Rollenspiel

Donnerstag. Ich hatte einen neuen Plan: Er fühlte sich richtig und gut an. Und ich fühlte mich tausendmal leichter. Pilates tat unglaublich gut (der störende ältere Herr vom letzten Mal war diesmal, nach intensiver Einweisung durch die Trainerin, ruhig). Und in meiner Einzeltherapie heute würde ich meiner Therapeutin meinen neuen Plan präsentieren. Sie war nicht sonderlich begeistert davon, dass ich mir bis Neujahr Zeit geben wollte – viel zu lange, wie sie meinte – aber sie akzeptierte, dass ich die Eingliederung mit meiner Ärztin zu Hause planen wollte. Einzige Bedingung: Ich legte ihr bis nächste Woche einen detaillierten Tages- und Wochenablaufplan für die Zeit bis zum Start der Eingliederung vor. Läuft.

Schließlich widmeten wir uns dem Gespräch mit meinem Chef. Was wollte ich sagen? Und vor allem: was erwartete ich mir davon? Lange, lange Zeit hatte ich gehofft, ein solches Gespräch würde irgendetwas ändern. Obwohl ich eigentlich insgeheim immer wusste, dass es das nicht tun würde. Genau deshalb hatte ich mir wohl auch die letzten Monate so schwer getan, ein direktes Gespräch unter vier Augen zu suchen. Mittlerweile war ich zu der Einsicht gekommen, dass das Gespräch wohl an seinem Verhalten vermutlich nichts ändern würde, ich es aber brauchte. Ich wollte einfach meine Sicht der Dinge darlegen – ob sie angenommen wurde oder nicht, ich brauchte klare Verhältnisse um mir damit innerlich die Basis für einen Neuanfang zu schaffen. Ich erwartete nichts mehr. Ich musste mit mir selbst klar kommen, und dazu brauchte ich das Gespräch. Das akzeptierte – zu meiner Überraschung – dann auch meine Therapeutin. Unter diesen Umständen sei es sinnvoll, ein Gespräch zu führen. Ich hatte bereits nach der Gruppentherapie versucht, einen Brief zu verfassen. Hatte aber schnell festgestellt, dass viele der Punkte, die ich anbringen wollte, sinnlos waren. Weil sie entweder zu persönlich oder zu kritisch waren, als dass man auf deren Basis ein halbwegs vernünftiges Gespräch hätte führen können. Ich wollte nicht mehr das kleine Mädchen, also vor allem: das verletzte Kind sein, sondern ein ebenbürtiger Gesprächspartner auf Augenhöhe. Also hatte ich mich neu sortiert. Und übte nun mit meiner Therapeutin im Rollenspiel.

Spaß war das keiner. Aber es war notwendig. Selbst wenn mir „nur“ die Therapeutin gegenüber saß, die weder optisch noch sonst irgendwie Ähnlichkeiten mit meinem Chef hatte, verwandelte ich mich anfangs – zack: in ein kleines Mäuschen! Bei meinen 1,77m. Es dauerte tatsächlich die komplette Therapiestunde, bis ich es hinbekam, während des Gesprächs auf Augenhöhe zu bleiben. Das mein „Chef“ nicht das „Verletzte Kind“ in mir Ansprach, sondern den „Gesunden Erwachsenen“. Da waren sie wieder, meine Freunde.

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Ich kann noch nicht!

Eigentlich wollte ich mich heute Abend mit dem Kollegen treffen, mit dem ich am engsten zusammenarbeitete. Aber das konnte ich knicken. Ich würde heute sicher nicht nach München fahren. Es tat mir leid, ich hätte ihn gerne gesehen. Aber es half nichts.

Warum wir uns treffen wollten? Zum einen verstanden wir uns einfach gut, zum anderen, wenn ich schon über eine Wiedereingliederung nachdenken musste, dann musste ich mir ja auch einen Bild vom aktuellen Stand der Dinge machen. Ich hatte in der Zwischenzeit einen neuen Chef bekommen, den ich nicht kannte, zum Beispiel.

Aber eigentlich konnte mir das egal sein, denn ich wollte und konnte keine Eingliederung in den nächsten vier Wochen machen. Es ging nicht. Ich begann, mir die Gründe aufzuschreiben. Eine Argumentation für die nächste Einzeltherapie aufzubauen. Strategisch.

  1. Es hat vier Monate gedauert, um auf ca. 50% zu kommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich in den nächsten fünf Wochen die restlichen 50% schaffe!
  2. Alle meine Kollegen und Chefs sagen mir, ich solle erst wieder kommen, wenn ich bei 100% bin. Was hat denn die Krankenkasse davon, wenn ich im März wieder liege?
  3. Zu meinem Job gehören auch Abendveranstaltungen bis nach Mitternacht, Reisen, Wochenenddienste. Ich will das alles erst ohne Druck privat testen, bevor ich bei solchen Dingen unter Druck im Job funktionieren muss!
  4. Sie sagen mir seit Wochen, ich soll mir keinen Druck machen. Den Druck machen Sie aber gerade mir!
  5. Das Gespräch mit meinem Chef muss mindestens eine Woche vor einer Wiedereingliederung stattfinden. Dazu brauche ich aber einen Psychologen, der mich kennt und entsprechend unterstützen kann. Den habe ich für die Zeit nach der Klinik noch nicht und der ist auch im jetzigen Zeitrahmen nicht gegeben!
  6. Mein Leben soll erst wieder einen normalen Rahmen bekommen, bevor ich beginne, zu arbeiten. Also mindestens zwei Wochen!!
  7. Somatische Symptome wie Herzstechen, unbegründete Engegefühle im Brust-/Halsbereich und Verspannung nehmen gerade wieder stark zu! Außerdem habe ich sogar zusätzlich noch zu beißen begonnen!

Langsam begann ich den Verdacht zu hegen, dass es ihr mehr auf die Klinikstatistik ankam als auf mich.