Das Zwieback-Ritual

Montagmorgen war ich wie immer hundemüde und völlig erschöpft aus einem sehr unruhigen Schlaf aufgewacht. Wiegen, Blutdruck messen, Tabletten holen, Therapieplan holen, frühstücken, beim Frühstück überlegen, welche Therapien ich heute mitmachen wollte bzw. musste. Wie meistens wurden es montags die Allgemeine Gymnastik – immer noch auf Seniorenniveau, dann das Walken / Intervalltraining nach der Visite um viertel nach elf. Nach dem wie immer bescheidenen Mittagessen stand montagnachmittags um 15.00 Uhr AGT, die Achtsamkeits- und Genusstherapie auf dem Plan. Das hatte sich, neben Yoga und Atemübungen am Donnerstagmorgen, sehr schnell zu meiner Lieblingstherapie gemausert. Die AGT-Stunden waren inhaltlich angenehm, die Gruppe war sehr angenehm und auch die Therapeutinnen verbreiteten eine angenehme, harmonische Atmosphäre. Nach der ersten Stunde, in der wir uns dem Geruchssinn und den Genussregeln widmeten, nahmen wir uns nach und nach die einzelnen Sinne vor. Dabei sollten wir unsere Genussfähigkeit wieder entdecken, Achtsamkeit üben und Selbstfürsorge lernen.

Heute war der Hörsinn an der Reihe. Auf dem kleinen Tisch, auf dem immer die Elemente unserer Sinnes-Entdeckungsreise aufgebaut waren, lagen diesmal Orff-Instrumente wie Klangstäbe, ein Regenmacher, Kastagnetten, aber auch Alltagsgegenstände wie Ketten, Besteck, und so weiter. Wie immer sollten wir uns intensiv, achtsam, also so, als ob wir dieses Geräusch zum allerersten Mal in unserem Leben hören würden, mit denDingen beschäftigen. Der Regenmacher, das leise, tiefe Rasseln der Kette oder das Klackern der Murmeln im Beutel waren angenehm für mich. Alles andere war Lärm. Unbewusst rückte ich immer weiter in den Hintergrund, bis ich kaum mehr Teil des Kreises war. Mir war das alles zu laut. Die Geräusche taten in den Ohren weh. Ich merkte das auch in der Feedbackrunde, in der wir unsere Erfahrungen mit den „neuen“ Sinneserlebnissen teilten, an. Ich bin momentan sowieso sehr, sehr geräuschempfindlich. Und das merke ich auch jetzt. Mir ist das beinahe alles zu laut und unangenehm. Dennoch entschloss ich mich, weiter in der Gruppe zu bleiben, die Stunde war sowieso beinahe vorbei. Es fehlten nur noch der Kreativteil und die Abschlussmeditation.

Wir setzten uns also alle an den Tisch, an dem wir immer bastelten. Diesmal erhielt jeder von uns fünf DinA6-Blätter und auf dem Tisch stellte die Kunsttherapeutin eine Menge Wachsmalkreiden bereit. Ich habe nun fünf verschiedene Geräusche vorbereitet, die ihr malen sollt. Malt einfach auf je eines der Blätter, was für euch zu diesem Geräusch passt. Eine Form. Ein Bild. Was ihr möchtet. Die Geräusche waren: Wellenrauschen. Vogelgezwitscher. Das Muhen von Kühen. Klassische Orchestermusik. Das Typische Freibad- und Spielplatz-Stimmen-Gewirr. Bei dem Stimmengewirr waren wir uns relativ einig, dass das unangenehm war. Bei allen anderen Geräuschen fiel ich sehr aus dem Rahmen. Das Rauschen war viel, viel zu laut, genauso wie das Muhen. Das Gezwitscher einfach nur grell, so dass ich es kaum aushielt und mir nach wenigen Sekunden die Ohren zuhielt. Auf mein Blatt malte ich orangenfarbene Blitze. Ebenso das Orchester. Au. Ich hielt es nicht aus. Mein Kopf explodierte beinahe. Das war das erste Mal, dass ich in der abschließende Feedbackrunde feststellen musste, dass es mir deutlich schlechter ging als zuvor. Allen anderen ging es wie immer besser oder zumindest nicht schlechter nach dieser eutyhmen (=was der Seele gut tut) Therapie. Zum Abschluss las uns die Therapeutin noch eine kurze Geschichte vor:

 

Der Weg des Weisen

Ein weiser, alter Mann, der eine ungeheure Ruhe ausstrahlte, wurde von einem anderen geplagten Menschen gefragt:

„Wie machst du das, immer so ruhig zu sein?“

„Ganz einfach“, antwortete der Weise, „wenn ich schlafe, schlafe ich, wenn ich aufstehe, stehe ich auf, wenn ich gehe, gehe ich, wenn ich esse, esse ich, wenn ich arbeite, arbeite ich, wenn ich höre, höre ich, wenn ich spreche, spreche ich.“

„Wie, das verstehe ich nicht! Das tue ich doch auch. Trotzdem bin ich so nervös!“, antwortete der andere.

„Nein, du machst es anders: Wenn du schläfst, stehst du schon auf, wenn du aufstehst, gehst du schon, wenn du isst, arbeitest du schon, wenn du hörst, sprichst du schon!“

 

Nach der anstrengenden Stunde brauchte mein Kopf erst einmal Ruhe. Ich ging alleine im Wald spazieren, ganz darauf bedacht, nur zu gehen, und den Wald zu riechen, die Sonne, den Wind zu spüren. Es war zwar schon ein wenig kühler, aber immer noch ausreichend warm, um im T-Shirt und in der kurzen Hose draußen zu sein. Beim Abendessen genossen Johanna, Steffi und ich dann unser tägliches kulinarisches Highlight: Zwieback mit Butter. Man konnte zum Abendessen nicht nur Brot, Semmeln, oder Knäckebrot bestellen, sondern auch Zwieback. Und tatsächlich lieferte der Essenservice täglich ein paar Orginal-Brandt-Zwiebäcke an! Mmmmh. Wie früher daheim. Waren die gut!! Man merkt, unsere Ansprüche ans Essen waren nach zwei Wochen in dieser Klinik sehr weit gesunken… Morgen würden wir uns zur Abschiedsfeier Pizza bestellen!

Nachdem wir unser Zwiebackritual beendet hatten, schnappten wir uns meine Slackline und gingen noch einmal hinaus in den kleinen Park vor dem Klinikeingang. Um acht war wie immer Zapfenstreich, um neun standen wir in der Drogenschlange für die Schlaftabletten, um zehn die Schotten dicht. Morgen war der letzte Tag mit meiner „Gang“. Die vorletzte Nacht mit Johanna im Zimmer. Hoffentlich würde das Bett nicht gleich wieder belegt werden.

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AGT

Johanna war auch für die AGT-Gruppe, also die Achtsamkeits- und Genusstherapiegruppe, angemeldet worden, so ließen wir Steffi um kurz vor drei allein und machten uns auf den Weg. Aus unserer Station war noch eine weitere Mitpatientin, die wie ich wegen Burnout hier war, mit dabei, außerdem zwei aus einer anderen Station sowie drei Patienten der Tagesklinik, die mir alle unbekannt waren.

In einer eintägigen Schulung zur „Stärkung persönlicher Ressourcen“ in der Arbeit vor einem Jahr (damals fand ich das völlig überflüssig, mit Stress hatte ich schließlich ja gar kein Problem…) hatte ich bereits von dieser Achtsamkeit und ihrem Guru, Jon Kabat-Zinn, gehört. Die Kernaussage war in etwa: Mit den Gedanken im Hier und Jetzt bleiben. Sprich: Nicht in der Dusche schon die To-Do-Liste schreiben. Sondern eben einfach nur Duschen und das Duschen bewusst wahrnehmen. Was aber nun der Genuss damit zu tun hatte und wofür man dafür nun fünf eineinhalbstündige Termine ansetzte, war mir ein Rätsel. Es würde sich aber bald lüften.

Die Gruppe wurde gleich von zwei Therapeutinnen geleitet, einer Psychologin und einer Kunsttherapeutin und fand zudem auch nicht in einem der sonst eher kahl eingerichteten Therapieräume, sondern im Aufenthaltsraum der Tagesklinik statt,  der mit gemütlichen Sitzgruppen und Esstischen samt Eckbänken und sogar mit einem Klavier eingerichtet war.

Als wir den Raum betraten, stand bereits ein Stuhlkreis bereit. In dessen Mitte lag eine altmodische Schalenwaage auf dem Boden, sowie zwei Kästchen. In dem einen waren bunte Glassteine, in dem anderen waren ganz normale Kiesel. Die beiden Therapeutinnen wirkten beinahe aufgeregt – das schien wohl ihre Lieblingsgruppe zu sein. Sie erklärten uns kurz den Stundenablauf, der in jeder Stunde gleich sein würde: Nachdem Eröffnungsblitzlicht (jeder Patient sagt kurz, wie es ihm gerade geht) folgt eine kurze Meditation, die helfen sollte, geistig in der Gruppe anzukommen. Danach folgt ein kurzer Theorieteil, anschließend wird einer der fünf Sinne erarbeitet, bevor ein kreativer Teil (deshalb wohl die Kunsttherapeutin), eine kurze, abrundende Geschichte und das Abschlussblitzlicht die Stunde beschließen. Das hörte sich – für eineinhalb Stunden – nach ziemlich viel Programm an. War es dann aber nicht.

Meditation bedeutete in diesem Fall nicht, dass wir uns alle wie Yogis auf den Boden setzten, gemeinsam „Om“-ten und das Universum spürten. In der ersten Stunde begaben wir uns auf eine geführte Phantasiereise ans Meer.

Die Psychologin sammelte uns schließlich wieder an unseren Stränden ein und brachte uns zurück in den Aufenthaltsraum. Diese Therapie ist etwas anders als die, die sie bereits kennen, eröffnete sie. In den anderen Gruppen und Therapien beschäftigen sie sich hauptsächlich mit Ihrer Erkrankung. Wir hier verfolgen einen etwas anderen Ansatz. Sie nahm die Waage, die am Boden gelegen hatte, in die Hand. Sie alle haben ein Problem, dass sie schwer belastet, sonst wären sie nicht hier. Ihre Kollegin hob das Kästchen mit den Kieseln vom Boden auf. Die Therapeutin griff hinein, und streute die grauen Steine auf eine Waagschale. Sie fuhr fort: Diese Kiesel sind grau und belasten die Waage. Genau wie Ihre Probleme Ihre Seelenwaage. Um die Waage wieder ins Gleichgewicht zu bringen, habe ich nun zwei Möglichkeiten. Ich kann die grauen Kiesel wieder herunternehmen – was sie in den ganzen anderen Therapien gerade versuchen – oder ich kann die zweite Waagschale belasten. Und sie ließ die bunten Glassteine aus dem zweiten Kistchen auf die andere Waagschale rollen, bis die Waage wieder ausgeglichen war. Genau das ist der Ansatz, den wir hier befolgen werden. Wir kümmern uns hier darum, es Ihnen wieder zu ermöglichen, die schönen Dinge wahrzunehmen, die um sie herum sind und die sie erleben.“

Wer weiß denn, was Achtsamkeit genau bedeutet?, fragte die Psychologin anschließend in die Runde. Sie leitete den theoretischen Teil. Außer mir hatte nur eine andere Dame, wohl in ihren Fünfzigern, von diesem Begriff gehört, konnte ihn aber nicht erklären. Ich steuerte meine „Definition“ bei. Ja, das war gar nicht so schlecht. Es geht darum, erklärte die Psychologin, im Hier und Jetzt zu sein. Den Moment anzunehmen, die Gegenwart wahrzunehmen. Und zwar mit allen unseren Sinnen, so wie es ist – ohne diese Wahrnehmungen sofort zu bewerten. Und hier kommen unsere Sinne und auch der Genuss ins Spiel. Wer in einer tiefen Depression steckt, und ganz besonders Burnout-Patienten, haben oft Schwierigkeiten, sich etwas Gutes zu tun. Wir wollen den Genuss hier in der Gruppe wieder ganz bewusst üben. Genuss passiert nicht von allein. Auch Genuss braucht Regeln.

In der Gruppe erarbeiteten wir nun die Genussregeln:

  1. Genuss braucht Zeit
  2. Genuss muss erlaubt sein
  3. Genuss geht nicht nebenbei
  4. Weniger ist mehr
  5. Wissen, was einem gut tut
  6. Ohne Erfahrung kein Genuss
  7. Genuss ist alltäglich

Wir diskutierten diese Regeln noch ein wenig. Besonders zum letzten Punkt – Genuss ist alltäglich – schieden sich die Geister. Wenn Genuss alltäglich war, war es doch kein Genuss mehr? Das schon – siehe den Punkt 4 „Weniger ist mehr! – wer aber immer auf besondere Gelegenheiten wartet um zu genießen, vielleicht sogar alles Genießen auf die eine Woche Jahresurlaub aufspart, der hat bis zu seinem Urlaub das Genießen wahrscheinlich gänzlich verlernt, oder aber er ist bereits so geschwächt, dass er keine Kraft mehr hat, zu genießen.

Wir schlossen die Genussregeln ab und die Kunsttherapeutin übernahm die Leitung der Gruppe. Mit echter Begeisterung in der Stimme führte sie uns zu dem kleinen Tischchen, das neben dem Stuhlkreis aufgebaut war. Bisher war es mit einer Decke abgedeckt gewesen. Jetzt üben wir das Genießen, sagte sie, wir beginnen mit dem Geruchsinn, und nahm die Decke vom Tisch.

Rosmarinzweige, verschiedene Duschgels und Deos, offener Tee, Spülmittel, Tannenzweige, Johannisbeerzweige, Kaffeebohnen, Erkältungsbalsam, und viel mehr verteilte sich an dem Tisch. Die Therapeutin forderte uns auf, an den Dingen bewusst zu riechen – ganz gleich, ob wir den Geruch kannten, oder mochten, oder nicht mochten. Ganz achtsam. Und in Ruhe. Die Gegenstände wanderten reihum. Hin und wieder war ein „Hmm“ oder ein „Iiih“ zu hören, aber sonst bemühten wir uns sehr, achtsam zu riechen. Mir hing besonders der offene Tee in der Nase. In dem Moment, in dem ich den Geruch wahrnahm, wurde es mir warm ums Herz, ein Gefühl der Geborgenheit machte sich breit. Ich bemerkte es und war völlig fasziniert davon. Es war Früchtetee. So wie ihr ihn früher immer zu Hause hatten. Im Winter hatte meine Mutter oft den Tee für uns gekocht. Er roch ganz genauso. Allein der Geruch weckte Erinnerungen und löste damit ein positives Gefühl in mir aus. Da fiel mir eine ganz ähnliche Szene aus dem Juli wieder ein. An einem eher schlechten Tag hatte ich ein altes Fotoalbum aufgeschlagen. Und alleine diese Bilder, diese Erinnerungen an glückliche Tage hinterließen in mir einen Optimismus und eine Zuversicht, die für Stunden anhielt. Das waren meine bunten Glassteine. Alleine das Riechen am Tee half meiner Seelenwaage, wieder etwas ins Gleichgewicht zu finden.

Im Anschluss an die Riech-Runde sollte sich jeder das Ding nehmen, das ihm am besten gefiel. Wir stritten uns überraschenderweise gar nicht, jeden berührte etwas anderes – den einen das Duschgel, weil es roch wie das seiner Frau, eine den Thymianzweig, weil sie so gerne kochte. Einzig das Erkältungsbalsam hatten gleich zwei Patienten für sich beansprucht: Das riecht wie damals, wenn mir Mama die Brust und den Rücken damit eingecremt hat, war jeweils die Begründung der beiden. Wie bei mir: Geborgenheit. Die stand offensichtlich hoch im Kurs.

Wir erhielten auch eine kleine Hausaufgabe: In den nächsten zwei Tagen alles zu notieren, was wir gerne riechen. Unter anderem waren es bei mir: frisch gemähtes Gras. Wald. Chai-Tee. Sonnencreme. Oder auch eine erhitzte Tartanbahn.

Was riecht ihr gerne? Wisst ihr das?

Endlich frei!

Die nächsten Tage genoss ich so richtig: Die Krankschreibung hatte mir eine Riesenlast von den Schultern genommen. Die nächsten vier Wochen musste ich nicht arbeiten, mein Blackberry war ausgeschalten und auch mein privates Handy lag in der Ecke. Ich wollte für nichts und niemanden erreichbar sein. Ich wollte einfach nur allein sein und zum ersten Mal seit langer Zeit den ganzen Tag einfach nur das tun, worauf ich gerade Lust hatte.

Ich ging schwimmen, las mehrere Bücher, lag auch manchmal einfach nur im Englischen Garten und schaute, wie die Zweige der Bäume im Wind wogten oder unternahm lange Spaziergänge an der Isar. Ich ging zum ersten Mal in meinem Leben allein abends essen, ich radelte durch Schwabing und sog alles in mich auf. Es war herrlich. Ich fühlte mich so frei wie schon lange nicht mehr. Und ich schlief so viel wie schon lange nicht mehr. Ich ging um zehn ins Bett, wachte erst am späten Vormittag auf und machte in der Regel nachmittags noch ein mehrstündiges Schläfchen.

Am Samstag war ich mit ein paar Freunden zum Baden verabredet. Obwohl ich es eigentlich genoss, in der Sonne am See zu liegen und zu quatschen, merkte ich, wie mich das Gespräch in der Runde langsam anstrengte. Ich war abends dann sehr froh, wieder zu Hause sein.

Am nächsten Tag – wegen der Hitze in meiner Münchner Dachgeschosswohnung war ich bei meinen Eltern – war ich richtig übellaunig. Es war zu heiß. Ich konnte mich zu nichts aufraffen. Ich lag beinahe den ganzen Tag im Keller auf einer Matratze – der einzige Ort, der mir kühl genug war – und schnauzte alles und jeden an, der es wagte, mit mir zu sprechen. Selbst die Katze. Einfach so. Es war nicht das Geringste passiert. Aber ich konnte nicht anders.

Abends traf ich mich mit einer guten Freundin. Plötzlich war die Welt wieder in Ordnung. Danach fuhr ich sogar noch ins Freibad und ging ein paar Runden schwimmen, bevor ich dann in der Hängematte auf dem Balkon meiner Eltern bei einem guten Glas Luganer den Sonnenuntergang genoss.