Wieder in einer Umkleidekabine!

Heute ist der 19. Oktober. Morgen geht die Tanzlehrerin, die am gleichen Tag wie ich ankam, wieder nach Hause. Aber Zeit hat seine Bedeutung schon lange verloren.

Heute war – zumindest bisher – ein guter Tag. Um acht, wie jeden Montag und Mittwoch und Freitag, war ich mit Johanna laufen. Raus aus der Klinik, raus aus dem kleinen Ort, eine schmale Landstraße entlang, die sich zwischen frisch gepflügten und mit bunter Zwischenfrucht besäten Feldern hindurchschlängelt. Rückzu kommen wir jeden zweiten Tag bei einer kleinen Schafherde vorbei und hören rechter Hand einen kleinen Bach plätschern. Wir liefen die Runde zwar nicht komplett durch, das Geh-Intervall war aber immerhin sehr kurz.

Danach hatte ich endlich einmal wieder Zeit, um ausführlich zu duschen, meine Haare zu föhnen und zu glätten. Ich schminkte mich sogar – mit Wimperntusche und dem neuen, knallroten Lippenstift und machte mich auf den Weg zu meinem Auto. Für heute Vormittag hatte ich mir Großes vorgenommen: Shoppen.

Weiter als fünf Meter bin ich seit Anfang August nicht mehr in ein Bekleidungsgeschäft vorgedrungen. Die fünf Meter habe ich Ende letzter Woche in Begleitung geschafft. Heute also wollte ich mindestens bis ganz zum Ende des kleinen H&Ms gehen und die Kleider auch anfassen. Und vor allen Dingen mehr als zehn Minuten in dem Geschäft verbringen.

Und es ging richtig gut! Ich fühlte mich zwar unglaublich unwohl und ertappte mich selbst dabei, wie ich mir selbst einredete, dass es „sowieso nur lauter greislige Sachen“ gäbe, aber immerhin: Es fiel mir selbst auf. Und auch das bewusste Anfassen der Kleider tat gut: So hatte mein Kopf etwas Reales im Hier und Jetzt, auf das er sich zu konzentrieren hatte, und damit keine Zeit, abzudriften. Es ging schließlich so gut, dass ich mich entschloss, etwas anzuprobieren. Das Kleid war blau, ein angenehmer, dicker Stoff und im Rücken mit einem langen Reißverschluss versehen, so dass ich es nicht über den Kopf ziehen müsste. Es klappte gut. Nach wie vor fühlte ich mich nicht ganz wohl in meiner Haut und auf dem Weg zur Kabine, die natürlich so weit wie nur möglich vom Ausgang entfernt lag, warf ich immer wieder einen Kontrollblick zurück Richtung Straße, aber ich bekam kein Brust- oder Herzstechen oder Zittern. Auch nicht, als ich das Kleid probierte. Es war etwas zu klein und vor allem zu kurz (lieber H&M, ich habe fünf Kilo abgenommen und passe trotzdem auf einmal nicht mehr in eine 38?!), also nahm ich es nicht mit. Aber das war ja auch gar nicht meine Absicht gewesen. Ich hatte ein Kleid anprobiert! In einer Umkleidekabine! Und es ging gut! Tschakka! Sehr stolz und hocherfreut verließ ich den Laden. Klar, es war Montagvormittag, halb elf, es gab wohl kaum eine Uhrzeit und vor allen Dingen auch kaum einen Ort, an dem ein H&M leerer war, und mein Stresslevel war zuvor bei beinahe null gewesen, aber trotzdem!

Von meinem kleinen Erfolg angespornt ging ich auch gleich in das Geschäft nebenan – in das, vor dem noch vor fünf Wochen eine unsichtbare Wand stand. Und siehe da, ich konnte auch dort hineingehen, aber das Geschäft war dunkler und unordentlicher und irgendwie war das nicht annähernd so gut wieder H&M. Im hinteren Drittel fing auch das Bruststechen an. Ich hielt es noch ein Weilchen aus. Aber gut. Für den ersten Versuch, fand ich, war das richtig gut. Ich war dennoch sehr erleichtert, als ich auch aus dem zweiten Geschäft wieder draußen war. Die Expo war hiermit beendet. Im Anschluss belohnte ich mich mit vier Büchern, zwei Leinwänden und etwas Weihnachtsdeko… 120 € in einem Buchladen auszugeben, ist selbst für mich ein neuer Rekord… und einer neuen Laufhose (die gab es bei tschibo, das zählt nicht als Bekleidungsgeschäft).

Stolz wie Oskar stattete ich noch kurz dem Lechwehr meinen Besuch ab, schickte das Umkleidekabinenfoto stolz an meine Mutter, eine Schwester und Johanna und fuhr zurück in die Klinik. Ich war in Hochstimmung! Das Lächeln stahl sich auf mein Gesicht und blieb erst einmal da.

Etwa eine halbe Stunde später gab es Mittagessen, ich hatte vergessen zu bestellen. Ich hatte Glück und musste nicht warten, bis etwas überblieb, sondern bekam gleich ein Hühnchen mit Gemüse und Kartoffeln. Aber irgendwie war mein Appetit – noch vor einer halbe Stunde hatte ich richtig Hunger gehabt – weg. Das waren wohl schon wieder zu viele Emotionen gewesen. Später, nach der Kunsttherapie in der freien Gruppe, fühlte ich mich dann richtig schlapp. Irgendwie beinahe schon krank. Nicht schon wieder! Aber es wurde wieder besser, meine ersten Töpfersachen sind fertig geworden, und ich gehe nun noch, wieder mit Johanna, eine Runde spazieren. Abends geht es dann zum Abschiedsessen mit meinen Tischnachbarinnen.

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Schokolade ist aus!

Freitag. Angstgruppe. Meine Stimmung war wieder halbwegs in Ordnung. Bis zur Angstgruppe. Ich hatte eh schon nur noch ein Minimum an Energie und dann musste ich auch noch aktiv mitmachen, weil niemand ein Thema hatte. Auf dem Boden lag eine Schnur, unsere Zeitliste. Und ich musste angeben, wo ich mich bei meinem Klinik Aufenthalt gesehen hatte, dann weiter gehen, wo ich jetzt  stand. Das war schon ein bisschen weiter. Und dann dorthin gehen, wo ich wieder hin wollte. Was mein Ziel war. Von dem Punkt, an dem ich war, als ich in der Klinik ankam, zu jenem an dem ich mich aktuell sah, reichte ein kleiner Hüpfer. Zu dem Punkt, an den ich gelangen wollte, musste ich die restliche Zeitleiste entlang gehen. Die war lang. Verdammt lang.

Was war mein Ziel? Ich wollte wieder Ich sein. „Wie bist du denn?“, fragten sie mich. Ich versuchte es mit ein paar Adjektiven. „Naja, eben. Fröhlich, voller Energie. Immer gut gelaunt.“ Die Therapeutin machte mir unmissverständlich klar, dass mein Ziel offensichtlich noch nicht definiert war. Dass ich offensichtlich gar nicht wirklich wusste, wo ich hin wollte. Das alte Ich hatte mich ja schließlich hierher gebracht. Ich musste etwas ändern in meinem Leben. Wollte ich wirklich wieder genauso werden, wie ich war?

Ich kämpfte mit den Tränen. Das war genau das, wovor ich am meisten Angst hatte. Ich hatte mein Leben geliebt. Ich wollte es nicht hergeben. Oder hatte ich das schon? Ich war ja oft gar nicht mehr selbst da. Zumindest fühlte ich mich so. „Aber du strahlst doch auch jetzt noch so viel Energie und Fröhlichkeit aus“, meinte jemand aus der Runde. „So, wie du da eben gehüpft bist. Da ist schon noch was da, Sophie. Das ist nicht alles weg.“

Eigentlich war das ja beruhigend. Aber die Aussage machte es nur noch schlimmer. Ich hüpfte ja nicht, weil ich fröhlich war. Sondern weil ich gar nicht anders konnte. Ich konnte das doch nicht anders. Ich habe es nie anders gemacht. Ich weinte. Schon wieder.

Und wie so oft begann ich zu frieren. Meine Hände waren warm, meine Haut, die Sonne schien ja auch draußen. Aber ich fror von innen heraus. Die Stunde war vorbei. Ich musste einen lieben Menschen hören. Johanna hatte Therapie. Ich holte mein Handy und etwas Geld und ging in die Cafeteria. Ich brauchte Schokolade. Am besten eine ganze Tafel. Die würde mich etwas aufwärmen.

Ich hatte Glück. Ich bekam die allerletzte Tafel. Nicht unbedingt meine Lieblingssorte, „Ganze Nuss“, aber immerhin Schokolade. Schokolade war jetzt ausverkauft in der Psycho-Klinik, die neue Lieferung würde erst in drei Tagen kommen. Ich setzte mich auf der Terrasse in die Sonne und rief bei Helene an. Das Telefonieren tat gut, sie heiterte mich auf und lenkte mich ab. Nebenbei aß ich die ganze Tafel. Mir wurde langsam wieder wärmer.

Samstag fuhr ich wie immer nach Hause. Und machte das ganze Wochenende original gar nichts. Lag im Haus herum und beobachtete die Katze. Ging spazieren und Sonntag in die Kirche. Das war alles. Sonntagabend kam ich wieder in die Klinik.

Beerenzeit

Meine Schwester holte mich um Punkt acht ab. Wir fuhren nach Hause; diesmal spürte ich keine Angstzustände. Vielleicht war ich einfach zu erledigt dafür. Daheim frühstückten wir auf der Terrasse in der Sonne. Es war bereits Ende August, und es war immer noch unglaublich warm und schön. Es tat unendlich gut, zu Hause zu sein, in der Sonne zu sitzen, gemütlich zu frühstücken – mit gutem Essen, richtigen Brezen, selbstgemachter Marmelade und frischen Himbeeren aus dem Garten. Und vor allem tat es richtig gut, endlich Ruhe und Zeit zu haben, um mit meiner Schwester zu reden. Wir hatten uns seit meiner Krankschreibung nur einige einzelne Tage gesehen, davon nur einen nicht in der Psychiatrie. Klar wusste sie, dass ich krankgeschrieben war, es mir nicht gut ging, dass ich in der Psychiatrie war. Aber ich hatte ja nicht mehr telefoniert, kaum noch Nachrichten geschrieben und meine Eltern hatten ihr wohl auch die Details vorenthalten. Vielleicht, weil sie dachten, dass wir sowieso in Kontakt stünden. Vielleicht, weil sie meiner Schwester die Reise nach Sri Lanka nicht verderben wollten. Vielleicht aber auch einfach, weil sie selber gar nicht wussten, wie sie es hätten ausdrücken sollen. Jedenfalls, glaube ich, dass meine Schwester erst so richtig begriff, wie schlimm es um mich stand, als meine Mutter ihr sagte, sie solle nicht mehr zurück nach London fliegen, sondern ihre Masterarbeit zu Hause fertig schreiben, da sie mich unmöglich allein lassen konnten. Dass überhaupt meine Mutter sie nicht darum bat oder es ihr vorsichtig nahelegte, sondern -wie ich mittlerweile meine mitbekommen zu haben – ihr klipp und klar eröffnete, dass sie hier gebraucht wurde. Punkt. Ich kann mich nicht erinnern, dass das, seit wir beide ausgezogen waren, überhaupt jemals vorgekommen war.

Wir unterhielten uns  sehr lange. Sie wollte wissen, was passiert war, und warum. Mehrmals in diesen drei Stunden, die wir draußen am Frühstückstisch saßen, standen ihr die Tränen in den Augen und mir versagte die Sprache. Und mir stehen auch jetzt beim Schreiben, ein ganzes halbes Jahr später, wieder die Tränen in den Augen. Es tat mir gut zu sehen wie sie sich bemühte, zu verstehen. Zu sehen, dass sie besorgt war. Zu sehen, dass ich alles andere als egal war. (Natürlich wusste ich das – aber die letzten Tage war ich wieder das kleine Häufchen Depression und Angst gewesen. Da war das nun umso wichtiger.) Sie sagte sogar tatsächlich das Fest ab und verabredete sich stattdessen mit ihrer besten Freundin zum Schwimmen. Dann bin ich wenigstens abends wieder da, wenn Helene weg ist, meinte sie. Das fand ich gut. Sehr gut sogar. Sie fuhr dann also, und ich widmete mich meiner neuen bevorzugten Sommertätigkeit zu Hause: Beeren pflücken. Ich war ja bereits im vergangenen Jahr über zwei Wochen rätselhaft (dieses Rätsel war mittlerweile immerhin gelöst…) krank gewesen. Nach einer kurzen Kehlkopfentzündung war ich zwei Wochen lang viel zu erschöpft gewesen, um überhaupt auch nur eine Stunde spazieren zu gehen. Auch da hatte ich meine Tage damit verbracht, abwechselnd einfach nur im Garten meiner Eltern zu sitzen und die Eichhörnchen, meine Katze und die vielen Vögel zu beobachten und Beeren zu pflücken. Johannisbeeren, Himbeeren, Brombeeren, Walderdbeeren – da gab es einiges zu tun. Ich schnappte mir also ein kleines Schüsselchen und ging auf Beerenjagd.

Den Nachmittag verbrachte ich ganz entspannt mit Helene – es gab unter anderem Vanilleeis mit frischen Himbeeren. Wir aßen sogar noch zusammen zu Abend. Meine Schwester war inzwischen wieder gekommen, dann wieder gegangen und war ein paar Häuser weiter immer noch bei ihrer Freundin. Ich war zu Hause und sah fern. Es wurde langsam dunkel. Ich war alleine zu Hause. Und die Angst kam wieder. Ich schrieb meiner Schwester eine Whatsapp-Nachricht, wie lange sie wohl noch bei ihrer Freundin wäre. Die Nachricht kam nicht an. Dann schrieb ich ihrer Freundin. Kam auch nicht an. Natürlich hätte ich auch einfach auf dem Festnetz anrufen können. Ich bin mir sicher, die beiden wären sofort dagewesen. Aber ich wollte nicht diejenige sein, die heulend wie ein kleines Kind nicht alleine sein konnte. Also nahm ich die Mirtazapin und  legte mich – ausnahmsweise mit Katze – ins Bett. Das Schnurren tat gut. Die Angst wurde trotzdem nicht weniger. Dennoch schlief ich relativ schnell ein.

Der Sonntag verlief ähnlich ruhig. Mir ging es gut, solange ich nicht viel machen musste. Am Nachmittag waren wir sogar noch zu zweit beim Baden am See. Die Sonne und das Wasser waren wohltuend.

Abends fuhr mich meine Schwester wieder zurück in die Klinik. Die Fahrt dauerte etwa eine Stunde. Ich war erschöpft. Ich möchte jetzt nicht sagen, dass ich mich auf die Klinik freute. Aber ich sehnte mich nach meinem Schutzort. Und ich freute mich auf Steffi und Johanna. Bis Mittwoch hatte ich sie ja noch.

Jetset im Kopf

Es war wieder Freitag. Der dritte, den ich in der Psychiatrie verbachte. Es ging mir besser wie am ersten, dem Tag meiner Einlieferung. Aber es ging mir auch sehr viel schlechter als vergangenen Freitag. Da war ich ja in richtiger Hochstimmung gewesen, voller Vorfreude auf das Wochenende. Diesen Freitag ging es mir nicht gut. Die Episode am Dienstag hatte mich unwahrscheinlich viel Kraft gekostet. Und gestern hatte ich wieder Herzstechen und die alten Stress-Symptome gehabt. Helene und ihr Mann waren zu Besuch gewesen, wir waren Schwimmen und standen auf der Heimfahrt im Stau – ich drohte zu spät zurück in die Klinik zu kommen. Ich war mit der Bewältigung des Klinikalltags hier wieder beinahe überfordert. Zudem würden Johanna und Steffi nächste Woche die Klinik verlassen. Ich wäre dann allein in diesem Irrenhaus. Und Johanna saß mir beinahe schon seit zwei Tagen mehrere Stunden täglich heulend oder eben gerade nicht mehr heulend, aber hundeelend im Bett gegenüber. Ich fühlte mich wieder schwach, sehr schwach. Ich fühlte mich allein. Und ich hatte Angst vor dem Wochenende. Meine Eltern waren eine Woche in Urlaub gefahren, meine Schwester war daheim. Eigentlich hatte sie wieder zurück nach London fliegen wollen, um ihre Masterarbeit abzugeben. Aber sie blieb hier. Sie würde sie per Post einschicken. Auch wenn es mir niemand so gesagt hatte, vermutete ich, dass meine Mutter sie wohl dazu verdonnert hatte. Damit ich eine Anlaufstelle hatte während ihres Urlaubs. Ich war dankbar dafür. Auch wenn ich es natürlich selbst nie gewagt hätte, sie selbst darum zu bitten.

Am Montag hatte sie mich gefragt, ob es für mich okay wäre, wenn sie am Samstag mit ihren Freundinnen auf ein Volksfest – den Barthelmarkt – fahren würde. Sie wäre dann von mittags bis nach Mitternacht unterwegs, also den ganzen Samstag. Klar, das passt schon, sagte ich am Montag. Da ging es mir noch gut. Mittlerweile hatte sich die Situation allerdings wieder arg gedreht. Und ich lag nach dem Morgensport wieder in meinem Bett und kämpfte mit der Angst, die im Laufe des Tages wieder von mir Besitz ergriff. Die mir die Brust eindrückte, mich klein machte, die mir die Kehle zuschnürte. Ich wollte nicht, dass meine Schwester wegen mir nicht feiern gehen konnte. Ich fühlte mich schlecht dabei. Aber ich wusste irgendwie auch keine andere Alternative. Ich hatte solche Angst davor, allein zu sein, Angst davor, dass ich dann wieder komplett kippen würde, und Angst davor, dass ich dann schließlich vielleicht nicht, wie am Dienstag, die Kontrolle behalten würde. Ich hatte Angst davor, dass ich mir selbst etwas antun könnte.

Schließlich schrieb ich Helene. Sie war eigentlich mit ihrem Umzug Anfang nächster Woche mehr als beschäftigt. Sonst würde ich meine Schwester bitten müssen, abzusagen. Es ging einfach nicht anderes. Helene hatte Zeit. Sie würde am Nachmittag vorbeikommen, und dann, wenn ich wirklich nicht alleine sein konnte, könnte ich ja einfach mit zu ihr mitkommen und ihr beim Packen zusehen oder sogar helfen.

Ich telefonierte dann mit meiner Schwester, sagte ihr, dass es mir nicht besonders gut ginge, dass aber Helene morgen vorbeikommen würde, und notfalls, sagte ich, würde ich eben zu meiner Tante gehen – die auch im selben Ort wohnt. Sie klang etwas besorgt und meinte dann auch, so besonders viel Lust hätte sie sowieso gerade nicht auf das Fest, sie sei noch nicht ganz fertig mit ihrer Arbeit. Vielleicht würde sie auch gar nicht fahren. Jedenfalls machten wir aus, dass sie mich morgen früh um Punkt acht abholen würde und wir danach gemeinsam frühstücken würden. So richtig gesehen und lange miteinander gesprochen hatten wir das letzte Mal in London, einen Tag vor meiner Krankschreibung, auf meiner bisher letzten Dienstreise. Also vor beinahe zwei Monaten.

Nachdem ich das geklärt hatte, wurde ich etwas ruhiger. Das Gedankenkarussell in meinem Kopf lief heute aber wieder recht munter und turbulent. Ich war traurig, fühlte mich von der Welt verlassen. Mir ging es einfach schlecht. Nach dem Mittagessen lag ich schon wieder in meinem Bett, mit dem Gesicht zur Wand, aber diesmal hörte ich zumindest Musik. Jojo hatte Therapie, Ruth saß in ihrem Bett und strickte an Herzchen-Socken. Das Lied, das auf egoFM gespielt wurde, war traurig. Und ich begann zu weinen. Ich hatte keinen expliziten Grund. Ich war einfach traurig. Die Welt war grau, der Schleier war wieder da. Draußen herrschte strahlender Sonnenschein. Aber meine Welt war grau. Freudlos. Traurig. Ich lag einfach in meinem Bett und schluchzte. Zum ersten Mal, seit ich hier war. Die Apathie war der Trauer gewichen.

Da spürte ich sanft eine Hand auf meiner Schulter, so unerwartet jedoch, dass ich richtig erschrak. Aber es war nur Ruth. Sie beugte sich besorgt, beinahe schon mütterlich, über mich. Sophie, flüsterte sie, was ist denn los? Ich weiß nicht, schluchzte ich. Nichts eigentlich. Das Lied ist so traurig. Ruth streichelte noch ein paar Mal über meinen Arm. Kann ich etwas für dich tun?, fragte sie mich. Ich schüttelte den Kopf. Nein, es geht schon. Das Lied ist einfach so traurig gerade.

Später am Tag versuchte ich es dann noch mit Musik und Entspannung. Das war in etwa das einzige der über zwanzig Therapieprogramme, das unserem anspruchsvollen Dänen, Marc, zusagte. In der Schule hatten Fantasiereisen bei mir immer gut funktioniert, ich mochte sie gerne. Aber diesmal nicht. Ich konnte mich nicht darauf einlassen. Ich konnte mich nicht entscheiden, an welchem Strand ich gerade war. Ich war die ganze Zeit nur am Überlegen, welcher der Strände, die ich kannte, für den Zweck am besten passte. Mein Kopf jettete von Italien (Bibione) an die Ostsee (Heiligendamm), von Neuseeland (Hahei) nach Panama (San Blas Inseln). Von Entspannung keine Spur. An all diesen Orten war ich entspannt gewesen und glücklich gewesen – aber jetzt nicht. Das Karussell drehte mit Strandbildern, aber immer noch auf Hochtouren.

Wieder unter Kontrolle

Ich war froh, dass es mir am Mittwoch wieder besser ging. Aber meine gute Stimmung, ja fast schon eine Überdrehtheit, die mich durch die letzte Woche und das Wochenende getragen hatte, war dahin. Ich war niedergeschlagen und erschöpft, war wieder sehr vorsichtig geworden und auch die Angst nahm wieder zu. Ebenso verspürte ich wieder leichte Hüftschmerzen.

Mittwochs war wie immer Visite, ich war diesmal dankbar darüber. Meine Ärztin merkte auf den ersten Blick, dass die Hochstimmung vom Montag passé war. Ich erzählte ihr, was passiert war, und wie es mir nun ging. Meine Allgemeinärztin in München hatte mich nach der schlimmen Episode Ende Juli  gewarnt: Sie müssen aufpassen, dass Sie sich nicht wieder in eine Art kleinen Burnout hineinmanövrieren. Das hatte ich, sagte ich der Ärztin, wohl wieder geschafft. Genauso hatte es sich angefühlt. Sie sah mich nachdenklich an. Sie müssen lernen, Pausen zu machen.

Wir besprachen, welche Gruppen und Therapien ich diese Woche noch besuchen sollte, so dass ich nicht zu viel machte. Außerdem trug sie mir auf, einen detaillierten Zeitplan für das Wochenende zu schreiben – mit ausreichend Pausen. Dann blickte sie mich lächelnd an: Und vergessen Sie nicht – Sie haben einen Weg gefunden, sich wieder einzufangen. Seien Sie darauf stolz! Das ist ein riesiger Schritt. Damit verabschiedete sie sich, bat mich, das Zimmer zu verlassen und Ruth, meine Zimmerkollegin, hineinzurufen, die auch bei ihr in Behandlung war. Dann saß ich draußen auf einem der an die Wand montierten Stühle und wartete, bis das das rote Licht an unserem Zimmer wieder auf grün schaltete und die Ärztin es wieder verließ.

Sie hatte absolut Recht. Es hatte mich zwar unglaublich viel Kraft, Energie und Zeit gekostet. Aber ich hatte zum ersten Mal wieder die Kontrolle über meinen Kopf behalten!

Angst vor mir

Ab da hatte ich eine riesengroße Angst vor mir selbst.

Was würde das nächste Mal passieren? Was, wenn es noch schlimmer werden würde?

Ich zog vorübergehend wieder bei meinen Eltern ein, war nur noch in München, wenn es notwendig war und ich wusste, ich würde unter Leuten sein. Ich hatte eine unbeschreibliche Angst davor, allein zu sein, eine Angst, die mich langsam von innen her auffraß. Ich konnte und wollte mir nicht ausmalen, zu was mein durchdrehender Kopf noch fähig war.

Mit dieser Angst musste ich ein weiteres, großes Stück meiner Unabhängigkeit aufgeben. Ich merkte, wie auch meine Eltern gesteigerten Wert darauf legten, zu wissen, wo ich war und was ich machte. Wenn meine Mutter aus der Arbeit nach Hause kam, oder mein Vater von einem Termin, und ich war nicht offensichtlich im Wohnzimmer oder hatte eine Nachricht in der Küche hinterlassen, suchten sie das ganze Haus nach mir ab. Als wäre ich wieder ein Kleinkind, unfähig, auf sich selbst aufzupassen.

Aber ich kapierte unbewusst endlich, viel zu spät schon, dass ich mit einem eisernen Willen nichts, und zwar absolut gar nichts, gegen diese Krankheit ausrichten konnte. Bis zu diesem Wochenende war ich insgeheim der Meinung gewesen, dass ich mit Sicherheit ein, zwei Monate schneller wieder fit werden würde, als die Ärzte dachten. Ich war schließlich nicht irgendwer. Ich war ich.