MBSR-Kurs, Tag 2

Alles eine Frage der Perspektive!

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Ist die Welt wirklich so, wie ich sie sehe?

Diese Frage habe ich mir vor meinem Burnout nie gestellt. Natürlich war die Welt so, wie ich sie sah, sie war ja schließlich da. Die Blumen gelb, der Himmel blau, die Berge hoch und das Meer weit. Außerdem: Was ich fühlte, war wahr. Und wenn mich jemand beleidigt hatte, dann hatte mich jemand beleidigt. Wenn ich aus einer Situation keinen Ausweg mehr sah, gab es keinen Ausweg.

Aber wie viele Jahrtausende haben die Menschen auch geglaubt, die Erde sei das Zentrum des Sonnensystems? Dabei dreht sie sich doch!

Die zweite Einheit des MBSR-Kurses hat mir eines meiner großen „Learnings“ meiner Burnout-Therapie wieder deutlicher in Erinnerung gerufen: Dreht sich die Welt um mich? Oder drehe ich mich um die Welt? Ist die Kassiererin wirklich unhöflich zu mir gewesen? Oder hat sie einfach einen schlechten Tag und ihre Laune gar nichts mit mir zu tun? Nur weil ich erwartet habe, dass die anderen von sich aus anbieten, abzuspülen, heißt das ja nicht, dass die anderen sich je dazu verpflichtet gefühlt hatten. Ich habe ja schließlich freiwillig angeboten, für alle zu kochen.

Alles eine Frage der Perspektive

Alles eine Frage der Perspektive: Ist das Schiff im Fjord wirklich so winzig, wie es gerade wirkt?

Ich sehe die Welt so wie ich gelernt habe, sie zu sehen. Wie denn auch sonst, ich kenne und kann es gar nicht anders. Es wird auch immer so sein, dass ich die Welt sehe, wie ich bin. Wer kennt das denn nicht? Bin ich gestresst, müde und schlecht gelaunt fallen mir die schönen Dinge weniger auf, dafür fällt alles Negative viel mehr ins Gewicht. Aber wie schön kann dann die haargenaue gleiche Welt plötzlich sein, nur weil ich verliebt bin?

Ich kann nicht verhindern, dass ich die Welt sehe, wie ich bin. Aber ich kann daran arbeiten, mir genau das immer wieder bewusst zu machen und meinen Blickwinkel zu erweitern, meinen Autopiloten mal ausschalten.

Wenn ich daneben stehe, ist ein Kreuzfahrtschiff unendlich riesig. Von oben, vom Fjord aus betrachtet, recht winzig. Was ist nun wahr? Beides – es ist nur eine Frage der Perspektive.

 

MBSR-Kurs, Tag 1

Achtsam mit Rosinen und dem eigenen Körper umgehen – und ganz schön viele Hausaufgaben!

Rosinen! Bäh!

Entweder man liebt Rosinen oder man hasst sie. Ich hasse sie. Aber gut, das hilft mir gerade auch nichts – erwartet doch die Kursleiterin, dass ich mich trotzdem, achtsam, diesen drei Rosinen da vor mir nähere. Einer nach der anderen.

Ich soll die erste ganz genau betrachten. Minutenlang. Wie ein kleines glänzendes Gehirn sieht sie aus. Eigentlich ganz hübsch. Dann daran riechen. Ich schnuppere, drehe und wende sie. Nach viel riecht sie nicht. Danach soll ich tatsächlich dran hören. Als ob eine Rosine sänge… sie singt nicht, nein. Aber sie verändert den Luftzug zu meinem Ohr und damit irgendwie auch ein bisschen meine Wahrnehmung. Rechts mehr wie links. Schließlich soll ich sie natürlich doch in den Mund nehmen. Also, ich darf – aber wenn ich mich meiner Selbstfürsorge entsprechend dafür entscheide, sie nicht zu essen, ist das auch okay. Aber wer immer tut was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist, also nehme ich die Rosine in den Mund. Besser: ich lege sie einfach auf meine Zunge. Ich schmecke gar nicht so viel. Vor allen Dingen ist sie nicht so süß wie erwartet. Dann ertaste ich sie mit der Zunge: die kleinen Rosinen-Hirnwindungen fühlen sich witzig an. Schließlich breitet sich langsam ein Geschmack in meinem Mund aus. Es schmeckt schon nach Rosine, aber nur ganz sanft – nicht so aufdringlich pappsüß, wie sonst alles. Eigentlich ganz gut denke ich, als ich sie schlucke.

Die zweite esse ich ein wenig schneller. Auch okay. Die dritte so wie immer. Bäh! Rosinen schmecken einfach nicht!

Das war, kurz gefasst, eine der zentralen Übungen der ersten Kursstunde. Nach einem Kennenlernen durfte wir uns eben mit „Anfängergeist“ an unseren drei Rosinen versuchen. Ich war überrascht, wie viel Neues ich an diesen Rosinen, an etwas, was ich schon hunderttausende Male in der Hand und im Mund gehabt hatte, entdeckte. Verrückt.

So, wie wir die Rosine neu entdeckt hatten, lud uns die Kursleiterin dann ein, unseren Körper neu zu entdecken. Auf dem Rücken liegend oder sitzend, in bequemer Kleidung, führte sie uns durch einen Body-Scan. Auf ihre Anleitung hin wanderten wir dann vierzig Minuten mit unserer Aufmerksamkeit durch den eigenen Körper: Wie liegt die Ferse auf? Was spüre ich in den Zehenspitzen? Kälte? Wärme? Feuchtigkeit? Einen Bewegungsimpuls? Schmerz? Nichts? Wie geht es meinem Knie gerade? Was spüre ich dort? Ziel dieser Übung ist es, den eigenen Körper, der uns Tag für Tag durch unser Leben trägt und meistens nur beachtet wird, wenn er nicht mehr richtig funktioniert, wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken – sich selbst wieder besser zu spüren. Und, Ziel zwei – es zu üben, auch unangenehme Situationen auszuhalten: Den verspannten Nacken zu spüren, ohne etwas dagegen zu tun. Oder den Bewegungsimpuls, und wenn er noch so groß ist, vorübergehen zu lassen.

Zugegeben, die Rosinen haben bei mir besser funktioniert. Ich bin beim Body-Scan immer wieder weggedöst und konnte mich kaum konzentrieren. Aber dafür habe ich eine Woche Zeit zum Üben. Da der MBSR-Kurs mir vor allem im Alltag helfen soll, muss ich die Achtsamkeit – logisch – auch in meinen Alltag integrieren. Diese Woche: täglich einen Body-Scan und achtsam essen.

Rollenspiel

Donnerstag. Ich hatte einen neuen Plan: Er fühlte sich richtig und gut an. Und ich fühlte mich tausendmal leichter. Pilates tat unglaublich gut (der störende ältere Herr vom letzten Mal war diesmal, nach intensiver Einweisung durch die Trainerin, ruhig). Und in meiner Einzeltherapie heute würde ich meiner Therapeutin meinen neuen Plan präsentieren. Sie war nicht sonderlich begeistert davon, dass ich mir bis Neujahr Zeit geben wollte – viel zu lange, wie sie meinte – aber sie akzeptierte, dass ich die Eingliederung mit meiner Ärztin zu Hause planen wollte. Einzige Bedingung: Ich legte ihr bis nächste Woche einen detaillierten Tages- und Wochenablaufplan für die Zeit bis zum Start der Eingliederung vor. Läuft.

Schließlich widmeten wir uns dem Gespräch mit meinem Chef. Was wollte ich sagen? Und vor allem: was erwartete ich mir davon? Lange, lange Zeit hatte ich gehofft, ein solches Gespräch würde irgendetwas ändern. Obwohl ich eigentlich insgeheim immer wusste, dass es das nicht tun würde. Genau deshalb hatte ich mir wohl auch die letzten Monate so schwer getan, ein direktes Gespräch unter vier Augen zu suchen. Mittlerweile war ich zu der Einsicht gekommen, dass das Gespräch wohl an seinem Verhalten vermutlich nichts ändern würde, ich es aber brauchte. Ich wollte einfach meine Sicht der Dinge darlegen – ob sie angenommen wurde oder nicht, ich brauchte klare Verhältnisse um mir damit innerlich die Basis für einen Neuanfang zu schaffen. Ich erwartete nichts mehr. Ich musste mit mir selbst klar kommen, und dazu brauchte ich das Gespräch. Das akzeptierte – zu meiner Überraschung – dann auch meine Therapeutin. Unter diesen Umständen sei es sinnvoll, ein Gespräch zu führen. Ich hatte bereits nach der Gruppentherapie versucht, einen Brief zu verfassen. Hatte aber schnell festgestellt, dass viele der Punkte, die ich anbringen wollte, sinnlos waren. Weil sie entweder zu persönlich oder zu kritisch waren, als dass man auf deren Basis ein halbwegs vernünftiges Gespräch hätte führen können. Ich wollte nicht mehr das kleine Mädchen, also vor allem: das verletzte Kind sein, sondern ein ebenbürtiger Gesprächspartner auf Augenhöhe. Also hatte ich mich neu sortiert. Und übte nun mit meiner Therapeutin im Rollenspiel.

Spaß war das keiner. Aber es war notwendig. Selbst wenn mir „nur“ die Therapeutin gegenüber saß, die weder optisch noch sonst irgendwie Ähnlichkeiten mit meinem Chef hatte, verwandelte ich mich anfangs – zack: in ein kleines Mäuschen! Bei meinen 1,77m. Es dauerte tatsächlich die komplette Therapiestunde, bis ich es hinbekam, während des Gesprächs auf Augenhöhe zu bleiben. Das mein „Chef“ nicht das „Verletzte Kind“ in mir Ansprach, sondern den „Gesunden Erwachsenen“. Da waren sie wieder, meine Freunde.

Verrückte Sache

Mittwoch. Mittwoch heißt Angsttherapie. Und Angsttherapie heißt meine Einzel-Therapeutin. Und meine Einzeltherapeutin bestand darauf, dass ich diesmal ein Thema hatte. Ich hatte da eine andere Meinung. Aber sie duldete keine Widerrede. Also hatte ich zum ersten Mal ein Thema.

Obwohl ich nun schon seit sage und schreibe acht Wochen in dieser Gruppe war, mich wohlfühlte, die Leute kannte, widerstrebte es mir eigentlich ziemlich, mein „Problem“ vor der Gruppe auszubreiten. Es hatte schließlich wenig mit Angst zu tun, fand ich. Die Therapeutin sah das offensichtlich anders. Also sollte ich nun mit der Gruppe gemeinsam eine Strategie für das Gespräch mit meinem Chef, das ich führen wollte, entwickeln. Also erzählte ich zuerst meine Geschichte. Und dann steuerten die anderen ihren Input bei. Der tatsächlich hilfreich war.

In der Gruppe waren mittlerweile ein etwa 45-jähriger Ingenieur, ebenfalls wegen Burnout in Behandlung, und eine Studentin, die wegen PTBS hier war. Völlig unterschiedlich, alle beide. Logisch. Und völlig unterschiedlich auch ihr Feedback. Aber beides megawichtig.

Die Studentin meinte, ganz ehrlich, wenn du in dem Gespräch zu weinen beginnst, dann ist das eigentlich kein Problem. Es wird nur zum Problem, wenn dein Gegenüber nicht weiß, wie er damit umgehen soll. Merk dir das: Nicht du bist das Problem – du bist ja auch nur ein Mensch –, sondern der, der mit dir als Mensch nicht umgehen kann oder will, hat das Problem.

Und der Ingenieur erklärte mir, dass mein Chef ja auch nur mein Chef sei. Nicht mehr. Nicht weniger. Der selber einen Chef hat. Mit dem er selbst vielleicht auch Probleme hat. Und eine Personalabteilung im Nacken. Und wenn es blöd läuft, sogar einen Betriebsrat.

Da habe ich monatelang, ja mittlerweile jahrelang das Problem hin und her gewälzt, fünftausendmal Gespräche ersonnen und es trotzdem nicht geschafft, eine andere Perspektive einzunehmen. Dazu mussten erst zwei wildfremde Menschen kommen. Und sie haben sogar Recht. Verrückte Sache.

 

 

Grenzen setzen

Die letzte Therapiestunde in der Burnoutgruppe hatte für Gesprächsstoff in unserem doch eher eintönigen Klinikleben gesorgt. Wir hatten außerdem eine neue Zimmernachbarin bekommen, nachdem die griesgrämige Dame Ende letzter Woche entlassen worden war (immer noch ähnlich griesgrämig, aber vielleicht -so genau wussten wir das nicht, frisch verliebt). Der Neuzugang am Donnerstag war  eine liebenswerte Spanierin mit Lockenkopf aus Niedersachsen und Jeanette war nach einer nervenaufreibenden Woche im Zimmer meiner Tischnachbarin wieder zurück in die Psychiatrie gewechselt. Es war wieder was los hier, die Ablenkung konnte ich gebrauchen.

Wassergymnastik war wie immer kalt, das Mittagessen wie immer gut (leider waren unsere Tischneuzugänge nicht halb so unterhaltsam wie ihre Vorgängerinnen), und dann traf sich die Burnout-Gruppe wieder. Wir waren gespannt, wie es weitergehen würde. Meine Nachbarin hatte sich den Ausraster des Hengstes ziemlich zu Herzen genommen. Diese Totschlagargumente von Männern habe sie so satt, sagte sie. Sie hatte sich vorgenommen, genau das heute anzusprechen.

Wir waren alle wieder im Raum versammelt. Das heißt: fast alle. Der Beamte war nicht da. Wir eröffneten, wie immer in einem Blitzlicht, taten uns alle etwas Gutes. Und Sophie, meine Nachbarin, fügte hinzu, dass sie gerne die Stunde von letzter Woche noch einmal rekapitulieren würde. Die Therapeutin nahm den Vorschlag an, sie hatte selbst vorgehabt, mit uns noch einmal darüber zu sprechen – die Wogen schienen geglättet. Sie fügte an, dass der Beamte auf eigenen Wunsch die Klinik verlassen hatte, denn der Aufenthalt würde ihm nichts bringen und niemand verstünde ihn und sein Problem hier. Dann ergriff der Hengst das Wort. Er entschuldigte sich bei uns, und auch direkt bei Sophie. Er hätte lange mit seiner Therapeutin über seinen Ausraster gesprochen, es war zwar bedauerlich, aber doch auch gleichzeitig sehr hilfreich für seine Therapie gewesen. Und er versuchte zu erklären, warum er so ausgerastet war. Dafür hatte ja nach wie vor niemand von uns eine schlüssige Erklärung gehabt, so schnell war er auf und davon gewesen. Und, siehe da – es handelte sich um ein wirklich minimales Missverständnis, das mit zwei Sätzen aus der Welt gewesen wäre. Wie doch so oft: Kommunikation ist alles. Da wir schon alle so offen sprachen, erbaten wir uns auch gleich weniger aggressive Wortmeldungen, so dass wir auch wieder zu Wort kommen würden. Und siehe da – in dieser Stunde funktionierte es tatsächlich.

Nach der Pause – es war meine letzte Stunde – blieb vor meiner Verabschiedung noch Zeit für eine letzte Übung zum Thema „Grenzen setzen“ (ganz passend zu Sophies‘ erster Wortmeldung). Wir sollten uns einen Partner suchen und uns im Raum, einige Meter gegenüber voneinander aufstellen. Daraufhin sollte ein Partner auf den anderen zu gehen, bis dieser ihm wortlos „Stopp“ signalisierte.

In den letzten Wochen hatte sich mein „Raumbedarf“ wieder in annähernd normal verringert. Man konnte mir wieder etwas näher kommen, ich hielt es wieder aus. Trotzdem war die Übung für mich enorm schwierig. Ich war die, die als erste auf meine Partnerin zugehen sollte. Es war meine Zimmernachbarin, die ich ja gut kannte und mochte. Dennoch spürte ich deutlich, als ich meine eigene Grenze überschritt. Aber sie hatte noch nicht „Stopp“ signalisiert, ich musste weiter auf sie zu gehen. Ich fühlte mich unwohl und wich, sobald ich das Gefühl hatte, ich durfte, nun wieder einen großen Schritt zurück in Richtung Raummitte. Schließlich kehrten wir das Experiment um. Ich war erleichtert, nun durfte ich die Grenze setzen. Es war verdammt schwierig. War es okay, die Grenze so weit vorn zu setzen? Oder würde ich Sophie mit dieser Entscheidung verletzen? Schließlich ließ ich sie einige Zentimeter weiter gehen als mir lieb war.

Es war verdammt schwierig, meine eigene Grenze zu setzen.  Deutlich einfacher war es für mich gewesen, Sophies Grenze anzunehmen – auch wenn ich mich damit unwohl fühlte.

 

Die eigenen Ressourcen aktivieren

Wassergymnastik tat gut. Ein bisschen komisch im Wasser herumhüpfen. Weil heute die Sonne durch die Fenster auf das Wasser schien, war es ausnahmsweise auch mal gar nicht so kalt. Meine neue Zimmernachbarin war auch mit in der Wassergymnastik – eine Positiv-Verrückte mehr dort, das machte es auch deutlich besser.

Beim Mittagessen erfuhr ich, dass Jeanette mittlerweile die Klinik verlassen hatte und zurück in der Psychiatrie war. Sie war nach ein paar Tagen hier tatsächlich im Zimmer meiner Tischkollegin gelandet. Anfangs, als ich das hörte, hatte ich mich sehr zurückgehalten – nur weil ich sie furchtbar fand, mussten andere sie ja nicht auch so schlimm finden – aber, was soll ich sagen. Nicht nur ich fand sie furchtbar. Wie ich in der Psychiatrie hatte sich auch meine Tischkollegin, nach einem ersten freundlichen Versuch, vor ihr regelrecht versteckt. Sie hielt mit ihrer Schnarcherei natürlich auch dieses Zimmer die ganze Nacht wach – und ich dankte innerlich einmal, dass ich hier immer Glück mit meinen Zimmernachbarinnen hatte – und legte sich schließlich sogar mit dem Personal, der Putzfrau und den Therapeuten an. Die ganze Klinik kannte sie. Die ganze Klinik ging ihr spätestens nach der zweiten Begegnung aus dem Weg. Schließlich ging sie zurück in die Psychiatrie.

Danach war wieder Burnout-Gruppe. Drei Sitzungen hatte ich noch vor mir. Immerhin hatte ich mit Iris endlich eine Verbündete in der Runde, aber den Beamten und den Hengst eineinhalb Stunden lang in ihren sich abwechselnden Monologen zu ertragen, war nicht leicht. Mittlerweile war mir sogar die hagere Krähe regelrecht sympathisch geworden, ganz im Vergleich zu den beiden. In dieser Stunde ging es um die Basics der Stressbewältigung. Und damit meine ich wirklich Basics. Wir sollten unsere Alltag hinterfragen, von Wann stehe ich auf und wann gehe ich ins Bett? über Wann und was esse und trinke ich? bis hin zu Was tue ich, um mich geistig zu bewegen? und Wie sehen meine zwischenmenschlichen Kontakte aus?

Der Grundtenor: Nur, wenn ich anfange, mich selbst besser zu behandeln, werde ich auch anfangen, mich besser zu fühlen.

Nach einem kleinen Exkurs zur Schlafhygiene (Einschlafritual!) und einer Selbstbefragung zum Thema Wobei kann ich mich gut erholen und wie kann ich das in meinen Alltag integrieren? bekamen wir diesmal eine Hausaufgabe: die Aktivierung unserer eigenen Ressourcen.

Was man darunter versteht? Alles, was uns Kraft gibt. Das kann Materielles sein – in meinem Fall mein Auto, meine Wohnung, bestimmte Bücher – aber auch eben Dinge, die man nicht täglich vor Augen hat, die man sich immer wieder bewusst machen sollte:

Die eigenen Stärken: Talente, Fähigkeiten und Werte, die man an sich selbst besonders schätzt, Fähigkeiten, auf die man sich selbst in schlechten Zeiten verlassen kann, auf die man bauen kann.

Soziale Kraftquellen: Welche Personen in meinem Umfeld, welche Vorbilder, Idole, Tiere oder auch fiktive Personen geben mir Kraft?

Und, ganz besonders, denn das vergisst man allzu gern: Welche Schwierigkeiten habe ich in meinem Leben schon gemeistert? Wir alle haben mit Sicherheit schon schwierige Zeiten hinter uns gebracht – die haben wir mehr oder weniger gut gemeistert, aus denen haben wir aber auf jeden Fall gelernt, ganz nach dem Motto: Was uns nicht umbringt, macht uns stark. Ruft euch das in solchen Zeiten wieder ins Gedächtnis.

Dann war Pilates, was wie immer verdammt gut getan hat. Dann Einzeltherapie. Ich hatte ein wenig Angst davor, war unruhig. Meine Therapeutin fing diese Unruhe und Nervosität aber gleich am Anfang ganz gut ab. Wir würden das Thema Eingliederung erst einmal für diese Woche ruhen lassen. Außerdem bot sie mir an, meinen Entlasstermin um eine Woche zu verschieben – dann hatte ich noch vier Wochen Zeit, statt nur drei. Und ich sollte trotzdem bitte den Termin bei der Sozialtherapeutin wahrnehmen – die könnte mich ja nicht nur mit der Eingliederung unterstützen, sondern auch, wenn ich mir wirklich nicht wieder vorstellen konnte, dorthin zurückzugehen, mir möglicherweise Alternativen aufzeigen. Und schließlich: Wir können Sie auch gar nicht zu einer Eingliederung zwingen. Ich halte das zwar für sinnvoll. Aber ohne Ihre Unterschrift geht das nicht. Das war zwar nicht alles ganz so in meinem Sinne. Aber immerhin hatte ich nun ein wenig Aufschub erhalten. Danach besprachen wir noch die Ergebnisse des Persönlichkeitstests, den ich während ihres Urlaubs gemacht hatte. Ich hatte von ihr einen Auszug aus einem Buch erhalten, das die verschiedenen „Stile“ sehr detailliert beschreibt. Und ja, ich fand mich wieder. „Haltung bewahren ist nicht ihre Sache“, „sie haben wenig übrig für die trockenen Seiten des Daseins; Details, Routine, Planen und Finanzen“ und selbst die erste Berufsgruppe, die als typisch für diesen Stil aufgeführt wird: Public Relations. Natürlich fand ich mich nicht in jedem einzelne Satz und Charakteristik wieder – aber doch in erstaunlich vielen.

Ich gehöre nicht zu den Frauen, die jeden Psychotest machten, die an Horoskope oder Astrologie glauben (übrigens ganz im Gegensatz scheinbar zu meinem „Stil“). Aber da ist wohl doch etwas dran. Mehr als nur ein bisschen.

Der Wunschkuchen

Mittlerweile waren wir in der Burnoutgruppe wieder an die zehn Leute. Die Apothekerin war immer noch da, ich, meine neue Zimmernachbarin, die Magersüchtige, dann außerdem ein Beamter, der recht unflexibel war, und der Hengst. War der Beamte schon eine Bereicherung für die Gruppe gewesen – es ging beinahe nur noch um ihn und seine Probleme, er scheute keine Diskussion mit der Leiterin oder anderen Gruppenmitgliedern und zudem war er recht unflexibel, was seine Denkweise angeht. Zusätzlich war er wohl der erste Mensch, den ich kennenlernte, der partout nicht wusste – oder sich bewusst verweigerte, sein erklärtes Ziel des Klinikaufenthalts war schließlich die Erlangung einer Arbeitsunfähigskeitserklärung (mit Anfang 30!!) – womit er sich etwas Gutes tun konnte. Spazieren gehen? Es ist windig. Eine Tasse Kaffee? Trinke ich nicht. Tee? Trinke ich den ganzen Tag, das ist nichts Besonderes. Ein Stück Kuchen vielleicht? Sehen Sie mich an, damit tue ich mir nichts Gutes. Es muss doch irgendetwas geben, was sie gerne machen, womit sie sich etwas Gutes tun können? Zuhause bin ich gerne geschwommen, aber die Klinik ist ja zu geizig, um das Wasser zu heizen, so dass man schwimmen könnte. Ihr seht schon. Ein sehr anstrengender Patient.

Jedenfalls, war der Beamte schon eine Bereicherung für die Gruppe gewesen, schoss der Hengst den Vogel ab. Seine Vorstellung dauerte mehrere Minuten. Er war in der Gastronomie selbstständig gewesen, Konkurs gegangen und dadurch nun in den Burnout gerutscht. Wir erfuhren sehr detailliert über sämtlich Behörden und die Verbraucher, die ihn in den Ruin getrieben hatten. Zudem beschrieb er seinen Charakter sehr detailreich, indem er dessen einzelne Elemente mit verschiedenen Tieren verglich. Ein Adler war dabei, aber der stolze Araberhengst, der ist bei mir und meiner Zimmernachbarin, Sophie, am meisten hängen geblieben. Der Hengst. Ein Mann, der sich offensichtlich viele Gedanken über sich selbst macht.

Die Burnoutgruppe war zwar nach wie vor nicht meine Lieblingsgruppe, aber nun hatte ich erstens mit Sophie wieder eine Verbündete in der Runde, und zweitens war es, eine Zeit lang zumindest, amüsant zu beobachten, wie sich Hengst und Beamter um den höchsten Redeanteil duellierten. Sonst kam niemand mehr zu Wort. Selbst die leitende Psychologin hatte zu kämpfen. Ruhe herrschte nur bei Stillarbeit. In dieser Stunde: Der Wichtigkeitskuchen. Wir sollten in einem Kuchendiagramm eintragen, welche Lebensbereiche aktuell wieviel Zeit in unserem Leben einnehmen. Arbeit, Partnerschaft, Familie, Gesundheit, Freunde und Verwandte, Wohnen und Finanzen und Freizeit. Gar nicht so einfach, das auf’s Papier zu bringen. Und ehrlich zu sich selbst zu sein.

Dann im zweiten Schritt: Der Wunsch-Wichtigkeitskuchen: Wie hätte ich es denn gerne? Was ist halbwegs realistisch umzusetzen? Welche Bereiche kann oder muss ich kürzen, um meinem Wunschkuchen möglichst nahe zu kommen?

Macht das mal! Man hat es doch meistens im Kopf. Immer das Gefühl, dass man zu diesem und jenem nicht kommt. Nichts anderes mehr macht als Arbeiten. Stimmt das wirklich? Und wenn tatsächlich – was sind denn die Rädchen, an denen ich drehen kann, um den Ist-Zustand zu verbessern?