Beerenzeit

Meine Schwester holte mich um Punkt acht ab. Wir fuhren nach Hause; diesmal spürte ich keine Angstzustände. Vielleicht war ich einfach zu erledigt dafür. Daheim frühstückten wir auf der Terrasse in der Sonne. Es war bereits Ende August, und es war immer noch unglaublich warm und schön. Es tat unendlich gut, zu Hause zu sein, in der Sonne zu sitzen, gemütlich zu frühstücken – mit gutem Essen, richtigen Brezen, selbstgemachter Marmelade und frischen Himbeeren aus dem Garten. Und vor allem tat es richtig gut, endlich Ruhe und Zeit zu haben, um mit meiner Schwester zu reden. Wir hatten uns seit meiner Krankschreibung nur einige einzelne Tage gesehen, davon nur einen nicht in der Psychiatrie. Klar wusste sie, dass ich krankgeschrieben war, es mir nicht gut ging, dass ich in der Psychiatrie war. Aber ich hatte ja nicht mehr telefoniert, kaum noch Nachrichten geschrieben und meine Eltern hatten ihr wohl auch die Details vorenthalten. Vielleicht, weil sie dachten, dass wir sowieso in Kontakt stünden. Vielleicht, weil sie meiner Schwester die Reise nach Sri Lanka nicht verderben wollten. Vielleicht aber auch einfach, weil sie selber gar nicht wussten, wie sie es hätten ausdrücken sollen. Jedenfalls, glaube ich, dass meine Schwester erst so richtig begriff, wie schlimm es um mich stand, als meine Mutter ihr sagte, sie solle nicht mehr zurück nach London fliegen, sondern ihre Masterarbeit zu Hause fertig schreiben, da sie mich unmöglich allein lassen konnten. Dass überhaupt meine Mutter sie nicht darum bat oder es ihr vorsichtig nahelegte, sondern -wie ich mittlerweile meine mitbekommen zu haben – ihr klipp und klar eröffnete, dass sie hier gebraucht wurde. Punkt. Ich kann mich nicht erinnern, dass das, seit wir beide ausgezogen waren, überhaupt jemals vorgekommen war.

Wir unterhielten uns  sehr lange. Sie wollte wissen, was passiert war, und warum. Mehrmals in diesen drei Stunden, die wir draußen am Frühstückstisch saßen, standen ihr die Tränen in den Augen und mir versagte die Sprache. Und mir stehen auch jetzt beim Schreiben, ein ganzes halbes Jahr später, wieder die Tränen in den Augen. Es tat mir gut zu sehen wie sie sich bemühte, zu verstehen. Zu sehen, dass sie besorgt war. Zu sehen, dass ich alles andere als egal war. (Natürlich wusste ich das – aber die letzten Tage war ich wieder das kleine Häufchen Depression und Angst gewesen. Da war das nun umso wichtiger.) Sie sagte sogar tatsächlich das Fest ab und verabredete sich stattdessen mit ihrer besten Freundin zum Schwimmen. Dann bin ich wenigstens abends wieder da, wenn Helene weg ist, meinte sie. Das fand ich gut. Sehr gut sogar. Sie fuhr dann also, und ich widmete mich meiner neuen bevorzugten Sommertätigkeit zu Hause: Beeren pflücken. Ich war ja bereits im vergangenen Jahr über zwei Wochen rätselhaft (dieses Rätsel war mittlerweile immerhin gelöst…) krank gewesen. Nach einer kurzen Kehlkopfentzündung war ich zwei Wochen lang viel zu erschöpft gewesen, um überhaupt auch nur eine Stunde spazieren zu gehen. Auch da hatte ich meine Tage damit verbracht, abwechselnd einfach nur im Garten meiner Eltern zu sitzen und die Eichhörnchen, meine Katze und die vielen Vögel zu beobachten und Beeren zu pflücken. Johannisbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Walderdbeeren – da gab es einiges zu tun. Ich schnappte mir also ein kleines Schüsselchen und ging auf Beerenjagd.

Den Nachmittag verbrachte ich ganz entspannt mit Helene – es gab unter anderem Vanilleeis mit frischen Himbeeren. Wir aßen sogar noch zusammen zu Abend. Meine Schwester war inzwischen wieder gekommen, dann wieder gegangen und war ein paar Häuser weiter immer noch bei ihrer Freundin. Ich war zu Hause und sah fern. Es wurde langsam dunkel. Ich war alleine zu Hause. Und die Angst kam wieder. Ich schrieb meiner Schwester eine Whatsapp-Nachricht, wie lange sie wohl noch bei ihrer Freundin wäre. Die Nachricht kam nicht an. Dann schrieb ich ihrer Freundin. Kam auch nicht an. Natürlich hätte ich auch einfach auf dem Festnetz anrufen können. Ich bin mir sicher, die beiden wären sofort dagewesen. Aber ich wollte nicht diejenige sein, die heulend wie ein kleines Kind nicht alleine sein konnte. Also nahm ich die Mirtazapin und  legte mich – ausnahmsweise mit Katze – ins Bett. Das Schnurren tat gut. Die Angst wurde trotzdem nicht weniger. Dennoch schlief ich relativ schnell ein.

Der Sonntag verlief ähnlich ruhig. Mir ging es gut, solange ich nicht viel machen musste. Am Nachmittag waren wir sogar noch zu zweit beim Baden am See. Die Sonne und das Wasser waren wohltuend.

Abends fuhr mich meine Schwester wieder zurück in die Klinik. Die Fahrt dauerte etwa eine Stunde. Ich war erschöpft. Ich möchte jetzt nicht sagen, dass ich mich auf die Klinik freute. Aber ich sehnte mich nach meinem Schutzort. Und ich freute mich auf Steffi und Johanna. Bis Mittwoch hatte ich sie ja noch.

Werbeanzeigen

#CatContent

Verdrängung wirkt nach wie vor Wunder und ein guter Blog braucht seinen #CatContent, habe ich gehört.

Ich hatte endlich die Motivation, meine neue Kamera auszupacken und zu testen. Mangels Alternativen musste meine #Katze als Modell herhalten.

Mittlerweile gibt es ja einige Studien, die beweisen wollen, dass #CatContent tatsächlich unsere Stimmung bessert und uns entspannt. Am verrücktesten finde ich ja dieses Projekt aus den USA. Die Kätzchen tun mir zwar irgendwie leid, trotzdem ist das ganze faszinierend:

https://www.youtube.com/watch?v=35T8wtmTbVg

Es geht doch nichts über eine schnurrende Katze auf dem Bauch.

(Die leichte Vibration des Schnurrens lässt nicht nur ihre eigenen gebrochenen Knochen sehr schnell heilen (deshalb wohl die sieben Leben), sondern versetzt auch unseren Körper in eine angenehme, beruhigende Schwingung.)

Episode 2

Am nächsten Tag wachte ich wieder erst mittags auf. Ich hatte schon wieder vierzehn Stunden geschlafen. Aber ich war gut aufgelegt. Unmittelbar nachdem ich das feststellte, überfiel mich ein Aktionismus. Bloß nicht nichts tun, so dass mein Hirn wieder Zeit hätte, sich selbstständig zu machen. Ich schnappte mir eine halbe Banane, zog meine Laufsachen an und lief los. Ich hatte Lust zu joggen – was bei mir eher die Ausnahme war. Während des Laufens überlegte ich mir, dass ich mich doch heute mal bei meinem Kollegen melden könnte. Oder bei einer der zwei Freundinnen, die heute aus Rhodos wiederkamen. Ich bin keine große Läuferin und meine Runde ist lächerliche drei Kilometer lang, aber nicht einmal die schaffte ich ganz. Was aber okay war. Ich dehnte noch ein bisschen, duschte. Ich war schon wieder ein bisschen erschöpft, also ließ ich alle Pläne fallen und entschloss mich, doch nach Hause zu fahren. Ich wusste, meine Mutter hatte Kuchen gebacken, und bei dem Wetter wäre es herrlich, mit meinen Eltern entspannt auf der Terrasse zu sitzen, Kaffee zu trinken und natürlich den Kuchen zu essen. Ich schrieb meiner Mutter eine kurze Whatsapp-Nachricht, dass ich jetzt auf dem Weg nach Hause sei.

Die Autobahn war frei, das letzte Stückchen Landstraße ging gut, der Wind fegte durch das offene Fenster, das Leben war schön.

Daheim angekommen stellte ich fest, dass niemand zu Hause war. Meine Mutter hatte auf die Nachricht nicht einmal geantwortet. Nicht einmal die Katze, die sonst immer von irgendwoher zur Begrüßung anmaunzte, war da.

Klick.

Es gab niemanden, in dessen Leben es einen Unterschied machte, ob ich da war oder nicht. Es war allen egal. Ich hielt es nicht mehr aus, ich selbst zu sein. Ich wollte raus, raus aus meinem Körper. Weg von hier, weg von meinem Leben. Ich rastete aus.

Nach etwa einer Stunde, in einem kurzen Moment, konnte ich immerhin so weit denken, dass ich in die Küche ging, und mir aus dem Apothekerschrank das kleine Döschen mit den Pulsatilla-Kügelchen schnappte. Die hatte ich vor Wochen, nach dem Kreislaufzusammenbruch, von meiner Mutter bekommen. Alle zwei Tage zwei, um die Nerven zu beruhigen. Ich kippte mir einen Teil der Kügelchen auf die Handfläche, es müssen wohl so zehn gewesen sein, und schluckte sie. Ich ging nach oben, ich zitterte immer noch am ganzen Körper, mir war heiß und kalt, und legte mich ins Bett. Ich schloss die Augen. Keine gute Idee. Ablenken. Ich muss mich ablenken. Also schnappte ich mir mein Tablet und schaute wieder Big Bang Theory. Das hatte gestern ja auch funktioniert. Nach drei Folgen merkte ich, wie ich ruhiger wurde. Die Nerds und die Kügelchen begannen zu wirken.

Dann hörte ich die Haustür. Meine Mutter, erkannte ich an der Art, wie die Tür ins Schloss fiel. Ich war sofort wieder wütend. Am liebsten hätte ich sie angeschrien, ihr vorgeworfen, dass sie nicht da war. Gleichzeitig war mir sonnenklar, dass auch sie ein eigenes Leben hatte. Und vor allen Dingen auch ein Recht darauf. Ich blieb oben in meinem Bett liegen und schaute eine weitere Folge Big Bang Theory. Ich konnte mich aber nicht mehr darauf konzentrieren, also ging ich doch runter. Sie war im Wohnzimmer und saß auf der Couch. Sie schaute in den Fernseher, fragte mich etwas, ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich antwortete nicht. Sie blickte mich an. Und sah sofort, dass gar nichts stimmte. Mein Gott, Sophie, was ist denn los? Ich begann zu heulen. Ich konnte kein Wort mehr hervorbringen. Ich stand einfach da und heulte. Sie stand auf. Nahm mich in die Arme und fragte mich nochmal, was ist denn los? Weil ich jetzt nicht da war, wie du gekommen bist?

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was dann so ganz genau passierte. Jedenfalls saß ich, von Heulkrämpfen geschüttelt, nicht mehr viel mehr als ein Häufchen Elend, vor Kälte und schluchzen zitternd, neben ihr. Sie versuchte, aus mir herauszubringen, was denn los war. Zwischen den Schluchzern brachte ich in Satzfetzen noch die einzelnen Gedanken vor, die wieder in meinem Kopf Karussell fuhren.

Sie wollte mich in die nahegelegene psychiatrische Notaufnahme bringen. Ich weigerte mich. Sie hielt mich eine ganze Zeit lang weiter umarmt, und ich heulte mit dem Kopf auf ihrer Schulter weiter, bis meine Tränen aus waren und ich keine Kraft mehr hatte, zu zittern. Ich schaute wie betäubt ein paar weitere Folgen Big Bang Theory, nahm die nächste Mirtzapin und schlief irgendwann ein.

Bei der Aufnahmeuntersuchung in der psychiatrischen Klinik (ja, es widerstrebt mir immer noch das Wort Psychiatrie zu schreiben) zwei Wochen später erfuhr ich, wie man die Gedanken, die mein Karussell an diesem Sonntag bestimmten, im Fachjargon nennt: passive Suizidgedanken; damit wären wir dann im ICD-Diagnoseschlüssel bei F 32.2., schwere depressive Episode.