4711 – eine kleine, effektive Atemübung für zwischendurch

vom „Kölnisch Wasser“ ist hier nicht die Rede – ich atme bei 4711 lieber aus als ein.

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Der einzige Weg, über den wir willkürlich unser vegetatives, also das unbewusste, Nervensystem beeinflussen können, ist die Atmung. Genauer die Ausatmung. Eine lange Ausatmung bewirkt eine Aktivierung der parasympathischen Nervenstränge, die für den Entspannungsmodus – Rest & Digest – verantwortlich sind.

Die 4711 Regel ist gut zu merken und leicht, auch zwischendurch im Büro, umsetzbar:

4 mal hintereinander

7 Sekunden ein- und

11 Sekunden ausatmen

Ich atme also sieben Sekunden ein und atme anschließend elf Sekunden lang aus. Das wiederhole ich viermal.

An die „4“ sollte man sich halten, da es bei mehreren Wiederholungen die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn verschlechter kann und folglich Schwindelgefühle auftreten können. Wer die Übung öfter machen will, muss nach jedem vierten 711-Atemzug mehrere Atemzüge Pause einlegen. Wer es nicht schafft, so lange auszuatmen, zählt einfach schneller, bleibt aber bei den sieben bzw. elf Zeiteinheiten; das Verhältnis von Ein- zu Ausatmung ist wichtig.

#goodpeoplearound

Wieder die gleiche Treppe, hundert Stufen vom Parkplatz bis zur Wohnungstür. Vor der Haustür war, dank der Baustelle im Turm nebenan, nicht einmal mehr Platz, um kurz zu halten. Ich: Verdacht auf Kreuzband- und Meniskusriss, Krücken.

Bepackt mit einem schweren Rucksack und einer leichten, aber nervigen Tasche mache ich mich also auf den langen Weg nach oben. Ohne die Tasche, die dauernd gegen meine rechte Krücke deppert, dauert es gute fünf Minuten, ich bin recht schnell unterwegs. Mit Tasche? Ich will es eigentlich gar nicht wissen.

Da steht auf einmal meine Nachbarin vor mir. Sie hatte eben ihre Balkonblumen gegossen und gesehen, wie ich voll bepackt, mit Krücken, die Treppe in Angriff genommen hatte. Das kann ja nicht sein, also kam sie mir die komplette Treppe entgegen, nimmt mir Tasche UND Rucksack ab und begleitet mich nach oben.

#somanygoodpeoplearound!

T -4

Ich saß abends – wieder schreibend – im Zimmer. Ich war eine ganze Zeitlang allein gewesen. Dann öffnete sich die Tür, Jeanette war wieder da. Ich versuchte, mich davon nicht beeindrucken zu lassen. Sie wäre etwas unsicher, und wollte mich fragen, ob sie unangenehm aufgefallen wäre, fragte sie mich. Ich war mir nicht sicher, wie sie das meinte, und antwortete vorsichtshalber mit nein. Absichtlich fragte ich schon gar nicht nach weshalb, aber es nutzte nichts. “Sie würde manchmal unangenehm riechen“. Nach Fisch. Sie leide an Reizdarm – daher auch das ganze Essen im Zimmer, da sie auf beinahe alles allergisch war – und durch die Bakterien hätte sie sehr oft bakterielle Infektionen im Intimbereich. Ich hatte Mühe, zumindest nach außen hin die Ruhe zu bewahren. Meine Finger hatten von allein aufgehört zu tippen und waren wie festgefroren auf der Tastatur. Ich suchte fieberhaft nach einer passenden Antwort. „Oh eh. Das tut mir leid? Aber ich habe nichts gerochen.“ Damit versuchte ich es. Sie fing an, weiter auszuholen. Ich versuchte, es auszublenden, schaffte es aber nicht ganz. Halleluja. Gottseidank ging sie ins Bad. Ich klappte meinen Laptop zu, schnappte mir mein Handy und flüchtete, zum zweiten Mal an diesem Tag. Ich teilte das Bad und die Toilette (!) mit jemanden, der permanent an Scheidenentzündungen litt. Hilfe!

Ich hätte wohl eigentlich Mitleid haben sollen. Konnte ich aber nicht. Ich begann nun wirklich, meine Tage hier zu zählen. T -4.

Jeanette

Johanna war noch keine halbe Stunde weg, da war das Bett schon neu belegt. Ich war momentan vielleicht etwas übersensibel. Aber kennt ihr auch Menschen, die einfach alles um sich herum erdrücken, einfach nur, weil sie da sind? Kennt ihr das? Ich jedenfalls hatte sie noch nicht einmal ganz gesehen, aber ich spürte diese Welle schon, als ich gerade die Zimmertür öffnete, um mich nach dem Sport zu duschen. Eine Aura. Die das ganze Zimmer ausfüllte. Für mich und meinen aktuell auch etwas größeren Raumbedarf war kein Platz. Zwei riesige, teils mit braunem Packband geklebte Koffer lagen im Zimmer herum, Tupperboxen in den verschiedensten Größen waren auf dem rechten und dem mittleren Fensterbrett aufgebaut worden, Taschen und Jacken lagen verteilt auf zwei der drei Stühle – unter anderem auf meinem Handtuch! – und mittendrin stand Jeanette. In etwa so groß wie ich, also gute 1,75m, eine braune, nicht unbedingt modische Kurzhaarfrisur, flatternde Kleidung, die eher an einen Thailand-Rucksack-Trip erinnerte als an irgendetwas anderes, altmodische Brille, pummelig.

„Hallo, ich bin Jeanette!“, schleuderte sie mir entgegen, noch bevor ich überhaupt bis zu meinem Bett vorgedrungen war. Ich wich zurück. Ich hatte das Gefühl, als würde das Zimmer beben, so laut und durchdringend war ihre Stimme. Viel zu laut. Eh, hallo, antwortete ich. Ich war überfordert. Johanna hatte vor nicht einer halben Stunde die Klinik verlassen und nun war da dieses – ich blickte noch einmal fassungslos über das Chaos hinweg, dass diese Person innerhalb von nur wenigen Minuten angerichtet hatte – Monstrum?! Ich blickte hilfesuchend zu Ruths Bett. Ruth war nicht da. „Kann ich ins Bad?“, fragte ich nur, wartete aber die Antwort aber gar nicht erst ab, sondern schloss mich umgehend im Badezimmer ein. Hier hatte sie noch keine Spuren hinterlassen. Ich duschte recht ausführlich – was mit dem Duschkopf auf Hüfthöhe gar nicht so einfach war – und versucht dabei, meine Gedanken neu zu ordnen und zu sammeln.

Ich hatte vergessen, frische Kleidung mit ins Bad zu nehmen. Verdammt. Als ich, in mein Handtuch gewickelt, kurz aus dem Bad hüpfte, um frische Unterwäsche und zumindest meine Jogginghose aus meiner Tasche am Bett herauszufischen, hallte es „und, wie lange bist du schon da? Ich habe gehört, hier soll es gut sein, ich habe mich hier selbst eingewiesen. Wirkt auch alles viel freundlicher als in Haar!“ Zwei Wochen, murmelte ich verschreckt und huschte wieder zurück ins Bad. Hilfe. Haar? Haar? Das Haar? Das, mit dem wir uns als Kinder immer gegenseitig aufgezogen hatten? Wenn du dich weiter so aufführst, dann bringen wir dich nach Haar? Ins Irrenhaus? Puh. Die Männer mit den weißen Kitteln. Ja gut, ich war auch in einer Psychiatrie. Aber Haar war irgendwie…eine andere Nummer. Wenn wohl auch nur gefühlt. Ich nahm mir Zeit, so lange ich es in dem kleinen, dampfigen Bad aushielt, cremte mich ein, zog mich an, bürstete und föhnte meine Haare. Aber schließlich musste ich doch wieder nach draußen. Ich war kaum zwei Schritte im Zimmer, da dröhnte diese Stimme schon wieder. „Weißt du schon, wie lange du noch hier bist?“ Heilfroh antwortete ich, eine Woche noch, und nannte ihr die Klinik, in die ich wechseln würde. „Ach, deswegen bin ich eigentlich hier! Da will ich auch unbedingt hin und ich habe gehört, dass man von hier aus sehr schnell einen Platz kriegt!“ Achso? Schön. Ich schnappte meinen Laptop, mein Handy und meine Wasserflasche und flüchtete regelrecht aus dem Zimmer. Hilfe, dachte ich nur. Ich zog die Tür hinter mir zu und schrieb Johanna eine Whatsapp-Nachricht: „Hilfe! Dein Bett ist schon wieder belegt. Ich bin gerade geflüchtet… bist du gut angekommen?“

Hinter dem Aufenthaltsraum war noch ein kleines Eckchen, in dem sich der Fernseher und der Billardtisch befanden, außerdem zwei kleine runde Tische und ein paar Stühle aus hellem Holz. Der Fernseher lief beinahe den ganzen Tag, auch der war mir zu laut, aber gerade war er aus. Ich setzte mich also dahin, und begann zu schreiben. Nach einer Weile tippte mich jemand an der Schulter an, ich schrak zusammen. Es war Ruth. Ob sie mich aus dem Zimmer verjagt hätte, fragte sie mich sichtlich verstimmt. So hatte ich sie noch gar nicht erlebt. Sie war sonst eine Seele von Mensch. Nein, antwortete ich ihr, ich bin freiwillig gegangen. Ich habe es da drin nicht mehr ausgehalten. Hm, brummte Ruth. Ich auch. Ich vermisse Johanna jetzt schon… Dito. Damit ging sie wieder, ich schrieb weiter. Wie konnte ein eigentlich geräumiges und sogar halbwegs gemütliches Zimmer (wir hatten sogar eine Orchidee und eine riesige Sonnenblume auf dem Fensterbrett) binnen Minuten auf einen Käfig zusammen schrumpfen, aus dem alle freiwillig flüchteten?