Alltag in der Klinik

Montagmorgen. Der mittlerweile 9. Montag in Folge in einer Klinik. Ein Stück Knoten war entwirrt. Aber das Knäuel, das noch übrig war, war immer noch größer. Und ich immer noch im negativen Energiebereich. Die größte Sorge hatte mir die Therapeutin letzte Woche genommen. Ich war etwas erleichtert.

Das Wochenende war okay gewesen. Irgendwie komisch ohne Schwester. Ich war ziemlich antriebslos gewesen. Hatte nicht viel gemacht. Jetzt war ich wieder in der Klinik, mit Johanna beim Laufen gewesen um acht. Das tat gut, auch wenn in den letzten Tagen meine Hüfte wieder begonnen hatte zu mucken. Und neuerdings hatte ich unter dem linken Schulterblatt eine steinharte Verspannung, die ich beinahe bei jeder Bewegung meines Arms spürte. Am Mittwoch war wieder Damensauna. Die Infrarotkabine dort war das Einzige, was diesen Knopf löste.

Ins Klinikleben hatte ich mich mittlerweile total eingewöhnt, ich war ja nun auch schon ein „alter Hase“. Ich hatte nach wie vor nicht besonders tiefergehenden Kontakt mit anderen Mitpatienten außer Johanna, aber ich ging gern abends zum Volleyballspielen oder hin und wieder in den Kunstraum und malte oder töpferte abends. Tagsüber machte ich den ein oder anderen Ausflug, manchmal musste man einfach hier raus. Ich machte für mich ein bisschen Yoga, schrieb, las, ging mit Johanna lange Runden spazieren, malte in meinem Malbuch ein Tier nach dem anderen und zuletzt hatte ich mich an ein großes Puzzle gewagt. Da saß ich, wenn ich das Gefühl hatte, Ruhe zu brauchen, also wenige Reize für meinen Kopf, aber doch Beschäftigung zu brachen, und puzzelte. Es dauert zwei Wochen, bis das erste Puzzle fertig war. Aber es wurde fertig.

Ich hatte nach wie vor keine große Lust, Zeitung zu Lesen. Ich war immer noch viel zu sehr mit mir beschäftigt, als dass ich Energie übrig gehabt hätte, um mir um Dinge wie die Flüchtlingskrise Gedanken zu machen oder mit den Flüchtlingen Mitleid zu haben. Aber ich schnappte mir seit einiger Zeit jeden zweiten Tag abends, wenn der Kiosk schloss, die Abendzeitung, um das Sudoku zu lösen, mein kognitives Training. Mittlerweile schaffte ich, wenn ich mir Zeit ließ und Pausen einlegte, sogar das Mittelschwere.

Mit dem Zimmer hatte ich nach wie vor Glück: Sechs Wochen lang waren wir nur zu zweit gewesen. Seit letztem Mittwoch waren wir nun zu dritt. Eine supernette, etwa 45-jährige Berufsschullehrerin aus Norddeutschland, die Leben in die Bude brachte. Wie ich war sie wegen Burnout hier.

Neues aus der Anstalt

Mir ging es besser, und ich begann wieder, mehr zu sprechen. Nicht wie früher, über alles und mit jedem, aber zum Beispiel mit meinen Zimmergenossinnen Johanna und Ruth und mit einer weiteren neuen Patientin namens Stefanie. Mit Johanna und Steffi verbrachte ich die meiste Zeit. Die beiden waren wegen Depressionen hier – so wie wohl beinahe die Hälfte der Patienten. Die andere Hälfte war wegen Suchtproblemen da, in erster Linie AlkoholikerInnen (mit der „Jahrestagung der anonymen Alkoholiker“ hatte ich an meinem ersten Tag also gar nicht so unrecht gehabt). Vereinzelt gab es Patienten, die z.B. unter posttraumatischen Belastungsstörungen oder dem Borderline-Syndrom litten.

Johanna war ein durch und durch fröhlicher und offener Mensch und durch sie kam ich mit mehr Mitpatienten in Kontakt, als mir genaugenommen lieb war. Grob gesagt ließen sich die Patienten in zweierlei Arten aufteilen: Die, die ihre Krankheit bis ins Detail analysiert hatten und über nichts anderes sprachen und auch andere über nichts anderes befragten: „Und, in welcher Dosierung bekommst du Mirtazapin?“ oder „Welcher Schweregrad wurde bei deiner Depression diagnostiziert?“, der andere Teil – so wie ich – wollte einfach möglichst wenig davon hören und so viel Normalität als nur irgend möglich wahren. Vermeintlich harmlose Frage wie „Wie geht’s?“ oder auch das schon etwas konkretere „Und, warum bist du hier?“ waren gänzlich verpönt – und das über alle „Kreise“ hinweg. Ich selbst habe mich erst nach etwas mehr als zwei Wochen getraut, Johanna zu fragen, warum sie eigentlich genau da war und ob ihr kleiner Tick, eine Art Schluckauf, auch ein Symptom war, und das, obwohl ich beinahe den ganzen Tag mit ihr verbrachte.

Es wäre bestimmt wahnsinnig spannend gewesen in der Psychiatrie, in dieser Station, eine kleine Milieu-Studie zu betreiben. Von Schülern und Studenten über Bankangestellte, Friseurinnen, Landschaftsgärtner, Hausfrauen, Bäuerinnen, Kindergärtnerinnen, Immobilienmakler, Vermögensberater, Hartz-4-Empfänger, Berufssoldaten: Alle waren da. Es war völlig faszinierend, wie sich, selbst in der tiefsten Depression oder den fiesesten Entzugserscheinungen, trotzdem, ungeachtet der Diagnose, die gleichen Gruppen zusammenfanden wie überall in der deutschen Gesellschaft,

Kitz auf der Lichtung

Am Montag ging es erst richtig los:

  • 7:00 Uhr: Blut abnehmen und Urin-Probe abgeben
  • 7:30 Uhr: Thyroxin-Tablette nehmen
  • 8:00 Uhr: Blutdruckmessen, Wiegen
  • 8:10 Uhr: Frühstück
  • 8:30 Uhr: Morgenration Tabletten einnehmen
  • 9:00 Uhr: EKG

Puh. Was für ein Stress. So viele verschiedene Dinge hatte ich schon lange nicht mehr an einem Tag erledigt. Es fühlte sich richtig gut an! Um 9:30 Uhr hörte ich mir dann sogar noch die Einführungsveranstaltung für die verschiedenen Entspannungstechniken, Autogenes Training und Progressive Muskelrelaxation – was auch immer das war – an, die ein, und das fiel mir dann doch auf, ziemlich gut aussehender Psychologe hielt. Damit hatte ich mein Soll für diesen Tag dann erledigt. Das fühlte sich richtig gut an. Ich hatte alles geschafft, was ich tun sollte! Und zwar ohne Schwierigkeiten.

Im Anschluss stand die Visite an. Ich bekam Freigängerstatus und durfte während der Besuchszeiten, also wochentags von 13.00 Uhr bis 20.00 Uhr und am Wochenenden  von 8.00 Uhr bis 20.00 Uhr die Klinik auch alleine verlassen.

Johanna nahm mich nachmittags auf einen ausgiebigen Spaziergang mit. Erst ging es durch einen Schleichweg durch das Unterholz vom Kasernengelände auf einen Waldweg, und von dort dann eine lange, große Runde über Felder und Wälder um die Klinik herum. Unterwegs entdeckten wir plötzlich, keine zehn Meter von uns weg, ein Reh mit zwei kleinen Kitzen. Sie standen mitten auf einer Wegkreuzung, die Bäume ringsum schlossen sich über ihnen zu einem Bogen und trotzdem brach ein einziger großer Sonnenstrahl durch, so dass das Reh und die beiden kleinen Kitze wie im Scheinwerferlicht standen. Wie gemalt. Wunderschön. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch kein Rehkitz in freier Wildbahn gesehen, und dann gleich zwei! Und dann noch so schön! Und sie blieben tatsächlich einige Sekunden stehen und fixierten uns, bevor sie zurück ins Unterholz sprangen.