Verrückte Sache

Mittwoch. Mittwoch heißt Angsttherapie. Und Angsttherapie heißt meine Einzel-Therapeutin. Und meine Einzeltherapeutin bestand darauf, dass ich diesmal ein Thema hatte. Ich hatte da eine andere Meinung. Aber sie duldete keine Widerrede. Also hatte ich zum ersten Mal ein Thema.

Obwohl ich nun schon seit sage und schreibe acht Wochen in dieser Gruppe war, mich wohlfühlte, die Leute kannte, widerstrebte es mir eigentlich ziemlich, mein „Problem“ vor der Gruppe auszubreiten. Es hatte schließlich wenig mit Angst zu tun, fand ich. Die Therapeutin sah das offensichtlich anders. Also sollte ich nun mit der Gruppe gemeinsam eine Strategie für das Gespräch mit meinem Chef, das ich führen wollte, entwickeln. Also erzählte ich zuerst meine Geschichte. Und dann steuerten die anderen ihren Input bei. Der tatsächlich hilfreich war.

In der Gruppe waren mittlerweile ein etwa 45-jähriger Ingenieur, ebenfalls wegen Burnout in Behandlung, und eine Studentin, die wegen PTBS hier war. Völlig unterschiedlich, alle beide. Logisch. Und völlig unterschiedlich auch ihr Feedback. Aber beides megawichtig.

Die Studentin meinte, ganz ehrlich, wenn du in dem Gespräch zu weinen beginnst, dann ist das eigentlich kein Problem. Es wird nur zum Problem, wenn dein Gegenüber nicht weiß, wie er damit umgehen soll. Merk dir das: Nicht du bist das Problem – du bist ja auch nur ein Mensch –, sondern der, der mit dir als Mensch nicht umgehen kann oder will, hat das Problem.

Und der Ingenieur erklärte mir, dass mein Chef ja auch nur mein Chef sei. Nicht mehr. Nicht weniger. Der selber einen Chef hat. Mit dem er selbst vielleicht auch Probleme hat. Und eine Personalabteilung im Nacken. Und wenn es blöd läuft, sogar einen Betriebsrat.

Da habe ich monatelang, ja mittlerweile jahrelang das Problem hin und her gewälzt, fünftausendmal Gespräche ersonnen und es trotzdem nicht geschafft, eine andere Perspektive einzunehmen. Dazu mussten erst zwei wildfremde Menschen kommen. Und sie haben sogar Recht. Verrückte Sache.

 

 

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Grenzen setzen

Die letzte Therapiestunde in der Burnoutgruppe hatte für Gesprächsstoff in unserem doch eher eintönigen Klinikleben gesorgt. Wir hatten außerdem eine neue Zimmernachbarin bekommen, nachdem die griesgrämige Dame Ende letzter Woche entlassen worden war (immer noch ähnlich griesgrämig, aber vielleicht -so genau wussten wir das nicht, frisch verliebt). Der Neuzugang am Donnerstag war  eine liebenswerte Spanierin mit Lockenkopf aus Niedersachsen und Jeanette war nach einer nervenaufreibenden Woche im Zimmer meiner Tischnachbarin wieder zurück in die Psychiatrie gewechselt. Es war wieder was los hier, die Ablenkung konnte ich gebrauchen.

Wassergymnastik war wie immer kalt, das Mittagessen wie immer gut (leider waren unsere Tischneuzugänge nicht halb so unterhaltsam wie ihre Vorgängerinnen), und dann traf sich die Burnout-Gruppe wieder. Wir waren gespannt, wie es weitergehen würde. Meine Nachbarin hatte sich den Ausraster des Hengstes ziemlich zu Herzen genommen. Diese Totschlagargumente von Männern habe sie so satt, sagte sie. Sie hatte sich vorgenommen, genau das heute anzusprechen.

Wir waren alle wieder im Raum versammelt. Das heißt: fast alle. Der Beamte war nicht da. Wir eröffneten, wie immer in einem Blitzlicht, taten uns alle etwas Gutes. Und Sophie, meine Nachbarin, fügte hinzu, dass sie gerne die Stunde von letzter Woche noch einmal rekapitulieren würde. Die Therapeutin nahm den Vorschlag an, sie hatte selbst vorgehabt, mit uns noch einmal darüber zu sprechen – die Wogen schienen geglättet. Sie fügte an, dass der Beamte auf eigenen Wunsch die Klinik verlassen hatte, denn der Aufenthalt würde ihm nichts bringen und niemand verstünde ihn und sein Problem hier. Dann ergriff der Hengst das Wort. Er entschuldigte sich bei uns, und auch direkt bei Sophie. Er hätte lange mit seiner Therapeutin über seinen Ausraster gesprochen, es war zwar bedauerlich, aber doch auch gleichzeitig sehr hilfreich für seine Therapie gewesen. Und er versuchte zu erklären, warum er so ausgerastet war. Dafür hatte ja nach wie vor niemand von uns eine schlüssige Erklärung gehabt, so schnell war er auf und davon gewesen. Und, siehe da – es handelte sich um ein wirklich minimales Missverständnis, das mit zwei Sätzen aus der Welt gewesen wäre. Wie doch so oft: Kommunikation ist alles. Da wir schon alle so offen sprachen, erbaten wir uns auch gleich weniger aggressive Wortmeldungen, so dass wir auch wieder zu Wort kommen würden. Und siehe da – in dieser Stunde funktionierte es tatsächlich.

Nach der Pause – es war meine letzte Stunde – blieb vor meiner Verabschiedung noch Zeit für eine letzte Übung zum Thema „Grenzen setzen“ (ganz passend zu Sophies‘ erster Wortmeldung). Wir sollten uns einen Partner suchen und uns im Raum, einige Meter gegenüber voneinander aufstellen. Daraufhin sollte ein Partner auf den anderen zu gehen, bis dieser ihm wortlos „Stopp“ signalisierte.

In den letzten Wochen hatte sich mein „Raumbedarf“ wieder in annähernd normal verringert. Man konnte mir wieder etwas näher kommen, ich hielt es wieder aus. Trotzdem war die Übung für mich enorm schwierig. Ich war die, die als erste auf meine Partnerin zugehen sollte. Es war meine Zimmernachbarin, die ich ja gut kannte und mochte. Dennoch spürte ich deutlich, als ich meine eigene Grenze überschritt. Aber sie hatte noch nicht „Stopp“ signalisiert, ich musste weiter auf sie zu gehen. Ich fühlte mich unwohl und wich, sobald ich das Gefühl hatte, ich durfte, nun wieder einen großen Schritt zurück in Richtung Raummitte. Schließlich kehrten wir das Experiment um. Ich war erleichtert, nun durfte ich die Grenze setzen. Es war verdammt schwierig. War es okay, die Grenze so weit vorn zu setzen? Oder würde ich Sophie mit dieser Entscheidung verletzen? Schließlich ließ ich sie einige Zentimeter weiter gehen als mir lieb war.

Es war verdammt schwierig, meine eigene Grenze zu setzen.  Deutlich einfacher war es für mich gewesen, Sophies Grenze anzunehmen – auch wenn ich mich damit unwohl fühlte.

 

Dem Hengst seine Weide

Dienstag, 20. Oktober. Verabschiedung der Tanzlehrerin (die alte Oma war schon lange weg), ich hatte meinen Tisch mittlerweile, bis auf Tina, komplett überlebt. Letzte Woche in der Burnout-Gruppe. Mit dem Skript war ich wirklich so gut wie durch und ich war froh, dass ich bald raus war.

Heute waren der Hengst und der Beamte da. Es war also wieder eine Monologstunde. Die uns allen ziemlich auf die Nerven fiel. Von uns anderen kam kaum jemand zu Wort. Die dürre Frau mit der Hakennase versucht es ab und an, versucht den jeweils Monologisierenden zu beschwichtigen und eigenen Ideen anzubringen, aber meistens wurde auch sie abgewürgt. Beim Beamten, weil er einfach in seinem Gedankenkonzept dermaßen unflexibel war, dass er es nicht schaffte, eine Idee, die einem anderen als dem seinen Gehirn entsprungen war, auch nur zu betrachten, und beim Hengst, weil er einfach alles besser wusste.

Kurz vor der Pause arbeiteten wir in einer Gruppenarbeit an unseren „Zielen und Werten“. Ich hatte eine gute Gruppe erwischt, mit meiner Zimmernachbarin und einer älteren Frau, die zehn Jahre vor dem Ruhestand nun vor der Aufgabe stand, ihr Leben umzukrempeln. Neben uns hatte die Apothekerin ein schweres Los. Sie war in einer Gruppe mit dem Hengst und dem Beamten. Sie war ein herzensguter Mensch, eher ruhig und zurückhaltend veranlagt und kam in dieser Runde natürlich überhaupt nicht zu Wort. Die Diskussion – oder vielmehr das abwechselnde Anbringen gegenteiliger Meinung – zwischen Hengst und Beamten konnten wir alle verfolgen. Die beiden waren so laut, dass ich es kaum noch aushielt. Ich war immer noch sehr lautstärkenempfindlich, aber auch die anderen waren sichtlich genervt, so dass irgendwann die resolute ältere Dame in meiner Gruppe unvermittelt eine Ansage machte. Dann war Ruhe. Schließlich forderte uns die Therapeutin auf, unsere Ergebnisse auf die Fragen vorzustellen. Es ging um den „roten Faden“ in unserem bisherigen Leben und wie der Burn-out unser Lebenskonzept verändert hat. Wie immer beherrschte der Hengst die Diskussion. Und in diesem Fall war es nicht einfach nur nervig, weil es um seine eigene Geschichte ging, die wir nun alle schon zur Genüge kannten, sondern schlichtweg, wie ich zumindest fand, falsch. Außerdem war ich mittlerweile ein wenig streitlustig. Es ging nun darum, was uns das Gefühl gab, wertvoll zu sein. Denkt doch mal einen kurzen Moment darüber nach – was gibt euch eigentlich das Gefühl, wertvoll zu sein?

In unserer Gruppe waren wir uns recht einig gewesen. Liebe, Familie, Freundschaft und, für mich zumindest, Glaube. Natürlich gab es da den einen oder anderen kleinen Unterschied. Wir waren aber jedoch alle der Meinung, dass wir uns gerade dann am wertvollsten fühlten, wenn wir so akzeptiert wurden, wie wir waren, ohne dafür eine Leistung bringen zu müssen.

Der Hengst, mit schwieriger Kindheit – wir kannten mittlerweile auch seine ganze Lebensgeschichte – hat da natürlich eine etwas andere Ansicht. Das war ja auch gar nicht das Problem. Er definierte sich eben einzig und allein über seinen Verstand, seine Fähigkeiten. Das Problem war viel mehr, dass er uns unsere andere Ansicht nicht zugestehen wollte. Mittlerweile war ich tierisch genervt und sah es nicht mehr ein, einen auf lieb Kind zu machen und dem Hengst seine Weide so kampflos zu überlassen – auch wenn mir die Weide genaugenommen völlig egal war. Mit einer diebischen Freude hielt ich dagegen und ließ mich, nun erst recht nicht mehr, von Seneca und Platon, die er zu seiner Argumentation heranzog, beeindrucken. Da wir ungebildete Bande offensichtlich von diesen großen Gelehrten noch nie etwas gehört hatten oder, noch schlimmer, ihre Lehren ignorierten, schwang er sich zu einer regelrechten Lehrstunde über deren Philosophie auf. Keine Ahnung, wie intensiv sich die anderen in der Runde zuvor mit Platon und Seneca beschäftigt hatten, aber in der Runde saßen unter anderem: Eine Pharmazeutin, eine Lehrerin, ein Beamter, ein Arbeitgebervertreter, eine studierte Sozialpädagogin und, nicht zu vergessen, die Psychologin. Die ließ sich schließlich dazu hinreißen, ihn zu fragen, ob er denn Platon und Seneca auf Latein gelesen hatte? Ich konnte mir das Lachen kaum noch verbeißen. Er aber antwortete todernst, dass er es bis heute bereue, nicht besser Latein und Altgriechisch oder höhere Mathematik gelernt zu haben. Schließlich wäre er intelligent genug dazu. Gott. Es kostete mich alle Kraft, nicht in lautes Gelächter auszubrechen. Ich hatte Tränen in den Augen stehen. Die Therapeutin beendete die Diskussion – wir waren sowieso bei der letzten Frage gewesen – und schickte uns in die Pause.

Nach der Pause ging es dann schließlich fünf Minuten gut. Der Beamte monologisierte wieder – die Welt war schlecht und alle hier wollte ihm einreden, selbst so schlecht zu werden – so zumindest interpretierte er die Aussage der Therapeutin, sie könne nicht seine Kollegen therapieren, sie seien schließlich nicht hier und er müsse folglich an sich selbst arbeiten. Die dürre Dame wollte helfen, ihm erklären, wie die Therapeutin das wohl gemeint hatte, und berichtete aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz. Ich fand, es war ein hilfreicher Beitrag. Erzürnt griff der Hengst in das Geschehen ein, sagte, dass die Therapeutin dass ja sehr wohl genauso gesagt hatte, wie der Beamte uns das dann wiedergab. Daraufhin protestierten ich, meine Zimmerkollegin und die Dürre. Und der Hengst stieg auf seine Hinterbeine, wieherte, dass er sehr wohl wisse, was er gesagt habe, er lasse sich das hier nicht bieten, schließlich habe er einen IQ von 120 (oder auch 140, so genau weiß ich es nicht mehr) und verließ schnaubend den Therapieraum.

Stille. Wir waren perplex. Alle, samt der Therapeutin. Keiner konnte sich so recht erklären, was da gerade passiert war. Aber gut. Wir machten weiter. Keine zehn Minuten später, der Beamte lamentierte immer noch. Und machte den Fehler, in einem Raum mit 80% Frauenanteil, auf seine Kolleginnen zu schimpfen, die eine nach der anderen die Frechheit besaßen schwanger zu werden… wie der Satz weitergehen sollte, keine Ahnung. Nun war nicht nur mir der Kragen endgültig geplatzt. Zu fünft warfen wir ihm nun lautstark entgegen, dass es jetzt wirklich genug sei, er seinen Mund halten sollte und seine Kolleginnen verdammt noch mal das gute Recht hatten, schwanger zu werden, wann sie wollten – wo er denn seine Kinder sonst mal herbekommen wollen würde? Und zack, verließ der Nächste wutschnaubend den Raum.

Stille. Again. Nun waren wir nicht mehr perplex, sondern regelrecht schon fasziniert von der Wirkung, die unser Protest gehabt hatte. Dann kommt endlich mal wieder jemand anderes zu Wort, entfuhr es mir. Wir gingen zur Tagesordnung über. Der Rest der Stunde verlief in freundlicher Atmosphäre, ohne Zwischenfälle.

Der Wunschkuchen

Mittlerweile waren wir in der Burnoutgruppe wieder an die zehn Leute. Die Apothekerin war immer noch da, ich, meine neue Zimmernachbarin, die Magersüchtige, dann außerdem ein Beamter, der recht unflexibel war, und der Hengst. War der Beamte schon eine Bereicherung für die Gruppe gewesen – es ging beinahe nur noch um ihn und seine Probleme, er scheute keine Diskussion mit der Leiterin oder anderen Gruppenmitgliedern und zudem war er recht unflexibel, was seine Denkweise angeht. Zusätzlich war er wohl der erste Mensch, den ich kennenlernte, der partout nicht wusste – oder sich bewusst verweigerte, sein erklärtes Ziel des Klinikaufenthalts war schließlich die Erlangung einer Arbeitsunfähigskeitserklärung (mit Anfang 30!!) – womit er sich etwas Gutes tun konnte. Spazieren gehen? Es ist windig. Eine Tasse Kaffee? Trinke ich nicht. Tee? Trinke ich den ganzen Tag, das ist nichts Besonderes. Ein Stück Kuchen vielleicht? Sehen Sie mich an, damit tue ich mir nichts Gutes. Es muss doch irgendetwas geben, was sie gerne machen, womit sie sich etwas Gutes tun können? Zuhause bin ich gerne geschwommen, aber die Klinik ist ja zu geizig, um das Wasser zu heizen, so dass man schwimmen könnte. Ihr seht schon. Ein sehr anstrengender Patient.

Jedenfalls, war der Beamte schon eine Bereicherung für die Gruppe gewesen, schoss der Hengst den Vogel ab. Seine Vorstellung dauerte mehrere Minuten. Er war in der Gastronomie selbstständig gewesen, Konkurs gegangen und dadurch nun in den Burnout gerutscht. Wir erfuhren sehr detailliert über sämtlich Behörden und die Verbraucher, die ihn in den Ruin getrieben hatten. Zudem beschrieb er seinen Charakter sehr detailreich, indem er dessen einzelne Elemente mit verschiedenen Tieren verglich. Ein Adler war dabei, aber der stolze Araberhengst, der ist bei mir und meiner Zimmernachbarin, Sophie, am meisten hängen geblieben. Der Hengst. Ein Mann, der sich offensichtlich viele Gedanken über sich selbst macht.

Die Burnoutgruppe war zwar nach wie vor nicht meine Lieblingsgruppe, aber nun hatte ich erstens mit Sophie wieder eine Verbündete in der Runde, und zweitens war es, eine Zeit lang zumindest, amüsant zu beobachten, wie sich Hengst und Beamter um den höchsten Redeanteil duellierten. Sonst kam niemand mehr zu Wort. Selbst die leitende Psychologin hatte zu kämpfen. Ruhe herrschte nur bei Stillarbeit. In dieser Stunde: Der Wichtigkeitskuchen. Wir sollten in einem Kuchendiagramm eintragen, welche Lebensbereiche aktuell wieviel Zeit in unserem Leben einnehmen. Arbeit, Partnerschaft, Familie, Gesundheit, Freunde und Verwandte, Wohnen und Finanzen und Freizeit. Gar nicht so einfach, das auf’s Papier zu bringen. Und ehrlich zu sich selbst zu sein.

Dann im zweiten Schritt: Der Wunsch-Wichtigkeitskuchen: Wie hätte ich es denn gerne? Was ist halbwegs realistisch umzusetzen? Welche Bereiche kann oder muss ich kürzen, um meinem Wunschkuchen möglichst nahe zu kommen?

Macht das mal! Man hat es doch meistens im Kopf. Immer das Gefühl, dass man zu diesem und jenem nicht kommt. Nichts anderes mehr macht als Arbeiten. Stimmt das wirklich? Und wenn tatsächlich – was sind denn die Rädchen, an denen ich drehen kann, um den Ist-Zustand zu verbessern?

 

 

Elterngespräch

Gerade bei psychischen Krankheiten ist das persönliche Umfeld in der Regel stark mit betroffen. Umso sinnvoller sind daher Eltern- oder Paargespräche.

Zum einen haben die Angehörigen so die Möglichkeit, Genaueres über das Krankheitsbild zu erfahren und insbesondere auch, wie damit umzugehen ist. Zum anderen bietet sich in einem geschützten Rahmen die Möglichkeit, Punkte anzusprechen, die die Beziehung zwischen den beiden Menschen betreffen, die Auswirkungen auf die Krankheit haben / hatten.

Ich nähere mich langsam der 30. Insbesondere in einer ländlichen Umgebung hält sich immer noch stark das Bild, das man mit 30 seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat, eine gute Zeit, um zu heiraten, Haus zu bauen und Kinder zu kriegen. Ganz unabhängig davon würde ich mir wünschen, endlich irgendwo anzukommen. An einem Ort, von dem ich weiß, dass dies keine Zwischenstation auf meinem Lebensweg ist, mit Menschen, die mich nicht nur in einem Lebensabschnitt begleiten werden. Aber leider ist dem nicht so. Und das zählt leider einfach auch zu den Dingen, die sich mit einem eisernen Willen nicht regeln lassen. Also treibe ich weiter so vor mich hin, ob mir das gefällt oder nicht. Ich kann es nicht ändern. Die meiste Zeit ist das auch völlig okay für mich.

Stressig wird es aber, wenn das ohnehin bereits fragile Bauwerk, das ich mir dazu aufgestellt habe, dann von außen belastet wird. Wenn etwa wiederholt erwähnt wird, Hm, mit 25 war ich schon vier Jahre mit meinem jetzigen Mann zusammen. Wenn der Chef erklärt, man käme ja jetzt in ein Alter, in dem man sich ja auch grundsätzliche Fragen stellen müsste.

Verdammt, Leute, ich wüsste doch auch gerne, wo es mich hin treibt! Und mit wem! Aber ich weiß es nicht! Also lasst mich damit in Ruhe. Löst euch endlich von euren fixen Plänen und Vorstellungen – meint ihr denn, mir geht es anders? Leben ist das, was passiert, während wir Pläne machen. Wie wahr dieser Spruch ist, habe ich in diesem Jahr oft genug erfahren müssen.

Jedenfalls hatte ich gestern auch noch das Elterngespräch. Ich war davor ziemlich aufgeregt gewesen. Aber es lief gut. Die Therapeutin war toll (ganz entgegen zu gestern) und ich war stolz auf mich und meine Eltern. Alleine, dass sie da waren, tat mir unglaublich gut.

Danach gingen wir in die Cafeteria, einen Kaffee trinken. Als wir durch die Glastüren traten, saßen am rechten Ende des Raumes eine Gruppe Jugendlicher, alle mit einem Zettel auf der Stirn. Als wir bestellten, blickte mein Vater unauffällig zu ihnen hinüber. Leise und etwas unsicher fragte er mich, ob das denn auch eine Therapie wäre? Ich musste schmunzeln. Vor zwei Sekunden hatte ich selber überlegt, was denn die U20er da treiben. Passte auch wunderbar in das verquere Bild, dass einem Hollywood von einer Gruppentherapie vermittelt. Aber nein, antwortete ich. Die spielen nur „Wer bin ich?“.

 

Schokolade ist aus!

Freitag. Angstgruppe. Meine Stimmung war wieder halbwegs in Ordnung. Bis zur Angstgruppe. Ich hatte eh schon nur noch ein Minimum an Energie und dann musste ich auch noch aktiv mitmachen, weil niemand ein Thema hatte. Auf dem Boden lag eine Schnur, unsere Zeitliste. Und ich musste angeben, wo ich mich bei meinem Klinik Aufenthalt gesehen hatte, dann weiter gehen, wo ich jetzt  stand. Das war schon ein bisschen weiter. Und dann dorthin gehen, wo ich wieder hin wollte. Was mein Ziel war. Von dem Punkt, an dem ich war, als ich in der Klinik ankam, zu jenem an dem ich mich aktuell sah, reichte ein kleiner Hüpfer. Zu dem Punkt, an den ich gelangen wollte, musste ich die restliche Zeitleiste entlang gehen. Die war lang. Verdammt lang.

Was war mein Ziel? Ich wollte wieder Ich sein. „Wie bist du denn?“, fragten sie mich. Ich versuchte es mit ein paar Adjektiven. „Naja, eben. Fröhlich, voller Energie. Immer gut gelaunt.“ Die Therapeutin machte mir unmissverständlich klar, dass mein Ziel offensichtlich noch nicht definiert war. Dass ich offensichtlich gar nicht wirklich wusste, wo ich hin wollte. Das alte Ich hatte mich ja schließlich hierher gebracht. Ich musste etwas ändern in meinem Leben. Wollte ich wirklich wieder genauso werden, wie ich war?

Ich kämpfte mit den Tränen. Das war genau das, wovor ich am meisten Angst hatte. Ich hatte mein Leben geliebt. Ich wollte es nicht hergeben. Oder hatte ich das schon? Ich war ja oft gar nicht mehr selbst da. Zumindest fühlte ich mich so. „Aber du strahlst doch auch jetzt noch so viel Energie und Fröhlichkeit aus“, meinte jemand aus der Runde. „So, wie du da eben gehüpft bist. Da ist schon noch was da, Sophie. Das ist nicht alles weg.“

Eigentlich war das ja beruhigend. Aber die Aussage machte es nur noch schlimmer. Ich hüpfte ja nicht, weil ich fröhlich war. Sondern weil ich gar nicht anders konnte. Ich konnte das doch nicht anders. Ich habe es nie anders gemacht. Ich weinte. Schon wieder.

Und wie so oft begann ich zu frieren. Meine Hände waren warm, meine Haut, die Sonne schien ja auch draußen. Aber ich fror von innen heraus. Die Stunde war vorbei. Ich musste einen lieben Menschen hören. Johanna hatte Therapie. Ich holte mein Handy und etwas Geld und ging in die Cafeteria. Ich brauchte Schokolade. Am besten eine ganze Tafel. Die würde mich etwas aufwärmen.

Ich hatte Glück. Ich bekam die allerletzte Tafel. Nicht unbedingt meine Lieblingssorte, „Ganze Nuss“, aber immerhin Schokolade. Schokolade war jetzt ausverkauft in der Psycho-Klinik, die neue Lieferung würde erst in drei Tagen kommen. Ich setzte mich auf der Terrasse in die Sonne und rief bei Helene an. Das Telefonieren tat gut, sie heiterte mich auf und lenkte mich ab. Nebenbei aß ich die ganze Tafel. Mir wurde langsam wieder wärmer.

Samstag fuhr ich wie immer nach Hause. Und machte das ganze Wochenende original gar nichts. Lag im Haus herum und beobachtete die Katze. Ging spazieren und Sonntag in die Kirche. Das war alles. Sonntagabend kam ich wieder in die Klinik.

For a reason

Umso wohler ich mich in der Kunsttherapie fühlte, umso mehr fehl am Platz fühlte ich mich in der Burnout-Gruppe. Die Besetzung hatte mittlerweile komplett gewechselt. Wir waren seit heute nur noch vier Leute und es war nur noch einer von der sympathischen Gruppe am Anfang dabei. Ein älterer Herr, um die fünfzig, ein Krankenpfleger. Er war sehr nett, aber was die Symptome und den Krankheitsverlauf betraf, hatten wir beinahe nichts gemeinsam. Neu dabei waren zwei Frauen, auch beide circa fünfzig Jahre alt. Eine herzensgute, total liebe Apothekerin und eine völlig abgemagerte, mit beinahe greifvogelartigem Gesicht ausgestattete Sozialdienstleisterin. Sie hatte eine Kurzhaarfrisur, die ihre markanten Gesichtszüge noch mehr betonte, lange, knochige Finger, trug eine unförmige, unmodische Hose und ein ebenso unförmiges Shirt, die knochigen Füße in Trekkingsandalen. Die Augen: wie ein Greifvogel. Immer auf der Suche nach dem nächsten Opfer, auf das sie picken konnte. Dabei war sie nicht einmal unleidig. Mit uns anderen meinte sie es meistens gut und wollte helfen; am meisten hackte sie auf sich selbst ein. Ein hoch perfektionistischer Greifvogel. Die Gruppenstunden, die in der ersten Woche noch recht lebhaft gewesen waren, waren mittlerweile ziemlich zäh. Es kam kein Gespräch, keine Diskussion zu stande, weil die anderen beiden Teilnehmer sich sehr zurücknahmen und Frau Greifvogel das Wort oft an sich riss. Ich fand es anstrengend, weil sie dabei ständig in eine Lehrerrolle rutschte und uns versuchte, die Welt, und in dem Fall Burnout, zu erklären – wobei, Burnout gibt es ja eigentlich gar nicht, das ist ja nur ein Modewort, wie sie gleich zu Beginn feststellte. Insbesondere, da sie selbst offensichtlich noch viel schwerwiegendere psychische Probleme hatte als wir. Zum Beispiel eine Essstörung. Oder die Tatsache, dass sie bislang keine einzige der Anfangsmeditationen mitmachen konnte, weil sie das einfach nicht konnte. Ich konnte schon verstehen, dass das tatsächlich „einfach nicht ging“. Aber ich wusste eben mittlerweile auch, wie schwerwiegend ihre Erkrankung dann war. Jedenfalls fühlte ich mich alles andere als wohl. Ich konnte mich mit keinem der anderen identifizieren und hatte absolut keine Lust, irgendwelche Details mit ihnen zu teilen.

Wie auch immer, ich konnte nicht einfach nicht in die Gruppe gehen. Also war ich nach Wassergymnastik und Mittagessen wieder pünktlich um eins im Stationsgruppenraum der Station V. Thema des Tages war laut Skript „Burn-Out und Persönlichkeit“. Wunderbar. Ich hatte schon recht früh für mich beschlossen gehabt, noch bevor ich überhaupt in der Psychiatrie war, dass in meinem Fall die Diagnose ganz sicher nicht auf übertriebenen Perfektionismus, der oft als einer der Hauptgründe für Burnout genannt wird, zurückzuführen ist. Wenn es bei mir an Eigenschaften lag, dann eher am Idealismus oder am Gerechtigkeitssinn. Aber bestimmt kein Perfektionismus. Also zusätzlich zu der unangenehmen Runde durfte ich mich nun in den nächsten anderthalb Stunden auch noch mit einem Thema befassen, das für mich nicht sonderlich relevant war. Immerhin war danach wieder Pilates.

Einmal mehr also durften wir einen Fragebogen zu unseren „Inneren Antreibern“ ausfüllen. Aussagen wie „Am liebsten mache ich alles selbst“, „Ich darf nicht versagen“, „Auf mich muss 100% Verlass sein“ oder „Wenn man Schwäche zeigt, wird man nicht respektiert“, insgesamt waren es 25, sollten wir zuordnen, ob wir häufig, manchmal oder nicht so dachten. Die Auswertung resultierte dann in einer Grafik, die anzeigte, wie stark ausgeprägt auf einer Skala von eins bis zehn die Antreiber „Sei perfekt!“, „Sei beliebt!“, „Sei stark!“, „Hab alles unter Kontrolle!“ und „Streng Dich an!“ bei jedem waren. Diesmal hatte ich, wie erwartet, das Ranking nicht gewonnen, sondern war die einzige, die bei keinem dieser Antreiber die Zehn-Punkte-Marke riss. Die anderen drei hatten teilweise bei mehr als der Hälfte der Antreiber die Zehn stehen. Ich hatte immerhin eine Acht und eine Sechs.

Ähnlich wie schon beim Schema mit dem wütenden Kind und wie bei eigentlich fast allem, worauf ich in der Therapie hier stieß, liegen die Ursachen für diese Antreiber in unserer Vergangenheit. Irgendwann waren diese Mechanismen hilfreich für uns und wir speicherten sie ab. Bis sie so verinnerlicht waren, dass sie zu Automatismen wurden. Wir also gar nicht mehr mitbekommen, dass sie überhaupt wirken. Für uns ist es also „ganz normal“ und wir meinen, gar nicht anders handeln zu können. Im ersten Schritt also müssen wir überhaupt erst einmal feststellen, welchen inneren Antreibern wir unterbewusst gehorchen. Dann erst können wir überhaupt versuchen, sie zu hinterfragen: Früher war das sinnvoll, aber was bringt mir das im Moment eigentlich?

Es wurde anschließend noch eine Zeit lang über die jeweiligen Antreiber der anderen diskutiert. Ich schaffte es, mich vornehm zurückzuhalten, bis die Stunde endlich aus war. Wir würden nächste Woche am gleichen Thema weiterarbeiten. Daher die Hausaufgabe: Was kannst du deinen stärksten Antreibern entgegensetzen?

Vor einigen Wochen hatte mich auf XING eine alte Mitschülerin hinzugefügt. Seit dem Abi hatte ich nichts mehr von ihr gehört. Wir hatten uns gut verstanden, waren aber nicht wirklich befreundet gewesen. Und doch habe ich heute noch eine Szene aus der 13., es war schon recht nah am Abi, im Kopf, als wäre es gestern gewesen. Wir hatten ein Freistunde, saßen an einem der viereckigen, orangenen Tische, die am Ende der großen Schulaula direkt vor einer verfensterten Wand standen. Wir machten beide irgendwelche Aufgaben und unterhielten uns nebenbei. Ich weiß nicht einmal mehr, über was. Aber ich kann mich noch sehr deutlich an den einen Satz erinnern: „Und wie ist das bei euch? Ihr seid seit der Kollegstufe zusammen und nach dem Abi war’s das dann? Jeder geht seinen Weg?“. Bam. Seit Wochen rumorte es in mir. Mein Freund würde nach dem Abi nach Südamerika gehen, ich würde gleich mit dem Studium beginnen. Und zack, da hatte sie mir nur, wenig schonend, eine Tatsache an den Kopf geknallt, die ich bisher nicht zu denken gewagt hatte. Eine Tatsache, die zu denken ich Angst hatte. Aber ja. De facto war es so. Keiner von uns beiden war bereit, sein eigenes Leben unterzuordnen. Wir nahmen uns das auch nicht übel, es war eben so. Aber so deutlich wie sie es in dem Moment ausgedrückt hatte, hatten mein Freund und ich es wohl nicht einmal gedacht.

Knappe zehn Jahre später, zwischendrin kein Wort, nicht über den Weg gelaufen, nicht einmal auf Facebook sind wir befreundet. Sie addet mich auf XING, ich bin neugierig, was sie so macht und schreibe ihr eine Nachricht. Sie fragt, was ich so mache, und ich sage ihr die Wahrheit, dass ich gerade in einer Klinik bin, krankgeschrieben wegen Burnout. Ihre Antwort: Du hast doch schon immer überall 130 Prozent gegeben.

Ich bin ja immer noch nicht der Meinung, dass ich immer 130 Prozent gegeben hatte. Ich hatte eben immer alles so gemacht, wie ich dachte, dass es gemacht werden sollte. Aber offensichtlich waren meine 100 Prozent eben 130 Prozent bei den meisten anderen. Ergo: Meistens reichen meine 70 Prozent. Das war bereits Wochen vor der Antreiber-Stunde. Meine Antwort auf mein inneres „Streng Dich an!“ ist ab sofort: Meistens reichen 70 Prozent.

 

People come into your life for a reason, a season or a lifetime.