Wirklich, Neon?!

Es ist Donnerstagmittag, mein Therapieprogramm, Yoga und Laufen, und das grauslige Mittagessen sind vorbei. Draußen regnet es, und ich warte auf meine Schwester. Wir wollen zusammen einen kleinen Ausflug machen. Wohin bei dem Wetter? Wissen wir noch nicht. Jedenfalls sitze ich mit meinem Tablet im Bett und google, um die Wartezeit zu vertreibe. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, was ich genau suchte. Jedenfalls stoße ich dabei auf ein Interview mit dem „Berliner Autor und Ökonom Holm Friebe“ im NEON-Blog. Und bin sprachlos.

„Das einzige, worauf man stolz verweisen kann, was man mit nach Hause bringt, ist die Erschöpfung. Und da hat es dann etwas Heroisches, wenn man seinen Burnout wie eine Monstranz vor sich herträgt und sagt: Jetzt hole ich mir meine Freiheit als Freizeit zurück.“

Hier der ganze Text:

http://blog.neon.de/2015/04/burnout-ist-zum-sehnsuchtsfeld-geworden/

Ernsthaft?! Ich hole mir meine Freizeit zurück? Ich trage ihn vor mir her wie eine Monstranz? Burnout ist ein Sehnsuchtsfeld?! Neon, ist das euer Ernst? Von Freizeit zurückholen kann hier wohl keine Rede sein. Mir geht es wirklich richtig, richtig scheiße. Ich verpasse eben mal so vermutlich ein halbes Jahr meines Lebens – viel, viel mehr, als wenn ich weiter gearbeitet hätte. Wer auch immer dieser Herr Ökonom ist: Er kann gern mal auf einen Kaffee vorbeikommen. Ich kenne viele, die einen Burnout hatten. Und keiner, kein einziger von denen, hat ihn vor sich her getragen wie eine Monstranz. Vielmehr scheint das nach wie vor DER Schandfleck in der eigenen Biographie zu sein – den man erst aufdeckt, wenn man sich unter Gleichen weiß. Wie sonst erklärt der Herr Ökonom mir, dass ich von den Burnouts meiner Bekannten, Kollegen oder Freunde erst erfahren habe, als ich selbst bereits mittendrin steckte? Dass ich selbst eine Diagnose noch sechs Wochen „verschleppte“, vor allem aus Angst, damit beruflich „raus“ zu sein? Ich war stinksauer. Wirklich. Meine Schwester musste sich dann auch erstmal mein Gezeter darüber anhören. Was hat sich die NEON dabei gedacht? Bisher hatte ich immer viel von dem Magazin gehalten.

Jedenfalls. Jetzt habe ich ein bisschen Abstand. Und mit einigem hat her Friebe wohl auch recht. Mittlerweile kann ich meine „Freizeit“ oft auch wieder genießen. Aber – Sehnsuchtsfeld? Monstranz?! Freiheit als Freizeit zurückholen? Spinnt der?

Was meint ihr dazu? Würde mich sehr interessieren.