Aufklärung in den Lehrplan!

Aktuell läuft eine Petition, die fordert, dass ab sofort auch Aufklärung über psychische Krankheiten in den Schule stattfinden soll.

Einige Abiturienten aus dem Süden Münchens haben nicht nur einen vielbeachteten Film über Depression gedreht („Grau ist keine Farbe“), sondern auch eine Petition gestartet: Die Aufklärung über psychische Krankheiten wie eben die Depression soll fester Bestandteil des Lehrplans werden! Diese Woche sprachen sie deshalb vor einem Ausschuss des Bayerischen Landtags. Ich glaube, ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich das mehr als gut finde.

Wer die Petition unterstützen will klickt, einmal bitte hier:

Link zur Petition

Und wer mehr darüber lesen will, klickt bitte hier:

Link zur Website des Filmprojekts „Grau ist keine Farbe“

Link zum Artikel des Bayrischen Rundfunks zur Ausschusssitzung des Landtags

Vom Suchen und Finden eines Therapeuten

Am besten sucht man sich einen Therapeuten schon bevor man auch nur krank ist…

Weiterlesen „Vom Suchen und Finden eines Therapeuten“

Johannas Geburtstag

Mir ging es wieder gut. Nach den beschissenen Wochen, die hinter mir lagen, fühlte ich mich unglaublich erleichtert. Ich hatte wieder einen riesigen Schritt nach vorne gemacht. Wieder ein großes Stück des Knotens entwirrt.

Heute hatte Johanna Geburtstag. Ihr ging es immer schlechter. Sie hatte Schwierigkeiten mit den Medikamenten, es passte nichts, und die Therapie griff überhaupt nicht. Dabei sollte sie sogar eine Woche vor mir entlassen werden. Eine Verlängerung war nicht mehr möglich – es war schlichtweg kein Bett mehr frei. Sie nahm mittlerweile sogar, wenn es gar nicht anders ging, Tavor ein. Tavor stellt alles ruhig. Vor allem das Hirn.

Was sollte ich ihr also schenken? Johanna hatte eine Art „Skill Box“, die ihr eine Mitpatientin aus der Psychiatrie im Sommer geschenkt hatte. Skill Boxen werden in der Therapie häufig für Borderliner genutzt. Wie eine Art Notfallkoffer enthält sie Dinge, die einen in psychisch schwierigen Situationen wieder zurückholen. Bei Johanna war das zum Beispiel ein Mandala-Malbuch und Stifte, ein kleiner Knetball, ein Heft mit positiven Sprüchen, aber auch – und die, finde ich, sollte jeder von uns immer, egal wie gut oder schlecht uns gerade so geht – parat haben: Erinnerungen an tolle Momente und Menschen, denen wir etwas bedeuten und die uns etwas bedeuten. Bei mir zu Hause und auch jetzt in der Klinik habe ich zum Beispiel immer eine Pinnwand oder ein Magnetboard, auf dem ich nicht Einkaufszettel und To-Do-Listen sammle, sondern Eintrittskarten von Fußballspielen und Konzerten, Fotos oder Postkarten von lieben Menschen, Einladungen oder einfach Zettel und Karten mit klugen oder witzigen Sprüchen. Also Dinge, die jederzeit ein Lachen, ein Lächeln und vor allen Dingen ein gutes Gefühl hervorrufen. Und wenn man auch nur einmal am Tag bewusst auf diese Pinnwand blickt, zaubern sie einem einmal am Tag ein warmes Gefühl ums Herz. Und wird daran erinnert, dass es einen Grund gibt, weiterzukämpfen.

Ich wollte Johanna irgendetwas schenken, was sie auch zu Hause begleiten würde. Ich würde nicht da sein können und nicht immer erreichbar sein. Durch Zufall fand ich in meinem Lieblingsladen in der Stadt, der mich hier schon einige hundert Euro gekostet hatte (Bücher, Bücher, und vor allem Bücher), einen wunderschönen kleinen Schutzengel. Mit passendem Spruch, wie die Faust aufs Auge. Das passte. Der passte in die Skill-Box. Der Schutzengel wäre da, wenn ich es nicht sein könnte und würde auf sie aufpassen. Johanna war trotz allem so tapfer. Sie würde es schaffen. Da war ich mir sicher. Sie selbst war langsam tatsächlich am Zweifeln.

 

 

Es wäre so leicht

Johanna ging es momentan auch wieder richtig beschissen. Und trotzdem fuhr sie jedes Wochenende beinahe drei Stunden nach Hause und wieder zurück in die Klinik. Es war mir ein Rätsel, wie sie das machte. Wenn es mir schlecht ging, konnte ich kaum Autofahren. Zum einen, weil ich mich einfach nicht auf das Autofahren konzentrieren konnte – ich war dann oft auch einfach kaum da und schaffte es einfach nicht, länger als eine Minute tatsächlich bewusst Auto zu fahren – zum anderen, weil ich – again – Angst vor mir hatte. Es wäre so leicht, einfach das Lenkrad herumzureißen. In den Baum zu fahren. Da gab es keine Hürde und damit auch keine Zeit, um sich selbst wieder einzufangen.

Mein Wochenende war beschissen. Ich war nervös und unglaublich angespannt. Träumte wieder Albträume. Der Tornado tobte meistens. Ich konnte nichts anfangen. Und am Sonntagabend dann, vor der Rückfahrt, hatte ich tatsächlich zum ersten Mal seit dem Sommer wieder Suizidgedanken. Was wäre wenn.

Ich schob sie beiseite. Ich bildete mir das nur ein. Ich kann das. Und ich kann auch mit dem Auto selbst in die Klinik zurückfahren. Es blieb mir außerdem ja gar nichts über. Meinen Eltern wollte ich auf keinen Fall von meinen Gedanken erzählen. Ich kann das!

Und natürlich ging es.

Tatsächlich aber meinte Johanna am nächsten Morgen zu mir. Franzi, weißt du, als ich gestern hier her zurückgefahren bin, habe ich das erste Mal verstanden, was du meinst. Es wäre so leicht, gerade auf der Autobahn. Es ist furchtbar, dass wir so etwas überhaupt denken. Aber es wäre so leicht.

Wir beiden wollten aber nicht. Nur unser Kopf ab und zu. Aber gottseidank sind wir nicht nur unser Kopf.

Dem Hengst seine Weide

Dienstag, 20. Oktober. Verabschiedung der Tanzlehrerin (die alte Oma war schon lange weg), ich hatte meinen Tisch mittlerweile, bis auf Tina, komplett überlebt. Letzte Woche in der Burnout-Gruppe. Mit dem Skript war ich wirklich so gut wie durch und ich war froh, dass ich bald raus war.

Heute waren der Hengst und der Beamte da. Es war also wieder eine Monologstunde. Die uns allen ziemlich auf die Nerven fiel. Von uns anderen kam kaum jemand zu Wort. Die dürre Frau mit der Hakennase versucht es ab und an, versucht den jeweils Monologisierenden zu beschwichtigen und eigenen Ideen anzubringen, aber meistens wurde auch sie abgewürgt. Beim Beamten, weil er einfach in seinem Gedankenkonzept dermaßen unflexibel war, dass er es nicht schaffte, eine Idee, die einem anderen als dem seinen Gehirn entsprungen war, auch nur zu betrachten, und beim Hengst, weil er einfach alles besser wusste.

Kurz vor der Pause arbeiteten wir in einer Gruppenarbeit an unseren „Zielen und Werten“. Ich hatte eine gute Gruppe erwischt, mit meiner Zimmernachbarin und einer älteren Frau, die zehn Jahre vor dem Ruhestand nun vor der Aufgabe stand, ihr Leben umzukrempeln. Neben uns hatte die Apothekerin ein schweres Los. Sie war in einer Gruppe mit dem Hengst und dem Beamten. Sie war ein herzensguter Mensch, eher ruhig und zurückhaltend veranlagt und kam in dieser Runde natürlich überhaupt nicht zu Wort. Die Diskussion – oder vielmehr das abwechselnde Anbringen gegenteiliger Meinung – zwischen Hengst und Beamten konnten wir alle verfolgen. Die beiden waren so laut, dass ich es kaum noch aushielt. Ich war immer noch sehr lautstärkenempfindlich, aber auch die anderen waren sichtlich genervt, so dass irgendwann die resolute ältere Dame in meiner Gruppe unvermittelt eine Ansage machte. Dann war Ruhe. Schließlich forderte uns die Therapeutin auf, unsere Ergebnisse auf die Fragen vorzustellen. Es ging um den „roten Faden“ in unserem bisherigen Leben und wie der Burn-out unser Lebenskonzept verändert hat. Wie immer beherrschte der Hengst die Diskussion. Und in diesem Fall war es nicht einfach nur nervig, weil es um seine eigene Geschichte ging, die wir nun alle schon zur Genüge kannten, sondern schlichtweg, wie ich zumindest fand, falsch. Außerdem war ich mittlerweile ein wenig streitlustig. Es ging nun darum, was uns das Gefühl gab, wertvoll zu sein. Denkt doch mal einen kurzen Moment darüber nach – was gibt euch eigentlich das Gefühl, wertvoll zu sein?

In unserer Gruppe waren wir uns recht einig gewesen. Liebe, Familie, Freundschaft und, für mich zumindest, Glaube. Natürlich gab es da den einen oder anderen kleinen Unterschied. Wir waren aber jedoch alle der Meinung, dass wir uns gerade dann am wertvollsten fühlten, wenn wir so akzeptiert wurden, wie wir waren, ohne dafür eine Leistung bringen zu müssen.

Der Hengst, mit schwieriger Kindheit – wir kannten mittlerweile auch seine ganze Lebensgeschichte – hat da natürlich eine etwas andere Ansicht. Das war ja auch gar nicht das Problem. Er definierte sich eben einzig und allein über seinen Verstand, seine Fähigkeiten. Das Problem war viel mehr, dass er uns unsere andere Ansicht nicht zugestehen wollte. Mittlerweile war ich tierisch genervt und sah es nicht mehr ein, einen auf lieb Kind zu machen und dem Hengst seine Weide so kampflos zu überlassen – auch wenn mir die Weide genaugenommen völlig egal war. Mit einer diebischen Freude hielt ich dagegen und ließ mich, nun erst recht nicht mehr, von Seneca und Platon, die er zu seiner Argumentation heranzog, beeindrucken. Da wir ungebildete Bande offensichtlich von diesen großen Gelehrten noch nie etwas gehört hatten oder, noch schlimmer, ihre Lehren ignorierten, schwang er sich zu einer regelrechten Lehrstunde über deren Philosophie auf. Keine Ahnung, wie intensiv sich die anderen in der Runde zuvor mit Platon und Seneca beschäftigt hatten, aber in der Runde saßen unter anderem: Eine Pharmazeutin, eine Lehrerin, ein Beamter, ein Arbeitgebervertreter, eine studierte Sozialpädagogin und, nicht zu vergessen, die Psychologin. Die ließ sich schließlich dazu hinreißen, ihn zu fragen, ob er denn Platon und Seneca auf Latein gelesen hatte? Ich konnte mir das Lachen kaum noch verbeißen. Er aber antwortete todernst, dass er es bis heute bereue, nicht besser Latein und Altgriechisch oder höhere Mathematik gelernt zu haben. Schließlich wäre er intelligent genug dazu. Gott. Es kostete mich alle Kraft, nicht in lautes Gelächter auszubrechen. Ich hatte Tränen in den Augen stehen. Die Therapeutin beendete die Diskussion – wir waren sowieso bei der letzten Frage gewesen – und schickte uns in die Pause.

Nach der Pause ging es dann schließlich fünf Minuten gut. Der Beamte monologisierte wieder – die Welt war schlecht und alle hier wollte ihm einreden, selbst so schlecht zu werden – so zumindest interpretierte er die Aussage der Therapeutin, sie könne nicht seine Kollegen therapieren, sie seien schließlich nicht hier und er müsse folglich an sich selbst arbeiten. Die dürre Dame wollte helfen, ihm erklären, wie die Therapeutin das wohl gemeint hatte, und berichtete aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz. Ich fand, es war ein hilfreicher Beitrag. Erzürnt griff der Hengst in das Geschehen ein, sagte, dass die Therapeutin dass ja sehr wohl genauso gesagt hatte, wie der Beamte uns das dann wiedergab. Daraufhin protestierten ich, meine Zimmerkollegin und die Dürre. Und der Hengst stieg auf seine Hinterbeine, wieherte, dass er sehr wohl wisse, was er gesagt habe, er lasse sich das hier nicht bieten, schließlich habe er einen IQ von 120 (oder auch 140, so genau weiß ich es nicht mehr) und verließ schnaubend den Therapieraum.

Stille. Wir waren perplex. Alle, samt der Therapeutin. Keiner konnte sich so recht erklären, was da gerade passiert war. Aber gut. Wir machten weiter. Keine zehn Minuten später, der Beamte lamentierte immer noch. Und machte den Fehler, in einem Raum mit 80% Frauenanteil, auf seine Kolleginnen zu schimpfen, die eine nach der anderen die Frechheit besaßen schwanger zu werden… wie der Satz weitergehen sollte, keine Ahnung. Nun war nicht nur mir der Kragen endgültig geplatzt. Zu fünft warfen wir ihm nun lautstark entgegen, dass es jetzt wirklich genug sei, er seinen Mund halten sollte und seine Kolleginnen verdammt noch mal das gute Recht hatten, schwanger zu werden, wann sie wollten – wo er denn seine Kinder sonst mal herbekommen wollen würde? Und zack, verließ der Nächste wutschnaubend den Raum.

Stille. Again. Nun waren wir nicht mehr perplex, sondern regelrecht schon fasziniert von der Wirkung, die unser Protest gehabt hatte. Dann kommt endlich mal wieder jemand anderes zu Wort, entfuhr es mir. Wir gingen zur Tagesordnung über. Der Rest der Stunde verlief in freundlicher Atmosphäre, ohne Zwischenfälle.

Elterngespräch

Gerade bei psychischen Krankheiten ist das persönliche Umfeld in der Regel stark mit betroffen. Umso sinnvoller sind daher Eltern- oder Paargespräche.

Zum einen haben die Angehörigen so die Möglichkeit, Genaueres über das Krankheitsbild zu erfahren und insbesondere auch, wie damit umzugehen ist. Zum anderen bietet sich in einem geschützten Rahmen die Möglichkeit, Punkte anzusprechen, die die Beziehung zwischen den beiden Menschen betreffen, die Auswirkungen auf die Krankheit haben / hatten.

Ich nähere mich langsam der 30. Insbesondere in einer ländlichen Umgebung hält sich immer noch stark das Bild, das man mit 30 seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat, eine gute Zeit, um zu heiraten, Haus zu bauen und Kinder zu kriegen. Ganz unabhängig davon würde ich mir wünschen, endlich irgendwo anzukommen. An einem Ort, von dem ich weiß, dass dies keine Zwischenstation auf meinem Lebensweg ist, mit Menschen, die mich nicht nur in einem Lebensabschnitt begleiten werden. Aber leider ist dem nicht so. Und das zählt leider einfach auch zu den Dingen, die sich mit einem eisernen Willen nicht regeln lassen. Also treibe ich weiter so vor mich hin, ob mir das gefällt oder nicht. Ich kann es nicht ändern. Die meiste Zeit ist das auch völlig okay für mich.

Stressig wird es aber, wenn das ohnehin bereits fragile Bauwerk, das ich mir dazu aufgestellt habe, dann von außen belastet wird. Wenn etwa wiederholt erwähnt wird, Hm, mit 25 war ich schon vier Jahre mit meinem jetzigen Mann zusammen. Wenn der Chef erklärt, man käme ja jetzt in ein Alter, in dem man sich ja auch grundsätzliche Fragen stellen müsste.

Verdammt, Leute, ich wüsste doch auch gerne, wo es mich hin treibt! Und mit wem! Aber ich weiß es nicht! Also lasst mich damit in Ruhe. Löst euch endlich von euren fixen Plänen und Vorstellungen – meint ihr denn, mir geht es anders? Leben ist das, was passiert, während wir Pläne machen. Wie wahr dieser Spruch ist, habe ich in diesem Jahr oft genug erfahren müssen.

Jedenfalls hatte ich gestern auch noch das Elterngespräch. Ich war davor ziemlich aufgeregt gewesen. Aber es lief gut. Die Therapeutin war toll (ganz entgegen zu gestern) und ich war stolz auf mich und meine Eltern. Alleine, dass sie da waren, tat mir unglaublich gut.

Danach gingen wir in die Cafeteria, einen Kaffee trinken. Als wir durch die Glastüren traten, saßen am rechten Ende des Raumes eine Gruppe Jugendlicher, alle mit einem Zettel auf der Stirn. Als wir bestellten, blickte mein Vater unauffällig zu ihnen hinüber. Leise und etwas unsicher fragte er mich, ob das denn auch eine Therapie wäre? Ich musste schmunzeln. Vor zwei Sekunden hatte ich selber überlegt, was denn die U20er da treiben. Passte auch wunderbar in das verquere Bild, dass einem Hollywood von einer Gruppentherapie vermittelt. Aber nein, antwortete ich. Die spielen nur „Wer bin ich?“.

 

Zusammenbruch

Am Abend noch hatte ich Ihnen allen geschrieben. Meiner Mutter, meinem Vater, meiner Schwester, meiner besten Freundin, meinem aktuellen Ex-Freund und meinem ersten Freund, mit dem ich immer noch in Kontakt war. Ich hatte Angst. Noch nie in meinem Leben hatte ich so etwas gemacht. Was, wenn Ihnen nichts einfallen würde. Würden sie überhaupt antworten?

Nach und nach trudelten die Antworten ein. Ich sammelte sie auf einem Block, erstaunlicherweise überschnitt sich wenig. Meine Eltern hatten am meisten geschrieben. Belustigt hatte mich eine Antwort meiner Mutter: „Sehr liebevoll, besonders mit Schafen und Katzen.“ Auf meine etwas verwirrte Frage hin, was sie damit genau meinte, antwortete sie, naja, eben liebevoll. Und Katzen und Schafe magst du doch gern.“ Na gut 🙂

Mehrmals war „immer gut gelaunt“ und „für jeden Spaß zu haben“ zu lesen. Das bereitete mir Sorgen. Was war denn dann, wenn ich nicht lachte? So wie im Moment? Mochten sie mich dann gar nicht mehr? Insgesamt aber war ich erleichtert über die Antworten. Sie hatten sich alle gemeldet, jeder hatte sich Zeit für mich genommen. Und es waren Dinge dabei, die ich selbst nie aufgezählt hätte. Aber auch alle, die mir selbst wichtig waren. Ich war erleichtert. Meine Stimmung hellte sich aber nicht auf. Im Laufe des Mittwochs wurde sie eher noch schlechter. In der Angstgruppe hatte heute die mit einer sonst großen Klappe ausgestattete, coole Jenny ein Thema gehabt. Selbst sie, deren Auftreten sonst eher einschüchterte, hatte Taschentücher gebraucht. Die waren sowieso in jeder Stunde im Dauereinsatz.

Aus welchem Grund auch immer – es war für mich selbst absolut nicht ersichtlich, meine Schwester war ja nun schon ein paar Tage in Berlin und hatte bisher eher positiv geschrieben – ging es mir immer schlechter. Mittwochabend spazierten Johanna und ich eine große Runde. Die Stimmung war auf dem bisherigen absoluten Tiefpunkt. Sonst war es immer mindestens einer von uns beiden recht gut gegangen. Johanna schimpfte ein wenig auf ihre Therapiegruppen und die Therapeutin. Ich hatte nichts zu schimpfen. Ich war einfach depressiv, ohne jeden Antrieb, ohne jeden Funken Lebensenergie. Einschlafen ging irgendwann irgendwie.

Am nächsten Morgen wurde es nicht besser. Um zehn hatte ich Therapiestunde. Ich war ein Häufchen Elend. Die Therapeutin fragte mich gar nicht erst, wie es mir ging. Es war offensichtlich. Ich hielt ihr die Liste hin, die ich in den vergangenen zwei Tagen gesammelt hatte. Sie überflog sie. Wunderschön. Für jeden Spaß und jedes Abenteuer zu haben. Spontan. Fröhlich. Warmherzig. Es waren wirklich viele Dinge. Viele sehr positive Dinge. Die Ärztin betonte das auch noch mal. Dass sie solche Listen nicht allzu oft sähe. Ob mich das nicht aufheitern würde. Offensichtlich war ich nicht nur nicht allein, sondern wurde auch sehr geschätzt. „Ich weiß“, antwortete ich ihr. „Aber es kommt nicht mehr durch“, waren meine Worte. „Ich kann es nicht spüren.“

Und ich verstand einfach nicht, warum es mir ausgerechnet jetzt so schlecht ging. Es gab doch keinen Anlass. „Oh naja“, meinte da die Ärztin. „Das ist eigentlich kein Wunder. Schließlich nehmen Sie seit ein paar Tagen gar kein Mirtazapin mehr. Das wirkt ja auch anti-depressiv.“ Ich nahm das in dem Moment gar nicht so war. Erst später, als ich mich halbwegs wieder beruhigt hatte, fiel mir das wieder ein. Mir war nie bewusst gewesen, dass das nicht nur beruhigend und schlaffördernd, sondern auch anti-depressiv wirkte. Das erklärte natürlich einiges. Half mir aber dennoch nichts. Ich konnte die Tablette ja nicht einfach wieder nehmen.

Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, über was wir in dieser Stunde gesprochen hatten. Aber wirklich aufbauen konnte sie mich diesmal nicht. Ich hing zu tief drin. Nur, dass sie mich zuletzt fragte, ob es irgendetwas anderes, ein ganz anderes Thema gäbe, was mich zusätzlich beunruhigte? Ich schniefte immer noch. Ja. Ich hatte Angst, bald wieder in die Arbeit zu müssen. Wie all die anderen aus der Burnoutgruppe, die bereits zwei bis drei Wochen nach ihrer Entlassung mit der Eingliederung begonnen. „Solange es Ihnen nicht gut geht, werden sie nicht arbeiten müssen, da machen Sie sich mal keine Sorgen. Wenn Sie krank sind, werden sie von jedem Arzt auch krankgeschrieben werden.“ Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Eine Sorge weniger.

Als sie mich verabschiedete, tat sie etwas, was Therapeuten sonst nie tun. Sie stand auf, und nahm mich in den Arm. Drückte mich fest und fragte mich: „Gibt es denn hier in der Klinik niemanden, der sie in dem Arm nehmen kann?“ „Johanna“, schluchzte ich. „Sagen sie ihr, sie soll sie ganz fest drücken, ja?“

Ich ging hoch in mein Zimmer. Rief Johanna an. Ob sie kommen könnte. Sie war schon auf dem Weg zur Wassergymnastik. Da sollte ich eigentlich auch hin. Egal. Ich war sowieso nicht fähig. Sie kam zu mir und war ziemlich perplex, als sie mich völlig verheult vor ihr stehen sah. „Ge Franzi, was ist denn los? Komm her.“ Sie nahm mich in den Arm, wir setzten uns auf mein Bett. Und ich heulte. Und heulte. Sie redete mir gut zu. Schaukelte mich fast wie ein kleines Kind. Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich will, dass das alles endlich aufhört. Sie setzte dagegen, „Franzi, es wird alles wieder gut.“ Wie ich es schon so oft bei ihr getan hatte. Irgendwann hatte sie es geschafft, mich zu beruhigen. Oder ich hatte einfach keine Tränen und keine Kraft mehr, zu weinen. Ich weiß es nicht. Sie blieb neben mir sitzen, fütterte mich mit Schokolade. Versuchte, mich zum Lachen zu bringen, bis es Zeit war für das Mittagessen. Ich stand immer noch ziemlich neben mir. Genauso in der Burnoutgruppe. Ich beteiligte mich kaum. Sah einfach nur zu. Am Abend ging ich eine große Runde spazieren. Ich musste mich dazu zwingen. Ich spürte, wie die Angst sich wieder fest in mir verbiss. Ich hatte Angst davor, allein draußen zu sein. Insgeheim Angst, ich würde mir vielleicht etwas antun, da draußen, allein auf dem Feld. Aber wenn ich die Angst gewinnen ließe, wäre ich hier eingesperrt. Das durfte nicht sein. Das erste Stück rannte ich beinahe. Wie damals im Wald begann ich absichtlich langsam zu gehen und baute kleine Achtsamkeitsübungen ein. Es half. Ich konnte langsamer gehen und die Angst verflog. Abends heulte ich mich in den Schlaf.

Urlaubsvertretung

Auch Therapeuten haben Urlaub. Und meine Therapeutin war Anfang Oktober zwei Wochen nicht da. In dieser Zeit würde ich meine beiden Therapiestunden, die ich jede Woche hatte, bei einer Urlaubsvertretung haben. Ich war meiner Ärztin zugeteilt worden. Bisher war sie mir vor allen Dingen als unnahbar und schroff aufgefallen – sie war es gewesen, die mich mit meinen erhöhten Leberwerten und vielen Fragen auf dem Gang stehen gelassen hatte. Die Konferenz (da trafen sich Ärzte und die verschiedensten Therapeuten, um über einen Fall zu diskutieren) würde erst in den nächsten Tagen darüber sprechen, war ihre ganze Antwort.

Ich war alles andere als erfreut über den Therapeutenwechsel. Mit meiner Therapeutin war ich ja ganz gut zurechtgekommen. Und generell ist es auch wenig sinnhaft, eine laufende Therapie zu unterbrechen. Die Ärztin wusste nichts von mir und ich kannte sie genauso wenig. Aber zwei Wochen gar keine Therapie zu haben, war eben auch keine Lösung. Im ersten Termin – sie war beinahe zehn Minuten zu spät, was natürlich von meiner Therapiezeit abgehen würde –  erläuterte ich, warum ich hier war und was ich bis hierhin bereits für Fortschritte gemacht hatte und an was ich noch gerne arbeiten würde. Es war mein Geburtstag – nachmittags, der Tag, an dem es mir so gut ging, wie seit Monaten nicht mehr. Strahlend hatte ich ihr vom Geschenk meiner Kollegen berichtet, dem singenden Luftballon. Sie würde in den zwei Wochen gerne über meine Persönlichkeit sprechen. Das wäre für die zwei Wochen realistisch und ein verhältnismäßig abgeschlossener Block, begründete sie ihre Entscheidung. Ich war einverstanden und so gab sie mir einen Persönlichkeits-Test mit. Mal wieder ein Fragebogen. Er war beinahe so lang wie der Anamnesebogen, ich glaube, acht DIN A4-Seiten. Fragen über Fragen. Von „Ich weiß genau, wie ich das andere Geschlecht beeindrucken kann“ bis „Ich komme ungern zu spät“. Manche Fragen doppelten sich, um Nuancen anders gestellt. Das wichtigste war: Man durfte nicht über die Antworten nachdenken, sondern sollte die Ausprägung ankreuzen, die dem ersten Impuls entsprach.

Ich hatte ihr den Test einen Tag später unter der Tür durchgeschoben. Der zweite Termin in dieser Woche mit ihr entfiel, da sie einen Notfall einschieben musste. Mir ging es sowieso gut, mir war es also ganz recht. Mittlerweile war Dienstag, der zweite Termin also mit ihr. Ich war depri. Nicht so schlimm, wie ich es schon gehabt hatte. Aber doch deutlich. Dass ich heute Mittag, nachdem sie nicht zur Wassergymnastik aufgetaucht war, Johanna völlig verzweifelt und verheult in ihrem Zimmer vorgefunden hatte, hatte meine Laune auch eher wenig gesteigert. Mir ging es immerhin noch besser als Johanna. Aber Johanna ging es gerade wirklich verdammt scheiße.

Ich saß also am Nachmittag wieder bei der Ärztin, die mir nach der ersten gemeinsamen Stunde nicht mehr ganz so unsympathisch war. Wie es mir ginge. Naja. Nicht so gut, und ich wüsste nicht warum. Sie bat mich, zu erzählen, was in den vergangenen Tagen so passiert war, was ich am Wochenende gemacht hatte. Und ich erzählte. Vor allem von meiner Schwester. Sie war am Sonntag nach Berlin abgereist. Und, obwohl ich mir sicher war, dass Berlin die richtige Entscheidung für sie war – und das schon gleich gar keine Entscheidung, in keinerlei Art und Weise, gegen mich war – war ich traurig. Und fühlte mich alleingelassen. Immerhin hatte sie mir in den letzten Monaten unglaublichen Halt gegeben. Da war es wieder. Dieses Gefühl, alleine gelassen zu werden. Die Ärztin war einigermaßen erstaunt, schließlich war ich nur eine Woche zuvor ganz beseelt gewesen von dem tollen Geschenk, den lieben Anrufen und Nachrichten, die ich zu meinem Geburtstag erhalten hatte. Sie forschte nach, warum das so wäre. Ich wusste das. Nicht erst seit der Therapie. Und dennoch hatte ich diesem Trigger nie wirklich etwas entgegen setzen können. Ich wusste um ihn, aber das war es auch. Ich heulte. Wie in beinahe jeder Therapiesitzung bisher. Sie versuchte mich aufzubauen. Wie aus einer intelligenten, jungen Frau mit so vielen Fähigkeiten so ein kleines Häufchen Elend ohne jegliches Selbstvertrauen werden konnte? Sie schaffte es tatsächlich, mich aufzubauen. Und gab mir eine Aufgabe bis zur nächsten Stunde. Ich sollte meine Eltern, meine Schwester, meine beste Freundin und – wenn ich denn noch Kontakt hätte – meine Ex-Partner bitten, mir in Stichworten kurz zu schreiben, was sie an mir lieben/geliebt haben. Ich nickte.

Später erst wurde mir die Ungeheuerlichkeit dieser Aufgabe erst bewusst. Ich sollte anderen Menschen bitte, mir zu sagen, was sie an mir gut fänden. Nach Komplimenten haschen.

6. Oktober

Jetzt bin ich seit vier Wochen hier. Seit knapp zwei Monaten in Kliniken, seit mehr als drei Monaten krankgeschrieben und immer noch kann ich es mir nicht einmal vorstellen, wieder zu Arbeiten. Die meisten, die mit mir ankamen, wissen ihren Entlassungstermin bereits. Ich habe immer noch keinen blassen Schimmer. Gleichzeitig habe ich riesige Angst davor, vielleicht tatsächlich in vier Wochen schon wieder mit der Eingliederung beginnen zu müssen. Ich kann doch nicht einmal mit einer Freundin gemeinsam kochen, ohne dass mein Kopf hinterher wieder sehr deutlich „Überlastung“ meldet. Ich weiß nicht, wohin. Ich weiß nicht, wie.

Meine Schwester ist am Wochenende nach Berlin gezogen. Immerhin schon ein Stück näher als die letzte Station in London. Aber immer noch viel zu weit weg, um spontan in den Arm genommen werden zu können. Ich fühle mich einmal mehr einsam.

Einsam und ziellos. Dann wieder genervt. Ich will einfach nicht mehr heulen. Ich will endlich wieder ein normales Leben führen. Gleichzeitig habe ich Angst davor.

Die Therapiesitzungen sind auch nicht immer einfach. Die Gruppenstunden sind sehr von der Konstellation der Teilnehmer abhängig. Die Schematherapie Angst ist super, ich fühle mich wohl und finde auch den Rahmen, um zumindest hin und wieder offen sprechen zu können. Die Burn-Out-Gruppe, die eher psycho-edukativ angelegt ist, geht mir auf den Senkel. Viele Dinge, dich ich schon weiß, mit dem Beamer an die Wand geworfen. Es fehlt nur das Pult für die Dozentin / Therapeutin. Außerdem fühle ich mich in der Gruppe nicht wohl. Ich bin mit Abstand die Jüngste. Abgesehen von den Symptomen kann ich mich mit den wenigsten Problemen der anderen identifizieren. Ganz anders als in der Angstgruppe und auch anders als zu Beginn meiner Zeit in Windach sind mittlerweile vorrangig Menschen in dieser Therapie, mit denen ich lieber nichts zu tun haben will. Das sind keine angsteinflößenden Menschen, Nerds, Freaks oder sonst wie wirklich komische Leute. Aber einfach niemand, der mir sympathisch ist, keiner, der mir das Gefühl gibt, am richtigen Ort zu sein. Ich will in der Gruppe gar nicht über meine Antreiber, oder noch schlimmer, Gefühle, sprechen. Damit ist das Ziel ziemlich gut verfehlt.

Und auch in der Einzeltherapie geht es langsam ans Eingemachte. Die persönliche Biographie wird erarbeitet – und zwar nicht die berufliche Laufbahn, sondern vor allem die emotionale. Die eigene Persönlichkeitsstruktur. Auch hier habe ich meinen Wortschatz um ein neues erweitern dürfen. Es wird auch bewusst in die Tiefe gegraben. Wo liegt der Ursprung für die eigenen Handlungs- und Denkmuster. Früheste Erinnerungen. Da ist es doch manchmal erstaunlich, was sich bei einer, eigentlich glücklichen Kindheit, finden lässt. Dazu braucht es nicht einmal eine Scheidung oder gar schlimmere Dinge wie Missbrauch etc. Wie viele Spuren man bei Kindern hinterlässt – da stellt man sich schon mal die Frage, ob man es überhaupt verantworten kann, einmal selbst Mutter zu sein. Man kann es eigentlich nur falsch machen.

Die Therapien wühlen unglaublich auf. Erinnerungen, die man eigentlich, teils schon vor Jahrzehnten, begraben hatte, blubbern wieder auf. Die Emotionen, die damit verbunden sind. Gedanken kreisen stundenlang. Bis der Kopf wieder meldet – Pause! Das tut er meist mit einem leichten Druckgefühl dem raschen Absenken der Konzentrationsfähigkeit – was hast du gerade nochmal gesagt? – und vor allem auch einem sehr großen Verlangen nach Ruhe. Die bunten Ohropax sind momentan auf Dauereinsatz. Und zwar nicht, weil meine Zimmernachbarin schnarcht, sondern weil tagsüber die Geräusche, die von der Terrasse unter mir oder vom Gang in das Zimmer dringen, zu laut sind.

Klar, gibt es immer mal wieder gute Tage und Momente, und die Freude darüber, dass sie da sind, lassen mich manchmal auch beinahe so wie früher strahlen und lachen. Aber sind eben nach wie vor nur Momente. Wenn ich Glück habe, mal ein ganzer Tag.

Wir schreiben heute den 6. Oktober. Über Zeit darf ich gar nicht nachdenken.

 

Neue Woche

Am Samstagmorgen fuhr ich, wie jedes Wochenende, nach einem ausgiebigen Frühstück, nach Hause. Nach wie vor zu meinen Eltern. Meine Schwester, die offiziell ja bereits in der vergangenen Woche umgezogen war, war zum letzten Mal zu Hause. Am Sonntag würde sie endgültig nach Berlin ziehen, am Montag hatte sie dort ihren ersten Arbeitstag.

Das Wochenende war sehr unspektakulär. Ich war k.o., aber guter Laune, meine Eltern hatte ich nun seit vierzehn Tagen nicht gesehen, die Katze war da. Am Sonntag hatte ich ein mulmiges Gefühl. Meine Schwester war schließlich in den letzten Wochen immer da gewesen. Sie hatte immer Zeit gehabt, ich hatte sie jederzeit anrufen können. Nun würde sie nicht nur Vollzeit arbeiten, also telefonisch nicht erreichbar sein. Sondern auch noch in Berlin wohnen. Unendlich weit weg. Aber ich konnte sie verstehen. An ihrer Stelle wäre ich auch nach Berlin gegangen. Der Abschied war traurig. Wie so Abschiede eben sind.

Ich war dann auch nicht mehr lange da, ich packte hauptsächlich noch meine Sachen und machte mich dann auch auf den Weg zurück in die Klinik. Am Montagmorgen bekam ich keine Mirtazapin mehr. Die Ärztin führte meine schlechten Leberwerte darauf zurück, dass ich die Kombination meiner Medikamente eben nicht vertrug und hatte beschlossen, testweise die Mirtazapin abzusetzen. Über diese Entscheidung war ich einigermaßen erleichtert gewesen. Bei Johanna und diversen anderen Patienten hatte ich in den vergangenen Wochen miterleben dürfen, wie heftig die Nebenwirkungen und auch die späteren Entzugserscheinung der Psychopharmaka sein konnten, wenn man sie nicht vertrug. Ich hatte mich immer sehr glücklich geschätzt, dass ich bis dato keinerlei Probleme gehabt hatte. Nun wurden also bei mir die Mirtazapin abgesetzt. Das waren die Tabletten, die ich abends nahm, um einschlafen zu können. Am Tag bevor mir die Ärztin mitteilte, dass sie mir die Mirtazapin absetzen würden, war ich zum allerersten Mal seit Anfang Juli einfach so eingeschlafen. Ich hatte mich, wie so oft, am Nachmittag in mein Bett gekuschelt, weil ich erschöpft gewesen war, um so zu tun, als ob ich schliefe. Schlafen ging ja nie, aber das stille Ruhen tat auch gut. Und dabei war ich doch tatsächlich eingeschlafen. Von daher dachte ich, es wäre ein guter Zeitpunkt, das Mirtazapin abzusetzen – jetzt, wo ich schließlich auch von alleine wieder schlafen konnte. Jedenfalls, zurück zum Montagmorgen, war diesmal nicht einmal mehr eine halbe Tablette in meiner Tagesration Tabletten, die mir der Pfleger in der MZ in mein blaues Schächtelchen einsortierte. Damit war sie wohl endgültig ausgeschlichen. Ich nahm das zur Kenntnis, beunruhigte mich aber nicht weiter. Bislang hatte ich ja auch keinerlei Probleme mit der geringeren Ration gehabt.

Etwa um neun war das Morgenprogramm vorbei. Frühstück, Laufen, Tabletten holen, Duschen. Montagvormittag hatte ich immer frei, Johanna auch. Johanna war nicht besonders gut drauf. Das Wochenende war durchwachsen gewesen. Bei ihr hakte die Psychotherapie im Moment ziemlich und noch dazu passte bei ihr nach wie vor die Zusammenstellung der Tabletten nicht. Sie hatte zwar keine Nebenwirkungen mehr – das Zittern hatte aufgehört – aber dafür auch kaum Wirkung. Es war gerade noch okay. Aber in Kombination mit der schwierigen Therapiesituation nicht gut. Wir sind dann also nicht in die Stadt oder an den See gefahren, sondern hatten einen langen Spaziergang gemacht. Zu den Pferden, den Hasen, den Schafen und an dem malerischen Flüsschen entlang. Sonst verlief der Tag wie gewöhnlich. In der Kunsttherapie bastelte ich „meinen Rahmen“, den restlichen Nachmittag verbrachte ich relativ zurückgezogen. Ich schrieb mit meiner Schwester, wie es ihr denn so ginge. Und war früh im Bett. Meine Stimmung war nicht besonders gut. Aber ich schlief, auch ohne Tabletten, gut ein.