„Dein Blackberry checkst du die nächsten aber Wochen schon noch, oder?“

Das war der letzte Satz in der Übergaberunde. In was für einer Welt leben wir eigentlich?

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Die Übergabe

Ich saß im Marienhof. Vor wenigen Minuten hatte ich die Praxis verlassen und hielt die erste Krankschreibung in der Hand. Es war erstaunlich ruhig, ich saß auf einer Bank in der Mittagssonne am Rande der Rasenfläche. Außer mir waren ein paar Touristen, ältere Leute und vor allem Verkäuferinnen hier, die ihre Mittagspause an der frischen Luft verbrachten.

Ich war wie benommen. Vier Wochen krankgeschrieben. Nächste Woche hatte ich wieder einen Termin, da sie mich auch körperlich komplett checken wollten. In der Zwischenzeit solle ich mich erst einmal ausschlafen und versuchen, soviel Zeit wie möglich draußen zu verbringen, riet mir die Ärztin. Insbesondere sollte ich kompletten Abstand zum Büro haben und mir nichts vornehmen, sondern einfach nur das tun, wonach mir der Sinn stand.

Schließlich zog ich mein Blackberry aus der Tasche und schickte eine E-Mail in die Arbeit.

„Hallo zusammen,

ich war beim Arzt und bin nun vorerst vier Wochen wegen Erschöpfungszustand krankgeschrieben. Ich soll absoluten Abstand haben.

Bitte gebt mir Bescheid, an wen ich meine Themen übergeben soll.

Viele Grüße

Sophie“

In keiner Sekunde zog ich ernsthaft in Erwägung, eine andere Erkrankung vorzutäuschen. Lange genug hatte ich, aus Angst, es würde sich in der Branche schneller herumsprechen, als ich einen neuen Job hätte, weiter gemacht. Immer weiter, bis mir schließlich keine andere Wahl mehr blieb, als mir selbst einzugestehen, dass ich die Grenze schon vor Wochen – wenn nicht Monaten –  überschritten hatte. Sollten sie ruhig merken, dass nicht alles in Ordnung war. Außerdem hatte ich sonst auch keine Chance darauf, dass sie mich in Ruhe lassen würden. Bei Krankheit per Mail erreichbar zu sein war selbstverständlich. Und  – in dem riesigen Lügengeflecht, das ich stricken müsste, würde ich mich nur selbst verheddern.

Immer noch wie in Trance ging ich zu meinem Fahrrad. Mein Magen begann zu schmerzen. Ich verspürte weder Hunger noch Appetit. Der Termin bei der Ärztin war um halb eins gewesen, also war es mittlerweile bestimmt beinahe zwei Uhr. Vermutlich kam das Bauchweh davon, dass ich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte, dachte ich. Hunger oder Appetit hatte ich seit ein paar Wochen schon nicht mehr. Ich aß, weil man mittags in der Kantine eben etwas aß.

Ich kam an dem kleinen „Vinzenzmurr“ im Rathaus vorbei. Eigentlich liebe ich warme Leberkäsesemmeln. Ich ging hinein, doch als ich den typischen Metzgereigeruch vernahm, wurde mir übel. Die Bauchschmerzen würden nach einiger Zeit wieder vergehen, auch wenn ich nichts aß. Das wusste ich mittlerweile.

Ich ging also weiter zu meinem Rad und fuhr dann gedankenverloren nach Hause. Dort schaltete ich das Blackberry aus und antwortete noch einigen meiner Kollegen, die mir auf mein privates Handy Whatsapp-Nachrichten geschickt hatten. Unverblümt schrieb ich ihnen, dass ich wegen „Erschöpfungszustand aka. Burnout“ erstmal vier Wochen krankgeschrieben sei. Dann legte ich mich ins Bett und schlief, erschöpft wie ich war, sofort ein.

Als ich wieder aus meinem traumlosen Schlaf aufwachte, war es bereits Abend. Ich machte mir – mehr aus Gewohnheit und weniger aus Hunger – ein paar Nudeln mit Pesto und aß sie. In meiner Wohnung war es still, nicht einmal das Radio  lief. Nach dem Essen ging ich draußen spazieren, genoss die frische Luft, die Isar, den Englischen Garten, sah ein paar Radfahrern hinterher, beobachtete ein paar Hunde, die ihren Stöckchen bis ins Wasser nachsprangen und natürlich die Enten. Insbesondere die Küken hatten es mir angetan. Ich liebe Tiere und freue mich immer, unterwegs eine streunende Katze oder ein Eichhörnchen in den Bäumen zu entdecken. Aber jetzt beschäftigten sie vor allem meinen Kopf. So sehr, dass er über nichts anderes nachzudenken wagte. Aber nicht so sehr, dass es anstrengend war. Perfekt. Da wusste ich noch nicht, wie viele Stunden ich in den nächsten Wochen damit zubringen würde, zuzusehen, wie die Enten die Isar rauf und runter schwammen.

Wieder zu Hause schaltete ich mein Blackberry an, um herauszufinden, wann und an wen ich morgen die Übergabe machen sollte. Man hatte mir eine kurze Mail geschrieben, in der er drei Uhr vorschlug, mir aber trotz meiner expliziten Nachfrage nicht sagte, an welchen Kollegen ich übergeben sollte. Nüchtern betrachtet eine Lappalie – aber in mir stieg Ärger hoch. Ich spürte, wie das Stechen in der Brust wieder anfing und mein Herz sich anfühlte, als würde eine eiskalte Hand es gerade genussvoll Quetschen. Ich antwortete kurz, drei wäre okay, gerne aber auch früher. Ich schaltete das Blackberry wieder ab und bemühte mich, die Gedanken an die Arbeit zu verdrängen. Das gelang mir zwar nach einiger Zeit, die Hand ließ mein Herz wieder los. Das Stechen blieb.

Am nächsten Tag war ich nach meinem wöchentlichen Termin bei der Logopädin – die hatte ich, seit ich im vergangenen Jahr insgesamt wohl knapp fünf Wochen wegen wiederholter Kehlkopfentzündung krankgeschrieben war – zu meinen Eltern gefahren. Ich genoss es, bei dem herrlichen Sommerwetter statt, wie sonst immer, über die Autobahn direkt ins Büro, mit offenem Fenster durch das Dachauer Hinterland nach Hause zu fahren. Ich genoss die Ruhe und das von meiner Mutter gekochte Mittagessen, aber je näher die Übergabe rückte, desto angespannter wurde ich. Und desto enger wurde meine Brust. Langsam hatte mich die Angst wieder im Griff. Ich wusste, ich würde nun, bis ich es hinter mir hatte, immer kleiner werden. Von knapp 1,80 m auf höchstens 1,40 m schrumpfen. Von meinem Selbstbewusstsein war sowieso schon lange keine Spur mehr zu sehen.

Um halb Drei war ich wieder in meiner Wohnung und schaltete das Blackberry an. Ich hatte keine einzige neue E-Mail erhalten. Bereits am Morgen hatte ich mich darüber gewundert. Weder die täglichen Updates, noch eine Antwort auf meine Rückfrage hatte ich bekommen. Ich  dachte – etwas enttäuscht – dass jemand möglicherweise bereits eine automatische Umleitung für mein E-Mail-Konto eingerichtet hatte.

Als ich im Büro ankam, war meine Übergabe bereits im Gang. Der Termin war um eine Viertelstunde vorverlegt worden. Aufgrund eines Server-Fehlers hatte ich die Terminaktualisierung nicht erhalten. Man hatte nicht einmal mehr mit meiner eigenen Übergabe auf mich gewartet. Um diese zynischen Anmerkung auch auszusprechen fehlte mir da aber schon lange die Kraft. Ich verbrachte gut zwei Stunden im Büro. Ich freute mich, liebe Kollegen zu treffen, war dankbar über die vielen aufmunternden Worte. Gleichzeitig hielt ich es kaum noch aus. Mein Kreislauf tanzte bunt herum, meine Stimme versagte wann es ihr beliebte, meine Knie wurden immer wieder schwach – je nachdem, ob ich mich gerade mit einem frisch aus dem Urlaub zurückgekehrten Kollegen über seine Safari unterhielt oder ob ich mich um die Übergabe kümmerte. Bereits in den vergangenen Tagen hatte ich gemerkt, wie schwer es mir fiel, zu priorisieren. Früher musste ich gar nicht darüber nachdenken. Das spürte ich nun wieder. Es strengte mich unwahrscheinlich an.

Ich war heilfroh, als ich alles geschafft hatte. Als ich schließlich durch das Foyer ging, fragte ich mich, wann ich wieder zurück sein würde. Oder ob dies ein endgültiger Abschied war. Sobald ich das Gebäude verlassen hatte, brach der Tornado in meinem Kopf wieder auf mich herein. Ich hatte Mühe, mich beim Fahrradfahren auf den Verkehr zu konzentrieren. Gottseidank war ich bald im Englischen Garten. Eigentlich wollte ich zu Hause bleiben, mich nach der anstrengenden Übergabe ausruhen. Aber das ging nicht. Mein Kopf würde mich wahnsinnig machen. Also packte ich nur kurz meine Badesachen ein – es war einer der ersten Tage dieses langen, heißen Sommers – und fuhr ins Ungerer-Bad.

Als ich dort angekommen war, hatte ich keine Lust mehr auf Schwimmen. Also lag ich auf der Liegewiese und beobachtete über zwei Stunden lang einfach die Leute um mich herum. Das Kommen und Gehen am Eingang. Die Kinder, die hingebungsvoll ihr Eis schleckten. Hin und wieder spürte ich die warme Sonne auf meiner Haut. Das Gewimmel um mich herum hatte einen ähnlichen Effekt wie Tiere. Mein Kopf war beschäftigt und der Tornado legte sich langsam.

Stunde Null

Ich bin 27, in einem anderen Leben PR-Managerin und nun seit sechs Wochen wegen Burn-Out krankgeschrieben. Der Tag an dem ich krankgeschrieben wurde ist seither meine eigene Stunde Null. Lange, sehr lange, habe ich gekämpft. Um mein Leben, meinen Job, meine Beziehung, mich selbst. So lange, bis ich selbst nicht mehr da war und es zur dauerhaften Krankschreibung einfach keine Alternative mehr gab. Noch vor einem halben Jahr attestierte ich einer Bekannten, die mit chronischen Symptomen monatelang krankgeschrieben war, insgeheim Schwäche. Oh, wie schäme ich mich heute dafür.

Ich will hier nicht schreiben, aus welchen Gründen ich in eine Erschöpfungsdepression samt Panikattacken und Angstzuständen gerutscht bin. Das wäre zum einen eine sehr langwierige, komplizierte – manchmal absurde – aber immer traurige Geschichte. Selbst wenn ich nur diese Zeilen tippe, und in meinem Kopf einige Bilder ablaufen und sich mir aufdrängen, merke ich, wie meine Stimmung zunehmend schlechter wird. Enttäuschung, und vor allem tiefe Traurigkeit will sich langsam einstellen. Ich muss mit aller Macht dagegen ankämpfen.

Ich beginne trotzdem kurz vor meiner Stunde Null.

Nicht einmal ein Kreislaufzusammenbruch im Büro war mir Warnung genug. Von all den vorangegangen Anzeichen abgesehen. Teils, weil ich selbst endlich realisiert habe, wie sehr ich mich bereits von mir selbst entfernt hatte, teils um meinen Freund und meine Eltern zufrieden zu stellen, wandte ich mich an das Burn-Out Zentrum München mit dem mein Arbeitgeber kooperiert. Der nächste Termin: In zwei Wochen. Zwei unendlich lange Wochen. In denen meine Beziehung final zerbrach – eine Last weniger, erkannte mein derangiertes Ich lediglich – und in denen ich noch um einige Stufen tiefer rutschte. Auf dem Weg in die Arbeit wünschte ich mir, andere Radfahrer mögen mich umfahren, so dass ich verletzt für einen mehrwöchigen Aufenthalt im Krankenhaus landete. Ich ging Blutspenden, in der Hoffnung, dass ich dabei umkippen würde. Ich fühlte mich mir selbst so fremd, so leer, völlig ohne jede Emotion, so dermaßen verschwunden und verloren, dass ich plötzlich nachvollziehen konnte, warum sich jemand ritzt. Dann würde ich immerhin den Schmerz spüren.

Die Psychologin erklärte mir nach einem langen Gespräch ziemlich deutlich, an was ich leide. Diese Erkenntnis, die Diagnose Burn-Out, schwamm schon lang durch mein Gehirn. Lange, zu lange, wollte ich es nicht wahrhaben. Ich hatte doch immer alles mit links geschafft. Ich war doch stark. In dem Augenblick, in dem mir die Psychologin erklärte, dass sie nicht damit rechne, dass ich in diesem Kalenderjahr nochmal arbeiten würde – also ein ganzes halbes Jahr – habe ich das zwar wahrgenommen, aber nicht realisiert. Ich war zu erschöpft dazu. Ich wollte einfach nur schlafen.

Dieser Termin war an einem Freitag. Der Termin bei der Allgemeinärztin, die mir im BOZM empfohlen wurde, da sie mich nicht selbst krankschreiben konnten, war erst am darauffolgenden Dienstag. Am Montag hatte ich einen entspannten Termin außer Haus mit netten Kollegen, den ich gerne noch wahrnehmen wollte. Am Dienstag, dem 30. Juni, der Termin war erst mittags, plante ich insgeheim meine Übergabe. Doch soweit kam ich nicht mehr. Es war eigentlich ein normaler Tag, doch für mich war es die Hölle. Zwei Meetings überstand ich nur, indem ich mich mit aller Macht aufs „Aus-dem-Fenster-starren“ konzentrierte – und darauf, mir jede Äußerung zu verkneifen. Bloß nichts sagen – etwas Positives würde es nicht sein. „Reiß‘ dich zusammen, diesen Vormittag hältst du jetzt auch noch durch“ redete ich mir selbst zu.

Aber schließlich war ich nicht einmal mehr in der Lage, meinem Chef in die Augen zu sehen. Als er mich direkt ansprach, brach ich heulend, im 30-Mann-Großraumbüro, an meinem Schreibtisch zusammen. Der Chef fragte, ob er mir helfen könnte und bot schließlich an, alles weitere, was zu besprechen war, auf den nächsten Tag zu verschieben. Mehr als „ich mache die Reisekostenabrechnung noch fertig und gehe dann nach Hause“ brachte ich nicht mehr hervor. Ich war völlig am Ende.

Die Ärztin schrieb mich zwei Stunden später für vier Wochen krank. Diagnose Erschöpfungszustand.