Kopf gegen Berg II

Am Freitagabend war ich quasi direkt nach dem Abendessen total erledigt ins Bett gefallen. Nun war Samstagmorgen, ich freute mich auf den Ausflug in die Berge – ich sah sie zwar auch von unserem Balkon aus, aber das war nicht das Gleiche – und fühlte mich wieder den Umständen entsprechend fit, für die Herausforderung gewappnet.

Ich war auch beinahe pünktlich bei Hanni angekommen. Wir waren zu dritt im Auto, das war gut. Ich saß hinten und konnte ein bisschen entspannen, was nach der beinahe einstündigen Autofahrt auch bereits sehr dringend notwendig war. Dummerweise hatte ich meine Ohropax vergessen. Am Berg selbst hielt ich mich ziemlich zurück. Ich kannte nicht alle, die dabei waren, ich war nicht scharf darauf, zu reden, ich wollte einfach in den Bergen sein und wandern. Das Geburtstagskind blieb die meiste Zeit in meiner Nähe, dafür war ich ziemlich dankbar. Der erste Teil des Weges war ein Forstweg, nach einiger Zeit aber  verwandelte er sich in einen schmalen Pfad. Das war anstrengend für mich, und ich fiel ans Ende der Gruppe zurück. Hanni und eine andere Freundin passten sich meinem Tempo an. Schließlich gab es eine Pause, die Wandergruppe musste schließlich fotografisch festgehalten werden, was mir die Gelegenheit gab, durch zu schnaufen. Man konnte den Gipfel bereits sehen, es lag vielleicht noch eine Stunde Weg vor uns. Bis zur Hütte war es nur noch eine halbe Stunde. Aber ich wollte ganz hoch, und bisher war ich zwar körperlich etwas angestrengt, aber meine Konzentration war noch gut, und der Weg wurde wieder breiter und ebener. Wir wanderten also gemütlich über einen breiten Weg auf das Plateau, auf dem sich die Hütte befand, ratschten, es war angenehm. Nach einer kurzen Pause nahmen wir dann das letzte Stück in Angriff. Der Pfad wurde immer schmaler, bis sich nur mehr ein Steig durch die Felsen wand. Ich fiel immer weiter zurück. Es wurde steiler und anstrengender, aber vor allem wurde der Weg immer unebener und ich musste immer besser aufpassen, wo und wie ich meine Schritte setzte. Ich brauchte immer wieder kurze Pausen. Schließlich waren wir an den Kraxelstellen, die teils auch etwas ausgesetzt waren, angekommen. Eine wunderschön Route, genau wie ich es eigentlich mag – nicht nur langweiliges Wandern, sondern ein bisschen Action. Ein paar Bergfexe aus der Gruppe waren regelrecht wie Gemsen über die Felsen gehüpft und schon lange oben. Ich brauchte länger. Ich musste vor jedem Schritt, den ich setzte, zweimal den Untergrund checken, ob er stabil genug war, oder ein Stein nicht doch wackelte. Sonst sah ich das auf den ersten Blick. Mit jedem Schritt nahm meine Konzentration rapide ab. Hanni und Sophie waren immer noch bei mir, eine ging vor mir, eine hinterher. Sie schafften es, das ganz zufällig aussehen zu lassen und ich war gottfroh drum, dass sie bei mir blieben. Normalerweise, das wusste ich aus Erfahrung, wären die beiden schon lange oben gewesen. Nach einer gefühlten Ewigkeit waren auch wir, die Nachhut, oben angekommen. Ich war völlig k.o., meine Beine zitterten, mein Kopf brauchte eine Pause. Aber ich war glücklich. Ich war oben, ich hatte es geschafft und es die Kraxelei hatte mir trotz allem Spaß gemacht.

Die anderen hatten bereits den ganzen Gipfel beschlagnahmt, wir machten eine lange Pause mit Brotzeit und Gipfelgeburtstagskuchen, bevor wir den Rückweg antraten. Es ging über die gleiche Strecke zurück, und ich war heilfroh, dass die gefährlichen Stellen gleich am Anfang zu überwinden waren. Die Pause oben hatte nicht ausgereicht, um meine Konzentration wieder halbwegs herzustellen. Ich brauchte ewig bis zu der Hütte – mit Sicherheit doppelt so lange wie angegeben, und brauchte dort auch ziemlich lange, bis ich zumindest wieder soweit war, den Gesprächen der anderen zuzuhören. Nach etwa zwei Stunden brachen die anderen auf zum Abstieg und ich marschierte ein kurzes Stück auf einem breiten Forstweg zur Gondel und fuhr ab. Unten angekommen war ich froh, erstmal alleine zu sein und Ruhe zu haben. Ich saß beinahe zwei Stunden einfach auf einer Bank in der Sonne und beobachtete die Umgebung um mich herum, und tat nichts, bis Hanni endlich mit dem Auto kam, um mich aufzusammeln. In München aßen wir noch gemeinsam zu Abend, für das Klinikabendessen wäre ich bereits zu spät, und dann machte ich mich auf den Heimweg. Nach etwa einer Viertelstunde Fahrt bekam ich leichte Angstzustände. Stechen in der Brust. Mein Atem verkrampfte. Ich hatte diese Symptome mittlerweile wirklich satt, ich war nur noch genervt davon. Ich fuhr einfach nur Auto, nicht einmal schnell, es kaum Verkehr, es gab mal wieder überhaupt keinen Grund dafür. Jetzt erst recht, dachte ich mir, und begann aus Protest lauthals im Radio mitzusingen. Und siehe da: Solange ich sang, waren die Angstsymptome verschwunden. In dem Buch, das ich gerade las, „Anti-Stress-Yoga“ von Anna Trökes, hatte die Autorin erklärt, dass man mit Singen – da ging es allerdings eher um die yogischen Mantras – sein Unterbewusstsein austricksen könne. Wenn jemand singt, kann keine Gefahr bestehen. Also kann er auch keine Angst haben. Funktioniert bei mir wunderbar! Ich habe meine Angst einfach ausgetrickst. 2:0 für mich!

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Im Schatten der Zugspitze

Nach dem kurzzeitigen Aktionismus schlich sich wieder etwas Ruhe ein. Ich hatte mir mit den Arztterminen ein Auffangnetz verschafft und meine Eltern hörten damit auch endlich auf, mich täglich nach der neuesten Entwicklung zu fragen. Die meisten dieser „Anfragen“ habe ich recht unwirsch weggewischt. Aus dem einfachen Grund: Ich wusste ja selbst nicht, was passierte und wie es weitergehen würde, welcher der richtige Weg war. Ich war unfähig, Entscheidungen zu treffen – also verdrängte ich alles, so gut es ging.

Ich fuhr mit einer Freundin drei Tage nach Grainau. Ich war dankbar und glücklich, dass sie sich extra für mich freigenommen hatte. Aber wirklich freuen konnte ich mich auf die Tage dort nicht. Genaugenommen war es mir ganz egal, wo und mit wem ich war.

Bereits auf der Fahrt merkte ich, wie gut es tat, rauszukommen und „meine“ Berge endlich wieder zu sehen. Das Hotel lag wunderschön ruhig an einem kleinen See. Die Zimmer sauber und ordentlich, das Essen sehr gut und das Personal sehr freundlich.

Nur wenige Stunden nach unsere Ankunft im Hotel klingelte plötzlich mein Handy. Die Personalabteilung hatte mir eine E-Mail geschickt. Sie würden mir gute Besserung wünschen und baten mich, mich bei Ihnen zu melden. Wenn ich mehrere Monate ausfallen würde, müssten sie einen Ersatz suchen. Zack! Da fegte der Tornado wieder in meinem Kopf. Ich versuchte die E-Mail zu verdrängen. Ich war in Grainau. Quasi im Urlaub. Ich wollte mich nicht damit beschäftigen. Aber der Tornado wollte sich nicht legen.

Wenig später, als ich die Kraft dafür gesammelt hatte, rief ich also unsere Personalerin an. Ich sagte ihr, dass ich noch nichts Genaues wüsste, und mich nach dem Termin bei meiner Ärztin wieder bei ihr melden würde. Damit war sie zufrieden. Ich legte auf. Doch den ganzen Abend flogen in meinem Kopf wieder Gedanken an die Arbeit umher. Das ging mir auf die Nerven. Ich ging mir auf die Nerven. Meine Freundin ging mir auf die Nerven. Wir stritten uns. Das ging mir auch auf die Nerven. Ich ging raus und lief zwei Runden um den kleinen See, versuchte mich zu beruhigen. Es gelang mir etwas. Schließlich gingen wir ins Bett. Es war circa elf.

Um zwölf stand ich wieder auf. Ich hatte noch keine Sekunde geschlafen. Ich setzte mich in einen der Balkonsessel und starrte den dunklen, nachtschwarzen Wald gegenüber an. Ich fröstelte. Eine ganze Weile saß ich dort, bis es mir endgültig zu kalt wurde, und legte mich wieder ins Bett. Ich weiß nicht, wie lang ich noch wach gelegen war. Am nächsten Morgen war ich wie gerädert. Aber immerhin war ich – für meine aktuellen Verhältnisse – gut aufgelegt.

Nach einem ausgiebigen Frühstück zogen wir los. Wir wollten zur Höllentalklamm und dann zum Eibsee. Alles zu Fuß, versteht sich. Das Wandern tat mir gut. Grainau ist ein wunderschöner Flecken Erde und gerade die Höllentalklamm und der Eibsee, der direkt unter der Zugspitze liegt, lassen einen vor Ehrfurcht staunen. Wir wanderten beinahe fünf Stunden am Stück. Erst einen schönen, teilweise steilen und anstrengenden Steig hinauf zum Eingang der Klamm. In den Felshöhlen und Steiggittern der Klamm beobachteten wir begeistert den glasklaren, türkisblauen Bergbach, der sich irrwitzig die schmale Klamm hinunterstürzte und wanderten dann zweieinhalb Stunden auf beinahe ebenen Forstwegen bis zum Eibsee. Ich war weitgehend still, meine Freundin übernahm das Reden; eigentlich war mir das zu viel, ich hätte gerne Stille gehabt. Aber es tat mir gut. Negative Gedanken hatten so den ganzen Tag fast keine Chance, sich in mir auszubreiten, denn mein Gehirn war mit der Verfolgung der beinahe atemlosen Erzählungen und dem Wandern an sich bereits vollkommen beschäftigt. Als wir endlich am Eibsee ankamen, war ich zwar körperlich ziemlich erschöpft, mein Geist war aber zum ersten Mal seit Wochen völlig entspannt. Ich schwamm eine große Runde im Eibsee, der erstaunlich warm war, und genoss es, mich auf dem Rücken liegend durch das Wasser treiben zu lassen und dabei die Zugspitze und die umliegenden Berggipfel zu beobachten. Danach saßen bzw. lagen wir auf einem großen Fels am Ufer in der Sonne. Zum ersten Mal seit langer Zeit konnte ich die Schönheit der Natur um mich herum in vollen Zügen genießen, ohne dass mich irgendwelche störenden Gedanken aus dem Hier und Jetzt rissen. Ich spürte die Sonne, die das Wasser langsam von meiner Haut trocknete und sie wärmte. Den Wind, der mit meinen nassen Locken spielte. Ich atmete die Bergluft tief ein und sog die Ruhe, mit der der See vor mir lag, auf. Den Abend verbrachten wir im Spa-Bereich. In der finnischen Sauna mit Blick auf die Zugspitze und den Sternenhimmel ließen wir den Tag ausklingen. Ich schlief trotz der 90° dort beinahe ein. Und auch eine Stunde später in meinem Bett hatte ich zum ersten Mal seit Wochen keine Einschlafschwierigkeiten.

Am nächsten Tag besuchten wir noch das Königsschlösschen „Linderhof“ – ein wunderschöner Bau in einem noch schöneren Garten. Ich bemerkte zwar, dass mir die schlechte Luft in den alten Räumlichkeiten zu schaffen machte, hatte aber keinerlei Probleme damit, mit den zwanzig anderen Besuchern in den teils sehr kleinen Räumen „eingepfercht“ zu sein. Auch am Samstag schlief ich gut. Und am Sonntag fühlte ich mich sogar so fit, dass ich mich mit ein paar Kollegen zum Beach-Volleyball-Spielen traf. Ich hatte richtig Spaß am Spiel und konnte zum ersten Mal seit Wochen wieder richtig lachen. Selbst, dass der Beach-Volleyball-Platz in unmittelbare Nähe zum Firmengelände lag, machte mir nichts aus. Es war so schön.

Kopf gegen Berg

Am Montag brach ich sehr früh, um sechs Uhr morgens, auf. Ich wollte in die Berge. Während meines Studiums lebte ich drei Jahre in Tirol. Seitdem habe ich ein regelrechtes Bergweh entwickelt. Ich freute mich auf meinen kleinen Ausflug. Sich einfach nur auf den Weg, sich selbst und den Berg zu konzentrieren und den Kopf zu Hause zu lassen, erschien mir als sehr gute Idee.

Ich entschied mich, zur Tegernseer Hütte hochzulaufen. Da war ich im vorigen Jahr bereits gewesen, die kleine Tour war entspannt, sportlich keine große Herausforderung und vor allem wunderschön. Ich genoss den Aufstieg. Den morgendlichen Waldduft. Sah zu, wie sich die Wolken langsam verzogen und die Berge ringsum wieder aus ihrem Nebelgewand auftauchten. In gut zweieinhalb Stunden war ich oben, eine gute Zeit. Vor mir lag der Tegernsee, die Hütte thronte zwischen Buch- und Roßstein wie ein Adlerhorst, hinter ihr das Bergpanorama, unter einem strahlend blauen Himmel. Traumhaft!

Aber das Gefühl, von dem ich wusste, dass es ein solcher Anblick eigentlich in mir auslösen müsste – eine Mischung aus purer Lebensfreude und Glück – wollte sich bei mir nicht einstellen. Ich setzte mich hin, blickte lange hinein in die Bergwelt und hinunter auf den See, und ich versuchte, mich selbst von der Schönheit des Augenblicks zu überzeugen. Aber nichts. Ich wusste, dass vor mir ein wunderschönes Bergpanorama lag, so wie man irgendwann eine mathematische Formel versteht. Aber das war es dann auch. Die Glücksgefühle eines Gipfelstürmers blieben aus, dafür wurde ich unruhig. Enttäuscht trank ich meine Apfelschorle aus und stieg wieder ab.

Bereits nach wenigen Metern spürte ich meine Oberschenkel. Ich musste höllisch auf den Weg aufpassen, da der Steig nicht gerade eben war. Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mir Wanderstöcke. War ich mit 27 schon alt genug dafür? Nach einer Stunde Abstieg war ich bereits ziemlich erschöpft, hatte aber noch zwei Drittel des Weges vor mir. Die Sonne brannte auf mich herunter und der Waldrand war noch ein gutes Stück entfernt. Ich trank ein paar Schlucke und ging weiter. Wenn ich den Wald und damit den Schatten erreicht hatte, wollte ich eine lange Pause machen. Dort aß ich dann auf einem großen, flachen Felsen den Rest meiner Brotzeit und trank die zweite Wasserflasche aus. Der Weg nach unten war nicht mehr lang, eine halbe Stunde vielleicht, und der Steig führte durch den Wald, war also schön schattig. Ich würde gleich unten sein.

Pustekuchen. Meine Oberschenkel schmerzten und ich merkte, dass meine Beine immer unzuverlässiger wurden. Ich musste meine Schritte sauber setzen und mich stark auf den Weg konzentrieren. Ich knickte mit dem linken Fuß um, da ich auf eine Wurzel trat, die ich eigentlich hätte sehen müssen. „Konzentrier dich auf den Weg, Sophie!“, scholt ich mich selbst. Aber ich hatte keine Chance gegen meinen Kopf. Er wollte nicht mehr. Ich konnte mich keine drei Schritte am Stück auf den Weg konzentrieren. Immer wieder knickte ich um. Meine Fußgelenke begannen zu schmerzen. Die Oberschenkel brannten. Ich hatte Hunger, aber kein Essen mehr. Ich hatte Durst, aber kein Wasser mehr. Ich war mit den Nerven am Ende. Am liebsten wäre ich einfach an Ort und Stelle liegen geblieben und hätte geheult. Aber das würde ja nichts helfen. Ich musste diesen verdammten Berg wieder herunterkommen. Im Auto war noch Wasser. Und dann würde ich in ein Seebad fahren und Essen kaufen. Ich konnte an nichts anderes mehr Denken. Trinken. Essen. Schlafen. Und fiel über die nächste Wurzel.

Irgendwie schaffte ich es die restlichen Meter den Berg herunter. Ich hatte beinahe vier Stunden für den Abstieg gebraucht. Eineinhalb Stunden mehr als für den Aufstieg. Woher ich die Energie nahm, noch mit  dem Auto zurück zum Tegernsee zu fahren, weiß ich nicht. Ich war nur noch getrieben von der untersten Schicht der Maslowschen Bedürfnispyramide. Trinken. Essen. Schlafen. In einem kleinen, ruhigen Seebad angekommen kaufte ich mir Wiener mit Brot, verschlang sie innerhalb von Minuten und schlief auf der Liegewiese ein.

Erst zwei Stunden später wachte ich wieder auf. Zurück am Auto bemerkte ich einen Strafzettel. Ich hatte vergessen, einen Parkschein zu ziehen.

Tags darauf war ich bei meiner Ärztin. Ich hatte Eisen- und Vitamin-D-Mangel. Sonst war ich offiziell topfit.