Dame, die ich nicht kannte, sowie ein weitere junger Mann. Ein bunt gewürfelte Truppe, wie immer hier.

Dann teilte die Psychologin doch tatsächlich ein Arbeitsblatt aus. Wir hätten zehn Minuten Zeit, dieses zu bearbeiten. Auf dem Blatt befand sich ein Quadrat, in dem Qs, Ös und Os scheinbar beliebig angeordnet waren. Man musste herausfinden, wie oft sich eine bestimmte Anordnung dieser drei Buchstaben in dem Quadrat befand, sie einkreisen und zählen. Na gut. Ich war nun einmal in dieser Therapie eingeteilt, also würde ich nicht gleich bei der ersten Aufgabe meckern. Die Buchstaben-Kombinationen waren schnell gefunden, das Zählen fiel mir nicht ganz so leicht wie sonst (Buchstaben waren schon immer meine besseren Freunde), trotzdem war ich als Este fertig. Nach etwa fünf Minuten hatten auch die Letzten in der Gruppe das Blatt fertig bearbeitet. Die Ergebnisse wurden überprüft. Es gab leider keine roten oder grünen Stempel dafür wie in der Grundschule, das hätte gepasst. Bis auf zwei hatten alle die richtige Anzahl.

Die Psychologin teilte das nächste Arbeitsblatt aus. Ein Affe hatte die Länder der Teilnehmer an den Olympischen Spielen durcheinandergebracht. Man musste den Buchstabensalat in Ordnung bringen und ein Lösungswort herausfinden. Man musste also herausfinden, welches Land mit Anpama gemeint war. Na? Panama. Ich war in nicht einmal einer Minute fertig und beschloss, dass der Däne diesmal ausnahmsweise recht gehabt hatte. Ich würde mich wieder aus der Therapie abmelden lassen, das war für mich überflüssig. Die übrigen neun Minuten verbrachte ich mit der eingehenden Betrachtung des Therapieraums. In den letzten zwanzig Jahren seit der Grundschule hatte ich dann doch irgendwann gelernt, ruhig zu warten, ohne zu stören, bis alle fertig waren. Diese Aufgabe war für die anderen, insbesondere die älteren Damen, scheinbar noch trickreicher gewesen als die erste.

Das letzte Arbeitsblatt war über und über mit Zahlen bedeckt. Man musste bei 115 angefangen, die Quersumme errechnen, diese zur Ausgangszahl addieren, diese Ergebnis wiederum in dem Zahlensalat suchen, einkreisen, die beiden Zahlen verbinden, bis man wieder an der Ausgangszahl 115 angekommen war. Dadurch sollte auf dem Zahlensalat ein Bild entstehen. Zahlen. Mochte ich noch nie besonders und werde ich auch nie besonders mögen. Klar kann ich die Quersumme von 115 rechnen – 1+1+5 macht 7 – aber das war weit, weit anstrengender als die beiden kompletten ersten Blätter gemeinsam. Ich musste meinen Kopf richtig verbiegen. Und ich war vielleicht langsam dabei! Dann machte ich sogar noch einen Fehler, den ich nur durch Spicken bei Johanna korrigieren konnte. Nicht nur Johanna war vor mir fertig – und vor allen Dingen ohne Fehler – sondern auch die drei Jungs. Dem dünnen Mädchen war alles egal, die umkringelte nur lustlos immer wieder eine Zahl. Und mein Kopf fühlte sich schon wieder an, als wäre er kurz vor dem Platzen. Ganz so, als hätte er sich beim Frühsport ungehörig, ja fast zu viel, verbiegen müssen. Hui. Das war beängstigend. Ich hatte mich mit Buchstaben schon immer leichter getan als mit Zahlen, das war mir nichts Neues. Aber dass der Unterschied momentan so extrem war. Krass. Viel Denksport brauchte ich heute nicht mehr. Vielmehr eine Pause für mein geschundenes Hirn. Böse Zahlen! Würde das von alleine wieder weggehen, wenn es mir besser ging? Hoffentlich. Andererseits sprach die Tatsache, dass es dafür extra eine Therapie gab, eher dafür, dass man das ebenfalls alles wieder trainieren musste: Kognitives Training.

Kopf gegen Berg

Am Montag brach ich sehr früh, um sechs Uhr morgens, auf. Ich wollte in die Berge. Während meines Studiums lebte ich drei Jahre in Tirol. Seitdem habe ich ein regelrechtes Bergweh entwickelt. Ich freute mich auf meinen kleinen Ausflug. Sich einfach nur auf den Weg, sich selbst und den Berg zu konzentrieren und den Kopf zu Hause zu lassen, erschien mir als sehr gute Idee.

Ich entschied mich, zur Tegernseer Hütte hochzulaufen. Da war ich im vorigen Jahr bereits gewesen, die kleine Tour war entspannt, sportlich keine große Herausforderung und vor allem wunderschön. Ich genoss den Aufstieg. Den morgendlichen Waldduft. Sah zu, wie sich die Wolken langsam verzogen und die Berge ringsum wieder aus ihrem Nebelgewand auftauchten. In gut zweieinhalb Stunden war ich oben, eine gute Zeit. Vor mir lag der Tegernsee, die Hütte thronte zwischen Buch- und Roßstein wie ein Adlerhorst, hinter ihr das Bergpanorama, unter einem strahlend blauen Himmel. Traumhaft!

Aber das Gefühl, von dem ich wusste, dass es ein solcher Anblick eigentlich in mir auslösen müsste – eine Mischung aus purer Lebensfreude und Glück – wollte sich bei mir nicht einstellen. Ich setzte mich hin, blickte lange hinein in die Bergwelt und hinunter auf den See, und ich versuchte, mich selbst von der Schönheit des Augenblicks zu überzeugen. Aber nichts. Ich wusste, dass vor mir ein wunderschönes Bergpanorama lag, so wie man irgendwann eine mathematische Formel versteht. Aber das war es dann auch. Die Glücksgefühle eines Gipfelstürmers blieben aus, dafür wurde ich unruhig. Enttäuscht trank ich meine Apfelschorle aus und stieg wieder ab.

Bereits nach wenigen Metern spürte ich meine Oberschenkel. Ich musste höllisch auf den Weg aufpassen, da der Steig nicht gerade eben war. Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mir Wanderstöcke. War ich mit 27 schon alt genug dafür? Nach einer Stunde Abstieg war ich bereits ziemlich erschöpft, hatte aber noch zwei Drittel des Weges vor mir. Die Sonne brannte auf mich herunter und der Waldrand war noch ein gutes Stück entfernt. Ich trank ein paar Schlucke und ging weiter. Wenn ich den Wald und damit den Schatten erreicht hatte, wollte ich eine lange Pause machen. Dort aß ich dann auf einem großen, flachen Felsen den Rest meiner Brotzeit und trank die zweite Wasserflasche aus. Der Weg nach unten war nicht mehr lang, eine halbe Stunde vielleicht, und der Steig führte durch den Wald, war also schön schattig. Ich würde gleich unten sein.

Pustekuchen. Meine Oberschenkel schmerzten und ich merkte, dass meine Beine immer unzuverlässiger wurden. Ich musste meine Schritte sauber setzen und mich stark auf den Weg konzentrieren. Ich knickte mit dem linken Fuß um, da ich auf eine Wurzel trat, die ich eigentlich hätte sehen müssen. „Konzentrier dich auf den Weg, Sophie!“, scholt ich mich selbst. Aber ich hatte keine Chance gegen meinen Kopf. Er wollte nicht mehr. Ich konnte mich keine drei Schritte am Stück auf den Weg konzentrieren. Immer wieder knickte ich um. Meine Fußgelenke begannen zu schmerzen. Die Oberschenkel brannten. Ich hatte Hunger, aber kein Essen mehr. Ich hatte Durst, aber kein Wasser mehr. Ich war mit den Nerven am Ende. Am liebsten wäre ich einfach an Ort und Stelle liegen geblieben und hätte geheult. Aber das würde ja nichts helfen. Ich musste diesen verdammten Berg wieder herunterkommen. Im Auto war noch Wasser. Und dann würde ich in ein Seebad fahren und Essen kaufen. Ich konnte an nichts anderes mehr Denken. Trinken. Essen. Schlafen. Und fiel über die nächste Wurzel.

Irgendwie schaffte ich es die restlichen Meter den Berg herunter. Ich hatte beinahe vier Stunden für den Abstieg gebraucht. Eineinhalb Stunden mehr als für den Aufstieg. Woher ich die Energie nahm, noch mit  dem Auto zurück zum Tegernsee zu fahren, weiß ich nicht. Ich war nur noch getrieben von der untersten Schicht der Maslowschen Bedürfnispyramide. Trinken. Essen. Schlafen. In einem kleinen, ruhigen Seebad angekommen kaufte ich mir Wiener mit Brot, verschlang sie innerhalb von Minuten und schlief auf der Liegewiese ein.

Erst zwei Stunden später wachte ich wieder auf. Zurück am Auto bemerkte ich einen Strafzettel. Ich hatte vergessen, einen Parkschein zu ziehen.

Tags darauf war ich bei meiner Ärztin. Ich hatte Eisen- und Vitamin-D-Mangel. Sonst war ich offiziell topfit.