Caminando.

Caminando, gehend. Ein schönes Wort, das im Klang schon genau das ausdrückt, was es meint: rundes, gemächliches, ankommendes Gehen.

Gehen. Allein vor mich hin. Die Gedanken fliegen. Weit, viel weiter als meine Beine mich tragen. In die Vergangenheit, bis in die Zukunft sogar.

300 Kilometer bin ich gelaufen, immer in Richtung Santiago. Meistens ruhig, immer Schritt für Schritt. Das Gehen weiter Strecken zwingt einem eine ungewohnte Langsamkeit auf. Wie lange würde man mit dem Auto für 300 Kilometer benötigen? Gehend, caminando, habe ich dreizehn Tage eingeplant.

Und mittendrin erstaunt es mich trotzdem, wie schnell ich vorankomme. Wie weit ich gehend komme. Wie weit ich alles, was ich benötige, tragen kann. Das ist ein schönes, erhebendes Gefühl. Ich bin frei und unabhängig, alles was ich brauche, habe ich bei mir, alles, was ich benötige, kann ich tragen. Der anfangs so schwere Rucksack trägt sich irgendwann leicht – wie ein großer bear hug, eine große, innige Umarmung.

Auch wenn ich ruhig ging und gerne lange Teile der Strecke allein zurücklegte, sogar den ein oder anderen Rosenkranz betete – meditativ war mein Weg nicht. Nie versetzte mich das rhythmische Gehen in einen Zustand, den ich so bezeichnet hätte. Der Weg war dafür vermutlich nicht gleichförmig genug. Und ich war viel zu sehr damit beschäftigt, meine Umgebung wahrzunehmen, kleine, fremdartige, wunderbare Dinge zu entdecken, als dass ich in irgendeinen meditativen Zustand versunken wäre. Und wenn der Weg tatsächlich mal gerade war und im Nebel lag, so dass es weder auf dem Weg noch drumherum etwas anzusehen gab, jonglierte ich mit Pinienzapfen. Oder besser, ich versuchte es.

Der Jakobsweg, das Gehen, war eine besondere Erfahrung, voll von besonderen Momenten und besonderen Menschen. Und wenn ich tatsächlich mal mit mir allein war und es nichts zu entdecken gab, genoss ich es, meine Gedanken fliegen zu lassen. Ich malte mir aus, wie ich mein Fotobuch gestalten konnte. Ich stelle mir vor, wie mein Vater dies alles wohl finden würde. Ich träumte von der Zukunft und erlebte Altes neu.

Aber das verändernde, das viele Bücher, von Paulo Coelho bis Hape Kerkeling, beschreiben, erlebte ich nicht. Der Jakobsweg war eine einzigartige Erfahrung. Das lange Gehen hat unglaublich gut getan. Dessen Langsamkeit hat mir ganz neue Perspektiven ermöglicht, eine ganze andere Art des Eintauchens in ein fremdes Land. Aber verändert hat er mich nicht.

Vielleicht, weil ich gar keine Veränderung gesucht habe, sondern etwas zu Ende bringen und ein Versprechen einlösen wollte.

El camino te da vida, der Weg gibt dir Leben, predigte der Pfarrer nach den vollbrachten 300 Kilometern schließlich in der vollen Kathedrale von Santiago im Pilgergottesdienst. Mein Versprechen, mein Vollenden, bedeutet für mich nichts anderes als Leben. Drei Jahre zuvor hätten innehalten oder Veränderung für mich Leben bedeutet.

Der Weg gibt dir Leben, ganz bestimmt. Aber der Weg, denke ich, gibt dir vor allen Dingen, was du suchst.

„Glücklich?“

Letzten Sommer, auf dem Heimweg von Rio, irgendwo über dem Pazifik zwischen „Chicken or Pasta“ und Tomatensaft, rannen mir plötzlich Tränen über mein Gesicht. Ich konnte es immer noch nicht fassen. Ich hatte es geschafft. Ich war nicht nur wieder da, sondern ich hatte sogar das, was noch vor wenigen Monaten beinahe unmöglich erschien, möglich gemacht.

„Alles in Ordnung?“, fragte mein Nachbar etwas besorgt. „Ja, doch“, antwortete ich, und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. „Du kannst dir nicht vorstellen, was diese zwei Wochen in Rio für mich bedeuten. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so glücklich gewesen zu sein.“

„So richtig glücklich?“, flüsterte mein Nachbar fast. „Diese Hoffnung habe ich eigentlich schon aufgegeben.“

 

Dieser Satz brauchte sehr lange, um bei mir wirklich anzukommen. Ich kannte dieses Gefühl nur zu gut. Erwachsensein bedeutet meistens, vor lauter Pflichten, Erwartungen und Rechnungen gar keine Zeit mehr zu haben, glücklich zu sein.

Aber was, wenn ich mir die Zeit einfach nehme?

Wenn ich ganz dreist mein Handy eine halbe Stunde lang ausschalte und stattdessen das Blau des Himmels über mir bewundere? Wenn ich ganz dreist eine von den vielen sozialen Verabredungen sausen lasse und stattdessen ins Yoga gehe? Oder in die Kirche? Oder einfach alleine im Wald spazieren? Wenn ich ganz dreist einfach mal kurz, inmitten des ganzen alltäglichen Trubels, die Augen schließe und dreimal tief durchatme?

Glück ist kein Ziel, das wir am Ende unserer bucket list oder mit einer bezahlten Rechnung erreichen. Glück ist der Weg.

„Es kommt mir mehr und mehr so vor, als wäre die Vergangenheit ein noch viel ungesicherterer, weniger verbürgter Ort als die Zukunft. Das, was hinter mir liegt, soll das Gesicherte sein, das Abgeschlossene, das Gewesene, das nur darauf wartet, erzählt zu werden, und das vor mir soll die sogenannte zu gestaltende Zukunft sein?

Was, wenn ich auch meine Vergangenheit gestalten muss? Was, wenn nur aus einer durchdrungenen, gestalteten Vergangenheit so etwas wie eine offene Zukunft entstehen kann? Es ist ein bedrückender Gedanke, aber hin und wieder kommt mir das Leben, das noch vor mir liegt, wie eine für mich maßgeschneiderte, unumgänglich zu absolvierende Wegstrecke vor, eine Linie, auf der ich vorsichtig bis zum Ende balancieren werde.

Ja, daran glaube ich: Erst, wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnerungspäckchen wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremde, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden habe, erst dann werde ich Entscheidungen treffen können, wird die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wird sich die Linie zu einer Fläche weiten.“

Joachim Meyerhoff, Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war, S. 348

Die Macht der Gedanken

Montagmorgen war ich wie immer todmüde. Die erste Nacht in der Klinik schlief ich, trotz der Tabletten, sehr schlecht. Ich schlief spät ein, wachte oft auf. Ruth, die meistens schon um sechs das Zimmer verließ um zu Rauchen (in der Raucherecke im Innenhof, verbrachte sie auch beinahe den ganzen Tag), hörte ich nie. Sie war unglaublich leise und nahm große Rücksicht auf mich und Johanna, die wir beide immer noch schliefen. Uns weckte dann – wenig sanft – die Schwester bzw. der Pfleger, der mir um halb acht meine Thyroxintabletten ans Bett brachte. Ich bekam die Augen kaum auf. Aber es half nichts, um acht Uhr gab es Frühstück, bis viertel vor neun, und in dieser Zeit mussten wir außerdem zum Blutdruckmessen und Wiegen, sowie unsere Tabletten und Therapiepläne im Stationszimmer abholen. Das Frühstück auszulassen war keine Option, schließlich war das wenigstens essbar. Nachdem Frühstück – nun seit zwei Wochen das exakt gleiche – ging ich zum Morgensport, da wachte man zumindest halbwegs auf.

Um viertel nach elf stand  Walken auf dem Programm. Steffi, Johanna und ich machten in der Regel Intervalltraining. Eine der beiden Trainerinnen lief mit uns die Strecke, die die anderen gingen. Mittlerweile lief ich die Strecke im Intervall total locker. Meine Hüftschmerzen waren in der vergangenen Woche komplett zurückgegangen. Im letzten Teilstück das wir gingen, ging ich zufällig neben der Trainerin her. Wir unterhielten uns, und sie fragte mich, ob meine Hüftschmerzen hier denn nun besser geworden waren. Ich hatte ihr vergangene Woche bereits erzählt, dass das lediglich eine extrem Verspannung des Hüftbeugers war, die immer schlimmer wurde, je schlechter es mir ging beziehungsweise je mehr Stress ich hatte. Dann, plötzlich, fragte sie mich: Man soll das ja nicht alles überbewerten und zu sehr esoterisch sein – aber gab es denn etwas, im übertragenen Sinne, wo Sie keinen Schritt weiter gehen wollten?

Ich stockte. Daran hatte ich noch nie gedacht. Aber Ja. Den Punkt gab es. Zum etwa gleichen Zeitpunkt sowohl in der Arbeit als auch privat. Krass. Sollte es wirklich möglich sein? Da fiel mir meine Logopädin wieder ein. Ich hatte ihr Anfang Juli auch von meiner Krankschreibung erzählt. Sie meinte nur, dass sie das häufig erlebe. Diese Schwierigkeiten mit der Stimme, gerade Kehlkopfentzündungen, würden oft bei Burnout-Patienten auftreten. Wenn man das Gefühl hat, nicht mehr gehört zu werden, nichts mehr zu sagen zu haben, versage oft die Stimme tatsächlich.

Sollte es wirklich möglich sein?

In der ersten Yoga-Stunde hier in der Psychiatrie hatte die Yogalehrerin  eine beeindruckende, etwa 70-jährige Frau mit schulterlangen, grauen Haaren, die immer noch extrem fit war – einfache Einführungsübungen mit uns gemacht. Wir sollten uns hinlegen, oder hinsetzen – es waren drei, vier solcher Übungen – und uns mit aller Kraft auf den linken Fuß, den rechten Daumen, etc. konzentrieren. Und tatsächlich: Ich spürte eine Veränderung. Der Fuß wurde wärmer und schwerer, wenn ich mich darauf konzentrierte, wie schwer mein Fuß auf der Matte lag. Mein Finger fing an zu bitzeln, wenn ich meine ganze Energie dorthin schickte.

Kann es wirklich sein, dass wir die Macht der Gedanken gnadenlos unterschätzen? Vom Unterbewusstsein gar nicht erst zu reden?

Pippi Langstrumpf macht Pause

Ich sitze auf einer alten Holzbank in der Sonne und sinniere vor mich hin. Es geht mir gerade gut. Und ich habe hier viel Zeit zum Nachdenken. Ich bin 27. Jung, würden die meisten wohl sagen. Und trotzdem fühle ich mich gerade uralt.

Ich habe in den letzten Jahren mehr von der Welt gesehen, als ich es mir noch vor zehn Jahren nie hätte träumen lassen. Ich habe ein halbes Jahr am anderen Ende der Welt gelebt und in der Magellanstraße Pinguine beobachtet. Ich bin weit gereist, alleine, auf mich gestellt. Ich habe Menschen kennen gelernt, von allen Ecken und Enden der Welt, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ich habe Olympische Spiele miterlebt. Das Blitzlichtgewitter auf roten Teppichen war ein selbstverständlicher Teil meiner Arbeit gewesen. Ich habe gelacht, gefeiert, geliebt, geweint, getrauert, gekämpft. Ich habe gelebt; das Leben, mein Leben, geliebt. In den letzten Wochen nun habe ich Tiefen entdeckt, von denen ich nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt. Dass es sie in mir gibt.

Ich war lange Zeit meine eigene Pippi Langstrumpf. Unaufhaltsam bin ich durch die Welt gezogen, frei, glücklich, wunderbar. Ich habe mir mit 27 Jahren die meisten Träume, die ich als Kind hatte, erfüllt. Ich habe mehr erlebt, mehr gesehen und mehr gelernt, als ich mir das je erträumt habe. Ich komme mir wirklich vor, als wäre ich bereits uralt. Was soll da noch kommen?

Und dann, keinen Augenblick später, fühle ich mich wieder wie nach dem Abi. Ich stehe an einer Weggabelung. Mir stehen vielleicht sogar noch mehr Türen offen als vor knapp zehn Jahren. Die Entscheidung ist leider nicht einfacher geworden. Mittlerweile habe ich gelernt, dass es nicht nur den einen richtigen Weg gibt. Das Umwege manchmal die schöneren, besseren Wege sind. Aber nach wie vor stellt sich die gleiche Frage: Welcher Weg ist richtig? Welche Umwege lohnt es zu gehen?

Wenn das Leben Monopoly wäre, stünde ich nun wieder auf „Los“. Begeben Sie sich direkt dorthin. Ziehen Sie nicht 2000,- DM ein. Ob mir das nun passt oder nicht.