Alltag in der Klinik

Montagmorgen. Der mittlerweile 9. Montag in Folge in einer Klinik. Ein Stück Knoten war entwirrt. Aber das Knäuel, das noch übrig war, war immer noch größer. Und ich immer noch im negativen Energiebereich. Die größte Sorge hatte mir die Therapeutin letzte Woche genommen. Ich war etwas erleichtert.

Das Wochenende war okay gewesen. Irgendwie komisch ohne Schwester. Ich war ziemlich antriebslos gewesen. Hatte nicht viel gemacht. Jetzt war ich wieder in der Klinik, mit Johanna beim Laufen gewesen um acht. Das tat gut, auch wenn in den letzten Tagen meine Hüfte wieder begonnen hatte zu mucken. Und neuerdings hatte ich unter dem linken Schulterblatt eine steinharte Verspannung, die ich beinahe bei jeder Bewegung meines Arms spürte. Am Mittwoch war wieder Damensauna. Die Infrarotkabine dort war das Einzige, was diesen Knopf löste.

Ins Klinikleben hatte ich mich mittlerweile total eingewöhnt, ich war ja nun auch schon ein „alter Hase“. Ich hatte nach wie vor nicht besonders tiefergehenden Kontakt mit anderen Mitpatienten außer Johanna, aber ich ging gern abends zum Volleyballspielen oder hin und wieder in den Kunstraum und malte oder töpferte abends. Tagsüber machte ich den ein oder anderen Ausflug, manchmal musste man einfach hier raus. Ich machte für mich ein bisschen Yoga, schrieb, las, ging mit Johanna lange Runden spazieren, malte in meinem Malbuch ein Tier nach dem anderen und zuletzt hatte ich mich an ein großes Puzzle gewagt. Da saß ich, wenn ich das Gefühl hatte, Ruhe zu brauchen, also wenige Reize für meinen Kopf, aber doch Beschäftigung zu brachen, und puzzelte. Es dauert zwei Wochen, bis das erste Puzzle fertig war. Aber es wurde fertig.

Ich hatte nach wie vor keine große Lust, Zeitung zu Lesen. Ich war immer noch viel zu sehr mit mir beschäftigt, als dass ich Energie übrig gehabt hätte, um mir um Dinge wie die Flüchtlingskrise Gedanken zu machen oder mit den Flüchtlingen Mitleid zu haben. Aber ich schnappte mir seit einiger Zeit jeden zweiten Tag abends, wenn der Kiosk schloss, die Abendzeitung, um das Sudoku zu lösen, mein kognitives Training. Mittlerweile schaffte ich, wenn ich mir Zeit ließ und Pausen einlegte, sogar das Mittelschwere.

Mit dem Zimmer hatte ich nach wie vor Glück: Sechs Wochen lang waren wir nur zu zweit gewesen. Seit letztem Mittwoch waren wir nun zu dritt. Eine supernette, etwa 45-jährige Berufsschullehrerin aus Norddeutschland, die Leben in die Bude brachte. Wie ich war sie wegen Burnout hier.

6. Oktober

Jetzt bin ich seit vier Wochen hier. Seit knapp zwei Monaten in Kliniken, seit mehr als drei Monaten krankgeschrieben und immer noch kann ich es mir nicht einmal vorstellen, wieder zu Arbeiten. Die meisten, die mit mir ankamen, wissen ihren Entlassungstermin bereits. Ich habe immer noch keinen blassen Schimmer. Gleichzeitig habe ich riesige Angst davor, vielleicht tatsächlich in vier Wochen schon wieder mit der Eingliederung beginnen zu müssen. Ich kann doch nicht einmal mit einer Freundin gemeinsam kochen, ohne dass mein Kopf hinterher wieder sehr deutlich „Überlastung“ meldet. Ich weiß nicht, wohin. Ich weiß nicht, wie.

Meine Schwester ist am Wochenende nach Berlin gezogen. Immerhin schon ein Stück näher als die letzte Station in London. Aber immer noch viel zu weit weg, um spontan in den Arm genommen werden zu können. Ich fühle mich einmal mehr einsam.

Einsam und ziellos. Dann wieder genervt. Ich will einfach nicht mehr heulen. Ich will endlich wieder ein normales Leben führen. Gleichzeitig habe ich Angst davor.

Die Therapiesitzungen sind auch nicht immer einfach. Die Gruppenstunden sind sehr von der Konstellation der Teilnehmer abhängig. Die Schematherapie Angst ist super, ich fühle mich wohl und finde auch den Rahmen, um zumindest hin und wieder offen sprechen zu können. Die Burn-Out-Gruppe, die eher psycho-edukativ angelegt ist, geht mir auf den Senkel. Viele Dinge, dich ich schon weiß, mit dem Beamer an die Wand geworfen. Es fehlt nur das Pult für die Dozentin / Therapeutin. Außerdem fühle ich mich in der Gruppe nicht wohl. Ich bin mit Abstand die Jüngste. Abgesehen von den Symptomen kann ich mich mit den wenigsten Problemen der anderen identifizieren. Ganz anders als in der Angstgruppe und auch anders als zu Beginn meiner Zeit in Windach sind mittlerweile vorrangig Menschen in dieser Therapie, mit denen ich lieber nichts zu tun haben will. Das sind keine angsteinflößenden Menschen, Nerds, Freaks oder sonst wie wirklich komische Leute. Aber einfach niemand, der mir sympathisch ist, keiner, der mir das Gefühl gibt, am richtigen Ort zu sein. Ich will in der Gruppe gar nicht über meine Antreiber, oder noch schlimmer, Gefühle, sprechen. Damit ist das Ziel ziemlich gut verfehlt.

Und auch in der Einzeltherapie geht es langsam ans Eingemachte. Die persönliche Biographie wird erarbeitet – und zwar nicht die berufliche Laufbahn, sondern vor allem die emotionale. Die eigene Persönlichkeitsstruktur. Auch hier habe ich meinen Wortschatz um ein neues erweitern dürfen. Es wird auch bewusst in die Tiefe gegraben. Wo liegt der Ursprung für die eigenen Handlungs- und Denkmuster. Früheste Erinnerungen. Da ist es doch manchmal erstaunlich, was sich bei einer, eigentlich glücklichen Kindheit, finden lässt. Dazu braucht es nicht einmal eine Scheidung oder gar schlimmere Dinge wie Missbrauch etc. Wie viele Spuren man bei Kindern hinterlässt – da stellt man sich schon mal die Frage, ob man es überhaupt verantworten kann, einmal selbst Mutter zu sein. Man kann es eigentlich nur falsch machen.

Die Therapien wühlen unglaublich auf. Erinnerungen, die man eigentlich, teils schon vor Jahrzehnten, begraben hatte, blubbern wieder auf. Die Emotionen, die damit verbunden sind. Gedanken kreisen stundenlang. Bis der Kopf wieder meldet – Pause! Das tut er meist mit einem leichten Druckgefühl dem raschen Absenken der Konzentrationsfähigkeit – was hast du gerade nochmal gesagt? – und vor allem auch einem sehr großen Verlangen nach Ruhe. Die bunten Ohropax sind momentan auf Dauereinsatz. Und zwar nicht, weil meine Zimmernachbarin schnarcht, sondern weil tagsüber die Geräusche, die von der Terrasse unter mir oder vom Gang in das Zimmer dringen, zu laut sind.

Klar, gibt es immer mal wieder gute Tage und Momente, und die Freude darüber, dass sie da sind, lassen mich manchmal auch beinahe so wie früher strahlen und lachen. Aber sind eben nach wie vor nur Momente. Wenn ich Glück habe, mal ein ganzer Tag.

Wir schreiben heute den 6. Oktober. Über Zeit darf ich gar nicht nachdenken.

 

Neue Woche

Am Samstagmorgen fuhr ich, wie jedes Wochenende, nach einem ausgiebigen Frühstück, nach Hause. Nach wie vor zu meinen Eltern. Meine Schwester, die offiziell ja bereits in der vergangenen Woche umgezogen war, war zum letzten Mal zu Hause. Am Sonntag würde sie endgültig nach Berlin ziehen, am Montag hatte sie dort ihren ersten Arbeitstag.

Das Wochenende war sehr unspektakulär. Ich war k.o., aber guter Laune, meine Eltern hatte ich nun seit vierzehn Tagen nicht gesehen, die Katze war da. Am Sonntag hatte ich ein mulmiges Gefühl. Meine Schwester war schließlich in den letzten Wochen immer da gewesen. Sie hatte immer Zeit gehabt, ich hatte sie jederzeit anrufen können. Nun würde sie nicht nur Vollzeit arbeiten, also telefonisch nicht erreichbar sein. Sondern auch noch in Berlin wohnen. Unendlich weit weg. Aber ich konnte sie verstehen. An ihrer Stelle wäre ich auch nach Berlin gegangen. Der Abschied war traurig. Wie so Abschiede eben sind.

Ich war dann auch nicht mehr lange da, ich packte hauptsächlich noch meine Sachen und machte mich dann auch auf den Weg zurück in die Klinik. Am Montagmorgen bekam ich keine Mirtazapin mehr. Die Ärztin führte meine schlechten Leberwerte darauf zurück, dass ich die Kombination meiner Medikamente eben nicht vertrug und hatte beschlossen, testweise die Mirtazapin abzusetzen. Über diese Entscheidung war ich einigermaßen erleichtert gewesen. Bei Johanna und diversen anderen Patienten hatte ich in den vergangenen Wochen miterleben dürfen, wie heftig die Nebenwirkungen und auch die späteren Entzugserscheinung der Psychopharmaka sein konnten, wenn man sie nicht vertrug. Ich hatte mich immer sehr glücklich geschätzt, dass ich bis dato keinerlei Probleme gehabt hatte. Nun wurden also bei mir die Mirtazapin abgesetzt. Das waren die Tabletten, die ich abends nahm, um einschlafen zu können. Am Tag bevor mir die Ärztin mitteilte, dass sie mir die Mirtazapin absetzen würden, war ich zum allerersten Mal seit Anfang Juli einfach so eingeschlafen. Ich hatte mich, wie so oft, am Nachmittag in mein Bett gekuschelt, weil ich erschöpft gewesen war, um so zu tun, als ob ich schliefe. Schlafen ging ja nie, aber das stille Ruhen tat auch gut. Und dabei war ich doch tatsächlich eingeschlafen. Von daher dachte ich, es wäre ein guter Zeitpunkt, das Mirtazapin abzusetzen – jetzt, wo ich schließlich auch von alleine wieder schlafen konnte. Jedenfalls, zurück zum Montagmorgen, war diesmal nicht einmal mehr eine halbe Tablette in meiner Tagesration Tabletten, die mir der Pfleger in der MZ in mein blaues Schächtelchen einsortierte. Damit war sie wohl endgültig ausgeschlichen. Ich nahm das zur Kenntnis, beunruhigte mich aber nicht weiter. Bislang hatte ich ja auch keinerlei Probleme mit der geringeren Ration gehabt.

Etwa um neun war das Morgenprogramm vorbei. Frühstück, Laufen, Tabletten holen, Duschen. Montagvormittag hatte ich immer frei, Johanna auch. Johanna war nicht besonders gut drauf. Das Wochenende war durchwachsen gewesen. Bei ihr hakte die Psychotherapie im Moment ziemlich und noch dazu passte bei ihr nach wie vor die Zusammenstellung der Tabletten nicht. Sie hatte zwar keine Nebenwirkungen mehr – das Zittern hatte aufgehört – aber dafür auch kaum Wirkung. Es war gerade noch okay. Aber in Kombination mit der schwierigen Therapiesituation nicht gut. Wir sind dann also nicht in die Stadt oder an den See gefahren, sondern hatten einen langen Spaziergang gemacht. Zu den Pferden, den Hasen, den Schafen und an dem malerischen Flüsschen entlang. Sonst verlief der Tag wie gewöhnlich. In der Kunsttherapie bastelte ich „meinen Rahmen“, den restlichen Nachmittag verbrachte ich relativ zurückgezogen. Ich schrieb mit meiner Schwester, wie es ihr denn so ginge. Und war früh im Bett. Meine Stimmung war nicht besonders gut. Aber ich schlief, auch ohne Tabletten, gut ein.

For a reason

Umso wohler ich mich in der Kunsttherapie fühlte, umso mehr fehl am Platz fühlte ich mich in der Burnout-Gruppe. Die Besetzung hatte mittlerweile komplett gewechselt. Wir waren seit heute nur noch vier Leute und es war nur noch einer von der sympathischen Gruppe am Anfang dabei. Ein älterer Herr, um die fünfzig, ein Krankenpfleger. Er war sehr nett, aber was die Symptome und den Krankheitsverlauf betraf, hatten wir beinahe nichts gemeinsam. Neu dabei waren zwei Frauen, auch beide circa fünfzig Jahre alt. Eine herzensgute, total liebe Apothekerin und eine völlig abgemagerte, mit beinahe greifvogelartigem Gesicht ausgestattete Sozialdienstleisterin. Sie hatte eine Kurzhaarfrisur, die ihre markanten Gesichtszüge noch mehr betonte, lange, knochige Finger, trug eine unförmige, unmodische Hose und ein ebenso unförmiges Shirt, die knochigen Füße in Trekkingsandalen. Die Augen: wie ein Greifvogel. Immer auf der Suche nach dem nächsten Opfer, auf das sie picken konnte. Dabei war sie nicht einmal unleidig. Mit uns anderen meinte sie es meistens gut und wollte helfen; am meisten hackte sie auf sich selbst ein. Ein hoch perfektionistischer Greifvogel. Die Gruppenstunden, die in der ersten Woche noch recht lebhaft gewesen waren, waren mittlerweile ziemlich zäh. Es kam kein Gespräch, keine Diskussion zu stande, weil die anderen beiden Teilnehmer sich sehr zurücknahmen und Frau Greifvogel das Wort oft an sich riss. Ich fand es anstrengend, weil sie dabei ständig in eine Lehrerrolle rutschte und uns versuchte, die Welt, und in dem Fall Burnout, zu erklären – wobei, Burnout gibt es ja eigentlich gar nicht, das ist ja nur ein Modewort, wie sie gleich zu Beginn feststellte. Insbesondere, da sie selbst offensichtlich noch viel schwerwiegendere psychische Probleme hatte als wir. Zum Beispiel eine Essstörung. Oder die Tatsache, dass sie bislang keine einzige der Anfangsmeditationen mitmachen konnte, weil sie das einfach nicht konnte. Ich konnte schon verstehen, dass das tatsächlich „einfach nicht ging“. Aber ich wusste eben mittlerweile auch, wie schwerwiegend ihre Erkrankung dann war. Jedenfalls fühlte ich mich alles andere als wohl. Ich konnte mich mit keinem der anderen identifizieren und hatte absolut keine Lust, irgendwelche Details mit ihnen zu teilen.

Wie auch immer, ich konnte nicht einfach nicht in die Gruppe gehen. Also war ich nach Wassergymnastik und Mittagessen wieder pünktlich um eins im Stationsgruppenraum der Station V. Thema des Tages war laut Skript „Burn-Out und Persönlichkeit“. Wunderbar. Ich hatte schon recht früh für mich beschlossen gehabt, noch bevor ich überhaupt in der Psychiatrie war, dass in meinem Fall die Diagnose ganz sicher nicht auf übertriebenen Perfektionismus, der oft als einer der Hauptgründe für Burnout genannt wird, zurückzuführen ist. Wenn es bei mir an Eigenschaften lag, dann eher am Idealismus oder am Gerechtigkeitssinn. Aber bestimmt kein Perfektionismus. Also zusätzlich zu der unangenehmen Runde durfte ich mich nun in den nächsten anderthalb Stunden auch noch mit einem Thema befassen, das für mich nicht sonderlich relevant war. Immerhin war danach wieder Pilates.

Einmal mehr also durften wir einen Fragebogen zu unseren „Inneren Antreibern“ ausfüllen. Aussagen wie „Am liebsten mache ich alles selbst“, „Ich darf nicht versagen“, „Auf mich muss 100% Verlass sein“ oder „Wenn man Schwäche zeigt, wird man nicht respektiert“, insgesamt waren es 25, sollten wir zuordnen, ob wir häufig, manchmal oder nicht so dachten. Die Auswertung resultierte dann in einer Grafik, die anzeigte, wie stark ausgeprägt auf einer Skala von eins bis zehn die Antreiber „Sei perfekt!“, „Sei beliebt!“, „Sei stark!“, „Hab alles unter Kontrolle!“ und „Streng Dich an!“ bei jedem waren. Diesmal hatte ich, wie erwartet, das Ranking nicht gewonnen, sondern war die einzige, die bei keinem dieser Antreiber die Zehn-Punkte-Marke riss. Die anderen drei hatten teilweise bei mehr als der Hälfte der Antreiber die Zehn stehen. Ich hatte immerhin eine Acht und eine Sechs.

Ähnlich wie schon beim Schema mit dem wütenden Kind und wie bei eigentlich fast allem, worauf ich in der Therapie hier stieß, liegen die Ursachen für diese Antreiber in unserer Vergangenheit. Irgendwann waren diese Mechanismen hilfreich für uns und wir speicherten sie ab. Bis sie so verinnerlicht waren, dass sie zu Automatismen wurden. Wir also gar nicht mehr mitbekommen, dass sie überhaupt wirken. Für uns ist es also „ganz normal“ und wir meinen, gar nicht anders handeln zu können. Im ersten Schritt also müssen wir überhaupt erst einmal feststellen, welchen inneren Antreibern wir unterbewusst gehorchen. Dann erst können wir überhaupt versuchen, sie zu hinterfragen: Früher war das sinnvoll, aber was bringt mir das im Moment eigentlich?

Es wurde anschließend noch eine Zeit lang über die jeweiligen Antreiber der anderen diskutiert. Ich schaffte es, mich vornehm zurückzuhalten, bis die Stunde endlich aus war. Wir würden nächste Woche am gleichen Thema weiterarbeiten. Daher die Hausaufgabe: Was kannst du deinen stärksten Antreibern entgegensetzen?

Vor einigen Wochen hatte mich auf XING eine alte Mitschülerin hinzugefügt. Seit dem Abi hatte ich nichts mehr von ihr gehört. Wir hatten uns gut verstanden, waren aber nicht wirklich befreundet gewesen. Und doch habe ich heute noch eine Szene aus der 13., es war schon recht nah am Abi, im Kopf, als wäre es gestern gewesen. Wir hatten ein Freistunde, saßen an einem der viereckigen, orangenen Tische, die am Ende der großen Schulaula direkt vor einer verfensterten Wand standen. Wir machten beide irgendwelche Aufgaben und unterhielten uns nebenbei. Ich weiß nicht einmal mehr, über was. Aber ich kann mich noch sehr deutlich an den einen Satz erinnern: „Und wie ist das bei euch? Ihr seid seit der Kollegstufe zusammen und nach dem Abi war’s das dann? Jeder geht seinen Weg?“. Bam. Seit Wochen rumorte es in mir. Mein Freund würde nach dem Abi nach Südamerika gehen, ich würde gleich mit dem Studium beginnen. Und zack, da hatte sie mir nur, wenig schonend, eine Tatsache an den Kopf geknallt, die ich bisher nicht zu denken gewagt hatte. Eine Tatsache, die zu denken ich Angst hatte. Aber ja. De facto war es so. Keiner von uns beiden war bereit, sein eigenes Leben unterzuordnen. Wir nahmen uns das auch nicht übel, es war eben so. Aber so deutlich wie sie es in dem Moment ausgedrückt hatte, hatten mein Freund und ich es wohl nicht einmal gedacht.

Knappe zehn Jahre später, zwischendrin kein Wort, nicht über den Weg gelaufen, nicht einmal auf Facebook sind wir befreundet. Sie addet mich auf XING, ich bin neugierig, was sie so macht und schreibe ihr eine Nachricht. Sie fragt, was ich so mache, und ich sage ihr die Wahrheit, dass ich gerade in einer Klinik bin, krankgeschrieben wegen Burnout. Ihre Antwort: Du hast doch schon immer überall 130 Prozent gegeben.

Ich bin ja immer noch nicht der Meinung, dass ich immer 130 Prozent gegeben hatte. Ich hatte eben immer alles so gemacht, wie ich dachte, dass es gemacht werden sollte. Aber offensichtlich waren meine 100 Prozent eben 130 Prozent bei den meisten anderen. Ergo: Meistens reichen meine 70 Prozent. Das war bereits Wochen vor der Antreiber-Stunde. Meine Antwort auf mein inneres „Streng Dich an!“ ist ab sofort: Meistens reichen 70 Prozent.

 

People come into your life for a reason, a season or a lifetime.

 

 

 

Die Hochzeit

Am Samstag stand ich früh auf. Ich war in guter Stimmung, voller Vorfreude auf die Hochzeit. Ich frühstückte, holte meine Wochenendration Tabletten in der MZ und fuhr nach Hause. Es war wenig Verkehr, ich war sogar etwas früher als geplant zu Hause.

Meine Eltern und meine Schwester waren bereits mitten in den Vorbereitungen, das Bad voll belegt. Ab zehn Uhr waren wir beim Brautpaar, ein paar Ortschaften weiter, zum Weißwurstfrühstück eingeladen, die Trauung war für den Mittag angesetzt. Wir würden mit zwei Autos fahren, so dass ich jederzeit nach Hause konnte.

Die Versuche, mir ein neues Kleid zu kaufen, waren ja kläglich gescheitert. Aber ich habe einen eleganten Weg gefunden, dieses Problem zu umgehen: Online-Shopping. Ich hatte bereits einen hellrosafarbenen, knielangen Plissée-Rock und dazu passende Sandalen zu Hause, beides wunderbar auch für eine Hochzeit geeignet. Dazu hatte ich mir eine weiße Spitzenbluse bestellt. Und, seien wir mal ehrlich, um „offline“ eine Bluse zu finden, die so gut zu dem Rock passte, hätte ich mir vermutlich wochenlang die Füße wund gelaufen.

Meine Schwester glättete mir meine Haare, da ich das auch nach vier Wochen mit kurzen Haaren immer noch nicht so richtig drauf hatte, und schließlich waren auch wir fertig. Meine Eltern waren schon vor etwa einer halben Stunde losgefahren.

Das Brautpaar hatte an der Garage ein Zelt angebaut, was aber eigentlich, denn es war ein strahlend schöner Herbsttag, gar nicht notwendig war. Sie hatten sogar eine ganze Blaskappelle engagiert, die während des Weißwurstfrühstücks spielte. Das würde eine richtig urige bayrische Bauernhochzeit geben.

Die Blaskapelle war allerdings verdammt laut. Viiieeeeel zu laut. Ich schnappte mir also zwei Weißwürste, mit süßem Senf und Breze versteht sich, setzte mich zu meiner Verwandtschaft an einen etwas abgelegenen Tisch und bemühte mich, die Musik zu ignorieren. Glücklicherweise musste die Kapelle auch hin und wieder eine Pause einlegen, ein Wohlgenuss für meine armen Ohren. Beim nächsten Einsatz der Musik war ich wieder weg. Langsam wurde es außerdem voll. Ich beschloss, erstmal auf die Toilette zu gehen. Die war im Haus, das war wunderbar weit weg von der Blasmusik. Auf dem Weg dahin konnte man wunderbar mit den verschiedensten Menschen ratschen. Unterwegs erfuhr ich, dass einer meiner Cousins seinen neuen Hund dabei hätte, einen Boarder-Collie-Welpen.

Der Welpe musste natürlich Gassi geführt werden. Ideal! Also suchte ich den Hof nach dem Hund ab, fand ihn (und meine Cousin am anderen Ende der Leine) schon halb auf dem Feldweg, ignorierte mein absolut Feldweg-untaugliches Schuhwerk und beschäftigte mich in der nächsten halben Stunde mit dem Hund, fernab von dem ganzen Trubel.

So in der Art ging der Tag weiter: Die Hochzeit war wunderschön, die Stimmung war toll, das Wetter perfekt und ich schaffte es, in einer Mischung aus Dabeisein und Mich-doch-immer-wieder-ausreichend-abseits-zu-halten, relativ lange relativ gut durchzuhalten. Ich tanzte sogar und dann, als es zum Brautverziehen in den sonnigen Biergarten unter alten, knorrigen Kastanien- und Obstbäumen ging, war mir alles egal. Die Band war verdammt laut, aber dagegen hatte ich Ohropax. Ich konnte trotzdem noch mitsingen, ich hörte nach wie vor alles, ich stand, wie alle anderen, auf den Stühlen, feuerte den Bräutigam an, bis er seine Braut endlich wieder ausgelost hatte, ich genoss es. Und es tat so gut! Ich fühlte mich, inmitten meiner ganzen Verwandtschaft, so sicher und so geborgen, dass ich zwischendrin, als mir dieser Gedanken durch den Kopf schoss, beinahe vor Glück angefangen hätte zu weinen. Ich war nicht allein. Nein. Ich hatte sie alle. Ich konnte auf jede Einzelne meiner Tanten, jeden Onkel, jede Cousine und jeden Cousin zählen. Und vor allen Dingen auf meine Schwester und meine Eltern. Ich war zum ersten Mal seit sehr langer Zeit glücklich, und zwar aus ganzem Herzen, ich hätte die Welt umarmen mögen.

Zum Schluss sattelte die Band auf AC/DC um, das war dann leider samt Ohropax zu laut. Das Brautstehlen hatte schon über eine Stunde gedauert, ich war erschöpft, verdrückte mich einmal mehr auf die Toilette und dann in einen eher abseits gelegenen Teil des Biergartens, wo sich die kleinen Kinder mit ihren Omas aufhielten.

Ich hatte meine Belastungsgrenze mehr als ausgereizt. Ich war auch schon wesentlich länger dabei gewesen, als ich mir je erhofft hatte. Es gab Abendessen. Danach würde ich fahren. Es ging nicht mehr. Als die Band draußen aufhörte, zog ich mir die Ohropax aus den Ohren. Und wenige  Sekunden später stopfte ich sie wieder rein. Es war viel, viel, viel zu laut. Es war nicht mehr auszuhalten. Insbesondere, da nach dem Brautverziehen und vor dem Abendessen der allgemeine Alkoholpegel auf Hochzeiten generell am höchsten war. Und ich stocknüchtern und völlig erschöpft. Das Abendessen war dennoch sehr, sehr lecker. Die Nachspeise konnte ich zu meiner Enttäuschung leider nicht mehr abwarten, ich verabschiedete mich. Meine Verwandten hatten sich sehr gefreut, mich zu sehen, zu sehen, dass ich dabei war und wieder lachen konnte. Und ich musste mit niemandem diskutieren, warum ich denn nun schon ginge. Meine Schwester kam mit mir mit, sie wollte mich offensichtlich nicht alleine gehen lassen.

Ich fuhr selbst, die Feier war etwa zwanzig Minuten von zu Hause entfernt gewesen. Es war eine altbekannte Strecke, die ich schon hundertmal in meinem Leben gefahren war. Trotzdem war ich heilfroh, als ich endlich, endlich sicher zu Hause war. Meine Konzentration war so rapide gesunken, dass ich nach zehn Minuten Fahrt das Gefühl hatte, mich nicht länger als 100m auf die Fahrbahn und das Fahren konzentrieren zu können. Auf meine Schwester konnte ich auch nicht zählen. Sie saß zwar neben mir, aber ganz abgesehen davon, dass sie nicht nüchtern war, hatte sie ihre Brille nicht auf. Ich würde den Baum nicht mal sehen, wenn ich schon dagegen gefahren wäre, meinte sie nur. Hilfreich.

Ich fuhr also langsamer, stehen bleiben wollte ich zwei Kilometer von zu Hause entfernt allerdings auch nicht mehr. Wir kamen sicher zu Hause an. Ich fiel tot ins Bett.

Am nächsten Tag wusste ich nicht einmal mehr, dass meine Schwester mit mir nach Hause gefahren war.

 

T -4

Ich saß abends – wieder schreibend – im Zimmer. Ich war eine ganze Zeitlang allein gewesen. Dann öffnete sich die Tür, Jeanette war wieder da. Ich versuchte, mich davon nicht beeindrucken zu lassen. Sie wäre etwas unsicher, und wollte mich fragen, ob sie unangenehm aufgefallen wäre, fragte sie mich. Ich war mir nicht sicher, wie sie das meinte, und antwortete vorsichtshalber mit nein. Absichtlich fragte ich schon gar nicht nach weshalb, aber es nutzte nichts. “Sie würde manchmal unangenehm riechen“. Nach Fisch. Sie leide an Reizdarm – daher auch das ganze Essen im Zimmer, da sie auf beinahe alles allergisch war – und durch die Bakterien hätte sie sehr oft bakterielle Infektionen im Intimbereich. Ich hatte Mühe, zumindest nach außen hin die Ruhe zu bewahren. Meine Finger hatten von allein aufgehört zu tippen und waren wie festgefroren auf der Tastatur. Ich suchte fieberhaft nach einer passenden Antwort. „Oh eh. Das tut mir leid? Aber ich habe nichts gerochen.“ Damit versuchte ich es. Sie fing an, weiter auszuholen. Ich versuchte, es auszublenden, schaffte es aber nicht ganz. Halleluja. Gottseidank ging sie ins Bad. Ich klappte meinen Laptop zu, schnappte mir mein Handy und flüchtete, zum zweiten Mal an diesem Tag. Ich teilte das Bad und die Toilette (!) mit jemanden, der permanent an Scheidenentzündungen litt. Hilfe!

Ich hätte wohl eigentlich Mitleid haben sollen. Konnte ich aber nicht. Ich begann nun wirklich, meine Tage hier zu zählen. T -4.

Abschied von der Gang

Heute war so viel passiert, so dass ich gar nicht wirklich dazu kam, traurig zu sein, da Steffi und Johanna morgen gehen würden. Die beiden aber waren ganz schön aufgeregt. Johanna vor allem, weil es ihr momentan nicht gut ging – ihre Medikamente hatten immer stärkere Nebenwirkungen gezeigt, aber keine Wirkung, und waren erst wieder ausgeschlichen (so nennt man das schrittweise Absetzen von Psychopharmaka) worden. Das neue Medikament wirkte noch nicht – die Dosis war noch zu gering – und dann auch noch ein Klinikwechsel. Das waren zwei Fragezeichen auf einmal. Ruth aber machte ihr Mut. Ruth litt seit Jahrzehnten an posttraumatischen Belastungsstörungen und kannte sich in diesem mir völlig fremden System gut aus. Sie war selbst – wenn auch bereits vor zwanzig Jahren – in der gleichen Klinik gewesen und sprach durchweg positiv von ihr. Ruth hatte die Klinik dort gut getan, sie war mehrere Jahre, so lang wie nie zuvor in ihrem Leben, symptomfrei gewesen. Außerdem gab es dort ein Hallenbad. Und eine Sauna. Und das Essen war angeblich gut. Nicht nur im Vergleich zu dem Fraß hier in der Psychiatrie, sondern wirklich gut.

Steffi war zwar auch aufgeregt, aber noch viel mehr heilfroh darüber, endlich aus der Psychiatrie herauszukommen. Ich war nach wie vor für die gleiche Klinik wie Johanna gemeldet, aber hatte immer noch keine Aufnahmebestätigung erhalten. In der Regel erfuhr man den Aufnahmetermin etwa eine Woche im Voraus. Damit hatte sich unsere ursprüngliche Hoffnung zerschlagen, zeitgleich aufgenommen zu werden. Johanna wäre zwar sowieso in einer anderen Station, aber dann wären wir immerhin nicht ganz allein. Also versuchte ich in den letzten Tagen vor allen Dingen nicht daran zu denken, was ich ohne meine beiden Mädels hier tun würde. Für Donnerstag hatte ich einen kleinen Ausflug mit meiner Schwester geplant, das Wochenende würde ich natürlich wieder zu Hause verbringen. Aber sonst?

Passend zur Stimmung drehte das Wetter während des Tages. Es wurde immer kälter, bis am Nachmittag sogar Regenwolken aufzogen. Wir hatten eigentlich einen gemütlichen letzten Abend im Park, mit der Slackline, unseren Decken und vor allen Dingen mit Pizza verbringen wollen. Jetzt saßen wir mit der Pizza, die uns direkt vor die Haustür geliefert wurde, im sterilen und ungemütlichen Eingangsbereich. Wir ratschten ein wenig, aber hauptsächlich aßen wir. In den letzten Tagen hatten wir die beiden Kliniken bis ins kleinste Detail auseinandergenommen, die beiden hatten ihre Packlisten verglichen, wir hatten gegenseitige Besuchspläne gemacht – so dass jetzt eigentlich nichts mehr zu sagen war. Ich blieb über. Ich würde hier bleiben. Allein, bislang auf noch nicht absehbare Zeit. Mindestens eine Woche noch. Eine Woche konnte lang sein. Besonders hier in der Psychiatrie. Ohne jemanden, mit dem man ganz entspannt und normal quatschen konnte. Oder mit dem man gern zwei Stunden lang durch den Wald spazierte.

Plötzlich stand Ruth hinter mir. Da bist du ja, Sophie. Ich habe dich schon überall gesucht! Du sollst zum Stationszimmer kommen, die Schwester will dich sprechen. Dann schmunzelte sie uns an: Bestimmt ist das eine Nachricht von der Klinik! Ich wollte es nicht glauben. Steffi und Johanna stimmten ein. Oh bestimmt! Du kommst mit mit uns!

Ich klappte also den Deckel meiner Pizzaschachtel zu, damit sie nicht kalt würde (so etwas Gutes hatte ich in diesen vier Wänden noch nie gegessen!) und ging über die Treppe in den 1. Stock, in unsere Station. Dort klopfte ich an die Tür zum Stützpunkt. Schwester Elke hatte heute Dienst und als sie mich durch das Glasfenster vor der Tür stehen sah, lächelte sie bereits. Sie öffnete die Tür. Es war tatsächlich endlich die heißersehnte Nachricht aus der Klinik. Ich würde am 8. September, also nächsten Dienstag erwartet. Endlich! Ich war erleichtert. Eine Woche. Der Zeitraum war also jetzt absehbar. Eine Woche hielt ich hier alleine aus.

Der Abschied von Johanna und Steffi am nächsten Tag war recht unspektakulär. Wir frühstückten noch gemeinsam und, zwischen zwei Therapien und ihren Abschlussbesprechungen mit den behandelnden Ärzten, umarmten wir uns. Viele Worte gab es nicht mehr zu sagen. Passt auf euch auf, meldet euch – und bis bald.

Besuchszeit

Außer Katrin und meiner Familie war in der ersten Woche noch eine andere gute Freundin, Maria, bei mir zu Besuch gewesen. Am Donnerstag, gestern, war ich mit Helene am Wörthsee schwimmen gewesen und für heute Abend hatten sich Hanni und Marlene angekündigt. Sie würden nach dem Abendessen – also gegen sechs – vorbeikommen. Auch wenn ich die Besuche einigermaßen dosieren musste, da es doch recht anstrengend war, freute ich mich über jeden sehr. Und wenn es auch nur eine halbe Stunde war.

Johanna wohnte mehr als drei Stunden entfernt, bei ihr war ein Besuch einfach beinahe unmöglich, aber Steffi war wie ich aus München. Sie war neidisch, als sie hörte, dass ich schon wieder Besuch bekäme. Aber von mir weiß auch fast niemand, dass ich hier bin, merkte sie dann noch etwas nachdenklich an.

Jeden Tag ab 12.30 Uhr bis 20.00 Uhr durfte Besuch kommen und gehen. Eine andere Burnoutpatientin bekam beispielsweise beinahe jeden Abend von ihrem Mann Besuch, der frische Wäsche brachte und manchmal auch Essen. Andere, die sehr nahe wohnten, fuhren hin und wieder einfach nach Hause. Oft kamen auch Kinder zu Besuch und sehr hoch im Kurs standen auch Hunde. Wieder andere aber waren eher genervt, wenn die Junkie-Tochter mal wieder Geld brauchte und nur aus diesem Grund zum ersten Mal in vier Wochen völlig ungewaschen und fertig in der Klapse antanzte, um bei der Mama, die mit Depressionen hier fest hing, Geld zu schnorren. Manche bekamen gar nie Besuch. Und andere blieben sogar freiwillig am Wochenende in der Psychiatrie. Nicht, weil sie psychisch nicht in der Lage waren, wie meine Zimmernachbarin Ruth, die wegen einer Angststörung nicht mehr Bahn fahren konnte, aber auf die S-Bahn angewiesen war. Sondern weil sie wirklich vollkommen freiwillig blieben. Sie waren lieber hier. Ich will mir nicht vorstellen, wie trostlos diese Zuhause aussehen. Wenn ihnen sogar die Psychiatrie als bessere Alternative erscheint.

Ich jedenfalls verbrachte mit meinem Besuch nicht viel Zeit innerhalb der Klinikmauern. Die meisten waren neugierig, und wollten einfach sehen, wie es denn in einem echten Irrenhaus so aussieht – und wirkten manchmal beinahe enttäuscht, weil es so unspektakulär war. Manche Mitpatienten hielten es aber auch so, den Besuch gar nicht erst herein zu beten, um ihm den Anblick der doch manch trostlosen Gestalten zu ersparen. Ich war immer wieder froh, mal etwas anderes als die Klinik zu sehen. Oft fuhren wir nach der kurzen Stippvisite an einen der vielen Seen in der Umgebung – was sich bei dem heißen Wetter ja auch Ende August immer noch anbot – oder gingen zumindest eine lange Runde spazieren. So auch mit Hanni und Marlene. Erst gingen wir hoch ins Zimmer, dann eine kleine Runde durch den Wald und schließlich veranstalteten wir noch eine Art Picknick auf dem Parkplatz. Fast wie Urlaub. Wenn ich nicht um Punkt acht wieder in der Psychiatrie hätte sein müssen. Und mein Kopf nicht mal wieder kurz vor Anschlag gewesen wäre.

 

Vom anderen Stern

Als wir nach etwa einer Stunde Fahrt zu Hause ankamen, waren Anspannung und Nervosität – schnipp – weg. Die Katze stand zur Begrüßung vor der Haustür bereit und ich freute mich sehr, einfach zu Hause zu sein. Meine Schwester war auch da, die Sonne schien, es war schön.

Ich wusch Wäsche, packte meine Tasche gleich neu, radelte eine große Runde mit meiner Schwester, backte einen Kuchen. Und dann nahm ich mir viel Zeit, um mich für die Feier am Abend fertigzumachen. Wahrscheinlich doppelt so viel Zeit, als ich mir unter normalen Umständen genommen hätte. Ich freute mich sehr, aber ich war mindestens genauso nervös. Ich hatte nicht unbedingt Angst, eine Panikattacken oder einen Nervenzusammenbruch zu bekommen. Aber ich war trotzdem nicht so wie immer. Vermutlich wusste außer den beiden Gastgebern und dem einen Kumpel niemand von der Tatsache, dass es mir nicht besonders gut ging, geschweige denn, dass ich eigentlich gerade in der Psychiatrie war. Eine Irre auf Heimaturlaub quasi. Ich kannte wohl alle, die eingeladen waren, aber die meisten nicht besonders gut. Ich nahm mir wir, direkt zu sagen, was mit mir los war, wenn das Thema im Gespräch irgendwie darauf käme. Dass ich gerade in einer Psychiatrie war. Irgendwie dachte ich wohl, dass es ganz gut für mich wäre, mich zu zwingen, diesen Tatsachen ins Auge zu blicken, es laut auszusprechen. Es gab nichts, wofür ich mich schämen musste. Also konnte ich auch ohne Probleme jedem sagen, was Sache war. Und wenn ich wirklich kippen sollte – also sich mein Zustand verschlechtern sollte – konnte ich einfach nach Hause fahren. Mittlerweile erkannte ich auch die frühen Anzeichen, so dass mir genügend Zeit bleiben würde. Und notfalls hatte ich Helene, meine beste Freundin, auf die ich zählen konnte. Ich sah gut aus, ich war immer noch sehr freudig gestimmt und fühlte mich sicher, und ich hatte einen guten Notfallplan. Trotzdem war ich nervös.

Ich war, wie vereinbart, eine Stunde vor den anderen Gästen da, so dass wir noch etwas Zeit hatten zu ratschen – immerhin hatten wir uns über ein halbes Jahr lang nicht gesehen. Die Feier fand im Elternhaus von Helenes Mann statt. Dort gab es einen schönen Garten mit angeschlossenem Wintergarten, der ideal für warme Sommernächte war und in dem schon so manche Party stattgefunden hatte – das erste Mal war ich vor ungefähr zehn Jahren hier gewesen.

Als ich ankam, war bereits alles in hektischer Aufruhr, und ich half Helenes Schwestern noch mit den letzten Vorbereitungen. Schließlich war alles fertig, die Gastgeber fertig geduscht und schön gemacht, und Helene zog mich zur Bar. Nächstes „Problem“: Ich durfte ja nichts trinken. Daran hatte ich nicht gedacht. Bestimmt würde jeder fragen, warum ich nichts trinke. Wahrscheinlich würden alle denken, ich wäre schwanger. Wobei das eigentlich auch egal war. Sollten sie doch. Kein Ding, meinte Helene und mischte mir einen alkoholfreien Cocktail, es merkt sowieso keiner, dass da kein Alkohol drin ist. Dankbar probierte ich ihre Mischung. Schmeckte sehr gut.

Außer mir waren bisher nur ihre Geschwister da, die ich ebenfalls schon mehrere Monate nicht mehr gesehen hatte. Wir begannen uns, zu unterhalten, und schließlich war ich auch an der Reihe. Ich erzählte von meinem Burn-Out. Ich merkte ihren Gesichtern an, dass sie einigermaßen schockiert waren. Sie stellten Fragen, aus denen echtes Interesse sprach, und ich hörte keine dumme Bemerkung. Und, wo bist du jetzt gerade? Bist du zu Hause? In einer Psychiatrie. Sag in einer Psychiatrie! Komm schon!, wollte ich mich selbst dazu zwingen. Wenn es ausgesprochen wäre, würde  es bestimmt nur noch halb so schlimm sein. Aber es ging nicht. In einer Klinik, sagte ich nur. Ich war erleichtert, dass das Thema gleich zu Anfang vom Tisch war. Aber die entspannte Stimmung, die zumindest bei den anderen geherrscht hatte, war hinweg. Und ich fühlte mich nach wie vor unsicher und zerbrechlich, irgendwie fehl am Platz.

Nach und nach kamen die anderen Gäste, auf Fragen, wie es mir ginge, antwortete ich dann einfach mit „gut“. Ich wollte nicht lügen. Aber ich hatte das Gefühl, dass es nicht angebracht war, die Wahrheit zu sagen. Es fühlte sich nicht richtig an, sie war – wie ich – fehl am Platz. Ich wollte unbedingt gerne dabei sein, vor allen Dingen endlich einmal die kleine Tochter von Hannes sehen, aber genießen konnte ich die Party nicht. Zwischendrin flüchtete ich immer mal wieder in die Küche, weg von der Gesellschaft, und die Beschäftigung mit den Ofenkartoffeln lenkte mich von allem anderen ab. Nach drei Stunden ging ich dann – ich konnte nichts mehr aufnehmen, mein Kopf war kurz vor dem Platzen, und ich spürte, wie ich mich langsam wieder von mir selbst verabschiedete.

Ich verabschiedete mich also von Helene und ihrem Mann und verdrückte mich durch den Hintereingang.

Einerseits freute ich mich – ich hatte sie endlich wieder gesehen und war länger da gewesen, als ich gedacht hatte. Andererseits war ich mir die meiste Zeit vorgekommen, als wäre ich von einem anderen Stern. Ich gehörte nicht dazu. Das machte mich traurig. Erst recht, wenn ich an frühere Partys dort dachte. Würde es je wieder so werden, wie es mal gewesen war?

Ich nahm meine Mirtazapin und legte mich ins Bett. Ich war sehr erschöpf und schlief trotz meines vollen Kopfes bald ein.

Im Gefängnis 2

Am Sonntag kamen dann meine Eltern und meine Schwester zu Besuch, um mich „armes Hascherl“ aufzuheitern. Außerdem hatte ich natürlich einige Sachen, die ich hier brauchen würde, zu Hause vergessen. Wie Hausschuhe.

Das Dorffest war wohl doch nicht ganz so schlecht gewesen, ich konnte sie nicht dazu bewegen, so früh zu kommen, dass wir gemeinsam Mittagessen gehen konnten. Was nicht nur hieß, dass ich das Mittagessen hier essen musste, sondern auch, dass ich mich den ganzen Vormittag quasi nicht bewegen konnte. Wie ein eingesperrtes Tier tigerte ich mehrmals im Innenhof auf und ab. In die eine Richtung. In die andere Richtung. Irgendwann bemerkte ich, dass mich die Gruppe um den Aschenbecher langsam beobachtete. Also hörte ich auf, im Kreis zu laufen und machte ein paar Dehnübungen auf der Stelle. Dann ging ich wieder nach oben in die Station. Ich föhnte und glättete mir ausführlichst die Haare, um Zeit zu schinden. Dann tigerte ich wieder raus aus meinem Zimmer. Den Gang entlang. Am Ende entdeckte ich ein Fitnessrad. Wunderbar. Solche Dinger mag ich eigentlich gar nicht gern – aber meine Ansprüche waren auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Hauptsache Bewegung. Also radelte ich ein Weilchen. Dann legte ich mich ins Bett. Beobachtete einmal mehr die Bäume – vielleicht war ja in der Nacht einer umgefallen? Nein, war er nicht, ich kann euch beruhigen. Bis es endlich Mittagessen gab. Ein grausames Schnitzel, gegen das jenes, das es früher in der Schule in der Schnitzelsemmel vom Hausmeister gab, ein wahrer Gourmet-Bissen war. Immerhin waren die Nudeln essbar. Zumindest der Teil, der nicht beim Erhitzen am Teller festgebrannt war.

Dann irgendwann kam endlich meine Familie.

Meine Schwester war richtig begeistert vom freundlichen Ambiente der Klinik. Ich jedenfalls bugsierte sie alle beinahe im selben Moment, in dem sie zur Tür hereingekommen waren, wieder hinaus. Ich wollte endlich raus! Auslauf!

Das Wetter war nicht annähernd so schön wie am Tag davor, trotzdem schlug ich wieder den kleinen See vor. Er war wunderschön malerisch, meinen Eltern würde das bestimmt gefallen und außerdem gab es dort ein kleines süßes Café mit eigener Konditorei (=Essen!).

Wir gingen eine gemütliche Runde um den See, danach schlemmten wir alle Kuchen. Das Café war recht laut, ungünstigerweise sehr schlauchförmig und dunkel angelegt und die Bedienung arg langsam… es ging, ich hielt es aus, aber ich war auch mit Abstand die Erste, die wieder draußen war. Die eine Runde um den See war mir einfach noch nicht genug gewesen und ich musste diesen Ausflug unbedingt noch verlängern, ich wollte noch nicht wieder zurück ins Gefängnis, also ging ich noch eine Runde. Meine Mutter ging mit – ich wäre lieber alleine gegangen, um nicht reden zu müssen, aber gut – und meine Schwester und mein Vater warteten auf einer Bank am See. Danach konnte ich sogar noch ein Abendessen herausschlagen. Etwas Besseres würde ich in den nächsten fünf Tagen nicht mehr bekommen.

Spätestens um acht musste ich wieder zurück in der Klinik sein. Und das war auch gut so. Der Tag war dann doch sehr anstrengend gewesen und ich war heilfroh, meine Familie dann wieder „heimschicken“ zu können. Hier bestimmte endlich ich, wer mich wann und wie lange sah.

Abends um neun reihte ich mich in die lange Schlange vor dem Stützpunkt an. Ab Punkt 21.00 Uhr wurde die Nachtmedikation ausgegeben. Bereits um fünf vor neun standen oft schon mehr als fünf Leute (insgesamt waren wir in der Station nur vierzig Patienten) an. Wir Junkies.