Welcome back, Panik!

Am Montagnachmittag war ich noch im Entspannungsyoga gewesen, das tat mir sehr, sehr gut. Am Dienstagnachmittag dann probierte ich Qi Gong aus. Auf einer Rasenfläche vor dem Klinikeingang versammelten sich circa zehn Patienten jeden Alters in einem Kreis. Die Qi Gong Lehrerin war gleichzeitig auch eine unserer Empfangsdamen, eine Frau mit beeindruckendem Charisma. Wir standen also alle im Kreis, die Beine hüftbreit, die Augen geschlossen. Als Einstieg, da offensichtlich außer mir weitere Neulinge dabei waren, wollte sie die unterschiedlichen Atemtechniken mit uns erarbeiten. Wir übten die tiefe, ruhige Bauchatmung, sollten spüren, wie viel Raum und wieviel Weite und Gelassenheit diese uns gab. Und dann sollten wir uns auf die Brustatmung konzentrieren. Mir schwante schon, keine gute Idee. Trotzdem machte ich mit.

Spüren Sie die Enge in der Brust. Spüren Sie die Enge, die die Brustatmung verursacht.

Und ich erstickte beinahe. Oder besser, ich hatte das Gefühl, zu ersticken. In meinem Kopf spielte sich eine Panikattacke ab, losgetreten ganz allein von dem Engegefühl, das die Brustatmung ausgelöst hatte, dem körperlichen Empfinden der Enge. Vom dem gleichen Gefühl und Empfinden, das ich während der Panikattacke verspürte.

Ich riss die Augen auf, bewegte meine Hände und Füße, und weitete aktiv meine Brust. Ich dehnte leicht, atmete in den Bauch und ignorierte für den Rest der Stunde die Atmungsanweisungen der Lehrerin. Diese innerliche Panikattacke hatte nur wenige Sekunden gedauert, vom Rest der Gruppe hatte niemand etwas mitbekommen. Ich aber war aber die nächsten Tage wieder ziemlich durch den Wind. Zwei der Patienten, die mit im Qi Gong Kreis standen, erinnerten mich an meinem Vater und an eine liebe Tante. Allein der Gedanke, dass eben mein Vater und meine Tante statt den beiden Patienten so jämmerlich und hilflos hier stehen könnten, trieb mich beinahe in den Wahnsinn. Den ganzen restlichen Abend versuchte ich, die Patientin – der Vater-Patient war auf einer anderen Station – aufzuheitern. Was bei einer schweren Depression meistens leider vergeblich ist. Ich merkte schnell, dass ich mich damit noch dazu wieder über meine eigene Grenze bewegte und mein Kopf begann, zu rebellieren, aber ich tat mich sehr schwer, gegen diesen Impuls anzukommen. Erst als die Patientin, nur noch ein Häufchen Elend, sich verabschiedete, schaffte ich es auch, mich aus diesen Gedankengängen zu lösen. Die Vorstellung, meinem Vater und meiner Tante würde es so schlecht oder noch schlechter wie mir gehen, war jedoch nach wie vor total real. Ich schaffte es nicht, diese Vorstellung vollständig von mir wegzuschieben. Die beiden kamen immer wieder vorbei. Weder der Bulle von Tölz noch Johanna konnten sie vollständig vertreiben. Erst das Mirtazapin schaffte es.

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Panik!

Ich hatte beinahe die komplette erste Woche, mit Ausnahme des Wochenendes, alleine und in der Natur verbracht. Das tat mir sehr gut.

Aber schließlich, und das bleibt einfach nicht aus, wenn man alleine lebt, musste ich Lebensmittel kaufen gehen. Also schrieb ich mir – zum ersten Mal seit ich denken kann – einen Einkaufszettel, packte meinen Geldbeutel und eine große Stofftasche und fuhr mit dem Fahrrad gemütlich die zehn Minuten zu dem kleinen Tengelmann, der etwa zehn Minuten von meiner Wohnung entfernt liegt. Der Weg führt, mit Ausnahme einer Kreuzung, immer gerade an einer wenig befahrenen Straße entlang. Ich stellte mein Fahrrad ab, packte meine Tasche und ging in den Laden hinein. Er war nicht sehr voll. Ein paar ältere Paare, die sich wohl kannten, tratschten gerade neben dem Kühlregal. Ich ging direkt durch zur Frühstücksabteilung. Seit einiger Zeit schon stellte ich mir mein Müsli selbst zusammen. Hafer- oder Dinkelflocken, Haferfleks, gehackte Nüsse, Kokosraspeln und manchmal mischte ich noch ein fertiges Schokomüsli darunter. Das war günstiger, schmeckte in der Regel besser – und es waren definitiv keine Rosinen drin.

Ich stand seit geschlagenen zehn Minuten vor dem Müsliregal und konnte mich für nichts entscheiden. Immerhin die Kokosraspeln hatte ich schon im Korb, da gab es nur zwei Alternativen. Die älteren Herrschaften sprachen unnatürlich laut miteinander. Also nahm ich einfach von allem das erstbeste, das mir in die Hand fiel – ob Dinkel oder Haferflocken war schließlich auch egal – suchte noch ein bisschen Obst, Gemüse, Joghurt und Nudeln zusammen und ging zur Kasse. Draußen deponierte ich die volle Tasche vorsichtig in dem Eisenkorb auf meinem Gepäckträger und fuhr nach Hause. Ich freute mich schon darauf, gleich das Müsli zusammenzumischen.

Auf halber Strecke blieb mir plötzlich die Luft weg. Ich hatte einen unwahrscheinlichen Druck auf der Brust, der mir das Atmen kaum noch ermöglichte. Ich war überrascht. Ich fuhr doch nur geradeaus, sehr langsam und auf der Straße war kein Verkehr. Intuitiv besann ich mich der Atemübungen, die ich von der Logopädie her kannte und konzentrierte mich nur noch darauf, langsam und sehr tief in den Bauchraum ein- und auszuatmen. Die langsame, gleichmäßige Bewegung auf dem Fahrrad erschien mir als wohltuend, also behielt ich sie bei, statt abzusteigen. Nach einigen tiefen Atemzügen legte sich der Druck, und ich konnte wieder normal atmen. Komisch, dachte ich bei mir. So etwas war mir noch nie passiert. Und vergas das Ganze wieder.

Die Gedanken an diese Episode waren ein paar Tage später recht schnell wieder da. Ich war mit meiner Mutter einkaufen, weil ich ein Kleid für die Hochzeit meiner Cousine im Herbst suchte. Wir waren in einem kleinen Laden in Freising, der sich auf festliche Kleider spezialisiert hatte. Mir gefiel der Laden nicht, aber ich wusste von Freundinnen, dass sie hier schon das ein oder andere wunderschöne Kleid gefunden hatten. Die Verkäuferin machte ihre Arbeit gut und obwohl mir keines der Kleider wirklich gefiel, probierte ich ein paar. Es war mir schlichtweg zu anstrengend, ihr zu sagen, dass ich sie alle ziemlich hässlich fand. Also öffnete ich in der Umkleidekabine den Reißverschluss eines türkisen Corsagenkleids und zog es mir über den Kopf. Aber irgendetwas hatte sich verhakt. Ich hatte das Kleid genau über dem Kopf und schaffte es nicht, es mir selbst nach unten oder oben zu ziehen. Von einer Sekunde auf die andere bekam ich keine Luft mehr; meine Kehle schnürte sich komplett zu; mein Herz und die ganze Brust begannen stark zu stechen; ich schnappte nach Luft; ich hatte plötzlich wahnsinnige Angst, zu ersticken; ich bekämpfte den Impuls das teure Kleid zu zerreißen, und schrie stattdessen leise nach meiner Mutter; „Zieh’s hoch, zieh’s hoch, zieh’s hoch“; sie war direkt vor der Kabine gestanden und reagierte schnell, zog mir mit einem Ruck das Kleid über den Kopf. Ich brauch heulend zusammen. Ich hatte immer noch riesige Angst, zitterte am ganzen Körper, mir war eiskalt geworden. Ich wollte mich am liebsten in der hintersten Ecke verkriechen, verschwinden.

Meine Mutter war total erschrocken. „Was ist denn passiert?“, fragte sie mich. Ich konnte kaum noch sprechen, mehr als „Ich weiß nicht“ brachte ich nicht heraus. Ich kam recht schnell wieder zu mir, nahm den Raum um mich herum wieder wahr, zog mich an, drückte meiner Mutter die Kleider in die Hand und verließ, ohne ein Wort zu der verdatterten Verkäuferin zu sagen, schnellen Schrittes, beinahe laufend, den Laden. Draußen setzte ich mich auf den Boden und versuchte, wieder mit tiefer Bauchatmung, die Kontrolle über mich zurückzugewinnen. Meine Beine zitterten immer noch. Der Einkaufsbummel beziehungsweise der ganze Tag waren damit gelaufen. Was zum Teufel war passiert? Klar, ich hing in dem Kleid fest. Aber realistisch gesehen war es vermutlich unmöglich, in einem Kleid zu ersticken. Erst Stunden später realisierte ich, dass das eine ausgewachsene Panikattacke gewesen war.

In den nächsten Wochen versuchte ich noch ein paar Mal, nach einem Kleid zu schauen. Aber keine Chance. Egal wie groß und offen der Laden war – spätestens bei der Durchsicht der Kleider fing das starke Stechen in der Brust wieder an. Der Neandertaler in mir wollte fliehen. Und mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu gehorchen. Mein Nervensystem hatte die Gewalt über mich.

Der Fluchtinstinkt stellte sich in den nächsten Wochen auch in anderen Situationen ein: Große Menschenansammlungen. Enge Räume. Laute Geräuschquellen. In manchen Momenten schaffte ich es, den Instinkt zu besiegen. Das kostete mich jedoch unwahrscheinlich viel Kraft. In den meisten Fällen gelang es mir nicht. Ich konnte die Flucht lediglich durch normales Geh-Tempo oder Vorwände kaschieren. Das war alles, was ich meinem vegetativen Nervensystem noch als Gegenwehr aufbieten konnte.