Wenn die Black Box transparent wird

Wenn Büroarbeit zur Fließbandarbeit wird und sich Geschichte wiederholt: Kafkas Weltendestimmung von 1913 ist heute aktueller denn je.

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Entschuldigt bitte, dass ich mich hier so selten zu Wort melde. Zu Schreiben hätte ich genug. Aber ich stecke momentan mitten in der Prüfungszeit… vier Wochen noch.

Manchmal schaffe ich es jedoch trotzdem, durch die Süddeutsche Zeitung zu blättern. Dabei habe ich in der Wochenendausgabe vom 20. Januar ein hochspannendes Interview über die Entwicklung der Büroarbeit entdeckt. Industrie- und Arbeitssoziologe Andreas Boes präsentiert darin die Ergebnisse einer dreijährigen Feldstudie.

Büroarbeit umfasst ein unglaublich breites Spektrum. Im Gegensatz zur Fließbandarbeit aber haben wir Bürohengste alle eines gemeinsam: Ich kann meine Arbeit – in einem gewissen Rahmen freilich – erledigen, wie und wann ich will. Diese Freiheit ermöglichte es mir zum Beispiel, montags ganz entspannt in den Tag zu starten, erst einmal wach werden und sehen, was die Woche so bereit hält. Dafür arbeitete ich dann eben dienstags oder mittwochs „mehr“. Ich kann meinen Arbeitstag und meine Arbeitsabläufe so gestalten, wie es mir gefällt. Der Vorgesetzte hat, überspitzt dargestellt, lediglich die Kontrolle über das Ergebnis, nicht den Prozess. Dieser ist für das Unternehmen, in Boes‘ Worten, eine „Black Box“. Man kennt die Vorgaben, man kennt das Ergebnis – aber wie aus den Vorgaben nun das Ergebnis entsteht kann man nicht einsehen.

Anders am Fließband: Der Akkord gibt den Takt vor. Die Maschine mein Tempo, meinen Handgriff, meine Pause. Der Chef weiß zu jeder Sekunde, wo ich mich befinde und was ich tue.

Da die Einsparungsmöglichkeiten in der Produktion mittlerweile nahezu ausgereizt sind, setzen die Unternehmen nun an einem anderen Hebel an: den Bürojobs. Komplexe Arbeitsvorgänge werden in kleine Einzelvorgänge zerteilt, die Black Box wird zunehmend transparenter. Ich als Mitarbeiterin verliere meinen Freiraum, ich werde zur Fließbandarbeiterin. Was das mit mir macht? Nun ja. Mein eigener Entscheidungsspielraum schrumpft. Ich kann die Arbeit nicht mehr so verrichten, wie ich es möchte. Meine Arbeit kann leichter quantifiziert werden. Und irgendwann ist sie in so kleine Einzelteile zerlegt, dass ich nicht mehr den ganzen Schuh schustere sondern nur mehr tagein, tagaus die Schnürsenkel einfädele. Was tue ich da eigentlich den ganzen Tag? Mache ich noch einen Schuh? Oder fädele ich nur irgendwelche Bänder in irgendwelche Löcher?  Das kann jeder. Sogar ein Roboter.

Anfang des vergangenen Jahrhunderts grassierte im deutschsprachigen Kulturkreis eine psychische Krankheit, ganz ähnlich dem Burnout heute: die Neurasthenie, die Symptome sind nahezu die gleichen. Einer der prominentesten Vertreter: Franz Kafka. Kafka griff 1913 zur Selbsttherapie, er jätete einen Monat lang Gemüsebeete (vgl. „1913“ von Florian Illies, S. 115).

Die Ursache ist damals wie heute: Stress. Die industrielle und elektrische Revolution bzw. die Digitalisierung veränderten bzw. verändern unsere Lebens- und Arbeitswelt in einem rasanten Tempo. Die Welt wird schneller – statt Pferdekutschen fuhren plötzlich U -Bahnen – aber wir Menschen sind die gleichen geblieben.

Und ähnlich wie zu Anfang des 20. Jahrhunderts macht sich derzeit eine Weltuntergangsstimmung breit. Wir brauchen Veränderungen – oder wie Boes es formuliert: Die Gesellschaft muss den Wandel gestalten.

Und ich werde das Gefühl nicht los, dass wir uns alle gemeinsam auf ewig im Kreis drehen. Muss sich denn wirklich alles ständig wiederholen? Ich hätte gerne eine Lösung parat. Aber muss leider – zumindest aus dem Stegreif – passen.

Weltende

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Jakob van Hoddis, 1911

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