Kopf gegen Berg

Am Montag brach ich sehr früh, um sechs Uhr morgens, auf. Ich wollte in die Berge. Während meines Studiums lebte ich drei Jahre in Tirol. Seitdem habe ich ein regelrechtes Bergweh entwickelt. Ich freute mich auf meinen kleinen Ausflug. Sich einfach nur auf den Weg, sich selbst und den Berg zu konzentrieren und den Kopf zu Hause zu lassen, erschien mir als sehr gute Idee.

Ich entschied mich, zur Tegernseer Hütte hochzulaufen. Da war ich im vorigen Jahr bereits gewesen, die kleine Tour war entspannt, sportlich keine große Herausforderung und vor allem wunderschön. Ich genoss den Aufstieg. Den morgendlichen Waldduft. Sah zu, wie sich die Wolken langsam verzogen und die Berge ringsum wieder aus ihrem Nebelgewand auftauchten. In gut zweieinhalb Stunden war ich oben, eine gute Zeit. Vor mir lag der Tegernsee, die Hütte thronte zwischen Buch- und Roßstein wie ein Adlerhorst, hinter ihr das Bergpanorama, unter einem strahlend blauen Himmel. Traumhaft!

Aber das Gefühl, von dem ich wusste, dass es ein solcher Anblick eigentlich in mir auslösen müsste – eine Mischung aus purer Lebensfreude und Glück – wollte sich bei mir nicht einstellen. Ich setzte mich hin, blickte lange hinein in die Bergwelt und hinunter auf den See, und ich versuchte, mich selbst von der Schönheit des Augenblicks zu überzeugen. Aber nichts. Ich wusste, dass vor mir ein wunderschönes Bergpanorama lag, so wie man irgendwann eine mathematische Formel versteht. Aber das war es dann auch. Die Glücksgefühle eines Gipfelstürmers blieben aus, dafür wurde ich unruhig. Enttäuscht trank ich meine Apfelschorle aus und stieg wieder ab.

Bereits nach wenigen Metern spürte ich meine Oberschenkel. Ich musste höllisch auf den Weg aufpassen, da der Steig nicht gerade eben war. Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mir Wanderstöcke. War ich mit 27 schon alt genug dafür? Nach einer Stunde Abstieg war ich bereits ziemlich erschöpft, hatte aber noch zwei Drittel des Weges vor mir. Die Sonne brannte auf mich herunter und der Waldrand war noch ein gutes Stück entfernt. Ich trank ein paar Schlucke und ging weiter. Wenn ich den Wald und damit den Schatten erreicht hatte, wollte ich eine lange Pause machen. Dort aß ich dann auf einem großen, flachen Felsen den Rest meiner Brotzeit und trank die zweite Wasserflasche aus. Der Weg nach unten war nicht mehr lang, eine halbe Stunde vielleicht, und der Steig führte durch den Wald, war also schön schattig. Ich würde gleich unten sein.

Pustekuchen. Meine Oberschenkel schmerzten und ich merkte, dass meine Beine immer unzuverlässiger wurden. Ich musste meine Schritte sauber setzen und mich stark auf den Weg konzentrieren. Ich knickte mit dem linken Fuß um, da ich auf eine Wurzel trat, die ich eigentlich hätte sehen müssen. „Konzentrier dich auf den Weg, Sophie!“, scholt ich mich selbst. Aber ich hatte keine Chance gegen meinen Kopf. Er wollte nicht mehr. Ich konnte mich keine drei Schritte am Stück auf den Weg konzentrieren. Immer wieder knickte ich um. Meine Fußgelenke begannen zu schmerzen. Die Oberschenkel brannten. Ich hatte Hunger, aber kein Essen mehr. Ich hatte Durst, aber kein Wasser mehr. Ich war mit den Nerven am Ende. Am liebsten wäre ich einfach an Ort und Stelle liegen geblieben und hätte geheult. Aber das würde ja nichts helfen. Ich musste diesen verdammten Berg wieder herunterkommen. Im Auto war noch Wasser. Und dann würde ich in ein Seebad fahren und Essen kaufen. Ich konnte an nichts anderes mehr Denken. Trinken. Essen. Schlafen. Und fiel über die nächste Wurzel.

Irgendwie schaffte ich es die restlichen Meter den Berg herunter. Ich hatte beinahe vier Stunden für den Abstieg gebraucht. Eineinhalb Stunden mehr als für den Aufstieg. Woher ich die Energie nahm, noch mit  dem Auto zurück zum Tegernsee zu fahren, weiß ich nicht. Ich war nur noch getrieben von der untersten Schicht der Maslowschen Bedürfnispyramide. Trinken. Essen. Schlafen. In einem kleinen, ruhigen Seebad angekommen kaufte ich mir Wiener mit Brot, verschlang sie innerhalb von Minuten und schlief auf der Liegewiese ein.

Erst zwei Stunden später wachte ich wieder auf. Zurück am Auto bemerkte ich einen Strafzettel. Ich hatte vergessen, einen Parkschein zu ziehen.

Tags darauf war ich bei meiner Ärztin. Ich hatte Eisen- und Vitamin-D-Mangel. Sonst war ich offiziell topfit.

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Endlich frei!

Die nächsten Tage genoss ich so richtig: Die Krankschreibung hatte mir eine Riesenlast von den Schultern genommen. Die nächsten vier Wochen musste ich nicht arbeiten, mein Blackberry war ausgeschalten und auch mein privates Handy lag in der Ecke. Ich wollte für nichts und niemanden erreichbar sein. Ich wollte einfach nur allein sein und zum ersten Mal seit langer Zeit den ganzen Tag einfach nur das tun, worauf ich gerade Lust hatte.

Ich ging schwimmen, las mehrere Bücher, lag auch manchmal einfach nur im Englischen Garten und schaute, wie die Zweige der Bäume im Wind wogten oder unternahm lange Spaziergänge an der Isar. Ich ging zum ersten Mal in meinem Leben allein abends essen, ich radelte durch Schwabing und sog alles in mich auf. Es war herrlich. Ich fühlte mich so frei wie schon lange nicht mehr. Und ich schlief so viel wie schon lange nicht mehr. Ich ging um zehn ins Bett, wachte erst am späten Vormittag auf und machte in der Regel nachmittags noch ein mehrstündiges Schläfchen.

Am Samstag war ich mit ein paar Freunden zum Baden verabredet. Obwohl ich es eigentlich genoss, in der Sonne am See zu liegen und zu quatschen, merkte ich, wie mich das Gespräch in der Runde langsam anstrengte. Ich war abends dann sehr froh, wieder zu Hause sein.

Am nächsten Tag – wegen der Hitze in meiner Münchner Dachgeschosswohnung war ich bei meinen Eltern – war ich richtig übellaunig. Es war zu heiß. Ich konnte mich zu nichts aufraffen. Ich lag beinahe den ganzen Tag im Keller auf einer Matratze – der einzige Ort, der mir kühl genug war – und schnauzte alles und jeden an, der es wagte, mit mir zu sprechen. Selbst die Katze. Einfach so. Es war nicht das Geringste passiert. Aber ich konnte nicht anders.

Abends traf ich mich mit einer guten Freundin. Plötzlich war die Welt wieder in Ordnung. Danach fuhr ich sogar noch ins Freibad und ging ein paar Runden schwimmen, bevor ich dann in der Hängematte auf dem Balkon meiner Eltern bei einem guten Glas Luganer den Sonnenuntergang genoss.

Stunde Null

Ich bin 27, in einem anderen Leben PR-Managerin und nun seit sechs Wochen wegen Burn-Out krankgeschrieben. Der Tag an dem ich krankgeschrieben wurde ist seither meine eigene Stunde Null. Lange, sehr lange, habe ich gekämpft. Um mein Leben, meinen Job, meine Beziehung, mich selbst. So lange, bis ich selbst nicht mehr da war und es zur dauerhaften Krankschreibung einfach keine Alternative mehr gab. Noch vor einem halben Jahr attestierte ich einer Bekannten, die mit chronischen Symptomen monatelang krankgeschrieben war, insgeheim Schwäche. Oh, wie schäme ich mich heute dafür.

Ich will hier nicht schreiben, aus welchen Gründen ich in eine Erschöpfungsdepression samt Panikattacken und Angstzuständen gerutscht bin. Das wäre zum einen eine sehr langwierige, komplizierte – manchmal absurde – aber immer traurige Geschichte. Selbst wenn ich nur diese Zeilen tippe, und in meinem Kopf einige Bilder ablaufen und sich mir aufdrängen, merke ich, wie meine Stimmung zunehmend schlechter wird. Enttäuschung, und vor allem tiefe Traurigkeit will sich langsam einstellen. Ich muss mit aller Macht dagegen ankämpfen.

Ich beginne trotzdem kurz vor meiner Stunde Null.

Nicht einmal ein Kreislaufzusammenbruch im Büro war mir Warnung genug. Von all den vorangegangen Anzeichen abgesehen. Teils, weil ich selbst endlich realisiert habe, wie sehr ich mich bereits von mir selbst entfernt hatte, teils um meinen Freund und meine Eltern zufrieden zu stellen, wandte ich mich an das Burn-Out Zentrum München mit dem mein Arbeitgeber kooperiert. Der nächste Termin: In zwei Wochen. Zwei unendlich lange Wochen. In denen meine Beziehung final zerbrach – eine Last weniger, erkannte mein derangiertes Ich lediglich – und in denen ich noch um einige Stufen tiefer rutschte. Auf dem Weg in die Arbeit wünschte ich mir, andere Radfahrer mögen mich umfahren, so dass ich verletzt für einen mehrwöchigen Aufenthalt im Krankenhaus landete. Ich ging Blutspenden, in der Hoffnung, dass ich dabei umkippen würde. Ich fühlte mich mir selbst so fremd, so leer, völlig ohne jede Emotion, so dermaßen verschwunden und verloren, dass ich plötzlich nachvollziehen konnte, warum sich jemand ritzt. Dann würde ich immerhin den Schmerz spüren.

Die Psychologin erklärte mir nach einem langen Gespräch ziemlich deutlich, an was ich leide. Diese Erkenntnis, die Diagnose Burn-Out, schwamm schon lang durch mein Gehirn. Lange, zu lange, wollte ich es nicht wahrhaben. Ich hatte doch immer alles mit links geschafft. Ich war doch stark. In dem Augenblick, in dem mir die Psychologin erklärte, dass sie nicht damit rechne, dass ich in diesem Kalenderjahr nochmal arbeiten würde – also ein ganzes halbes Jahr – habe ich das zwar wahrgenommen, aber nicht realisiert. Ich war zu erschöpft dazu. Ich wollte einfach nur schlafen.

Dieser Termin war an einem Freitag. Der Termin bei der Allgemeinärztin, die mir im BOZM empfohlen wurde, da sie mich nicht selbst krankschreiben konnten, war erst am darauffolgenden Dienstag. Am Montag hatte ich einen entspannten Termin außer Haus mit netten Kollegen, den ich gerne noch wahrnehmen wollte. Am Dienstag, dem 30. Juni, der Termin war erst mittags, plante ich insgeheim meine Übergabe. Doch soweit kam ich nicht mehr. Es war eigentlich ein normaler Tag, doch für mich war es die Hölle. Zwei Meetings überstand ich nur, indem ich mich mit aller Macht aufs „Aus-dem-Fenster-starren“ konzentrierte – und darauf, mir jede Äußerung zu verkneifen. Bloß nichts sagen – etwas Positives würde es nicht sein. „Reiß‘ dich zusammen, diesen Vormittag hältst du jetzt auch noch durch“ redete ich mir selbst zu.

Aber schließlich war ich nicht einmal mehr in der Lage, meinem Chef in die Augen zu sehen. Als er mich direkt ansprach, brach ich heulend, im 30-Mann-Großraumbüro, an meinem Schreibtisch zusammen. Der Chef fragte, ob er mir helfen könnte und bot schließlich an, alles weitere, was zu besprechen war, auf den nächsten Tag zu verschieben. Mehr als „ich mache die Reisekostenabrechnung noch fertig und gehe dann nach Hause“ brachte ich nicht mehr hervor. Ich war völlig am Ende.

Die Ärztin schrieb mich zwei Stunden später für vier Wochen krank. Diagnose Erschöpfungszustand.