MBSR-Kurs, Tag 1

Achtsam mit Rosinen und dem eigenen Körper umgehen – und ganz schön viele Hausaufgaben!

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Rosinen! Bäh!

Entweder man liebt Rosinen oder man hasst sie. Ich hasse sie. Aber gut, das hilft mir gerade auch nichts – erwartet doch die Kursleiterin, dass ich mich trotzdem, achtsam, diesen drei Rosinen da vor mir nähere. Einer nach der anderen.

Ich soll die erste ganz genau betrachten. Minutenlang. Wie ein kleines glänzendes Gehirn sieht sie aus. Eigentlich ganz hübsch. Dann daran riechen. Ich schnuppere, drehe und wende sie. Nach viel riecht sie nicht. Danach soll ich tatsächlich dran hören. Als ob eine Rosine sänge… sie singt nicht, nein. Aber sie verändert den Luftzug zu meinem Ohr und damit irgendwie auch ein bisschen meine Wahrnehmung. Rechts mehr wie links. Schließlich soll ich sie natürlich doch in den Mund nehmen. Also, ich darf – aber wenn ich mich meiner Selbstfürsorge entsprechend dafür entscheide, sie nicht zu essen, ist das auch okay. Aber wer immer tut was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist, also nehme ich die Rosine in den Mund. Besser: ich lege sie einfach auf meine Zunge. Ich schmecke gar nicht so viel. Vor allen Dingen ist sie nicht so süß wie erwartet. Dann ertaste ich sie mit der Zunge: die kleinen Rosinen-Hirnwindungen fühlen sich witzig an. Schließlich breitet sich langsam ein Geschmack in meinem Mund aus. Es schmeckt schon nach Rosine, aber nur ganz sanft – nicht so aufdringlich pappsüß, wie sonst alles. Eigentlich ganz gut denke ich, als ich sie schlucke.

Die zweite esse ich ein wenig schneller. Auch okay. Die dritte so wie immer. Bäh! Rosinen schmecken einfach nicht!

Das war, kurz gefasst, eine der zentralen Übungen der ersten Kursstunde. Nach einem Kennenlernen durfte wir uns eben mit „Anfängergeist“ an unseren drei Rosinen versuchen. Ich war überrascht, wie viel Neues ich an diesen Rosinen, an etwas, was ich schon hunderttausende Male in der Hand und im Mund gehabt hatte, entdeckte. Verrückt.

So, wie wir die Rosine neu entdeckt hatten, lud uns die Kursleiterin dann ein, unseren Körper neu zu entdecken. Auf dem Rücken liegend oder sitzend, in bequemer Kleidung, führte sie uns durch einen Body-Scan. Auf ihre Anleitung hin wanderten wir dann vierzig Minuten mit unserer Aufmerksamkeit durch den eigenen Körper: Wie liegt die Ferse auf? Was spüre ich in den Zehenspitzen? Kälte? Wärme? Feuchtigkeit? Einen Bewegungsimpuls? Schmerz? Nichts? Wie geht es meinem Knie gerade? Was spüre ich dort? Ziel dieser Übung ist es, den eigenen Körper, der uns Tag für Tag durch unser Leben trägt und meistens nur beachtet wird, wenn er nicht mehr richtig funktioniert, wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken – sich selbst wieder besser zu spüren. Und, Ziel zwei – es zu üben, auch unangenehme Situationen auszuhalten: Den verspannten Nacken zu spüren, ohne etwas dagegen zu tun. Oder den Bewegungsimpuls, und wenn er noch so groß ist, vorübergehen zu lassen.

Zugegeben, die Rosinen haben bei mir besser funktioniert. Ich bin beim Body-Scan immer wieder weggedöst und konnte mich kaum konzentrieren. Aber dafür habe ich eine Woche Zeit zum Üben. Da der MBSR-Kurs mir vor allem im Alltag helfen soll, muss ich die Achtsamkeit – logisch – auch in meinen Alltag integrieren. Diese Woche: täglich einen Body-Scan und achtsam essen.

Caminando.

Caminando, gehend. Ein schönes Wort, das im Klang schon genau das ausdrückt, was es meint: rundes, gemächliches, ankommendes Gehen.

Gehen. Allein vor mich hin. Die Gedanken fliegen. Weit, viel weiter als meine Beine mich tragen. In die Vergangenheit, bis in die Zukunft sogar.

300 Kilometer bin ich gelaufen, immer in Richtung Santiago. Meistens ruhig, immer Schritt für Schritt. Das Gehen weiter Strecken zwingt einem eine ungewohnte Langsamkeit auf. Wie lange würde man mit dem Auto für 300 Kilometer benötigen? Gehend, caminando, habe ich dreizehn Tage eingeplant.

Und mittendrin erstaunt es mich trotzdem, wie schnell ich vorankomme. Wie weit ich gehend komme. Wie weit ich alles, was ich benötige, tragen kann. Das ist ein schönes, erhebendes Gefühl. Ich bin frei und unabhängig, alles was ich brauche, habe ich bei mir, alles, was ich benötige, kann ich tragen. Der anfangs so schwere Rucksack trägt sich irgendwann leicht – wie ein großer bear hug, eine große, innige Umarmung.

Auch wenn ich ruhig ging und gerne lange Teile der Strecke allein zurücklegte, sogar den ein oder anderen Rosenkranz betete – meditativ war mein Weg nicht. Nie versetzte mich das rhythmische Gehen in einen Zustand, den ich so bezeichnet hätte. Der Weg war dafür vermutlich nicht gleichförmig genug. Und ich war viel zu sehr damit beschäftigt, meine Umgebung wahrzunehmen, kleine, fremdartige, wunderbare Dinge zu entdecken, als dass ich in irgendeinen meditativen Zustand versunken wäre. Und wenn der Weg tatsächlich mal gerade war und im Nebel lag, so dass es weder auf dem Weg noch drumherum etwas anzusehen gab, jonglierte ich mit Pinienzapfen. Oder besser, ich versuchte es.

Der Jakobsweg, das Gehen, war eine besondere Erfahrung, voll von besonderen Momenten und besonderen Menschen. Und wenn ich tatsächlich mal mit mir allein war und es nichts zu entdecken gab, genoss ich es, meine Gedanken fliegen zu lassen. Ich malte mir aus, wie ich mein Fotobuch gestalten konnte. Ich stelle mir vor, wie mein Vater dies alles wohl finden würde. Ich träumte von der Zukunft und erlebte Altes neu.

Aber das verändernde, das viele Bücher, von Paulo Coelho bis Hape Kerkeling, beschreiben, erlebte ich nicht. Der Jakobsweg war eine einzigartige Erfahrung. Das lange Gehen hat unglaublich gut getan. Dessen Langsamkeit hat mir ganz neue Perspektiven ermöglicht, eine ganze andere Art des Eintauchens in ein fremdes Land. Aber verändert hat er mich nicht.

Vielleicht, weil ich gar keine Veränderung gesucht habe, sondern etwas zu Ende bringen und ein Versprechen einlösen wollte.

El camino te da vida, der Weg gibt dir Leben, predigte der Pfarrer nach den vollbrachten 300 Kilometern schließlich in der vollen Kathedrale von Santiago im Pilgergottesdienst. Mein Versprechen, mein Vollenden, bedeutet für mich nichts anderes als Leben. Drei Jahre zuvor hätten innehalten oder Veränderung für mich Leben bedeutet.

Der Weg gibt dir Leben, ganz bestimmt. Aber der Weg, denke ich, gibt dir vor allen Dingen, was du suchst.