Was wünscht du dir für diesen Sommer?

Heute begann neutral. Ich hatte für meine Verhältnisse gut geschlafen und saß morgens auch halbwegs wach beim Frühstück. Mein Magen hatte sich langsam daran gewöhnt, dass das Frühstück hier mangels gutem Mittagessen größer ausfällt als früher. Eine Vollkornsemmel mit Honig, die esse ich immer zuerst. Dann noch eine Scheibe Vollkornbrot, ebenfalls mit Honig. Dann, wenn ich noch Zeit habe, gibt es ein kleines Schälchen Müsli, das ich mit der Marmelade und dem Naturjoghurt mische. Das kleine Päckchen Milch bleibt täglich über, das kommt leider automatisch mit dem Müsli und kann nicht abbestellt werden. Das Obst, heute war es eine grüne Birne, hebe ich mir meistens auf. Als Notration für zwischendurch oder um das Mittagessen zu strecken. Ich saß an meinem gewohnten Platz, gemeinsam mit meiner Zimmernachbarin Johanna und Steffi, wir sprachen kurz, wer heute welche Therapien hatte.

Nach dem Frühstück ging ich zum Sport – Funktionsgymnastik war es heute. Die Trainerin, die bislang im Urlaub gewesen war, leitete die Stunde, die heute erstmals schön ausgewogen war. Kniebeuge, Liegestütze, Unterarmstütz, Bauchmuskeltraining wurden heute Stück für Stück abgearbeitet und dann wurde sogar noch etwas gedehnt. Die Sportgruppen am Morgen dauern jeweils eine halbe Stunde – und zum ersten Mal seit ich hier bin, war ich nach dieser kurzen halben Stunde nicht völlig nassgeschwitzt und verausgabt. Ich fühlte mich fit genug nach einer Woche Seniorensport demnächst in der anspruchsvolleren Gymnastikgruppe zu starten.

Nach einer kurzen Pause hatte ich um elf Uhr zum ersten Mal Kunsttherapie. In der „Kreativthemengruppe“ kam eine kleine, bunte Runde zusammen. Johanna war mit mir in der Gruppe, außerdem sechs weitere Patienten, beinahe alle aus unserer Station. Darunter Elvira. Elvira war mir bisher vor allem als laut und aufdringlich aufgefallen. Mittleres Alter, gute Figur und betont jugendliches, gepflegtes Aussehen und vor allen Dingen: laute Stimme und der Hang zu blöden Sprüchen. Na gut. Man konnte sich seine Gruppen eben nicht aussuchen.

Nach einer kurzen Eingangsrunde sollten wir uns aus einem Haufen Überschriften, die aus Zeitungen ausgeschnitten worden waren, eine aussuchen, die uns ansprach. Unsere Gedanken dazu sollten wir dann zu Papier bringen. „Wo ist der Ausgang“. „Stunde Null“. „Reise in die dunkle Seite der Seele“. So und ähnlich lauteten die verschiedenen Headlines. Ich entschied mich für „Was wünscht du dir für diesen Sommer?“. So, wie die Zeile aussah, stammte sie aus der Neon, die Ausgabe kannte ich aber nicht. Für diesen Sommer hatte ich mir alles Mögliche gewünscht, aber sicher nicht, in der Psychiatrie zu landen. Ein Urlaub war geplant, wir wollten ans Meer, nach Kroatien. Aus dem Urlaub wurde jedoch nichts mehr. Zeit am Meer hätte ich mir, obwohl ich sonst eher ein Bergfex bin und Aktivurlaube jeder Art einem reinen Badeurlaub vorziehen würde, bereits lange vor der Krankschreibung gewünscht. Ich hatte eine regelrechte Sehnsucht entwickelt. Die Sehnsucht nach dem Meer blieb, bis heute. Das Meer riecht nach Freiheit. Nach Faul-Sein-Dürfen. Danach, nur das zu tun, worauf man Lust hat. Sich ins Wasser stürzen, die Kühle am ganzen Körper zu genießen. Wie das Wasser durch die Haare strömt, sie mitnimmt. Die eigene Kraft und die Kraft des Meeres spüren, während man durch die Wellen krault. Selbst das Brennen des Salzwassers in den Augen würde ich gerne spüren. Sich treiben und tragen lassen, die Sonne auf dem Bauch spüren. Und am Strand schließlich den Sand genießen, der leicht unter den Füßen nachgibt, der die Beine und den Bauch kitzelt, wenn man ihn darauf rieseln lässt. Den Wind in den Haaren, die einem mitunter ins Gesicht fliegen, und, natürlich, die Sonne im Gesicht. Und vor allem: Während all dem keinen einzigen Gedanken verschwenden. Einfach frei sein. Im Hier und Jetzt sein. Genau das wünsche ich mir. Mein Meer.

Also, entschied ich, würde ich ein Meer malen. Ich griff mir das größte Blatt Papier. Mein Meer war groß. Die Wasserfarben mussten es sein und ein großer, weicher Pinsel. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben mit so einem großen, schönen Pinsel gemalt. Ich tunkte ihn in das Wasserglas, und drehte ihn dann in dem kleinen Töpfchen mit der dunkelblauen Farbe. Wie lange hatte ich schon keine Wasserfarben mehr benutzt! Ich setzte den Pinsel auf und malte eine lange Wellenlinie über das Blatt. Das Blau war schön wässrig und der Pinsel glitt leicht über das Papier. Ich wiederholte die Bewegung, wechselte zwischen Blau und Dunkelblau ab und ließ den Pinsel gleiten. Von links nach rechts. Von oben nach unten. Und dachte dabei an nichts anderes als an das Meer. Blau. So ruhig. So still. Ich wurde ruhiger, das Malen wirkte wie eine Meditation auf mich. Ein Pinselstrich nach dem anderen, die Wellen durchzogen das Blatt. Dann nahm ich etwas Wasser und etwas Farbe und malte die Zwischenräume, die zwischen den einzelnen Linien noch weiß geblieben waren, weiter aus. Stück um Stück. Schließlich war mein Blatt ein einziges großes Meer. Ich beschloss, dass ein Glitzern der Sonne drauf müsste. Ich bin keine begnadete Künstlerin und war nicht ganz schlüssig, wie ich das Glitzern am besten auf meine Wellen brachte. Ganz vertieft tauchte ich den Pinsel wieder in das Wasser, strich die letzten Reste Blau heraus, tauchte ihn wieder ein und rührte im gelben Farbtöpfchen. Dann zeichnete ich, immer noch mit dem dicken Pinseln, kleine, kurzen Linien im mittleren Drittel des oberen Bildrands jeweils auf die Wellenspitze und ließ die gelben Punkte etwa in der Mitte des Blattes in einer Spitze zusammenlaufen. Ich war nicht ganz zufrieden mit dem Aussehen. Also setzte ich den Pinsel, so wie er war, nochmal an, um die einzelnen Glitzer-Linien zu verbinden und die Farben etwas zu verwischen. „Mei, das ist so beruhigend, dir zuzuschauen!“ Elvira riss mich aus meinem Gedanken. Dahin war die Ruhe und das „Völlig-vertieft-in-etwas-Sein“, das ich so selten überhaupt noch schaffte. Verstimmt antwortete ich: „Es beruhigt mich irgendwie.“ Aber die Ruhe war erstmal dahin, ich war ziemlich sauer. Außer Elvira war jeder still und konzentrierte sich auf sein Blatt. Elvira malte nichts, sie konnte heute nicht. Es ging ihr auch wirklich sichtlich schlecht. Aber dann sollte sie doch bitte schön schwarze Kreise oder sonst was auf ihr Blatt malen, aber nicht mich nerven, dachte ich bei mir. Ich unternahm einen neuen Anlauf. Schließlich entstanden ein halbwegs ansehnlicher Sonnenglitzer und  vier kleine Delfine aus Wachsmalkreiden in meinem Meer. Außerdem ein paar Palmenblätter am Rand, weil ich gerade Lust auf Grün hatte. Das schöne meditative Malen war zwar dahin, aber immerhin blieb ich weiterhin ruhig und konnte mich an meinem Meer erfreuen.

Mein Mittagessen heute war ein Germknödel. Dachte ich zumindest. Auf meinem Teller waren unter der Haube schließlich drei kleine Hefeknödel versteckt, die Vanillesoße war von einer schönen dicken Haut belegt. Kein Mohn, kein Zucker. Von der Größe her erinnerten sie mich kurz an die eher mäßig gelungen Rohrnudeln, an denen ich mich im Auslandssemester einmal versucht hatte. Ich teilte eine der drei kleinen Nudeln. Kein Zwetschgenmus zu finden. Ich probierte den ersten Bissen. Schmeckte nicht nach Germknödeln. Auch eher wenig nach Dampfnudeln. Aber wenn man sich dran gewöhnt hatte, dass es eben nicht nach dem schmeckt, was man erwartet hatte, war es erstaunlich gut. Ich hatte die „Germknödel“ gegessen, dann noch die Birne vom Frühstück und schließlich den Rest meines „Proviants“ vom Wochenende, sechs kleine Cocktailtomaten. Johanna, Steffi und ich ratschten, erzählten uns von den verschiedenen Therapien vom Vormittag. Die Ruhe vom Malen war weg. Und mein Kopf fühlte sich voll an. Wie immer, wenn ich in einer guten Phase zu viel gemacht hatte. Ich hatte mittlerweile gelernt, die „neuen“ Signale, die mir mein Kopf sendete, zu deuten. Also verabschiedete ich mich, ich wollte mich vor der nächsten neuen Gruppe um halb zwei noch ein Weilchen dem Nichtstun widmen und so meinen Kopf wieder beruhigen. Nun ist das mit dem Nichtstun so eine Sache: Ich konnte es noch nie und auf Befehl nichts zu tun ist in etwa so schwer wie nicht an den grünen Elefanten zu denken, wenn einem jemand sagt, dass man nicht an den grünen Elefanten denken soll. Also hörte ich Musik, was meiner Meinung nach dem Nichtstun in diesem Moment am nächsten kam. Bei „Bussi Baby“ musste ich spontan an einen guten Kollegen denken. Ich hatte lang nichts mehr von ihm gehört. Spontan schrieb ich ihm eine Whatsapp-Nachricht. Dann hatte ich das Handy ja schon in der Hand. Eine Freundin hatte mir ein Foto von einem Dirndl geschickt, dass sie möglicherweise kaufen wollte. Das Dirndl war viel zu groß und passte überhaupt nicht zu ihr. Ich fragte mich, welche wahnsinnige Verkäuferin ihr das wohl eingeredet hatte. Ich bin keine große Einkäuferin – aber ich liebe Dirndl. Und so konnte ich meine Freundin ja auf keinen Fall auf die Hochzeit gehen lassen. Also begann ich, im Internet Dirndl zu googeln, von denen ich dachte, dass sie zu ihr passen würden. So lange, dass ich beinahe zu spät zur nächsten Therapie gekommen wäre.

Die Depressionsgruppe war eine psychoedukative Veranstaltung. In drei Stunden lernte man in einer Gruppe die Theorie zur Krankheit. Die Auslöser, die Symptome, die Behandlungsmöglichkeiten. Ich bin ein großer Fan von Ärzten, die mir nicht nur sagen, was ich habe, sondern auch warum und mir  das ganze Krankheitsbild umfassend erklären. Also war ich hier genau richtig.

Eine Depression, das war mir neu, geht immer einher mit einer Veränderung des Hormonstoffwechsels im Gehirn. Bisher sind sich die Wissenschaftler noch nicht einig, was davon die Henne ist und was das Ei, dass dabei aber ein direkter Zusammenhang besteht, erklären sie jedoch alle einstimmig*.

Einige von den Auslösern, die wir in der Gruppe zusammentrugen, waren mir bekannt. Einige überraschten mich. Ich hinterfragte mich, was waren meine Tröpfchen, die das Fass bis zum Überfließen getrieben hatten? Warum zum Teufel hatte meine Psyche derartige psychosomatische Hüftschmerzen ausgelöst, die mich a) vom Sporttreiben abhielten und mir damit meinen Ausgleich nahmen und b) mir nur zusätzliche unnötige Arztbesuche und Kopfzerbrechen und damit noch mehr Stress bereiteten. Das ist doch völlig unsinnig! Aber ja, die liebe Depression, unser Freund, ist hinterhältig. Und eine Spirale. Und zwar keine lustige, bunte, wie wir sie früher die Treppenstufen hinunterhüpfen ließen, sondern eine fiese, dunkle, steile Abwärtsspirale, der man kaum Einhalt gebieten kann.

Im Anschluss an die Stunde – Steffi war auch dabei gewesen – gingen wir hinaus, um gemeinsam, aber ohne zu reden, in der Sonne zu liegen. Wir schnappten uns jeder einen der metallenen Liegestühle und legten uns nebeneinander hin. Mein Kopf war voll. Bereits während des Mittagessens hatte ich das schon gemerkt. Als würde mein Hirn von innen Druck auf die Schädeldecke ausüben. Pochend, immer stärker. Als würden all die Gedanken, die ich in den letzten Tagen angesammelt hatten und die mein Gehirn noch nicht verarbeitet hatten, sich wie in einer Zentrifuge im Kreis drehen. Ich war in einer Zwickmühle: Tat ich nichts und versuchte, jeden neuen Reiz zu vermeiden, tobte der Tornado in meinem Kopf. Beschäftigte ich mich jedoch mit etwas anderem – so wie in der Burnout-Gruppe geschehen – bekam mein Kopf noch mehr Futter, das auch noch irgendwo in meinem zu vollen Schädel Platz finden musste. Nichtstun ging nicht, etwas tun auch nicht. Ich lag auf meinem Stuhl und versuchte, meinen Kopf in Zaum zu bekommen. Ruhig zu werden. Aber je mehr ich es versuchte, umso schlimmer wurde es. Ich wurde nervös und unruhig. Steffi neben mir schien zu schlafen. Ich hatte, wie so oft abends nach der Arbeit in den letzten zwei Juni-Wochen und in den schlimmsten Momenten im Juli das Gefühl, durchzudrehen. Das nicht zu bändigende Treiben in meinem Kopf machte mich wahnsinnig. Den Kopf gegen die Wand schlagen, alles herausschreien – de facto: durchdrehen -, danach war mir. Ich konnte nicht mehr still sitzen. Ich stand auf, brachte mein Buch nach oben, und beschloss, eine Runde im Wald zu drehen. Allein, um Ruhe zu haben. Ich ging los, rannte beinahe. Schnellen Schrittes, in der Hoffnung, die körperliche Bewegung würde auch meinem Kopf Ruhe verschaffen. Bereits nach etwa 500m befand ich mich in dem kleinen Pfad im Unterholz, mein Kopf tobte weiter. Als würde er explodieren wollen. Ich suchte nach einem Ausweg, ging schneller, mittlerweile war ich auf dem breiten Waldweg unterwegs, aber mein Kopf tobte weiter. Ich bekam Angst. Ich war allein im Wald und mein Kopf tobte. Noch hatte ich mich unter Kontrolle, der Verstand die Oberhand. Aber was, wenn der Kopf gewann?!

Das Panik-Notfall-Programm meiner Therapeutin!, fiel mir siedend heiß ein, das funktionierte bestimmt auch hier. Ich zwang mich, langsam zu gehen. Drosselte das Tempo wie für einen gemächlichen Spaziergang. Ich zwang mich, in meine Fußsohlen zu spüren, wie ich sie abrollte, zwang mich, auf das Knirschen meiner Schritte auf dem Kieselweg zu achten. Ich zwang mich auch, tief in den Bauch einzuatmen, und langsam, ganz langsam, auszuatmen. Immer wieder. Ich zählte dabei, wie bei der Atemmeditation aus der Yogastunde letzte Woche, beim Einatmen langsam bis vier und beim Ausatmen bis acht. Immer wieder entwischte mir mein Kopf, der Tornado brach wieder aus. Immer wieder kämpfte ich mit ihm. Achte auf die Schritte. Atme tief und langsam aus. Ich versuchte es auch mit der Achtsamkeit: Spüre die Sonne auf der Haut. Wie sie deine Haut wärmt. Spüre den Wind in deinen Haaren. Zack, war mein Kopf wieder weg. Geh langsam! Spür hin! Mein Kopf riss wieder aus. Schließlich ging ich dazu über, Dinge anzufassen – sie bewusst zu spüren. Ich hob einen Tannenzapfen auf und achte darauf, wie er sich in meiner Hand anfühlte. Tastete einen Baum ab. So im Kampf mit mir selbst marschierte ich etwa eine halbe Stunde durch den Wald, auf meine Atmung achtend, betont langsam, immer wieder einen Baum oder eine andere Pflanze am Wegrand berührend. Immer wieder riss mein Kopf aus, aber es wurde seltener. Schließlich, als ich beinahe schon zurück an der Klinik war, gelang es mir endlich, aus den vielen Gedanken eine Art Gedicht zu konstruieren. Ich hielt mich daran fest. Ich ging schneller. So schnell es ging wollte ich an meinen Laptop, um zu schreiben. In der Klinik angekommen, entschied ich mich um. Ich musste mich mit dem Schreiben beruhigen, dazu würde das Gedicht nicht taugen, das wäre viel zu kurz. Ich sperrte meinen schmalen Schrank auf, nahm den Laptop, immer noch komplett in einer anderen Welt, zu hundert Prozent damit beschäftigt, den Tornado im Zaum zu halten, setzte mich an das kleine Tischchen, und begann zu schreiben. Ich fing beim Aufstehen an, und schrieb den Tag im Detail herunter – genau den Text, denn ihr anfangs gelesen habt. Ich schrieb und schrieb und schrieb und schrieb. Ich schrieb mir den Tag von der Seele, ordnete meine Gedanken, holte mir mein Meer ein zweites Mal heran, und wurde nach und nach ruhiger. Bis schließlich plötzlich Johanna ins Zimmer kam. Es gab Abendessen, ob ich mitkäme? Es war bereits kurz nach fünf. Ich hatte beinahe zwei Stunden geschrieben, ohne dass mir aufgefallen war, wie die Zeit verrann. Etwas unwillig ging ich mit essen. Lieber hätte ich den Tag noch zu Ende geschrieben, ich hatte das Gefühl, dass ich das gerade brauchte. Aber ich brauchte auch ein Abendessen, das Mittagessen war mal wieder nicht besonders reichlich gewesen. Zu Tisch war ich immer noch sehr ruhig. Sprach kaum, folgte auch kaum den Gesprächen, die am Tisch hin und her flogen, immer auf der Hut, meinen Kopf sofort wieder einzufangen, wenn er sich selbstständig machen wollte. Aber er wollte gar nicht mehr, stellte ich fest. Ich entspannte mich langsam. Eigentlich hatte ich fest vorgehabt, nach dem Abendessen direkt weiterzuschreiben, um auch die Szenen im Wald zu sortieren. Aber gerade ging es mir wieder gut. Es wäre wohl vermutlich besser, den schlimmen Teil des Nachmittags erst einmal ruhen zu lassen. Mir ging es wieder gut, daran sollte ich festhalten. Ich ging also kurzentschlossen mit Johanna und Steffi spazieren, wieder durch den Wald, aber diesmal eine andere Runde. Im Gespräch mit den anderen beiden wurde ich zusehends entspannter, auch Steffi hatte keinen besonders guten Nachmittag gehabt. Ich hatte ja gedacht, sie würde schlafen, aber auch sie hatte wohl, anders als ich zwar, mit ihrem Kopf ein größeres Gefecht ausgefochten. Und Johanna machte sich Sorgen. Ihre neuen Tabletten begannen wohl zu wirken – aber leider erstmal nur deren Nebenwirkungen. Ihre Hände zitterten permanent. So spazierten wir durch den Wald. Drei völlig normale junge Erwachsene, die das Leben kurzerhand mal eben in die Psychiatrie verfrachtet hat. Und wir kämpften damit. Aber nicht mehr heute Abend. Wir sprachen, nach einer Weile des gegenseitigen Tröstens, lieber über schönere Dinge. Erzählten uns gegenseitig von unserem „alten“ Leben. Als es noch gut gewesen war.

* Womit auch geklärt wäre, warum Frauen öfter an einer Depression leiden. Unser Hormonstoffwechsel verändert sich ständig.

 

Advertisements

Verdrängung wirkt Wunder

Mittlerweile war ich eine Meisterin der Verdrängung. Ich packte das komplette Wochenende in eine Kiste, schloss sie dreifach ab. Solange mich niemand darauf ansprach, war alles gut.

Ich verbrachte Montag und Dienstag bei meinen Eltern, mein Bewegungsradius war auf ca. 1km beschränkt, aber damit konnte ich mittlerweile gut leben. Am Mittwoch war ich wie immer bei meiner Logopädin – um wenigstens ein bisschen Normalität aufrecht zu erhalten. Danach fuhr ich in meine Wohnung. Meine Eltern hatten einen Termin bei meiner Allgemeinärztin, den ich für sie ausgemacht hatte. Zu ihrer eigenen Beruhigung, aber in erster Linie eigentlich zu meiner eigenen. Alle Fragen, die sie der Ärztin stellten, würden sie hoffentlich mir nicht mehr stellen. Wir trafen uns danach zum Mittagessen im Biergarten am Viktualienmarkt. Abends traf ich mich mit einem Kollegen, wieder im Biergarten. Mir ging es sehr gut, und es tat auch unglaublich gut, aus dieser ganzen Burn-Out-Scheiße auszubrechen und zumindest für ein paar Stunden wieder „normal“ zu sein.

Am nächsten Tag hatte ich dann Kopfweh – die zwei Radler waren wohl zu viel gewesen – und einen Termin bei meiner Therapeutin im BOZM. Vormittags schaute ich mir nochmal ein paar Klinikbewertungen an und stieß auf einen interessanten SZ-Artikel zum Thema Burnout. Bei der Liste der Symptome fielen mir einige Dinge auf, die ich bisher noch gar nicht näher beachtet hatte, ganz besonders: die Unfähigkeit, sich emotional abzugrenzen. Volltreffer. Ich erinnerte mich an den Besuch im Museum am 9/11-Memorial in New York im Dezember. Ich musste die Ausstellung nach etwa zwei Dritteln verlassen, danach hatte ich eine unerklärliche, riesige Angst vor der Stadt und krallte mich auf dem Rückweg zum Hotel richtiggehend an meinem Freund fest. Ich erinnerte mich an den epileptischen Anfall eines Kollegen in London, der mich so schockierte, dass ich anschließend mehrere Stunden unfähig war, weiterzuarbeiten. Ich erinnerte mich an den Germanwings-Absturz im März, der mich für eineinhalb Tag in Schockstarre versetzte, ohne dass ich im Geringsten persönlich betroffen gewesen wäre. Ich konnte meine Gedanken nicht mehr von diesen Dingen losreißen.

Mein Bericht vom Wochenende versetzte die Therapeutin in Alarmbereitschaft. Ein Klinikaufenthalt war mittlerweile nicht mehr nur eine Option, sondern die einzige Alternative, da meine beiden Ärztinnen beinahe gleichzeitig für drei Wochen in Urlaub gehen würden und ich zusehends instabiler wurde. Sie telefonierte persönlich mit meiner Allgemeinärztin und einem Psychiater, um schnellstmöglich alle notwendigen Formalitäten und Gutachten für einen Klinikaufenthalt zu veranlassen. Leider mahlen auch hier die Mühlen langsam, der nächste Termin bei einem Psychiater war erst in eineinhalb Wochen möglich. Sie verschrieb mir ein Antidepressivum, Escitalopram. Außerdem gab sie mir ein kurzes Programm zur Selbstrettung mit an die Hand: Wenn die Panik kam, sich bewusst auf die Umgebung und die eigenen Bewegung konzentrieren. Tief und ruhig atmen. Langsam die „bedrohliche“ Umgebung verlassen. Und sie gab mir einen Stein mit. Einen tiefblauen Lapislazuli. Ich sollte an etwas Schönes, Entspannendes denken, und die Energie auf den Stein lenken. Ich entschied mich für das Meer. Der Stein wurde mein Meer. Wenn ich ihn in der Hand drückte, konnte ich relativ einfach das Meer und die Ruhe, die es in mir auslöst, herbeirufen. Den Lapislazuli hatte ich in den nächsten Wochen immer bei mir.

Der Termin hatte mich aufgewühlt. War ich vorher schon nervös und angespannt gewesen, war ich nun vollkommen kraftlos. Der Weg mit dem Fahrrad zurück in meine Wohnung schien mir endlos lang, ich hatte keine Kraft mehr dafür. Ich wollte nach Hause, zu meinen Eltern, in mein Bett. Aber davor würde ich noch einige Sachen packen müssen und die Wohnung in einen Zustand bringen, so dass sie auch ein, zwei Wochen alleine überlebte. Es türmte sich ein riesengroßer Berg vor mir auf, und ich hatte nicht einmal mehr die Kraft, zur Talstation der Gondel zu kommen. Ich rief meine Mutter an. Sie musste mir helfen. Ich schaffte das nicht mehr allein. Ich schaffte es gerade noch, wieder in meine Wohnung zu kommen, und rollte mich dort wie eine Katze unter meiner Bettdecke zusammen, drückte mich in das hinterste Eck. Dort blieb ich reglos, bis schließlich meine Mutter kam. Sie packte meine Sachen, räumte die Wohnung auf, ich saß nur auf dem Bett und schaute ihr stumm zu, antwortete auf ihre Fragen und gab ein paar Anweisungen. Schließlich fuhr ich mit ihr nach Hause, mein Auto blieb in München. Ich traute mich nicht mehr, selbst zu fahren.

Zuhause angekommen legte sich die Anspannung wieder, die Energie kam jedoch nicht zurück. Am nächsten Morgen nahm ich die erste Escitalopram.

Das kleine Trauma

Die neue Krankschreibung in der Hand und die Aussicht, sich erst einmal vier Monate nicht weiter mit der Arbeit auseinandersetzen zu müssen, gaben mir große Ruhe. Es ging mir seit Dienstag ziemlich gut. Am Freitagmorgen hatte ich den zweiten Termin bei der Therapeutin im BOZM. Ich hatte mir die Mirtazapin, die mir meine Allgemeinärztin verschrieben hatte, in der Apotheke geholt. Genommen hatte ich aber noch keine.

Ich war also – wie immer – mit dem Fahrrad unterwegs, an der Isar entlang, quer durch den Englischen Garten und dann noch ein Stückchen durch die Maxvorstadt bis an die Nymphenburgerstraße. Wie schon beim ersten Termin bei ihr, hatte ich das Gefühl, dass es mir eigentlich gerade viel zu gut ging, um jemandem mein Herz ausschütten zu müssen.

Ich musste der Therapeutin dann, wider Erwarten, gar nicht viel erzählen. Nach etwas mehr als einem ersten Blick und meinen ersten Worten meinte sie, ich hätte schon viel früher zu ihr kommen sollen. Sie selbst könne mir nicht allein aus meinem Tief wieder heraushelfen, insbesondere, da meine Krankenkasse die Behandlung bei ihr nicht bezahlen würde. Sie riet mir also, mich bei einer Klinik um einen Platz zu bewerben. Sie nannte mir ein paar, die sie für gut befand, fügte aber auch gleich an, dass die Wartezeiten teils bei mehr als vier Monaten lagen.

Anschließend nahm sie sich einer Schlüsselsituation an, aus der ich, so ihre Meinung, ein kleines Trauma entwickelt hatte. Sie forderte mich auf, ihr zu erzählen, wie ich diesen Moment erlebte hatte – vor allen Dingen, was ich gefühlt hatte. Die Emotionen waren sofort wieder da, obwohl das Ganze bereits vor mehr als einem halben Jahr passiert war. Eine sehr, sehr tiefe Enttäuschung, ein vollständiger Vertrauensverlust, als hätte man mir den Boden unter den Füßen weggezogen; alles, an was ich fest glaubte, wurde einfach umgekehrt und auf den Kopf gestellt.

Ich weinte schließlich so sehr, dass ich kaum noch sprechen konnte. Die Therapeutin bat mich, es mir nochmal zu erzählen. Es ging nicht. Ich konnte mich selbst nicht mehr in diesen Moment hineinzwängen. Alles in mir spreizte sich dagegen. Also schlug sie mir vor, die Situation erst noch einmal im Kopf durchzugehen. Ich tat das, heulte wieder, diesmal stumm. Schließlich schaffte ich es, diesen Moment noch etwa dreimal zu rekapitulieren. Es fiel mir nach wie vor sehr schwer, aber es gelang mir. Und immer mehr nahm ich die Position des Betrachters statt der des Opfers an. Ich schaffte es, dem ganzen einen neuen Aspekt hinzuzufügen. Es war nun nicht mehr nur unheimlich enttäuschend, sondern vor allem absurd.

Nach eineinhalb Stunden verließ ich das BOZM wieder. Draußen setzte ich mir zuerst meine verspiegelte Sonnenbrille auf – ich hatte mit Sicherheit noch völlig verheulte Augen. Mir war, obwohl die Sonne schien und es bestimmt schon 25° C warm war, eiskalt. Eine ganz eigenartige Kälte, die aus meinem tiefsten Inneren zu kommen schien. Diese 90 Minuten hatten mich verdammt viel Kraft gekostet. Also beschloss ich, ins Café Vorhoelzer zu fahren. Das Studenten-Café auf dem Dach der TU hat eine wunderschöne Sonnenterasse, die einen der besten Ausblicke Münchens bietet. Nah am Königsplatz gelegen überblickt man die Innenstadt mit den Zwillingstürmen der Frauenkirche und dahinter in der Regel die Bergkette der bayrischen Alpen, inklusive Zugspitze. Ich holte mir einen Chai-Latte und einen Schoko-Brownie – es konnte gerade nicht genug Zucker sein – und setzte mich in einen der Liegestühle. Ich war die einzige auf der ganzen Terrasse, die einen warmen Pullover anhatte. Erst, nachdem der Brownie gegessen, der Latte getrunken und die Mathe-Nachhilfestunde neben mir beendet war, war es auch mir endlich warm genug, um den Pulli auszuziehen.

Schließlich hatte ich wieder genügend Energie gesammelt und verließ das Café. Ich beschloss, mir endlich einen neuen Fotoapparat zu kaufen. Meine bisherige, die ich mir extra vor meiner Reise nach Panama und Kolumbien geleistet hatte, war mir nicht wie befürchtet etwa in Bogotà, sondern ein halbes Jahr später in Spanien geklaut worden. Ich fuhr als zum Fotofachgeschäft am Sendlinger Tor und war schon eine halbe Stunde später Besitzerin einer neuen System-Kamera. Nicht das beste Modell, aber für mich würde es reichen. Um die Gunst der Stunde und meine Energie zu nutzen, beschloss ich, noch kurz bei Konen, einem großen Bekleidungsgeschäft, vorbeizuschauen. Bei der Suche nach einem Kleid für die Hochzeit meiner Cousine war ich schließlich immer noch nicht weiter gekommen.

Ich stellte mein Fahrrad an einem Verkehrsschild vor einem der Eingänge an. Drinnen ging ich, nach einem kurzen Orientierungsblick, zügig hinauf in das Stockwerk mit der Abendgarderobe und schlenderte durch die Reihen. Als ich dann begann, die Kleider, die ich auf den ersten Blick für schön befand, einem zweiten, prüfenden Blick zu unterziehen, fing mein Herz plötzlich an zu stechen. Ich versuchte, es zu ignorieren. Aber es wurde mit jedem Schritt und jedem Kleid, das ich anfasste, stärker. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich konnte mich gerade noch zu einem ruhigen Schritt zwingen und verließ schnurstracks das Geschäft. Draußen war das Stechen sofort wieder weg. Ich atmete tief durch und fuhr dann, nun nicht mehr in beinahe Hochstimmung, sondern stark niedergeschlagen durch den Englischen Garten wieder zurück in meine Wohnung.

Ich stelle die Plastiktüte mit der Kamera in ein freies Regalfach, machte mir eine sehr kleine Kleinigkeit zu essen und legte mich hin. Fand aber keine Ruhe, ich musste unbedingt meine Wohnung putzen. Das war in den letzten Wochen zu kurz gekommen. Also begann ich der Reihe nach aufzuräumen, Staub zu wischen, das Bad zu putzen, klopfte mein Schaffell aus, holte den Staubsauger…ich war noch nicht annähernd fertig, aber bereits völlig am Ende. Am liebsten hätte ich meine Mutter angerufen, damit sie vorbeikommt, um bei mir zu putzen. Getan habe ich es natürlich nicht. Stattdessen habe ich weiter geputzt, bis die Wohnung wieder sauber und ich zufrieden war. Aber auch völlig erschöpft. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so erledigt gewesen zu sein. Ich war nicht nur körperlich, sondern auch mental am Ende. Und das nach dem Putzen meiner 35qm-Wohnung.

Ich hätte einfach gerne ein bisschen geschlafen, aber das ging ja seit Tagen schon nicht mehr. Also ging ich eine kleine Runde an der Isar spazieren, aß eine Kleinigkeit, googelte die Kliniken, die mir die Therapeutin vorgeschlagen hatte und fand auf 3sat eine schweizerische Dokumentation über Murmeltiere. Die Mirtazapin-Tablette, die ich an diesem Tag auf Anraten der Therapeutin das erste Mal nahm, wirkte innerhalb einer Stunde, und ich schlief ein.