Urlaubsvertretung

Auch Therapeuten haben Urlaub. Und meine Therapeutin war Anfang Oktober zwei Wochen nicht da. In dieser Zeit würde ich meine beiden Therapiestunden, die ich jede Woche hatte, bei einer Urlaubsvertretung haben. Ich war meiner Ärztin zugeteilt worden. Bisher war sie mir vor allen Dingen als unnahbar und schroff aufgefallen – sie war es gewesen, die mich mit meinen erhöhten Leberwerten und vielen Fragen auf dem Gang stehen gelassen hatte. Die Konferenz (da trafen sich Ärzte und die verschiedensten Therapeuten, um über einen Fall zu diskutieren) würde erst in den nächsten Tagen darüber sprechen, war ihre ganze Antwort.

Ich war alles andere als erfreut über den Therapeutenwechsel. Mit meiner Therapeutin war ich ja ganz gut zurechtgekommen. Und generell ist es auch wenig sinnhaft, eine laufende Therapie zu unterbrechen. Die Ärztin wusste nichts von mir und ich kannte sie genauso wenig. Aber zwei Wochen gar keine Therapie zu haben, war eben auch keine Lösung. Im ersten Termin – sie war beinahe zehn Minuten zu spät, was natürlich von meiner Therapiezeit abgehen würde –  erläuterte ich, warum ich hier war und was ich bis hierhin bereits für Fortschritte gemacht hatte und an was ich noch gerne arbeiten würde. Es war mein Geburtstag – nachmittags, der Tag, an dem es mir so gut ging, wie seit Monaten nicht mehr. Strahlend hatte ich ihr vom Geschenk meiner Kollegen berichtet, dem singenden Luftballon. Sie würde in den zwei Wochen gerne über meine Persönlichkeit sprechen. Das wäre für die zwei Wochen realistisch und ein verhältnismäßig abgeschlossener Block, begründete sie ihre Entscheidung. Ich war einverstanden und so gab sie mir einen Persönlichkeits-Test mit. Mal wieder ein Fragebogen. Er war beinahe so lang wie der Anamnesebogen, ich glaube, acht DIN A4-Seiten. Fragen über Fragen. Von „Ich weiß genau, wie ich das andere Geschlecht beeindrucken kann“ bis „Ich komme ungern zu spät“. Manche Fragen doppelten sich, um Nuancen anders gestellt. Das wichtigste war: Man durfte nicht über die Antworten nachdenken, sondern sollte die Ausprägung ankreuzen, die dem ersten Impuls entsprach.

Ich hatte ihr den Test einen Tag später unter der Tür durchgeschoben. Der zweite Termin in dieser Woche mit ihr entfiel, da sie einen Notfall einschieben musste. Mir ging es sowieso gut, mir war es also ganz recht. Mittlerweile war Dienstag, der zweite Termin also mit ihr. Ich war depri. Nicht so schlimm, wie ich es schon gehabt hatte. Aber doch deutlich. Dass ich heute Mittag, nachdem sie nicht zur Wassergymnastik aufgetaucht war, Johanna völlig verzweifelt und verheult in ihrem Zimmer vorgefunden hatte, hatte meine Laune auch eher wenig gesteigert. Mir ging es immerhin noch besser als Johanna. Aber Johanna ging es gerade wirklich verdammt scheiße.

Ich saß also am Nachmittag wieder bei der Ärztin, die mir nach der ersten gemeinsamen Stunde nicht mehr ganz so unsympathisch war. Wie es mir ginge. Naja. Nicht so gut, und ich wüsste nicht warum. Sie bat mich, zu erzählen, was in den vergangenen Tagen so passiert war, was ich am Wochenende gemacht hatte. Und ich erzählte. Vor allem von meiner Schwester. Sie war am Sonntag nach Berlin abgereist. Und, obwohl ich mir sicher war, dass Berlin die richtige Entscheidung für sie war – und das schon gleich gar keine Entscheidung, in keinerlei Art und Weise, gegen mich war – war ich traurig. Und fühlte mich alleingelassen. Immerhin hatte sie mir in den letzten Monaten unglaublichen Halt gegeben. Da war es wieder. Dieses Gefühl, alleine gelassen zu werden. Die Ärztin war einigermaßen erstaunt, schließlich war ich nur eine Woche zuvor ganz beseelt gewesen von dem tollen Geschenk, den lieben Anrufen und Nachrichten, die ich zu meinem Geburtstag erhalten hatte. Sie forschte nach, warum das so wäre. Ich wusste das. Nicht erst seit der Therapie. Und dennoch hatte ich diesem Trigger nie wirklich etwas entgegen setzen können. Ich wusste um ihn, aber das war es auch. Ich heulte. Wie in beinahe jeder Therapiesitzung bisher. Sie versuchte mich aufzubauen. Wie aus einer intelligenten, jungen Frau mit so vielen Fähigkeiten so ein kleines Häufchen Elend ohne jegliches Selbstvertrauen werden konnte? Sie schaffte es tatsächlich, mich aufzubauen. Und gab mir eine Aufgabe bis zur nächsten Stunde. Ich sollte meine Eltern, meine Schwester, meine beste Freundin und – wenn ich denn noch Kontakt hätte – meine Ex-Partner bitten, mir in Stichworten kurz zu schreiben, was sie an mir lieben/geliebt haben. Ich nickte.

Später erst wurde mir die Ungeheuerlichkeit dieser Aufgabe erst bewusst. Ich sollte anderen Menschen bitte, mir zu sagen, was sie an mir gut fänden. Nach Komplimenten haschen.

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102 Dalmatiner

Wochenende! Keine Schnarcher im Zimmer! Gutes Essen! Was für Kleinigkeiten mich momentan in Hochstimmung versetzen können…

Ich stand – es war bereits kurz nach acht – bereit, um zum letzten Mal von meinem Wochenend-Taxi (=Papa) abgeholt zu werden. Ich hatte nun die dritte Nacht in Folge mehr als schlecht geschlafen (Jeanette sei Dank), war tagsüber nicht mehr wie zuvor hauptsächlich mit mir selbst und meiner Genesung beschäftigt, sondern vor allem damit, gewissen Personen aus dem Weg zu gehen. Und das war bei dem schlechten Wetter nicht einfach. Zudem machte sich eine leichte Erkältung bemerkbar, ich hatte den Wetterumschwung unterschätzt. Mir ging es also nicht besonders gut, ich fühlte mich schwach und unsicher, aber die Aussicht auf ein Wochenende zu Hause hellte meine Stimmung deutlich auf.

Wie auch an den vergangenen Wochenenden hatte meine Ärztin mich wieder angehalten, mir einen detaillierten Plan mit Pausen zu notieren, den sie am Freitag auch nochmal mit mir durchgegangen war. Ich war im Moment sowieso überhaupt nicht motiviert, irgendetwas zu machen, ich wollte einfach zu Hause sein, mit der Katze auf dem Bauch auf dem Sofa sitzen und meiner Familie zusehen, bei dem was sie so taten, und wenn es nur Putzen und Kochen war. Der Plan war also wie folgt:

Samstag:

  • 9.00 Uhr: Ankunft
  • Bis 10.00 Uhr: Frühstück
  • Anschließend: Wäsche waschen
  • Pause bis Mittag.
  • Mittagessen.
  • Pause.
  • 16:00 Uhr: Grillen mit den Turnmädels

Sonntag:

  • Ausschlafen.
  • 12.00 Uhr Mittagessen.
  • Pause
  • 15.00 Uhr: Packen für die neue Klinik
  • Selbst (!) nach München in meine Wohnung fahren
  • Etwa 18.00 Uhr: Pause und Abendessen; fertig packen
  • 19.00 Uhr: Zurück in die Klinik fahren.

Ihr seht schon, ein hochspannendes Programm.

Das Highlight war ganz eindeutig das Grillen mit den Turnmädels am Samstagabend. Bis vor einem Jahr hatte ich gemeinsam mit einer Freundin, Mädchen im Alter von mittlerweile 15-17 Jahren trainiert. Das Grillen war früher der wichtigste Bestandteil des Trainingslagers in den Sommerferien gewesen und wir, bzw. viel mehr alle anderen hatten beschlossen, diese Tradition fortzuführen. Wir trafen uns also auch in diesem Sommer bei einem der Mädchen zu Hause, jeder brachte etwas mit. Es war ein entspanntes und gemütliches Beisammensein. Meine Trainerkollegin wusste, wie es mir ging. Alle anderen nicht. Ich hatte zugesagt, ich wollte kommen, auch wenn mir von vorneherein schon klar war, dass ich nicht allzu lange würde bleiben können. Aber zumindest zum Essen.

Es war ein komisches Gefühl. Irgendwie hoffte ich, dass mich jemand ganz einfach frage würde, wie es mir ginge, damit das Thema gleich am Anfang vom Tisch war und ich dann, ohne großes Trara, früher gehen könnte. Aber das Thema kam nicht auf. Es war schön, die Mädels und meine Freundin wieder zu sehen. Es war schön zu sehen, dass es ihnen gut ging (mal abgesehen von einem Kreuzbandriss). Aber das fröhliche Durcheinander war anstrengend. Ich fühlte mich verloren. Ein Schatten meiner selbst. Ich musste mich unglaublich anstrengen, um einem Gespräch – und an diesem Tisch liefen immer mehrere gleichzeitig – folgen zu können. Ich war froh, als das Fleisch fertig war. Damit konnte ich mich beschäftigen. Und es holte mich jedenfalls ins Hier und Jetzt zurück. Wenn ich aß, konnte mein Geist nicht Urlaub machen. Er musste essen. Damit war ich dann aber auch so beschäftigt, dass ich gar nicht mitbekam, dass ich bereits mehrfach gebeten worden war, den grünen Salat weiter zu reichen. Es war wohl der dritte Versuch, diesmal von meiner Nachbarin zur Linken, auf den ich schließlich doch noch reagierte. Das passierte nicht nur einmal. Nach dem Essen flirrte das Gespräch weiter, nein, ich wollte keinen Spritz trinken, warum? Ich muss noch fahren, und ich merkte, wie mein Geist immer wieder von dannen schwirrte. Schokomuffins waren ein gutes Mittel, ihn wieder zurückzubeordern, außerdem hatte ich Hunger, ich brauchte Energie, viel Zucker war da ideal. Irgendwann sah ich ein, dass es besser war, zu gehen. Ich bekam sowieso nichts mehr mit, ich war schon wieder nicht mehr da und ich fühlte mich körperlich schwach. Meine Trainerkollegin hatte mich schon mehrfach etwas besorgt angesehen, das war mir aufgefallen. Dann hatte ich immer versucht, zurückzulächeln. Von den anderen schien niemand etwas gemerkt zu haben. Ich zog langsam meine Strickjacke an, schob die Decke zurück, die ich mir um die Schultern gelegt hatte (so verfroren war ich früher auch nicht gewesen) und schulterte meine Tasche. Dann stand ich langsam auf. Ich wäre am liebsten einfach lautlos, ohne Kommentar, aufgestanden und gegangen. Ich hatte keine Kraft mehr, jetzt noch ein Gespräch oder gar eine Diskussion zu beginnen. Ich wollte einfach nur weg, nach Hause, mit der schnurrenden Katze auf dem Bauch, vielleicht würde ich eine ruhige Dokumentation ansehen. Keine Gespräche, kein Lärm – ich wollte nicht jemand sein müssen. Auch wenn es nur ich selbst war.

Als ich schließlich stand, starrten mich alle an. Mit Tasche und Jacke würde ich wohl nicht auf die Toilette gehen. „Ich gehe.“, sagte ich nur. „Schönen Abend noch“ Aber natürlich konnte ich mich damit nicht aus der Affäre ziehen. Was, warum? Es ist doch noch gar nicht spät? Fragten die gastgebenden Eltern und einige der Mädels. Mir geht es nicht gut. „Ach, komm zu mir, Franzi“, sagte Anna, „ich mache dich gesund! Magst du einen Tee oder sowas?“ Ich versuchte zu lächeln. So lieb von ihr. Ich bemühte mich zusammen zu reißen. Aber ich spürte die Tränen schon aufsteigen. „Danke“, antwortete ich Anna. „Aber das hilft leider nichts. Ich bin schon seit Juli krank.“ Ich weinte, ich konnte mich nicht mehr zusammenreißen. Und sah die fragenden Blicke. „Burnout“, sagte ich nur. Betroffene Gesichter. Der Vater, der mich ja mittlerweile auch seit mehr als zehn Jahren kannte, rief beinahe – aber du bist doch noch so jung! Ja. Ich zuckte die Schultern, bemüht, nicht noch mehr zu heulen: „Jedenfalls. Schönen Abend euch noch. Bis bald.“ Sie boten mir an, mich nach Hause zurückzufahren. Ob ich mir sicher war, noch Autofahren zu können. „Jaja, das geht schon.“ Ich ging um das Haus herum, verschwand aus dem Blickfeld. Im Auto begann ich erst einmal hemmungslos zu heulen. Zu viele Emotionen für mich Nervenbündel. Schließlich schluckte ich den letzten Rest der Tränen hinunter, startete den Motor und fuhr die kurze Strecke zurück zu meinen Eltern. Ein Dorf weiter. Es war wirklich nicht weit, das Fahren lenkte mich von mir ab, trotzdem war ich froh, als ich endlich zu Hause war. Im Haus war es still, es war niemand zu Hause. Ich war froh drum. Ich wollte gerade einfach nur allein mit meiner Traurigkeit sein. Die Katze vielleicht. Die wäre gut. So schön weich zu streicheln. Und das Schnurren so angenehm. Sie war tatsächlich da und protestierte nicht, als ich sie zu mir auf die Couch zog. Ich weinte eine Weile weiter, bis die Tränen versiegt waren. Ich wieder leer war, alle Emotionen aufgeräumt. Dann schaltete ich den Fernseher ein, in der Hoffnung etwas zu finden, das mich ablenkte. Der Fernseher war unglaublich laut. Ich drehte den Ton auf die unterste Stufe. Ich wusste genau, dass er damit eigentlich kaum noch zu hören war. Aber für mich war es gerade eine angenehme, normale Lautstärke. Ich zappte durch. Im Disney Channel lief 102 Dalmatiner. Sehr gut. Kurz drauf kam meine Mutter zu Hause. Auf die Frage, wie es war, und ihre Feststellung, dass sie mich noch nicht zu Hause erwartet hätte, antwortete ich: „Schön. Aber zu anstrengend.“ Ob sie das Pendel der Uhr vielleicht anhalten könnte? Es wäre so laut. Sie schaute mich etwas ungläubig an. Stoppte es dann aber. Setzte sich auf das Sofa gegenüber und schaute mit mir gemeinsam die 102 Dalmatiner. Vermutlich hörte sie so gut wie nichts. Sagte es aber nicht. Im Anschluss kam dann die 101 Dalmatiner. Die Katze mittlerweile auf meinem Bauch, schnurrend. Dann ging ich ins Bett. Ich war wieder ruhig. Aber auch völlig leer.

Sonntag ging es mir nicht gut. Die Stimmung war gerade noch okay, aber ich war müde, hatte überhaupt keinen Antrieb, und war immer noch so seltsam leer. Das Mittagessen war gut. Danach packte ich ohne besondere Motivation meine Sachen für die neue Klinik. Und langsam schlich sich die Einsamkeit wieder bei mir ein. Ich ertappte mich schließlich dabei, dass ich unten im Wohnzimmer stehend, dachte, ich wäre allen egal. Nicht einmal meine Schwester kümmerte sich um mich. Aber mittlerweile wusste ich diese Gedanken einzuordnen. Das war nicht ich. Das war die Depression. „So ein Unsinn“, scholt ich mich. Meine Schwester war schließlich oben im Zimmer, in ihrem Bett, nicht einmal 50 Meter von mir entfernt und ich hatte sie schließlich auch noch um gar nichts gebeten. Ich zwang mich, nach oben zu gehen, in ihr Zimmer. Reden konnte ich da schon nicht mehr. Ich setzte mich einfach zu ihr aufs Bett. Sie sah sofort, dass es mir nicht gut ging, unterbrach ihr Skype-Gespräch und fragte, was los wäre – ich murmelte nur ein leises  „Ich weiß nicht.“ Und rollte mich auf ihrer Bettdecke zusammen. Ich hörte sie sich von ihrer Freundin verabschieden. Mir liefen bereits die Tränen über die Wangen. Sie nahm mich in den Arm und hielt mich fest. Es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder gefangen hatte. Ich dachte nach. Ich musste noch nach München, in meine Wohnung, ich brauchte für die neue Klinik dringend ein paar Sachen von dort. Aber ich hatte Angst, dort alleine zu sein. Nicht vor dem Autofahren – das täte mir mit Sicherheit gut. Aber dort alleine zu Abend zu essen? Ich hatte wieder Angst vor mir selbst. Was, wenn ich dort wieder kippen würde? Da wäre ich alleine. Ich bat meine Schwester, mitzukommen. So fuhren wir dann, jede im eigenen Auto, nach München. Das Fahren tat gut. Es tat gut zu wissen, dass meine Schwester da war. Als wir in München ankamen, ging es mir schon wieder deutlich besser. Ich fühlte mich wieder halbwegs sicher. Wir machten gemeinsam Brotzeit, dann fuhr sie wieder nach Hause, und ich in Richtung Münchener Süden in die Klinik. Zum letzten Mal. Zwei Nächte noch. Und mir war es noch an keinem Sonntagabend so beschissen gegangen.

Jetset im Kopf

Es war wieder Freitag. Der dritte, den ich in der Psychiatrie verbachte. Es ging mir besser wie am ersten, dem Tag meiner Einlieferung. Aber es ging mir auch sehr viel schlechter als vergangenen Freitag. Da war ich ja in richtiger Hochstimmung gewesen, voller Vorfreude auf das Wochenende. Diesen Freitag ging es mir nicht gut. Die Episode am Dienstag hatte mich unwahrscheinlich viel Kraft gekostet. Und gestern hatte ich wieder Herzstechen und die alten Stress-Symptome gehabt. Helene und ihr Mann waren zu Besuch gewesen, wir waren Schwimmen und standen auf der Heimfahrt im Stau – ich drohte zu spät zurück in die Klinik zu kommen. Ich war mit der Bewältigung des Klinikalltags hier wieder beinahe überfordert. Zudem würden Johanna und Steffi nächste Woche die Klinik verlassen. Ich wäre dann allein in diesem Irrenhaus. Und Johanna saß mir beinahe schon seit zwei Tagen mehrere Stunden täglich heulend oder eben gerade nicht mehr heulend, aber hundeelend im Bett gegenüber. Ich fühlte mich wieder schwach, sehr schwach. Ich fühlte mich allein. Und ich hatte Angst vor dem Wochenende. Meine Eltern waren eine Woche in Urlaub gefahren, meine Schwester war daheim. Eigentlich hatte sie wieder zurück nach London fliegen wollen, um ihre Masterarbeit abzugeben. Aber sie blieb hier. Sie würde sie per Post einschicken. Auch wenn es mir niemand so gesagt hatte, vermutete ich, dass meine Mutter sie wohl dazu verdonnert hatte. Damit ich eine Anlaufstelle hatte während ihres Urlaubs. Ich war dankbar dafür. Auch wenn ich es natürlich selbst nie gewagt hätte, sie selbst darum zu bitten.

Am Montag hatte sie mich gefragt, ob es für mich okay wäre, wenn sie am Samstag mit ihren Freundinnen auf ein Volksfest – den Barthelmarkt – fahren würde. Sie wäre dann von mittags bis nach Mitternacht unterwegs, also den ganzen Samstag. Klar, das passt schon, sagte ich am Montag. Da ging es mir noch gut. Mittlerweile hatte sich die Situation allerdings wieder arg gedreht. Und ich lag nach dem Morgensport wieder in meinem Bett und kämpfte mit der Angst, die im Laufe des Tages wieder von mir Besitz ergriff. Die mir die Brust eindrückte, mich klein machte, die mir die Kehle zuschnürte. Ich wollte nicht, dass meine Schwester wegen mir nicht feiern gehen konnte. Ich fühlte mich schlecht dabei. Aber ich wusste irgendwie auch keine andere Alternative. Ich hatte solche Angst davor, allein zu sein, Angst davor, dass ich dann wieder komplett kippen würde, und Angst davor, dass ich dann schließlich vielleicht nicht, wie am Dienstag, die Kontrolle behalten würde. Ich hatte Angst davor, dass ich mir selbst etwas antun könnte.

Schließlich schrieb ich Helene. Sie war eigentlich mit ihrem Umzug Anfang nächster Woche mehr als beschäftigt. Sonst würde ich meine Schwester bitten müssen, abzusagen. Es ging einfach nicht anderes. Helene hatte Zeit. Sie würde am Nachmittag vorbeikommen, und dann, wenn ich wirklich nicht alleine sein konnte, könnte ich ja einfach mit zu ihr mitkommen und ihr beim Packen zusehen oder sogar helfen.

Ich telefonierte dann mit meiner Schwester, sagte ihr, dass es mir nicht besonders gut ginge, dass aber Helene morgen vorbeikommen würde, und notfalls, sagte ich, würde ich eben zu meiner Tante gehen – die auch im selben Ort wohnt. Sie klang etwas besorgt und meinte dann auch, so besonders viel Lust hätte sie sowieso gerade nicht auf das Fest, sie sei noch nicht ganz fertig mit ihrer Arbeit. Vielleicht würde sie auch gar nicht fahren. Jedenfalls machten wir aus, dass sie mich morgen früh um Punkt acht abholen würde und wir danach gemeinsam frühstücken würden. So richtig gesehen und lange miteinander gesprochen hatten wir das letzte Mal in London, einen Tag vor meiner Krankschreibung, auf meiner bisher letzten Dienstreise. Also vor beinahe zwei Monaten.

Nachdem ich das geklärt hatte, wurde ich etwas ruhiger. Das Gedankenkarussell in meinem Kopf lief heute aber wieder recht munter und turbulent. Ich war traurig, fühlte mich von der Welt verlassen. Mir ging es einfach schlecht. Nach dem Mittagessen lag ich schon wieder in meinem Bett, mit dem Gesicht zur Wand, aber diesmal hörte ich zumindest Musik. Jojo hatte Therapie, Ruth saß in ihrem Bett und strickte an Herzchen-Socken. Das Lied, das auf egoFM gespielt wurde, war traurig. Und ich begann zu weinen. Ich hatte keinen expliziten Grund. Ich war einfach traurig. Die Welt war grau, der Schleier war wieder da. Draußen herrschte strahlender Sonnenschein. Aber meine Welt war grau. Freudlos. Traurig. Ich lag einfach in meinem Bett und schluchzte. Zum ersten Mal, seit ich hier war. Die Apathie war der Trauer gewichen.

Da spürte ich sanft eine Hand auf meiner Schulter, so unerwartet jedoch, dass ich richtig erschrak. Aber es war nur Ruth. Sie beugte sich besorgt, beinahe schon mütterlich, über mich. Sophie, flüsterte sie, was ist denn los? Ich weiß nicht, schluchzte ich. Nichts eigentlich. Das Lied ist so traurig. Ruth streichelte noch ein paar Mal über meinen Arm. Kann ich etwas für dich tun?, fragte sie mich. Ich schüttelte den Kopf. Nein, es geht schon. Das Lied ist einfach so traurig gerade.

Später am Tag versuchte ich es dann noch mit Musik und Entspannung. Das war in etwa das einzige der über zwanzig Therapieprogramme, das unserem anspruchsvollen Dänen, Marc, zusagte. In der Schule hatten Fantasiereisen bei mir immer gut funktioniert, ich mochte sie gerne. Aber diesmal nicht. Ich konnte mich nicht darauf einlassen. Ich konnte mich nicht entscheiden, an welchem Strand ich gerade war. Ich war die ganze Zeit nur am Überlegen, welcher der Strände, die ich kannte, für den Zweck am besten passte. Mein Kopf jettete von Italien (Bibione) an die Ostsee (Heiligendamm), von Neuseeland (Hahei) nach Panama (San Blas Inseln). Von Entspannung keine Spur. An all diesen Orten war ich entspannt gewesen und glücklich gewesen – aber jetzt nicht. Das Karussell drehte mit Strandbildern, aber immer noch auf Hochtouren.

Leben und Überleben in der Psychiatrie

Ohne Johanna und Steffi wäre ich in der Psychiatrie eingegangen. Die „Anstalts-Gang“ nannten wir uns im Scherz. Wir verbrachten beinahe den ganzen Tag zusammen – insbesondere Johanna und ich, da wir auch noch das Zimmer teilten. Sie waren meine beiden Anker zur Normalität in diesem Irrenhaus. An manchen, wenigen Tagen war es das nämlich leider wirklich.

Ich erinnere mich an die Schreie, die hin und wieder aus der „Wachstation“, also der geschlossenen Abteilung, zu hören waren. Das kam Gottseidank nicht oft vor, aber da wurde einem immer ganz anders. Oder wenn man hin und wieder von einer Therapie in die Station zurückkam und dann im Aufenthaltsraum jemand saß und hemmungslos heulte, rechts am Boden neben der Tür zum Stationszimmer eine zweite saß, die nicht mehr heulte, aber am ganzen Körper zitterte und beängstigend starr gerade ausblickte. Wenn in der Kunsttherapie die Damen und Herren neben mir beinahe völlig schwarze Bilder malten. Wenn man den jungen Mann, der immer Kopfhörer auf den Ohren hatte, und der eigentlich sympathisch aussah, beim Essen fragte, ob neben ihm noch Platz war, und er sichtlich zähneknirschend und Fäuste ballend, kämpfen musste, um nicht in die Luft zu gehen. Wenn man, wenn es doch zwischendurch tatsächlich mal etwas zu lachen gab, gleich von der Schwester Anschiss bekam. Wenn man sah, welche Unmengen an Tabletten manche Mitpatienten täglich schluckten. Wie Smarties.

Johanna und Steffi waren mein Lichtblick. Während ich diesen Text schreibe, fällt mir erst auf, was wir alles zusammen in diesen zweieinhalb Wochen durchgestanden haben. Das reicht bei manch anderen Freundschaften für ein ganzes Leben.

Am Dienstag erfuhren schließlich alle beide, dass sie in einer Woche, nächsten Mittwoch, die Klinik wechseln würden. Wie ich würden sie in die Psychosomatik gehen, allerdings in zwei verschiedene Kliniken. Ich war seit gestern für das gleiche Haus wie Johanna angemeldet, hatte aber noch keine Aufnahmebestätigung erhalten. Die Wartezeiten für die Kliniken lagen, wenn man denn von der Psychiatrie aus angemeldet wurde, bei zwei bis drei Wochen; wenn man sich „einfach so“ dort bewarb, bei mehr als drei Monaten.

Ich freute mich sehr für die beiden – insbesondere für Steffi, die mehr als Johanna und ich an der Tatsache zu knabbern schien, dass sie in einer Psychiatrie war. Psychosomatik hört sich doch gleich anders an! Gleichzeitig versuchte ich den Gedanken zu verdrängen, dass ich dann alleine hier wäre. Das war das gefährlich daran: Alleine würde ich den Aufenthalt in der Psychiatrie nie durchstehen. Aber ich durfte mich andererseits auf keinen Fall zu sehr von den anderen abhängig machen.

Johanna ging es immer schlechter. Die Nebenwirkungen ihrer neuen Medikamente wurden immer stärker, das Zittern war mittlerweile so stark, dass sie nicht einmal mehr eine volle Tasse Tee in der Hand halten konnte, ohne etwas zu verschütten. Zudem verringerte sich ihre Sehkraft merklich. An manchen Tagen, vor allem nach den selten einfachen Gesprächen mit der Psychotherapeutin, saß sie einfach nur heulend auf ihrem Bett. Und ich konnte nichts tun, außer ihr vielleicht ein bisschen Schokolade aufzudrängen. Das ging mir so nahe. Ich hätte ihr so gerne geholfen. Johanna ist eigentlich einer der Menschen, die normalerweise die Stimmung schon heben, wenn sie den Raum nur betreten. Offen, fröhlich, strahlend. Und nun war sie nicht viel mehr als ein Häufchen Elend. Diese Hilflosigkeit machte mir zu schaffen. Wenn es Johanna und Steffi schlecht ging, ging es mir auch schlechter. Ich konnte nicht ohne meine Anstaltsgang – aber ich merkte, dass ich sehr, sehr stark aufpassen musste, wen ich wie nahe an mich heranließ. Ich hatte momentan nicht die Kraft, mich emotional abzugrenzen. Johanna und Steffi gaben mir so viel, dass es das wert war. Alle anderen mussten mir egal sein.

Episode 2

Am nächsten Tag wachte ich wieder erst mittags auf. Ich hatte schon wieder vierzehn Stunden geschlafen. Aber ich war gut aufgelegt. Unmittelbar nachdem ich das feststellte, überfiel mich ein Aktionismus. Bloß nicht nichts tun, so dass mein Hirn wieder Zeit hätte, sich selbstständig zu machen. Ich schnappte mir eine halbe Banane, zog meine Laufsachen an und lief los. Ich hatte Lust zu joggen – was bei mir eher die Ausnahme war. Während des Laufens überlegte ich mir, dass ich mich doch heute mal bei meinem Kollegen melden könnte. Oder bei einer der zwei Freundinnen, die heute aus Rhodos wiederkamen. Ich bin keine große Läuferin und meine Runde ist lächerliche drei Kilometer lang, aber nicht einmal die schaffte ich ganz. Was aber okay war. Ich dehnte noch ein bisschen, duschte. Ich war schon wieder ein bisschen erschöpft, also ließ ich alle Pläne fallen und entschloss mich, doch nach Hause zu fahren. Ich wusste, meine Mutter hatte Kuchen gebacken, und bei dem Wetter wäre es herrlich, mit meinen Eltern entspannt auf der Terrasse zu sitzen, Kaffee zu trinken und natürlich den Kuchen zu essen. Ich schrieb meiner Mutter eine kurze Whatsapp-Nachricht, dass ich jetzt auf dem Weg nach Hause sei.

Die Autobahn war frei, das letzte Stückchen Landstraße ging gut, der Wind fegte durch das offene Fenster, das Leben war schön.

Daheim angekommen stellte ich fest, dass niemand zu Hause war. Meine Mutter hatte auf die Nachricht nicht einmal geantwortet. Nicht einmal die Katze, die sonst immer von irgendwoher zur Begrüßung anmaunzte, war da.

Klick.

Es gab niemanden, in dessen Leben es einen Unterschied machte, ob ich da war oder nicht. Es war allen egal. Ich hielt es nicht mehr aus, ich selbst zu sein. Ich wollte raus, raus aus meinem Körper. Weg von hier, weg von meinem Leben. Ich rastete aus.

Nach etwa einer Stunde, in einem kurzen Moment, konnte ich immerhin so weit denken, dass ich in die Küche ging, und mir aus dem Apothekerschrank das kleine Döschen mit den Pulsatilla-Kügelchen schnappte. Die hatte ich vor Wochen, nach dem Kreislaufzusammenbruch, von meiner Mutter bekommen. Alle zwei Tage zwei, um die Nerven zu beruhigen. Ich kippte mir einen Teil der Kügelchen auf die Handfläche, es müssen wohl so zehn gewesen sein, und schluckte sie. Ich ging nach oben, ich zitterte immer noch am ganzen Körper, mir war heiß und kalt, und legte mich ins Bett. Ich schloss die Augen. Keine gute Idee. Ablenken. Ich muss mich ablenken. Also schnappte ich mir mein Tablet und schaute wieder Big Bang Theory. Das hatte gestern ja auch funktioniert. Nach drei Folgen merkte ich, wie ich ruhiger wurde. Die Nerds und die Kügelchen begannen zu wirken.

Dann hörte ich die Haustür. Meine Mutter, erkannte ich an der Art, wie die Tür ins Schloss fiel. Ich war sofort wieder wütend. Am liebsten hätte ich sie angeschrien, ihr vorgeworfen, dass sie nicht da war. Gleichzeitig war mir sonnenklar, dass auch sie ein eigenes Leben hatte. Und vor allen Dingen auch ein Recht darauf. Ich blieb oben in meinem Bett liegen und schaute eine weitere Folge Big Bang Theory. Ich konnte mich aber nicht mehr darauf konzentrieren, also ging ich doch runter. Sie war im Wohnzimmer und saß auf der Couch. Sie schaute in den Fernseher, fragte mich etwas, ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich antwortete nicht. Sie blickte mich an. Und sah sofort, dass gar nichts stimmte. Mein Gott, Sophie, was ist denn los? Ich begann zu heulen. Ich konnte kein Wort mehr hervorbringen. Ich stand einfach da und heulte. Sie stand auf. Nahm mich in die Arme und fragte mich nochmal, was ist denn los? Weil ich jetzt nicht da war, wie du gekommen bist?

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was dann so ganz genau passierte. Jedenfalls saß ich, von Heulkrämpfen geschüttelt, nicht mehr viel mehr als ein Häufchen Elend, vor Kälte und schluchzen zitternd, neben ihr. Sie versuchte, aus mir herauszubringen, was denn los war. Zwischen den Schluchzern brachte ich in Satzfetzen noch die einzelnen Gedanken vor, die wieder in meinem Kopf Karussell fuhren.

Sie wollte mich in die nahegelegene psychiatrische Notaufnahme bringen. Ich weigerte mich. Sie hielt mich eine ganze Zeit lang weiter umarmt, und ich heulte mit dem Kopf auf ihrer Schulter weiter, bis meine Tränen aus waren und ich keine Kraft mehr hatte, zu zittern. Ich schaute wie betäubt ein paar weitere Folgen Big Bang Theory, nahm die nächste Mirtzapin und schlief irgendwann ein.

Bei der Aufnahmeuntersuchung in der psychiatrischen Klinik (ja, es widerstrebt mir immer noch das Wort Psychiatrie zu schreiben) zwei Wochen später erfuhr ich, wie man die Gedanken, die mein Karussell an diesem Sonntag bestimmten, im Fachjargon nennt: passive Suizidgedanken; damit wären wir dann im ICD-Diagnoseschlüssel bei F 32.2., schwere depressive Episode.

Allein

Am nächsten Morgen wachte ich erst mittags auf. Ich hatte 14 Stunden durchgeschlafen, aber fühlte mich trotzdem eher erschlagen als wach. Ich war weder besonders gut, noch besonders schlecht gestimmt. Nachdem ich ein „Frühstück“, ein Müsli mit Obst und Joghurt, gegessen hatte, fuhr ich mit dem Fahrrad zu dem kleinen Tengelmann in meiner Straße zum Einkaufen. In dem kleinen Geschäft mit den verwinkelten Regalen, dem typischen Supermarkt-Labyrinth, und den niedrigen Decken befiel mich sehr bald ein beklemmendes Gefühl und die mittlerweile bekannte Enge in der Brust. Es war mir zu laut, zu eng, zu dunkel. Genervt schnappte ich mir also nur das Notwendigste, um so schnell wie möglich wieder nach draußen zu kommen. Da ging es schon wieder besser. Sehr langsam fuhr ich mit dem Fahrrad zurück. Ich war niedergeschlagen. Eigentlich hatte ich vorgehabt, zur Geburtstagsfeier eines lieben Kollegen zu gehen, in einen Biergarten. Da müsste ich allerdings mit der S-Bahn hinfahren. Und wenn ich noch nicht einmal ohne Probleme einkaufen gehen konnte, konnte ich es vergessen, an einem Samstagabend an der Stammstrecke, also unterirdisch, S-Bahn zu fahren.

Ich schrieb zwei sehr guten Freundinnen, was sie denn heute machen würden. Keine antwortete. Das war eigentlich nicht weiter verwunderlich, die beiden waren am Wochenende oft am Berg unterwegs und meldeten sich dann immer erst abends. Zwei andere gute Freundinnen waren im Urlaub. Eine fünfte feierte ihren Geburtstag. Und alle meine lieben Kollegen waren auf der Geburtstagsfeier, auf die ich nicht gehen konnte.

Das Karussell begann, sich zu drehen.

Auch meine Mutter war beschäftigt. Meine Schwester in Sri Lanka auf Rucksack-Urlaub. Meine beste Freundin in Kalifornien. Zwei andere sehr enge Freundinnen in Baden-Württemberg.

Ich hatte niemanden. Ich war allein.

Zusehends gewann dieses Karussell die Beherrschung über mich. Ich war nicht mehr fähig, einen anderen Gedanken zu fassen. Ich lag im Bett, mir liefen die Tränen herunter. Ich nahm mein Handy in die Hand. Immer noch keine Antworten. Stattdessen Facebook-Posts vom „Ach-so-tollen-Griechenland-Urlaub“ und der „Ach-so-tollen-Geburtstagsparty“. Das machte es nicht besser.

Natürlich hätte ich auch einfach meine Eltern anrufen können oder eine der beiden Freundinnen in Baden-Württemberg. Aber das schaffte ich nicht mehr. Keine Kraft. Kein Antrieb. Und was sollte ich denn sagen. Ich konnte ja nicht nur am Telefon sitzen und heulen. Aber das war das Einzige, zu dem ich gerade in der Lage war.

Ich bin allein. Niemand interessiert sich für mich. Das Karussell drehte sich in Tornado-Geschwindigkeit und bestand nur noch aus diesen Gedanken. Ich hatte das Gefühl, mein Kopf stünde kurz davor, zu zerspringen. Ich hielt es nicht mehr aus, ich zu sein.

Es fühlte sich an, als würde ich vollends durchdrehen.

Aber irgendwann, nach ein paar Stunden, wurde ich wieder ruhiger. Eine Freundin schrieb mir zurück, sie wäre den ganzen Tag wandern gewesen, wie es mir gehe, und wir könnten uns gerne Montag- oder Dienstagabend treffen. Ein Licht am Ende des Tunnels. Vielleicht war ich doch nicht so allein. Ich gewann langsam wieder die Überhand über meinen Kopf. Ich stand wieder aus dem Bett auf, machte mir etwas zu essen. Meine Bewegungen waren so unkontrolliert und fahrig, dass ich mir beim Gemüseschneiden in den Finger schnitt. Nach dem Essen ging ich raus, an die frische Luft, etwas Bewegung. Aber ich hatte solche Schmerzen (eine Muskelverspannung, die mir immer wieder starke Hüftschmerzen verursachte), dass ich nicht weit gehen konnte. Also ging ich nur direkt zur Isar. Vom Mountainbike-Trail am Ufer wollte ich ein kleines Stück die Böschung hinunter gehen, um direkt am Wasser zu sitzen. Ich war unbedacht aufgetreten, mit dem Kopf schon wieder in einer anderen Welt, rutschte ab und knickte um, fiel zu Boden. Die Außenbänder am linken Sprunggelenk stachen. Ich blutete. Endlich ein richtiger Grund, zu weinen. Ich saß auf einem Stein an der Isar und heulte. Irgendwann hörten die Tränen auf und ich starrte gedankenlos um mich herum. Eine Ente, die plötzlich hinter mir quakte, erschreckt mich zu Tode. Ich blafft sie lautstark an. Unbeeindruckt drehte sie sich um und schwamm von dannen. Es begann zu dämmern. Ich ging heim, nahm die Mirtazapin und begann, Big Bang Theory zu schauen. Angenehme langsame Schnitte. Und die Serie spielt in Kalifornien. An der Uni, an der meine beste Freundin gerade war.