Zum ersten Mal

Am Heiligen Abend war in diesem Jahr meine Oma zu Besuch. Meine Oma ist mittlerweile stolze 93 Jahre alt. Wie jedes Jahr stellten wir uns vor der Bescherung zum klassischen Familienfoto auf. Erst mit Oma, dann mit Tante, dann nur wir Schwestern – schließlich drückte ich meiner Oma die Kamera in die Hand. „Oma, kannst du bitte noch ein Foto von uns machen?“ „Ich?! Ich habe in meinem ganzen Leben noch kein Foto gemacht!“

Wir anderen waren alle ziemlich erstaunt. Auf die Idee, dass unsere Oma noch nie selbst ein Foto gemacht haben könnte, wären wir nie gekommen. Ich erklärte ihr, auf was sie achten muss und welcher Knopf der Auslöser war – und dann schoss meine Oma mit 93 Jahren ihr allererstes Foto. Sie war riesig stolz drauf.

Es ist nie zu spät, irgendwas zum ersten Mal zu machen. Und es ist auch nie zu spät damit anzufangen, etwas anders zu machen als die 93 Jahre zuvor.

Wir alle waren ziemlich gerührt. Und ich begann, darüber nachzudenken, welche Dinge ich in diesem Jahr zum ersten Mal gemacht habe. Die Liste ist – wenn man so darüber nachdenkt – tatsächlich ziemlich lang.

Ich habe mich zum ersten Mal getraut einen Doppelsalto zu springen.

Ich war zum ersten Mal Pilgern.

Ich habe zum ersten Mal mit psychiatrischen Patienten gearbeitet.

Zum ersten Mal erschienen meine Texte auf der Stern-Startseite. 

Ich habe zum ersten Mal Fußball gespielt.

Ich habe zum ersten Mal Schupfnudeln selbst gemacht. 

Den Rest behalte ich für mich und ich glaube, ich muss auch noch ein paar Nächte über diese Liste schlafen  – mir fällt bestimmt nicht alles auf Anhieb ein. Mein Vorsatz für’s nächste Jahr: Dabei zu bleiben, Dinge zum ersten Mal zu machen.

 

Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.

Henry Ford

 

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Caminando.

Caminando, gehend. Ein schönes Wort, das im Klang schon genau das ausdrückt, was es meint: rundes, gemächliches, ankommendes Gehen.

Gehen. Allein vor mich hin. Die Gedanken fliegen. Weit, viel weiter als meine Beine mich tragen. In die Vergangenheit, bis in die Zukunft sogar.

300 Kilometer bin ich gelaufen, immer in Richtung Santiago. Meistens ruhig, immer Schritt für Schritt. Das Gehen weiter Strecken zwingt einem eine ungewohnte Langsamkeit auf. Wie lange würde man mit dem Auto für 300 Kilometer benötigen? Gehend, caminando, habe ich dreizehn Tage eingeplant.

Und mittendrin erstaunt es mich trotzdem, wie schnell ich vorankomme. Wie weit ich gehend komme. Wie weit ich alles, was ich benötige, tragen kann. Das ist ein schönes, erhebendes Gefühl. Ich bin frei und unabhängig, alles was ich brauche, habe ich bei mir, alles, was ich benötige, kann ich tragen. Der anfangs so schwere Rucksack trägt sich irgendwann leicht – wie ein großer bear hug, eine große, innige Umarmung.

Auch wenn ich ruhig ging und gerne lange Teile der Strecke allein zurücklegte, sogar den ein oder anderen Rosenkranz betete – meditativ war mein Weg nicht. Nie versetzte mich das rhythmische Gehen in einen Zustand, den ich so bezeichnet hätte. Der Weg war dafür vermutlich nicht gleichförmig genug. Und ich war viel zu sehr damit beschäftigt, meine Umgebung wahrzunehmen, kleine, fremdartige, wunderbare Dinge zu entdecken, als dass ich in irgendeinen meditativen Zustand versunken wäre. Und wenn der Weg tatsächlich mal gerade war und im Nebel lag, so dass es weder auf dem Weg noch drumherum etwas anzusehen gab, jonglierte ich mit Pinienzapfen. Oder besser, ich versuchte es.

Der Jakobsweg, das Gehen, war eine besondere Erfahrung, voll von besonderen Momenten und besonderen Menschen. Und wenn ich tatsächlich mal mit mir allein war und es nichts zu entdecken gab, genoss ich es, meine Gedanken fliegen zu lassen. Ich malte mir aus, wie ich mein Fotobuch gestalten konnte. Ich stelle mir vor, wie mein Vater dies alles wohl finden würde. Ich träumte von der Zukunft und erlebte Altes neu.

Aber das verändernde, das viele Bücher, von Paulo Coelho bis Hape Kerkeling, beschreiben, erlebte ich nicht. Der Jakobsweg war eine einzigartige Erfahrung. Das lange Gehen hat unglaublich gut getan. Dessen Langsamkeit hat mir ganz neue Perspektiven ermöglicht, eine ganze andere Art des Eintauchens in ein fremdes Land. Aber verändert hat er mich nicht.

Vielleicht, weil ich gar keine Veränderung gesucht habe, sondern etwas zu Ende bringen und ein Versprechen einlösen wollte.

El camino te da vida, der Weg gibt dir Leben, predigte der Pfarrer nach den vollbrachten 300 Kilometern schließlich in der vollen Kathedrale von Santiago im Pilgergottesdienst. Mein Versprechen, mein Vollenden, bedeutet für mich nichts anderes als Leben. Drei Jahre zuvor hätten innehalten oder Veränderung für mich Leben bedeutet.

Der Weg gibt dir Leben, ganz bestimmt. Aber der Weg, denke ich, gibt dir vor allen Dingen, was du suchst.

Das Wichtigste? Dein Team.

Und wenn ich im neuen Job dumme Kollegen habe? So oder so ähnlich höre ich es oft im Freundeskreis. Eigentlich taugt die Arbeit schon lange nicht mehr, aber die Kollegen sind super. Dass das Arbeitsteam einer der wichtigsten Faktoren ist, die den Arbeitsalltag beeinflussen, ist nichts Neues. Wie aber funktioniert ein Team eigentlich gut?  Weiterlesen „Das Wichtigste? Dein Team.“

Ich wär‘ grad so gern im Pauschalurlaub…

Eine Woche im Vier-Sterne-Hotel mit eigenem Pool und Strand in Fußnähe – wie verlockend sich das gerade anhört! Einfach am Strand liegen, lesen, schwimmen, sich den Bauch vollschlagen, und unproduktiv sein. Wie schön wäre das gerade?

Weiterlesen „Ich wär‘ grad so gern im Pauschalurlaub…“

Ent-Stigmatisierung psychischer Krankheiten via Strafvollzug?!

Ich weiß, es war hier sehr lange recht ruhig – die Ausbildung, der Versuch, aus meinen vielen kurzen Blogtexten einen langen (Buch-)Text werden zu lassen und der viele Schnee haben mich ganz schön auf Trab gehalten in den letzten Monaten. Aber das, was ich am Montagnachmittag zufällig gelesen habe, beschäftigt mich zu sehr, um darüber zu schweigen. Um es schlicht zu formulieren: Ich bin entgeistert!

Stigmatisierung (Nomen): Ächtung, Diskriminierung 

Ent- (Präfix): drückt in Bildungen mit Substantiven aus, dass etwas entfernt wird

(Duden)

Entstigmatisierung bedeutet also, dass das Stigma, das etwas anhaftet, entfernt werden soll. Im Eingangstext des neuen Gesetzesentwurfs „Bayerisches Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz“, erklärt die Bayerische Staatsregierung, dass mit Hilfe dieser neuen Regelungen psychische Krankheiten und damit psychisch Kranke entstigmatisieren will.

Entsprechend liest sich auch der erste Teil des Gesetzes ganz gut: Die Staatsregierung will den Ausbau des psychiatrischen Auffangnetzes in Bayern vorantreiben, unter anderem plant sie auch den Aufbau eines jederzeit erreichbaren Notdienstes. Soweit so gut. Soweit vielleicht sogar sehr gut.

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„Glücklich?“

Letzten Sommer, auf dem Heimweg von Rio, irgendwo über dem Pazifik zwischen „Chicken or Pasta“ und Tomatensaft, rannen mir plötzlich Tränen über mein Gesicht. Ich konnte es immer noch nicht fassen. Ich hatte es geschafft. Ich war nicht nur wieder da, sondern ich hatte sogar das, was noch vor wenigen Monaten beinahe unmöglich erschien, möglich gemacht.

„Alles in Ordnung?“, fragte mein Nachbar etwas besorgt. „Ja, doch“, antwortete ich, und wischte mir die Tränen aus dem Gesicht. „Du kannst dir nicht vorstellen, was diese zwei Wochen in Rio für mich bedeuten. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so glücklich gewesen zu sein.“

„So richtig glücklich?“, flüsterte mein Nachbar fast. „Diese Hoffnung habe ich eigentlich schon aufgegeben.“

 

Dieser Satz brauchte sehr lange, um bei mir wirklich anzukommen. Ich kannte dieses Gefühl nur zu gut. Erwachsensein bedeutet meistens, vor lauter Pflichten, Erwartungen und Rechnungen gar keine Zeit mehr zu haben, glücklich zu sein.

Aber was, wenn ich mir die Zeit einfach nehme?

Wenn ich ganz dreist mein Handy eine halbe Stunde lang ausschalte und stattdessen das Blau des Himmels über mir bewundere? Wenn ich ganz dreist eine von den vielen sozialen Verabredungen sausen lasse und stattdessen ins Yoga gehe? Oder in die Kirche? Oder einfach alleine im Wald spazieren? Wenn ich ganz dreist einfach mal kurz, inmitten des ganzen alltäglichen Trubels, die Augen schließe und dreimal tief durchatme?

Glück ist kein Ziel, das wir am Ende unserer bucket list oder mit einer bezahlten Rechnung erreichen. Glück ist der Weg.