Wieder in einer Umkleidekabine!

Heute ist der 19. Oktober. Morgen geht die Tanzlehrerin, die am gleichen Tag wie ich ankam, wieder nach Hause. Aber Zeit hat seine Bedeutung schon lange verloren.

Heute war – zumindest bisher – ein guter Tag. Um acht, wie jeden Montag und Mittwoch und Freitag, war ich mit Johanna laufen. Raus aus der Klinik, raus aus dem kleinen Ort, eine schmale Landstraße entlang, die sich zwischen frisch gepflügten und mit bunter Zwischenfrucht besäten Feldern hindurchschlängelt. Rückzu kommen wir jeden zweiten Tag bei einer kleinen Schafherde vorbei und hören rechter Hand einen kleinen Bach plätschern. Wir liefen die Runde zwar nicht komplett durch, das Geh-Intervall war aber immerhin sehr kurz.

Danach hatte ich endlich einmal wieder Zeit, um ausführlich zu duschen, meine Haare zu föhnen und zu glätten. Ich schminkte mich sogar – mit Wimperntusche und dem neuen, knallroten Lippenstift und machte mich auf den Weg zu meinem Auto. Für heute Vormittag hatte ich mir Großes vorgenommen: Shoppen.

Weiter als fünf Meter bin ich seit Anfang August nicht mehr in ein Bekleidungsgeschäft vorgedrungen. Die fünf Meter habe ich Ende letzter Woche in Begleitung geschafft. Heute also wollte ich mindestens bis ganz zum Ende des kleinen H&Ms gehen und die Kleider auch anfassen. Und vor allen Dingen mehr als zehn Minuten in dem Geschäft verbringen.

Und es ging richtig gut! Ich fühlte mich zwar unglaublich unwohl und ertappte mich selbst dabei, wie ich mir selbst einredete, dass es „sowieso nur lauter greislige Sachen“ gäbe, aber immerhin: Es fiel mir selbst auf. Und auch das bewusste Anfassen der Kleider tat gut: So hatte mein Kopf etwas Reales im Hier und Jetzt, auf das er sich zu konzentrieren hatte, und damit keine Zeit, abzudriften. Es ging schließlich so gut, dass ich mich entschloss, etwas anzuprobieren. Das Kleid war blau, ein angenehmer, dicker Stoff und im Rücken mit einem langen Reißverschluss versehen, so dass ich es nicht über den Kopf ziehen müsste. Es klappte gut. Nach wie vor fühlte ich mich nicht ganz wohl in meiner Haut und auf dem Weg zur Kabine, die natürlich so weit wie nur möglich vom Ausgang entfernt lag, warf ich immer wieder einen Kontrollblick zurück Richtung Straße, aber ich bekam kein Brust- oder Herzstechen oder Zittern. Auch nicht, als ich das Kleid probierte. Es war etwas zu klein und vor allem zu kurz (lieber H&M, ich habe fünf Kilo abgenommen und passe trotzdem auf einmal nicht mehr in eine 38?!), also nahm ich es nicht mit. Aber das war ja auch gar nicht meine Absicht gewesen. Ich hatte ein Kleid anprobiert! In einer Umkleidekabine! Und es ging gut! Tschakka! Sehr stolz und hocherfreut verließ ich den Laden. Klar, es war Montagvormittag, halb elf, es gab wohl kaum eine Uhrzeit und vor allen Dingen auch kaum einen Ort, an dem ein H&M leerer war, und mein Stresslevel war zuvor bei beinahe null gewesen, aber trotzdem!

Von meinem kleinen Erfolg angespornt ging ich auch gleich in das Geschäft nebenan – in das, vor dem noch vor fünf Wochen eine unsichtbare Wand stand. Und siehe da, ich konnte auch dort hineingehen, aber das Geschäft war dunkler und unordentlicher und irgendwie war das nicht annähernd so gut wieder H&M. Im hinteren Drittel fing auch das Bruststechen an. Ich hielt es noch ein Weilchen aus. Aber gut. Für den ersten Versuch, fand ich, war das richtig gut. Ich war dennoch sehr erleichtert, als ich auch aus dem zweiten Geschäft wieder draußen war. Die Expo war hiermit beendet. Im Anschluss belohnte ich mich mit vier Büchern, zwei Leinwänden und etwas Weihnachtsdeko… 120 € in einem Buchladen auszugeben, ist selbst für mich ein neuer Rekord… und einer neuen Laufhose (die gab es bei tschibo, das zählt nicht als Bekleidungsgeschäft).

Stolz wie Oskar stattete ich noch kurz dem Lechwehr meinen Besuch ab, schickte das Umkleidekabinenfoto stolz an meine Mutter, eine Schwester und Johanna und fuhr zurück in die Klinik. Ich war in Hochstimmung! Das Lächeln stahl sich auf mein Gesicht und blieb erst einmal da.

Etwa eine halbe Stunde später gab es Mittagessen, ich hatte vergessen zu bestellen. Ich hatte Glück und musste nicht warten, bis etwas überblieb, sondern bekam gleich ein Hühnchen mit Gemüse und Kartoffeln. Aber irgendwie war mein Appetit – noch vor einer halbe Stunde hatte ich richtig Hunger gehabt – weg. Das waren wohl schon wieder zu viele Emotionen gewesen. Später, nach der Kunsttherapie in der freien Gruppe, fühlte ich mich dann richtig schlapp. Irgendwie beinahe schon krank. Nicht schon wieder! Aber es wurde wieder besser, meine ersten Töpfersachen sind fertig geworden, und ich gehe nun noch, wieder mit Johanna, eine Runde spazieren. Abends geht es dann zum Abschiedsessen mit meinen Tischnachbarinnen.

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Pawlowsche Hunde

Heute in meiner Lieblings-Gruppe – der Angstgruppe – gab es ein bisschen Theorie: die Angstkurve, „psycho-edukativ“ nannte sich das Ganze. Ich stehe da drauf! Diese Theorien und Graphen kann man wenigstens verstehen.

Jedenfalls, der Gedanke hinter dem Konzept ist: Die Angst steigt nicht, wie von uns angenommen, ins Unermessliche, sondern es gibt einen Punkt, an dem sie nicht mehr steigt, sondern wieder sinkt. Die Angstreaktion ist genau wie die Stressreaktion des Körpers eine Reservefunktion: Sie wird aktiviert, um in bestimmten Situationen „überleben“ zu können. Das Noradrenalin und das Adrenalin, das dabei benötigt wird, ist aber irgendwann wieder aufgebraucht. Und dann hört die Angst auf, dann fallen wir – wie etwa nach einer schweren Prüfung oder einem harten Arbeitstag – in ein Erschöpfungstief.

Wir Angstpatienten sind alle Pawlosche Hunde:

Ich zum Beispiel bekam beim Kleiderkaufen eine Panikattacke. Daraufhin konditionierte sich mein Hirn unbewusst: Kleidergeschäfte sind gefährlich. Dann: Alle Räume, aus denen ich nicht unmittelbar an die frische Luft fliehen kann, sind gefährlich. Sprich: U-Bahn-Fahren ist gefährlich. Und irgendwann, weil auch die Angstreaktion einem Prozess der Generalisierung unterliegt, greift die Angst auf immer weitere Bereiche über. Letzte Woche hatte ich plötzlich Angst, alleine draußen spazieren zu gehen. Ich habe mich dagegen gewehrt und bin los gelaufen. Ich wollte nicht zulassen, dass diese dumme Angst nun wirklich beginnt, mein Leben einzuschränken. Und ich bin wirklich beinahe gelaufen. Erst nach etwa zwei Kilometern – auf der Hälfte der Runde – beruhigte ich mich und konnte mich entspannen. Das Gute ist: Man kann uns – genau wie einen Hund – auch wieder ent-konditionieren, und genau da setzt das Expositionstraining an.

Später im Zimmer kam mir plötzlich: Was für eine Ironie! Eigentlich hätte ich das alles bereits wissen müssen. Ich bin jahrelang Trainerin für Geräteturnen gewesen. Das erste, was du machst, wenn dir ein Kind vom Schwebebalken fällt, ist, es wieder draufzustellen (sofern es keine Verletzung davon getragen hat natürlich), selbst wenn es vor Schreck heult. Und wieder, und wieder. Bis es, allein oder mit Hilfe, klappt. Ich habe das einfach gemacht, weil es mit mir so gemacht wurde und mir später dann auch irgendwie sinnvoll erschien. Jetzt erst erschließt sich mir der Kreis: Wir lassen einer unbewussten Konditionierung (Schwebebalken = böse) gar nicht erst den Hauch einer Chance damit.

 

Das wütende Kind

Same procedure wie üblich: Nach einem kurzen Frühstück trabten Johanna und ich los. Abwechselnd walkend und joggend setzten wir uns an die Spitze der langen Schlange Morgensportler, die sich aus der Klinik über die umliegende Feldwege ergoss. In gleichmäßigem Tempo brachten wir uns auf den aktuellen Stand, wie wir die Nacht so verbracht hatten – das konnte in der Tat ein langes Thema werden, dank Zimmernachbarn, Albträumen oder nicht wirkenden Tabletten – , teilten unsere Sorgen und Freude und besprachen den anstehenden Tag. Tina würde heute gehen, und Johanna damit zwei neue Zimmernachbarinnen erhalten. Zu spät waren wir auf den Gedanken kommen, dass eine von uns zur anderen ins Zimmer ziehen könnte. Die Verwaltung hatte gestern Vormittag dem Bestreben dann entsprechend ein Ende gesetzt. In meinem Zimmer war nach wie vor ein Bett frei. Mit meiner Zimmergenossin hatte ich zwar Kontakt, aber immerhin kamen wir uns weder tagsüber noch nachts gegenseitig in die Quere. Johannas Freund würde nun definitiv mit auf die Wiesn kommen. Das war seit der vergangenen Woche unser Topthema, natürlich auf meinem Mist gewachsen. Ich konnte nicht ohne Wiesn. Schweren Herzens hatte ich, Ende August erst, alles abgesagt. Noch in der Psychiatrie hatte ich eine Zeitlang gehofft, zumindest an einer Sonntag-Mittags-Wiesn dabei sein zu können. Irgendwann hatte ich mich schließlich geschlagen gegeben. Ein Wiesnzelt würde heuer (=in diesem Jahr) eine Tortur für mich sein. Und wenn ich das sonst noch so liebte. Aber ein Wiesnspaziergang bei schönem Wetter, einer Fahrt auf der alten Münchner Rutsche, der Toboggan, und ein Früchtespieß mussten, mussten, mussten einfach drin sein! Ich plante den Ausflug mit meiner Schwester nun schon seit drei Wochen, und auch Johanna und ihr Freund würden nun mitkommen. Am Freitag nach dem Mittagessen wollten wir los. Vorsichtshalber verschwieg ich diesen Ausflug vor meiner Therapeutin. Was sie nicht wusste, konnte sie nicht absagen. Dass das ein bisschen wahnsinnig war, wusste ich selbst genau genug. Aber ich musste einfach auf die Wiesn. Und wenn es nur eine halbe Stunde war.

Nach dem Joggen – Johanna und ich wurden immer fitter und liefen mittlerweile beinahe die ganze Strecke durch – saß ich um 9.20 Uhr wieder in der Angstgruppe. Tina hatte heute ein Thema, an ihrem letzten Tag, in ihrer letzten Therapiestunde. Nach der Begrüßungsrunde, ich war heute ruhig und entspannt, Tina ganz im Gegensatz zu ihrer sonst sehr coolen Art sehr aufgeregt und nervös, verteilte meine Therapeutin vier Stühle, offensichtlich nach einem System, im Raum. Da ich, mal wieder als Einzige, keinen blassen Schimmer hatte, was vor sich ging, erklärte sie, dass Tina nun eine bestimmte, in diesem Fall ihre aktuelle, Lebenssituation anhand einem Schematherapeutischen Modell (wir waren hier ja in der Schematherapie Angst) selbst analysieren solle. Sie stellte insgesamt fünf Stühle auf. Einer war der „Gesunde Erwachsene“, einer der „Kritiker“, einer die „Schutzmauer“, einer das „wütende Kind“ und der letzte schließlich das „verletzte Kind“. Die beiden letzteren Stühle standen nebeneinander hinter der Schutzmauer, der Kritiker seitlich neben der Schutzmauer und der gesunde Erwachsene über bzw. vor allem. Jeder dieser Stühle sollte also einen der Verhaltensmodi darstellen, in die man, wie dieses Schema eben besagte, je nach Situation, meistens unbewusst, rutschte. Der gesunde Erwachsene ist die Instanz, in der man im besten Fall immer sein sollte, der Idealzustand. Auf dessen Stärkung zielen die meisten Therapien ab. Er ist die Instanz, in der wir bewusst und vernunftgesteuert handeln, unsere Emotionen auf Angemessenheit oder auch Verhältnismäßigkeit prüfen und überlegt reagieren. Ich bin wahrlich keine Psychologie-Koryphäe, aber ich würde sagen, dass dieser gesunde Erwachsene dem Freudschen „Ich“ sehr nahe kommt. Die Schutzmauer war eben eine emotionale Schutzmauer, der Kritiker eben der Kritiker – das „Über-Ich“ oder die ganze Ansammlung an Glaubenssätzen und Grundsätzen, die wir im Laufe der Zeit angesammelt haben und die nun die Anforderungen darstellen, an denen wir uns automatisch und unterbewusst selbst messen. Die beiden Kinder sind im wahrsten Sinne des Wortes Kinder: Das wütende Kind reagiert wütend. Wie ein kleines Kind. Oder eben verletzt, wie ein kleines Kind. Mit Vernunft kommt man ihnen beiden nur schwer bei, wenn sie einmal losgelassen sind. Unserer individuellen Biografie und aktuellen Lebenssituation entsprechend sind die Modi, die ich eben aufgezählt habe, sehr unterschiedlich ausgeprägt. Tina stand nun also vor diesen Stühlen und sollte selbst entscheiden, welcher Modus in ihr gerade am stärksten ausgeprägt war. Es ging um eine unschöne Trennungssituation. Ich kannte die Geschichte, ich fand ganz eindeutig, dass er der Arsch war. Tina wählte – nicht eines der Kinder. Auch nicht die Schutzmauer, wie wir es wohl alle erwartet hatten. Sondern den Kritiker. Auf diesem Stuhl fühlte sie sich am sichersten, am wohlsten. Sie erklärte uns warum. Die Therapeutin forderte sie nun auf, sich auf den nächsten Stuhl zu setzten und damit in den nächsten Modus zu wechseln. Sie sollte den auswählen, der bei ihr am nächststärksten ausgeprägt war.  Sie erklärte uns wieder warum. Und wie sich das anfühlte. Wie bereits meine allererste Stunde in der Angstgruppe war auch diese sehr intensiv. In erster Linie natürlich für Tina, aber auch für uns andere. Wir alle kannte ihre Situation, sie hatte uns die Geschichte vorher erzählt, so dass wir ihr entsprechend Feedback geben konnten. Und es war teils schmerzhaft zu erkennen, wie weit weg die sonst so taffe und sicher wirkende Tina sich vom gesunden Erwachsenen bewegte. Wie weit weg sie sich auch vom naheliegendsten aller Modi, dem wütenden Kind bewegte. Und zu sehen, wie extrem Tinas heutige Reaktion von Erfahrungen ihrer Grundschulzeit abhing. Die Muster, nach denen wir reagieren, nach denen wir automatisch bei bestimmten Situationen in bestimmte Modi rutschen, bilden sich in der Kindheit. Dort in der Regel als Schutzmechanismen, als Überlebensautomatismus. Diese Schutzmechanismen können aber über die Jahre hinweg eine geradezu gegenteilige Wirkung einnehmen. Sie hemmen uns oder bringen uns sogar schwerwiegende Probleme. Meistens erkennen wir sie nicht einmal, denn wir reagieren automatisch und unterbewusst, daher ist das für uns ganz einfach „normal“ und „richtig“. Diese Automatismen zu erkennen und einzuordnen ist einer der Hauptbestandteile der Therapie. Sehr anstrengend. Und oft sehr schmerzhaft. Die Schachtel Taschentücher war nach der Stunde leer. Tina hatte beinahe alle gebraucht.

Kopf gegen Berg II

Am Freitagabend war ich quasi direkt nach dem Abendessen total erledigt ins Bett gefallen. Nun war Samstagmorgen, ich freute mich auf den Ausflug in die Berge – ich sah sie zwar auch von unserem Balkon aus, aber das war nicht das Gleiche – und fühlte mich wieder den Umständen entsprechend fit, für die Herausforderung gewappnet.

Ich war auch beinahe pünktlich bei Hanni angekommen. Wir waren zu dritt im Auto, das war gut. Ich saß hinten und konnte ein bisschen entspannen, was nach der beinahe einstündigen Autofahrt auch bereits sehr dringend notwendig war. Dummerweise hatte ich meine Ohropax vergessen. Am Berg selbst hielt ich mich ziemlich zurück. Ich kannte nicht alle, die dabei waren, ich war nicht scharf darauf, zu reden, ich wollte einfach in den Bergen sein und wandern. Das Geburtstagskind blieb die meiste Zeit in meiner Nähe, dafür war ich ziemlich dankbar. Der erste Teil des Weges war ein Forstweg, nach einiger Zeit aber  verwandelte er sich in einen schmalen Pfad. Das war anstrengend für mich, und ich fiel ans Ende der Gruppe zurück. Hanni und eine andere Freundin passten sich meinem Tempo an. Schließlich gab es eine Pause, die Wandergruppe musste schließlich fotografisch festgehalten werden, was mir die Gelegenheit gab, durch zu schnaufen. Man konnte den Gipfel bereits sehen, es lag vielleicht noch eine Stunde Weg vor uns. Bis zur Hütte war es nur noch eine halbe Stunde. Aber ich wollte ganz hoch, und bisher war ich zwar körperlich etwas angestrengt, aber meine Konzentration war noch gut, und der Weg wurde wieder breiter und ebener. Wir wanderten also gemütlich über einen breiten Weg auf das Plateau, auf dem sich die Hütte befand, ratschten, es war angenehm. Nach einer kurzen Pause nahmen wir dann das letzte Stück in Angriff. Der Pfad wurde immer schmaler, bis sich nur mehr ein Steig durch die Felsen wand. Ich fiel immer weiter zurück. Es wurde steiler und anstrengender, aber vor allem wurde der Weg immer unebener und ich musste immer besser aufpassen, wo und wie ich meine Schritte setzte. Ich brauchte immer wieder kurze Pausen. Schließlich waren wir an den Kraxelstellen, die teils auch etwas ausgesetzt waren, angekommen. Eine wunderschön Route, genau wie ich es eigentlich mag – nicht nur langweiliges Wandern, sondern ein bisschen Action. Ein paar Bergfexe aus der Gruppe waren regelrecht wie Gemsen über die Felsen gehüpft und schon lange oben. Ich brauchte länger. Ich musste vor jedem Schritt, den ich setzte, zweimal den Untergrund checken, ob er stabil genug war, oder ein Stein nicht doch wackelte. Sonst sah ich das auf den ersten Blick. Mit jedem Schritt nahm meine Konzentration rapide ab. Hanni und Sophie waren immer noch bei mir, eine ging vor mir, eine hinterher. Sie schafften es, das ganz zufällig aussehen zu lassen und ich war gottfroh drum, dass sie bei mir blieben. Normalerweise, das wusste ich aus Erfahrung, wären die beiden schon lange oben gewesen. Nach einer gefühlten Ewigkeit waren auch wir, die Nachhut, oben angekommen. Ich war völlig k.o., meine Beine zitterten, mein Kopf brauchte eine Pause. Aber ich war glücklich. Ich war oben, ich hatte es geschafft und es die Kraxelei hatte mir trotz allem Spaß gemacht.

Die anderen hatten bereits den ganzen Gipfel beschlagnahmt, wir machten eine lange Pause mit Brotzeit und Gipfelgeburtstagskuchen, bevor wir den Rückweg antraten. Es ging über die gleiche Strecke zurück, und ich war heilfroh, dass die gefährlichen Stellen gleich am Anfang zu überwinden waren. Die Pause oben hatte nicht ausgereicht, um meine Konzentration wieder halbwegs herzustellen. Ich brauchte ewig bis zu der Hütte – mit Sicherheit doppelt so lange wie angegeben, und brauchte dort auch ziemlich lange, bis ich zumindest wieder soweit war, den Gesprächen der anderen zuzuhören. Nach etwa zwei Stunden brachen die anderen auf zum Abstieg und ich marschierte ein kurzes Stück auf einem breiten Forstweg zur Gondel und fuhr ab. Unten angekommen war ich froh, erstmal alleine zu sein und Ruhe zu haben. Ich saß beinahe zwei Stunden einfach auf einer Bank in der Sonne und beobachtete die Umgebung um mich herum, und tat nichts, bis Hanni endlich mit dem Auto kam, um mich aufzusammeln. In München aßen wir noch gemeinsam zu Abend, für das Klinikabendessen wäre ich bereits zu spät, und dann machte ich mich auf den Heimweg. Nach etwa einer Viertelstunde Fahrt bekam ich leichte Angstzustände. Stechen in der Brust. Mein Atem verkrampfte. Ich hatte diese Symptome mittlerweile wirklich satt, ich war nur noch genervt davon. Ich fuhr einfach nur Auto, nicht einmal schnell, es kaum Verkehr, es gab mal wieder überhaupt keinen Grund dafür. Jetzt erst recht, dachte ich mir, und begann aus Protest lauthals im Radio mitzusingen. Und siehe da: Solange ich sang, waren die Angstsymptome verschwunden. In dem Buch, das ich gerade las, „Anti-Stress-Yoga“ von Anna Trökes, hatte die Autorin erklärt, dass man mit Singen – da ging es allerdings eher um die yogischen Mantras – sein Unterbewusstsein austricksen könne. Wenn jemand singt, kann keine Gefahr bestehen. Also kann er auch keine Angst haben. Funktioniert bei mir wunderbar! Ich habe meine Angst einfach ausgetrickst. 2:0 für mich!

Hilfe, ich bin in der U-Bahn!

Die nächsten beiden Tage waren nicht mehr ganz so anstrengend. Zwischen meinen Therapien las und schrieb ich viel, saß viel Zeit im Atrium (der Raum mit den Puzzles) und machte lange Spaziergänge mit Johanna. Abends um neun war ich in der Regel bereits eingeschlafen. An diesem Wochenende würde ich nicht nach Hause fahren. Die Ruhe hier tat mir gut und am Samstag wollte ich außerdem in die Berge. Hanni, eine gute Freundin, feierte Geburtstag – auf der Kampenwand. Nach langem Hin und Her hatte ich mich entschieden, mitzukommen. Ich würde selbst nach München fahren, ab dort würde ich dann bei Hanni mitfahren. Die Wanderung nach oben würde ich mitnehmen, das wären ca. 600 Höhenmeter, mit etwas Kraxelei zum Schluss. Abfahren würde ich jedoch mit der Gondel. Notfalls könnte ich bereits vor dem Gipfel aussetzen, da sich auf Höhe der Gondelbahn die Hütte befand, zu der die Gruppe dann später auch wieder absteigen würde. Plan A, B und C standen also, ich war flexibel.

Das hieß allerdings auch, dass ich meine Bergschuhe vorher aus meiner Wohnung holen müsste. Aus München. Also schloss ich mich Johanna und ihren beiden Zimmergenossinnen an, die am Freitagnachmittag mit dem Zug nach München zum Einkaufen fahren wollten. Ich würde dann eben mit der U-Bahn weiter in meine Wohnung fahren, die Schuhe holen, um dann die anderen wieder am Bahnhof zu treffen. Erst im Zug fiel mir auf, was ich da tat. Ich fuhr Zug. Und ich war seit Monaten nicht mehr U-Bahn gefahren. Das mochte ich noch nie besonders gern, ich fuhr lieber oberirdisch, da sah man wenigstens etwas von der Stadt. Aber ich hatte es ja zuletzt noch nicht einmal mehr mit dem Radl in der Stadt ausgehalten. Geschweige denn in der S-Bahn. Und jetzt musste ich U-Bahn fahren…

Die Zugfahrt ging erstaunlich gut, ich war von den anderen Mädels abgelenkt. Aber die stiegen in Pasing aus. Und von dort aus musste ich allein und dann noch dazu mit der U-Bahn bis zu meiner Wohnung gelangen. Meine neuen Angststörungen waren mir noch nicht so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich sie von vornherein vermied; sie überraschten mich immer wieder. Ich überlegte kurz, ob ich irgendwie anders, mit dem Taxi oder mit dem Bus fahren könnte. Aber nein. Ich sollte nicht vermeiden und außerdem, schalt ich mich selbst, mich nicht so anstellen. Was sollte denn schon passieren? Die paar Stationen würde ich wohl aushalten. Und dann hatte ich sowieso einen schönen, beinahe einstündigen Spaziergang durch den Englischen Garten vor mir. Bis zum Hauptbahnhof war dann auch alles in Ordnung. Die Fahrt mit der U-Bahn zum Sendlinger Tor und das Umsteigen waren auch noch okay. Aber ich spürte schon, wie ich zusehends angespannter wurde. Als sich am Marienplatz meine U-Bahn dann füllte, war die Panik da. Mein Magen und mein Kreislauf spielten verrückt, ich zitterte innerlich, als ob ich starken Schüttelfrost hätte, mir wurde kalt und heiß gleichzeitig. Aber ich ließ die Stange nicht los. Ich starrte auf den Boden der U-Bahn, versuchte zu ignorieren, dass die U-Bahn immer noch voller wurde und bemühte mich, mich auf meinen Atem zu konzentrieren und den Boden aufmerksam, oder besser achtsam, zu betrachten. Dieser grau-schwarze Boden in den U-Bahnen ist allerdings wirklich keine Schönheit. Es klappte so halbwegs. Ich riss mich zusammen und widerstand dem Fluchtimpuls, stieg nicht vorher aus, sondern hielt bis zu meiner geplanten Endstation durch. Aber dann rannte ich beinahe aus dem U-Bahnhof. Suchte die nächste Toilette, trank meine halbe Flasche leer, aß beinahe meine komplette „Notfallschokolade“ und versuchte, mich wieder zu sammeln und verließ den U-Bahnhof. Oben, mitten an der Münchner Freiheit, einem Verkehrsknotenpunkt der Münchener Innenstadt, war es nie leise. Aber jetzt war der Lärm geradezu ohrenbetäubend für mich. Ich stopfte mir meine Ohropax in die Ohren. Das war etwas besser, aber noch lange nicht gut. Ich musste hier weg. Das war alles zu viel, zu laut. So schnell ich konnte bewegte ich mich in Richtung Englischer Garten. Doch selbst hier, am Kleinhesseloher See, war es noch so laut, dass ich es kaum aushielt. Ich wäre meinem dröhnenden Kopf am liebsten davon gelaufen. Dass das nicht funktionierte, wusste ich aber mittlerweile. Daher bemühte ich mich, den Lärm zu ignorieren und ging, beinahe laufend, weiter. Erst als ich im grundsätzlich deutlich ruhigeren Nordteil des Gartens angekommen war, wurde es langsam besser. Ich ging bewusst langsamer, die Ohropax blieben drin. Schließlich wurde es esser, die Bewegung tat gut (irgendwie musste ich diesen Fluchtinstinkt ja beruhigen) und ich fand einen schönen, ruhigen Platz an der Isar in der Sonne und blieb dort eine halbe Stunde sitzen. Ich beobachtete – mal wieder – die Enten. Wie die Sonne im Fluss glitzerte. Die Möwen umherflogen und die Bäume sich leicht im Wind bewegten. Schließlich nahm ich auch die Ohropax raus. Es passte wieder alles, ich hatte mich beruhigt. In meiner Wohnung packte ich meine Bergschuhe ein, goss meine Orchidee, die meine Abwesenheit bislang ganz gut überlebt hatte, hörte Musik (nirgends in der Klinik gab es Musik und auch kein W-Lan auf dem Zimmer, das fehlte mir sehr) und genoss es ganz einfach, in meiner Wohnung zu sein. Schließlich musste ich wieder los. Erst mit dem Bus, dann mit der U-Bahn, dann am Hauptbahnhof in den Zug steigen, in den die anderen dann in Pasing zusteigen würden. Ich ging also zum Bus, stieg in die U-Bahn um. Nach mehreren Stationen in der U-Bahn fiel mir plötzlich auf, dass ich U-Bahn fuhr. Irgendwie hatte ich das total vergessen, war ganz automatisch wie immer aus dem Bus aus- und in die U-Bahn eingestiegen, ohne mir einen Kopf zu machen. Und es blieb auch so. Keine Angst. Keine Panik, nicht einmal eine leichte Anspannung verspürte ich. Das war doch verrückt! Aber ich war froh drum.

 

Wie kann an einem einzigen Tag so viel passieren?

Der Mittwoch würde mein erster „voller“ Tag sein: Walken bzw. Laufen, Angstgruppe, Kunsttherapie.

Die Frühstückszeiten kollidierten leider ungünstig mit der Walkingzeit: Frühstück gab es nur bis viertel vor neun, das hieß also, man sollte vorher frühstücken, wenn man nicht riskieren wollte, nichts mehr zu erwischen.

Um acht sammelten sich dann alle Patienten, die am Walking teilnehmen mussten/wollten in dem Nebenraum des Foyers, wo sich die schwarzen Bretter und der Wasserspender befanden. Es waren um die zwanzig. Eine Physiotherapeutin hakte unsere Namen auf einer Liste ab, ich folgte Johanna nach draußen und sie lief direkt los. Müssen wir denn nicht auf die Therapeutin warten?, fragte ich einigermaßen verwirrt. In der Psychiatrie war sehr stark darauf geachtet worden, dass kein Patient außer Sichtweite war. Nein, antwortete mir Johanna. Manche würden uns auf der Runde entgegen gehen, andere hakten sogar einfach nur ab.

Es war schön, wieder mit Johanna zu laufen, ich hatte das wirklich vermisst. Danach dehnten wir uns noch ein wenig, wie wir das in der Psychiatrie unter Anleitung der Therapeutin immer gemacht hatten und trennten uns. Ich holte meine Morgenration Tabletten an der MZ und ging in mein Zimmer, um mich fertig zu machen. Um 9.20 Uhr begann die Angstgruppe. Ich wollte nicht gleich bei der ersten Stunde zu spät kommen.

Die Runde war etwas kleiner als tags zuvor die der Burnout-Gruppe, die Atmosphäre war nicht nur angenehm, sondern richtig herzlich. Auch hier stellten sich wieder alle vor und sagten, wie es ihnen jeweils ging. Anstatt zu sagen, was sie sich heute Gutes tun würden, fügten sie an, ob sie ein Thema für die Gruppe hätten. Da waren Gabi, eine rundliche Fünfzigerin, mit einem unglaublich herzigen Lachen. Chris, 27, Typ Gangsta, wegen Agoraphobie hier. Tabea, eine sehr taff wirkende 23-Jährige, die definitiv nicht auf den Mund gefallen war. Ebenso Agoraphobie. Martín, Burnout und Angststörungen. Ich. Tina, die Zimmernachbarin von Johanna, Agoraphobie und Julia, eine junge Frau Anfang dreißig, hier wegen posttraumatischer Belastungsstörungen. Sie hatte für heute ein Thema. Geleitet wurde die Gruppe von meiner Therapeutin und einer zweiten Therapeutin der Station II. Wie meine Therapeutin war sie Anfang 30, hübsch und hatte eine sehr angenehme, lebenslustige, manchmal auch selbstironische Art, auch sie stellte sich vor. Anschließend wurden die Gruppenregeln erläutert. Die Wichtigste: Alles bleibt in diesem Raum. What happens in Angstgruppe, stays in Angstgruppe.

Ich stellte sehr schnell fest, dass diese Gruppe sehr viel anders als die Burnoutgruppe war. Es fehlte der Beamer, der Stuhlkreis war geschlossen. Es ging nicht um irgendein Skript, sondern um uns. Jeder konnte jedes Thema einbringen, erfuhr ich. Ich habe kein Thema, sagte ich, und erntete dafür einen leicht kritischen Blick meiner Therapeutin. Ich habe so etwas noch nie gemacht, ich würde es mir gerne erst einmal ansehen, verteidigte ich mich. Außerdem hatte schließlich Julia ein Thema. Es war eine Familienskulptur. Die Therapeutin erklärte Martín und mir kurz, dass Julia uns nun entsprechend einer Schlüsselsituation in ihrer Kindheit „aufstellen“ würde: Jeder von uns würde eine Rolle übernehmen, wie Vater, Mutter oder Geschwister. Dann würde uns Julia entsprechend dem damaligen Beziehungsverhältnis im Raum aufstellen – zum Beispiel einen übermächtigen Vater auf den Stuhl, oder eine Person, die Desinteresse zeigte, mit dem Rücken zur anderen gewandt. Dann würde zusätzlich jeder einen Satz zugeteilt bekommen, der spezifisch für diesen Menschen und diesen Zeitpunkt in Julias Leben war. Wir würden diesen Satz dann, in der Skulptur stehend, laut in einer bestimmten Reihenfolge sagen und dies dreimal wiederholen. Danach würde Julia selbst Teil der Skulptur werden, um tief in die ausgewählte Szene einzutauchen. Dann hatte sie die Möglichkeit, sich selbst, also ihre Figur innerhalb der Skulptur neu auszurichten und sich einen neuen Satz für sich selbst zu suchen, so dass sie in der Situation gestärkt wurde. Dann würden wir wieder alle unsere Sätze aufsagen, und Julia könnte so erfahren, dass sie diese Situation selbst verändern und für sich leichter machen konnte. Und ihr damit das Schlimmste nehmen.

Aja. Ich konnte mir nicht so wirklich vorstellen, was nun passieren würde und wie denn bitte schön durch das Aufstellen von anderen Leuten sich eine Situation verändern sollte, die Jahre her war. Aber gut. Ich musste mich darauf einlassen, deshalb war ich hier.

Julia war sichtlich nervös und hatte Angst, es schien sie arge Überwindung zu kosten. Nach und nach stellte sie uns auf. Es war eine Trennungsszene. Ich war die kleine Schwester, stand neben der großen Schwester und blickte auf den abweisenden Rücken der Mutter. Nur Julia und die Therapeutin sprachen, wir anderen standen still und stumm auf unseren Positionen. Schließlich hatte jeder einen Satz zugewiesen bekommen. Wir würden nun, jeder nacheinander, dreimal diesen Satz sagen, genau so betont wie von Julia vorgegeben. Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, was mein Satz war, ich weiß aber noch sehr genau, dass ich mich dabei auf einmal sehr verloren fühlte. Die Emotionen, die sich durch das laute Aufsagen der Sätze, durch die Wiederholungen und ganz einfach auch durch die Positionen, die wir im Raum einnahmen entwickelten, waren enorm. Das Ganze hatte überhaupt nichts mit mir und meinem Leben zu tun, ich bin noch nicht einmal ein Trennungskind. Trotzdem fühlte ich plötzlich wirklich wie die kleine Schwester in dieser Skulptur. Julia stand mittlerweile selbst in der Skulptur, war völlig aufgelöst und weinte. Sie konnte kaum noch ihren Satz sagen.

Sie tat mir so unendlich leid, es war so schwer, sie so zu sehen; dabei kannte ich sie erst seit einer halben Stunde. Ich war auch eine große Schwester. Ich konnte ihr so gut nachfühlen. Aber ich durfte mich aber nicht aus meiner Position herausbewegen. Die Therapeutin reichte ihr schließlich die Box mit den Taschentüchern und ich bemerkte, dass auch die anderen zu kämpfen begannen. Alle aber bemühten sich sehr, ihre Rolle beizubehalten. Es war wirklich unwahrscheinlich, welch intensive Emotionen plötzlich in dem kleinen Konferenzraum herrschten, in dem vor nur zwanzig Minuten noch fast jeder gesagt hatte, dass es ihm gut ging und dass er ruhig war.

Dann aber durfte Julia ihre eigene Position verändern und sich einen neuen Satz geben. Und plötzlich veränderte sich das ganze Gefüge. Julias Stimme wurde mit dem neuen Satz kräftiger, sie fing sich und hörte auf zu schluchzen. Noch dreimal wiederholten wir alle unseren Satz und mit jedem Mal schien Julia zu wachsen. Schließlich lösten wir uns aus der Skulptur und gaben Julia unmittelbar  Feedback: Wie es für uns auf unseren Positionen gewesen war und wie wir sie wahrgenommen hatten.

Am Ende der Stunde war ich komplett verwirrt. Auch die anderen hatten berichtet, dass es schwer für sie gewesen war. Aber keinen hatte diese Skulptur anscheinend so sehr mitgenommen wie mich. Ich hatte Julia so sehr nachfühlen können. Gut,  es war mein erstes Mal gewesen. Und gut, ich hatte in den letzten Monaten schon öfter die Erfahrung gemacht, dass ich mich kaum noch von den Emotionen anderer abgrenzen konnte. Aber schließlich fiel mir ein weiterer, möglicher Zusammenhang auf, über den ich bisher keine Sekunde nachgedacht hatte. Nach der plötzlichen Erkrankung meines Vaters hatte ich mich ähnlich gefühlt wie Julia in der Skulptur, die sie eben aufgestellt hatte. In einem völlig anderen Ausmaß und in einer völlig anderen Situation. Aber im Grund genommen ganz genauso wie Julia damals.

Diese erste Angstgruppenstunde war extrem anstrengend für mich gewesen, ich hatte einen verdammt vollen Kopf mit vielen neuen Gedanken. Ich verzog mich auf mein Zimmer, setzte mich in einen der Liegestühle auf dem Balkon in die Sonne und hing meinen Gedanken nach, versuchte, sie zu sortieren, schrieb einiges auf. Nach dem Mittagessen, um 13 Uhr, war meine erste Kunsttherapie.

Auch hier stellten sich wieder alle vor, auch hier sagte jeder, wie es ihm gerade ging. Auf dem Tisch vor uns hatte die Kunsttherapeutin, die genauso war, wie man sich eine Kunsttherapeutin so vorstellt, zahlreiche Papierschnipsel ausgebreitet; es waren Zeitungsauschnitte mit Sprüchen drauf. Wir sollten uns einen aussuchen, der uns ansprach. Ich war wie immer fasziniert davon, wie jeder innerhalb von wenigen Augenblicken einen Spruch für sich fand, ohne groß Nachdenken zu müssen und ohne, dass es Streitigkeiten gab. Ich entschied mich für „Everyday Amazing“. Jeden Tag wunderbar. Heute aus Protest. Ich wollte wieder zurück zu meinem alten „Everyday Amazing“.

Die Therapeutin hievte mehrere Stapel Zeitschriften auf den Tisch. Wir sollten eine Collage anfertigen, die zu unserem Schnipsel passte. Ich blätterte in den Zeitschriften, fand einige gute Headlines, die ich ausschnitt. Fand einige Gesichter in Illustrierten, mit denen ich in der Vergangenheit zusammen gearbeitet hatte. Und spürte, wie mir immer, je länger ich herumblättert, mir mehr und mehr die Luft wegblieb, ich schließlich Herzstechen bekam, mein Kreislauf beinahe wegsackte. Verdammt. Ich war mittlerweile vor allen Dingen genervt von diesen Anfällen, wusste ich ja, dass mir keinerlei Gefahr drohte, lediglich meine Psyche wieder Spielchen spielte. Natürlich hätte ich einfach die Therapeutin informieren und die Therapie verlassen n. Aber der Gedanke kam mir gar nicht erst, das fiel mir tatsächlich erst jetzt ein, als ich nun diesen Text schreibe. Ich atmete stattdessen tief ein und aus, beendete, was ich gerade getan hatte – nämlich die Zeitungen durchzublättern – legte sie alle beiseite, so dass ich sie nicht mehr sah und stand auf, versuchte, etwas Abstand zum Auslöser zu gewinnen. Langsam und bedacht holte ich mir Papier und Kleber, setzte mich wieder und begann, meine Ausschnitte aufzukleben, die Collage zu erstellen. Es legte sich wieder. Als ich weitere Ausschnitte suchte, nahm ich bewusst nur Zeitschriften in die Hand, die mir in der Arbeit nie untergekommen waren. Die NEON zum Beispiel und das sz-magazin. Das ging viel besser. Und ich fand meine Collage am Ende richtig gut! Mit einem Elefanten in der Mitte. Hinterher mussten wir der Therapeutin noch unsere Bilder erklären, obschon sie sowieso alle ziemlich selbsterklärend waren. Damit war die Therapie nach zwei Stunden, um drei, endlich vorbei.

What a day. Ich war froh, endlich Zeit für mich zu haben. Mein Kopf war voll von neuen Gedanken und alten Überlegungen. Für den Abend hatte ich mich mit Johanna für die Infrarot-Kabine eingetragen. Das würde, abgesehen vom Essen, der einzige weitere Programmpunkt heute sein. Ich brauchte die Zeit und die Ruhe, um meinen Kopf wieder zu sortieren. Wie kann an einem einzigen Tag so viel passieren?

Elefant im Wald
Das ist nur Kunstfell!

Ein voller Terminkalender

Am Sonntag war ich – wie erwartet – zu gar nichts zu gebrauchen. Das Mittagessen war eigentlich schon zu anstrengend. Ich versuchte, so wenig Sinnesreize wie überhaupt möglich zu generieren, schließlich musste ich ja immerhin noch selbst mit dem Auto bis in die Klinik fahren.

Ich war zwar wirklich gerne zu Hause, und das nicht nur wegen der Katze, aber wenn meine Schwester und meine Eltern da waren, wurde mir das momentan sehr schnell zu viel. Die Klinik –  obwohl ich noch nicht einmal eine Woche dort verbracht hatte – wurde mein neuer Sehnsuchtsort. Dort fühlte ich mich wohl. Dort hatte ich Ruhe. So viel davon, mit dem Blick vom Balkon in die Weite, ohne auch nur ein einziges Haus vor dem Horizont zu sehen. Und wenn ich mein Handy ausschaltete, war ich für die Außenwelt unerreichbar. Und deshalb fuhr ich diesmal beinahe direkt nach dem Mittagessen los.

Die knapp einstündige Fahrt war lang. Sehr lang. Und auch sehr anstrengend. Aber ich kam gut an. Der Tag war für mich vorbei. Ich malte noch in meinem neuen Malbuch und las etwas.

Montagvormittag traf ich mich mit Johanna auf einen großen Spaziergang und verbrachte sonst den Tag sehr zurückgezogen. Im Laufe des Nachmittags trudelten drei Zettel in unserem Zimmer ein. Alle drei waren für mich: eine Einladung zur „Schematherapie Angst“, mittwochs und freitags um 9.20 Uhr, eine Einladung zur Burnout-Gruppe, dienstags und donnerstags um 13.00 Uhr und zur Kunsttherapie I, montags und mittwochs um 13.00 Uhr. Das waren die drei Gruppen, die ich in Absprache mit meiner Therapeutin besuchen würde. Offensichtlich war ich recht schnell in diese Gruppen hineingekommen. Meine Nachbarin, die ältere Dame, quittierte die Zettel nur mit einem schlecht gelaunten „ich bin schon seit zwei Wochen hier und ich habe nichts zu tun, und überhaupt ist man hier so allein gelassen“. Ich brummte nur zustimmend, um einer weiteren Jammertirade auszuweichen. Ich war mir gar nicht so sicher, ob ich überhaupt so froh über den vollen Zeitplan sein sollte. Die Burnout-Gruppe dauerte beinahe zwei Stunden am Stück. Ich konnte mich noch gar nicht so lange konzentrieren. Und dann hatte ich im Anschluss daran auch noch –  zumindest in dieser Woche – einen fünfzigminütigen Termin bei meiner Therapeutin. Langweilig würde mir nicht werden. Wohl eher das Gegenteil. Ich trug die Termine in meinen Kalender ein. Sie überschnitten sich wenigstens nicht mit den Sportterminen und bisher auch nicht mit den beiden je fünfzigminütigen Therapiegesprächen, die ich pro Woche hatte. Einzig Montagvormittag und Freitagnachmittag hatte ich noch frei.