Buchtipp: Sophia, der Tod und ich

Was passiert eigentlich, wenn das Sterben mal so richtig schief geht? Ganz einfach: der Tod bleibt da.

Lang, lang ist es her, dass ich hier den letzten Buchtipp veröffentlicht habe. Weil ich leider nicht mehr so viel zum Lesen komme, seit mich die Ausbildung beschäftigt, weil die Bücher, die ich gelesen habe, nicht wirklich empfehlenswert waren und weil ich sage und schreibe das komplette vergangene halbe Jahr mit der spanischen Originalversion von „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ verbracht habe…

Jedenfalls habe ich vergangenes Wochenende im unaufgeräumtesten Bücherregal aller Zeiten bei einem Kumpel eben Thees Uhlmanns „Sophia, der Tod und ich“ entdeckt. Obwohl nicht absehbar war, dass ich im nächsten halben Jahr – danke, Staatsexamen – wirklich Zeit haben würde zu Lesen, lieh ich es aus. Prompt wurde ich in der darauffolgenden Woche krank und war heilfroh, dass da nun immerhin noch ein Buch in meinem Regal stand, das weder Fachliteratur noch bereits gelesen war.

Uhlmann liest sich leicht und locker. Er nimmt einen direkt mit in die Welt seines Ich-Erzählers. Und der sinniert über Kaffeeduft, alte Polen, Fußballspiele und eine alte Liebe, an was man eben so denkt – bis plötzlich der Tod vor ihm steht.

Doch das Sterben geht schief. Gründlich sogar – und so bleibt nicht nur der Protagonist vorerst am Leben, sondern er behält den Tod an seiner Seite. Mitten im Leben. Schönschönschön? Ja nu, erklärt ihr mal eurer Ex-Freundin, eurer Mutter und dem eigenen Sohn, den ihr seit sehr, sehr langer Zeit nicht gesehen habt, dass das neben euch der Tod ist. Immerhin: Der Tod ist sehr freundlich und kommt gut an.

Uhlmanns Geschichte ist von vorn bis hinten verrückt, manchmal tiefenphilosophisch oder traurig, aber gleich im nächsten Moment wieder urkomisch und einfach schön. Sophia, der Tod und ich – 318 Seiten Lebensfreude.

Buchtipp: So was von da

von Tino Hanekamp.

„So was von da“ komprimiert den ganzen Wahnsinn des Lebens auf 24 Stunden.

Es ist Silvester, die letzte Nacht des Clubs, es soll eine rauschende Party werden. Und es wird eine rauschende Party. Man folgt Oskar Wrobel, der allen Umständen trotzend seine To-Do-Listen abarbeitet, hinein in ein überschäumendes, atemloses Leben: beängstigend, begeisternd, überfordernd, unmittelbar. In vierundzwanzig Stunden nimmt Wrobel die Welt auseinander, während seine Welt auseinander genommen wird. Er analysiert große Themen wie Familie und Freundschaft, beschreibt, wie jeder für sich allein und trotzdem doch gemeinsam kämpft. Er beschreibt ein Leben ohne doppelten Boden, ohne Versicherungen und Sicherheit – mit dem Effekt, dass ich mir beim Lesen nichts sehnlicheres Wünsche, als ganz genau so unmittelbar im Leben zu stehen, so was von da eben, – und gleichzeitig mehr als heilfroh bin, einen dicken, doppelten Boden zu haben.

Diese unmittelbare, fordernde Erzählung führt Hanekamp auch sprachlich weiter. Er bringt Marc Aurel, Baudelaire, Songtexte und To-Do-Listen zusammen und spielt die visuellen Möglichkeiten der Schrift aus. Absoluter Lesetipp!

Buchtipp: Alle Toten fliegen hoch – Amerika

Und einmal mehr Tote. Aber immerhin erst in der Mitte des Buches. Auch wenn es das eigentlich ganz zentrale Thema des Romans von Joachim Meyerhoff ist, tritt es nicht stark hervor. Man liest fast ein bisschen drüber – genauso wie die Hauptfigur weiterlebt, und nicht genau hinsehen will.

Die Hauptfigur, ein Ich-Erzähler, 17 Jahre alt, aufgewachsen auf einem Psychiatriegelände als Sohn des Direktors der Klinik, bricht auf, er lässt die norddeutsche Provinz hinter sich und tauscht sie für ein Austauschjahr gegen die amerikanische ein. Sachlich, reflektiert manchmal ironisch, trocken, sehr oft sehr witzig und trotzdem zwischen den Zeilen sehr behutsam berichtet er über dieses Jahr.

Das Buch ist das erste in einem mehrteiligen Zyklus von Meyerhoff. Es ist auf seine nüchterne Art sehr fesselnd und nimmt einen mit in die Weiten Wyomings und die enge der norddeutschen Kleinstadt, in „The German“s Leben und lässt gleichzeitig die eigene Jugend, den eigenen Aufbruch, wieder aufleben. War das nicht die aufregendste Zeit?

Ein unterhaltsames Buch, das sich leicht und abwechslungsreich liest ohne dabei auch nur im Mindesten seicht zu werden: Unbedingt Lesen!

 

 

„Es kommt mir mehr und mehr so vor, als wäre die Vergangenheit ein noch viel ungesicherterer, weniger verbürgter Ort als die Zukunft. Das, was hinter mir liegt, soll das Gesicherte sein, das Abgeschlossene, das Gewesene, das nur darauf wartet, erzählt zu werden, und das vor mir soll die sogenannte zu gestaltende Zukunft sein?

Was, wenn ich auch meine Vergangenheit gestalten muss? Was, wenn nur aus einer durchdrungenen, gestalteten Vergangenheit so etwas wie eine offene Zukunft entstehen kann? Es ist ein bedrückender Gedanke, aber hin und wieder kommt mir das Leben, das noch vor mir liegt, wie eine für mich maßgeschneiderte, unumgänglich zu absolvierende Wegstrecke vor, eine Linie, auf der ich vorsichtig bis zum Ende balancieren werde.

Ja, daran glaube ich: Erst, wenn ich es geschafft haben werde, all diese abgelegten Erinnerungspäckchen wieder aufzuschnüren und auszupacken, erst wenn ich mich traue, die scheinbare Verlässlichkeit der Vergangenheit aufzugeben, sie als Chaos anzunehmen, sie als Chaos zu gestalten, sie auszuschmücken, sie zu feiern, erst wenn alle meine Toten wieder lebendig werden, vertraut, aber eben auch viel fremde, eigenständiger, als ich mir das jemals eingestanden habe, erst dann werde ich Entscheidungen treffen können, wird die Zukunft ihr ewiges Versprechen einlösen und ungewiss sein, wird sich die Linie zu einer Fläche weiten.“

Joachim Meyerhoff, Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war, S. 348

Buchtipp: Blasmusikpop

…oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam von Vea Kaiser

Noch ein Spiegel-Bestseller für euch! Vea Kaiser ist eine junge, österreichische Autorin, die mittlerweile zwei Romane veröffentlicht hat. Eben Blasmusikpop und Makarionissi. Beide sind sehr empfehlenswert, das Erstlingswerk finde ich jedoch besser, deswegen stelle ich euch dieses hier vor.

Aus dem Klappentext:

„Fischbandwurm, eine Seifenkiste mit Kurs auf den Mond, eine schwangere Dorfprinzessin, eine altphilologische Geheimgesellschaft, ein Jungfußballer mit dem Herz am rechten Fleck, eine sinistre Verschwörung der Dorfältesten sowie jede Menge poppige Blasmusik gehören zum einzigartigen Mikrokosmos des abgeschiedenen Bergdorfs St. Peter am Anger.“

Vea Kaiser erbaut in ihrem Roman ein Dorfgesellschaft, die so real ist und gleichzeitig doch in einem völlig anderem Kosmos zu spielen scheint – ein wenig wie in Jonas Jonassons „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ (und wer das noch nicht gelesen hat, sollte das als allererstes nachholen!). Zugegeben, anfangs ist das Ganze ein wenig langatmig. Der Fischbandwurm ist dann eben doch nicht so attraktiv. Was die Autorin dann aber, etwa ab dem zweiten Drittel, an Kuriositäten, einem großen Schuss Ironie, Witz und nicht zuletzt auch Emotionen zu einem großen Roman verknüpft, ist wunderbar. Schon lange nicht mehr habe ich beim Lesen so viel gelacht. Denn so absurd die Geschichte von St. Peter am Anger manchmal erscheint: Wir alle kennen ein St. Peter am Anger. Oder zumindest ihre Dorfältesten. Oder eine Dorfprinzessin. Oder. Oder. Oder.

Wahnsinnig witzig, charmant geschrieben, herrlich verrückt. Ein wunderbares Buch! Herzlichen Dank nach Österreich dafür.

Ach ja: Der 1. FC St. Pauli kommt darin auch zu einem großen Auftritt!

 

Buchtipp: Schwimmen mit Elefanten

Die Japanerin Yoko Ogawa verfasst den Roman im Jahr 2009, ins Deutsche übersetzt wurde er 2014.

Eine Elefantendame auf dem Kaufhausdach, ein Schachgenie, das in einem ausrangierten Bus wohnt, ein Mädchen, das in einer schmalen Mauerritze aufwächst und schließlich im geheimnisvollen Schachklub unter dem Meer wieder auftaucht und nicht zuletzt der kleine Aljechin, der Kater Pawn und die Läufer: Ein Roman, verrückt, manchmal grotesk, hin und wieder absurd, ohne deutlichen Spannungsbogen und dennoch lesenswert: Die Autorin bedient sich einer hinreißenden Sprache und gefühlvoller Poesie, sie erweckt ihre fantastischen, sehr eigenwilligen Figuren zart, aber dennoch kraftvoll zum Leben und überwindet mit ihnen die Grenzen des Verstands, sie verdreht unsere Wahrnehmung und Weltanschauung manchmal regelrecht. Wenn dieses Buch ein Film wäre, käme es dem etwas mystischen „Grand Budapest Hotel“ wohl am nächsten.

Der Roman ist nicht unbedingt eine einfache Lektüre – wunderschön und aufregend aber für alle, die sich an hin und wieder faszinierend absurden Geschichten und vor allen Dingen an der fantasievollen Sprache Ogawas erfreuen und natürlich Schachfans. Schachgrundkenntnisse sind wohl hilfreich, aber nicht unbedingt notwendig.

Buchtipp: Couchsurfing im Iran

Kein Roman, keine Liebesgeschichte, kein Thriller, trotzdem hochinteressant und anregend (was die eigenen Urlaubspläne betrifft):

Spiegel-Journalist Stephan Orth nimmt uns in seinem Buch mit auf seine Reise durch den Iran. Beim Couchsurfing – dabei organisiert man sich private Übernachtungsmöglichkeiten via Internet – erlebt er das Land und seine Menschen sehr intensiv. In einem angenehmen, oft witzigen Schreibstil erklärt er uns in Nebensätzen die Kultur des Iran, zeigt Paradoxe auf oder bringt uns Dinge über die iranischen Geschichte bei.

Für mich war das im Sommer ideal: Nichts gefühlsduseliges, aber eine gute und interessante Ablenkung von meinem eigenen Kopfkino. Diesmal auch garantiert ohne Selbstmord 😉 Der Autor lebt noch.

Wer also noch bisschen was vom Weihnachtsgeld überhat und gerne reist oder sich einfach für andere Kulturen interessiert: Gutes Investment!

 

Buch- und Filmtipp: Silver Linings

„Silver Linings“ bedeutet übersetzt Silberstreif, also der goldfarbene oder silbrige Rand, den Wolken haben, wenn die Sonne hinter ihnen steht. Im Englischen existiert zudem das Sprichwort „every cloud has its silver lining“, was frei übersetzt in etwa „es ist nie alles schlecht“ bedeutet.

Ich habe das Buch auf Englisch gelesen („Silver Linings Playbook“), verzeiht mir daher bitte, wenn sich der ein oder andere englische Ausdruck hier einschleicht.

Pat ist nach Jahren in der Nervenheilanstalt wieder zu Hause. Seine Mutter hat ihn endlich heimgeholt und er ist glücklich: Sein Bruder hat ihm eine Saisonkarte für sein Footballteam geschenkt und „apart time“, die Trennungszeit von seiner Ehefrau Nikki, scheint nun auch bald vorbei zu sein. Nur bekommt er sie nicht zu Gesicht. Keiner weiß, wo sie ist, auf Fragen weichen ihm alle aus. Außer seiner neuen Bekannten Tiffany.Sie ist die Schwägerin seines besten Freundes, verwitwet, nymphoman, depressiv. Sie verspricht ihm, Briefe zwischen ihm und Nikki zu vermitteln – aber nur, wenn Pat dafür mit ihr gemeinsam für den Tanzwettbewerb „Dance against Depression“ trainiert. Dafür muss er aber einige Heimspiele sausen lassen…

Matthew Quicks Hauptpersonen, im Film gespielt von Bradley Cooper und Jennifer Lawrence, freunden sich an. Aus den beiden Außenseitern wird ein starkes Team, gegenseitig helfen sie sich Schritt für Schritt ins Leben zurück. Eine bewegende, traurige, auf jeden Fall beeindruckende Geschichte über uns alle, Football, Tanzen, Liebe und Leidenschaft.

In diesem (seltenen) Fall sind sowohl Buch als auch Film sehr, sehr empfehlenswert. Das Buch, das gänzlich aus Pats Perspektive heraus erzählt wird, erlaubt uns tiefgründigere Einblicke in seine Gedankenwelt: Wie er die Welt nach Jahren in der Anstalt sieht. Was die „apart time“ für ihn bedeutet. Der Film dafür bietet zahlreiche Football- und Tanzszenen, deren Ausdruckskraft wir im Buch nur erahnen können sowie, nicht zu vergessen, Bradley Cooper, Jennifer Lawrence und Robert de Niro.

Ein Buch und Film für alle: Für die Jungs gibt es Football (Philadelphia Eagles!), für die Mädels tolle Tanzszenen und die Liebesgeschichte, für alle gemeinsam gibt das ein rundes Gesamtbild ab. Unbedingt lesens- bzw. sehenswert!

Das Buch gibt’s nicht nur am Amazonas, sondern u.a. auch hier: Hugendubel.de

Buchtipp: Sophia oder Der Anfang aller Geschichten

„Sophia“ stand schon länger auf meiner Liste der Bücher, die ich euch gerne ans Herz legen würde. Aus gegebenem Anlass schreibe ich heute darüber.

Rafik Schami, der 1946 in Syrien geboren wurde und seit 1971 in Deutschland lebt, erzählt in seinem neuesten Werk nicht nur eine bewegende Geschichte, sondern er berichtet – in Nebensätzen und persönlichen Schicksalen – vom Wandel Syriens in den vergangenen 50 Jahren von einem freiheitlichen Land, in dem Christen und Muslime Haustür an Haustür wohnen – vielleicht nicht frei von Konflikten, aber doch im Großen und Ganzen friedlich, hin zu einer Diktatur. Was wissen wir denn schon groß von dem Land, das unsere Nachrichten momentan beinahe beherrscht?

Schami erzählt in einem Buch die ineinander verwobenen Lebensgeschichten seiner vier Hauptcharaktere – zwei Männer und zwei Frauen – die vor allen Dingen eines auszeichnet: Eine Liebe, die Grenzen überwindet und Leben rettet.

„In den arabischen Ländern wird es keine Veränderung geben, solange nicht die Struktur der Sippe zerschlagen wird, die uns körperlich und geistig versklavt. Die Sippe baut auf Gehorsam und Loyalität auf und pfeift auf Demokratie, Freiheit oder die Würde der Menschen. Sie durchdringt und zersetzt alles wie ein Pilz.“  („Sophia“, R. Schami, S. 45)

Buchtipp: Momo

Ich kann es selbst nicht ganz glauben, dass ich es geschafft habe, 27 Jahre alt zu werden ohne je auch nur ein Buch von Michael Ende gelesen zu haben. An Ostern las ich erstmals „Die Unendliche Geschichte“ und vor einigen Wochen nun, auf einen Tipp hin, „Momo“. Ich kannte auch die Filme nicht. Einzig ein Theaterstück über den satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpusch hatte ich in der zweiten Klasse gesehen.

Unglaublich, dass Ende das Märchen von der Zeit und seiner Retterin, Momo, bereits vor vierzig Jahren verfasst hat. Es ist nach wie vor aktuell, vielleicht sogar aktueller denn je. Ende entwirft eine Phantasiewelt, die in unserem eigenen Universum angedockt ist, mit Figuren, die man einfach ins Herz schließen muss, angefangen vom Straßenkehrer Beppo, dem Mädchen, das immer auf die kleine Schwester aufpassen muss, hin zur Schildkröte Kassiopeia und natürlich Momo selbst.

Ich möchte das Buch euch allen ans Herz legen – ganz besonders den Talenten, die es (so wie ich bisher auch) sehr gut schaffen, sich Tag für Tag und Woche für Woche so voll zu packen, dass für die einfachen und schönen Dinge unversehens irgendwie keine Zeit mehr bleibt.

Zeit ist nicht Geld – Zeit ist Leben. Wer an der Zeit spart, spart am Leben.