Alles ganz gut im Griff.

Sonntagmorgen gab es sogar Croissants und süßes Gebäck zum Frühstück! Ich war wirklich im Himmel hier – was das Essen betrifft zumindest. Außer mir war nur die alte Dame am Tisch, sie war gestern mit der „Isarcard“ durch München getingelt und erzählte mir von ihren Erlebnissen. Es war eigentlich ganz unterhaltsam, was sie so erzählte, ich erzählte ein bisschen von einem Ausflug gestern. Schließlich fragte sie mich über halb München aus – ich war eine der wenigen Münchnerinnen hier in der Klinik und so wurde ich manchmal regelrecht zum Reiseführer. Was muss man gesehen haben? Wie kommt man da hin? Was kostet das? Lohnt sich das? Insbesondere die alte Dame, die keinen Internetzugang hatte, machte mich manchmal beinahe wahnsinnig. So hatte ich ihr extra die Eintrittspreise der Erdinger Therme rausgesucht, nur um mir dann eine Viertelstunde lang anhören zu müssen, wie unverschämt teuer die wären. Da diskutierte ich lieber mit ihr über das Baby-Nashorn, das sie im Tierpark Hellabrunn zu besuchen gedachte.

Nach dem Frühstück setzten Tina und ich uns ins Atrium. Ich las, sie surfte im Internet, bis es Zeit für das Mittagessen war. Meine Eltern kamen gegen zwei Uhr vorbei. Nachdem ich ihnen die Klinik gezeigt hatte und sie alles für schön und viel angenehmer als in der Psychiatrie befunden hatten, fuhren wir in das Städtchen. Wie beim ersten Mal war es wunderschön, ein sehr sonniger Tag, und nachdem wir ein wenig herumspaziert waren, gab es noch ein großes Stück Kuchen in einem kleinen Café am Fluss. Es war wirklich schön, dass sie extra hergekommen waren, um mich zu besuchen, als sie abends dann wieder fuhren, war ich allerdings auch wieder sehr froh um meine Ruhe. Ich malte noch ein wenig in meinem Malbuch, die beste Beschäftigung, um meinen Kopf wieder zur Ruhe zu bringen und etwas zu sortieren, damit war der Tag auch beendet.

Montag war unspektakulär, die Kunsttherapie begann recht schnell, mir auf die Nerven zu gehen. Heute sollte ich meinen „Seelengarten“ malen. Zum einen fand ich das Thema dämlich, ich wollte mich lieber einfach mit den Farben austoben, zum anderen waren in der Gruppe hauptsächlich ältere Damen, die nur bemüht waren, mit feinen Kreiden und Stiften schön zu malen. Ich hatte im Skikurs in der ersten Klasse schon diejenigen nicht leiden können, die immer schön, aber eben auch schön langsam gefahren waren, anstatt mal etwas schneller und dafür eventuell einen Sturz in Kauf zu nehmen. Ich fühlte mich in dieser Gruppe völlig fehl am Platz. Ich kleckste mit einem großen Pinsel und plakativen Acrylfarben auf meinem großen Blatt umher, während der Rest der Gruppe fein säuberlich mit verwischbaren Kreiden kleinste Details ausarbeitete. Am Abend bekam ich Besuch von zu Hause 🙂 und gönnte mir gutes Schnitzel in einem putzigen, kleinen Biergarten im Nachbardorf. Die Gegend hier war wirklich wunderschön. Alles in allem hatte ich mich wahnsinnig schnell eingelebt. Ich war mit meinen Therapien ziemlich beschäftigt, meine Freizeit verbrachte ich hauptsächlich mit Johanna und Tina, aber die beiden reichten mir völlig, es wäre mir nach wie vor viel zu anstrengend gewesen, weitere Bekanntschaften zu vertiefen oder mich gar abends in der Cafeteria zu einer Gruppe zu gesellen. Außerdem war ich meistens froh um die Ruhe auf meinem Zimmer. Teils saß ich sogar mit Ohropax auf meinem Balkon, weil es von der Cafeteria-Terrasse zu laut nach oben schallte. Davon abgesehen ging es mir sehr gut. Die Depression war wie verflogen. Hin und wieder kam die Angst. Nervig zwar, aber nicht mehr der Rede wert. Ich hatte das alles ganz gut im Griff, fand ich.

Werbeanzeigen