#goodpeoplearound

Wieder die gleiche Treppe, hundert Stufen vom Parkplatz bis zur Wohnungstür. Vor der Haustür war, dank der Baustelle im Turm nebenan, nicht einmal mehr Platz, um kurz zu halten. Ich: Verdacht auf Kreuzband- und Meniskusriss, Krücken.

Bepackt mit einem schweren Rucksack und einer leichten, aber nervigen Tasche mache ich mich also auf den langen Weg nach oben. Ohne die Tasche, die dauernd gegen meine rechte Krücke deppert, dauert es gute fünf Minuten, ich bin recht schnell unterwegs. Mit Tasche? Ich will es eigentlich gar nicht wissen.

Da steht auf einmal meine Nachbarin vor mir. Sie hatte eben ihre Balkonblumen gegossen und gesehen, wie ich voll bepackt, mit Krücken, die Treppe in Angriff genommen hatte. Das kann ja nicht sein, also kam sie mir die komplette Treppe entgegen, nimmt mir Tasche UND Rucksack ab und begleitet mich nach oben.

#somanygoodpeoplearound!

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Milkaherzen von den Zeugen Jehovas

Johanna, Steffi und ich hatten gerade die Slackline abgebaut und uns in Richtung der jeweiligen Zimmer verabschiedet – es war bereits halb acht, der Tag in der Psychiatrie so gut wie vorbei. Steffi würde noch mit ihrem Mann telefonieren, Johanna und ich debattierten gerade über das abendliche Fernsehprogramm, als es an der Tür klopfte. Draußen stand Frederik, der seit zwei Tagen eigentlich wieder zu Hause war. Er wohnte nicht weit entfernt und war extra noch einmal gekommen, meinte er, um sich bei uns drei Mädels zu bedanken, da wir ihn so freundlich aufgenommen hatten.

Frederik war noch jung, vermutlich um die zwanzig, Borderliner, und hatte sich selbst in die Psychiatrie eingewiesen. Er machte einen total normalen und netten Eindruck mit der blonde Surfer-Mähne und seinen ausgelatschte Adidas-Sneakers, saß beim Essen immer mit an unserem Tisch und war mit uns gemeinsam immer beim Walken gewesen. Aber von „besonders gekümmert“ konnte eigentlich nicht die Rede sein. Wie auch immer war er nun da und hatte für jede von uns Milkaherzen als Dankeschön dabei. Schokolade konnten wir sehr gut brauchen. Er war sichtlich nervös – Ich habe das noch nicht so oft gemacht, sagte er – bedankte sich artig bei uns und drückte uns nach einem kurzen Smalltalk eben die Pralinen sowie noch ein paar Zeitschriften in die Hand. Ich war immer noch etwas verwirrt über den plötzlichen Besuch. Er fragte noch, ob wir wüssten, wo Steffi wäre, er hätte für sie auch noch etwas dabei. Johanna ging mit ihm den Gang entlang, wo Steffi auf einer der Bänke saß und wie beinahe jeden Abend mit ihrem Mann telefonierte. Nach kaum zehn Minuten hatte sich Frederik wieder verabschiedet. Da schaute ich zum ersten Mal auf die Zeitschriften in meiner Hand. Ein „Wachturm“ und ein „Erwachet“. Die einschlägige Lektüre der Zeugen Jehovas. Ich war überrascht. Wir hatten nie über Religion gesprochen, aber Frederik hatte definitiv nicht wie einer der klassischen Vertreter der Zeugen gewirkt, die an der Haustüre oder an der Straße versuchten, zu missionieren. Der arme Kerl, dachte ich. So jung. Und hatte es sowieso schon nicht leicht. Und war er wohl auf der Suche nach Halt auch noch – meine Sicht – an die Falschen geraten.

Liebe alle,

heute ist Heilig Abend. Ein besonderer Tag. Es ist Weihnachten. Die Familie kommt zusammen. Ich freue mich darauf.

Es ist auch der Tag der Geschenke. Vor ein paar Tage habe ich in der „stadtgottes“ einen interessanten Artikel zum Thema Geschenke gelesen. Den ich nun leider nicht mehr finde, die Zeitschrift ist wohl schon in den Papiermüll gewandert. Jedenfalls, was ich euch daraus mitgeben wollte:

Geschenke zeigen, dass man sich mit einer Person auseinandergesetzt hat, sie einem wichtig ist. Soweit nichts neues. Aber den nächsten Satz, finde ich, könnten wir uns alle ein wenig mehr hinter die Ohren schreiben, und damit ein bisschen Stress sparen: Wer jemanden beschenkt, erwartet nicht, dass er auch etwas geschenkt bekommt. Sondern er erwartet, dass sich der Beschenkte über das Geschenk freut!

Ich habe auch ein kleines „Geschenk“  für euch, dass ich sozusagen ganz unerlaubt, weiter schenke. Ich sehe euch gerade nicht, deswegen müsst ihr euch auch nicht unbedingt darüber freuen 🙂

Meine Therapeutin aus dem BOZM hatte mir das die Tage geschickt. Die liebe Geduld…

Über die Geduld

Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles austragen – und
dann gebären…

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.

Er kommt doch!

Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…

Man muss Geduld haben

Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

Rainer Maria Rilke

Ich möchte mich bei euch allen bedanken: Ihr gebt mir einen triftigen Grund zu Schreiben und das Schreiben ist das beste Beruhigungs-, Entspannungs- und Verarbeitungsmittel, dass sich mir in den letzten Monaten aufgetan hat. Danke für das Lesen, für eure Kommentare, und eure vielen lieben Worte, ob hier als Kommentar, oder persönlich. Jedes einzelne davon war wichtig und wertvoll für mich.

Ich wünsche euch allen frohe Weihnachtstage im gemütlichen Familienkreis, mit viel Lachen, viel Gesang, vielen Plätzchen, und viel Liebe. Passt auf euch auf!

Eure Sophie