Besuchszeit

Außer Katrin und meiner Familie war in der ersten Woche noch eine andere gute Freundin, Maria, bei mir zu Besuch gewesen. Am Donnerstag, gestern, war ich mit Helene am Wörthsee schwimmen gewesen und für heute Abend hatten sich Hanni und Marlene angekündigt. Sie würden nach dem Abendessen – also gegen sechs – vorbeikommen. Auch wenn ich die Besuche einigermaßen dosieren musste, da es doch recht anstrengend war, freute ich mich über jeden sehr. Und wenn es auch nur eine halbe Stunde war.

Johanna wohnte mehr als drei Stunden entfernt, bei ihr war ein Besuch einfach beinahe unmöglich, aber Steffi war wie ich aus München. Sie war neidisch, als sie hörte, dass ich schon wieder Besuch bekäme. Aber von mir weiß auch fast niemand, dass ich hier bin, merkte sie dann noch etwas nachdenklich an.

Jeden Tag ab 12.30 Uhr bis 20.00 Uhr durfte Besuch kommen und gehen. Eine andere Burnoutpatientin bekam beispielsweise beinahe jeden Abend von ihrem Mann Besuch, der frische Wäsche brachte und manchmal auch Essen. Andere, die sehr nahe wohnten, fuhren hin und wieder einfach nach Hause. Oft kamen auch Kinder zu Besuch und sehr hoch im Kurs standen auch Hunde. Wieder andere aber waren eher genervt, wenn die Junkie-Tochter mal wieder Geld brauchte und nur aus diesem Grund zum ersten Mal in vier Wochen völlig ungewaschen und fertig in der Klapse antanzte, um bei der Mama, die mit Depressionen hier fest hing, Geld zu schnorren. Manche bekamen gar nie Besuch. Und andere blieben sogar freiwillig am Wochenende in der Psychiatrie. Nicht, weil sie psychisch nicht in der Lage waren, wie meine Zimmernachbarin Ruth, die wegen einer Angststörung nicht mehr Bahn fahren konnte, aber auf die S-Bahn angewiesen war. Sondern weil sie wirklich vollkommen freiwillig blieben. Sie waren lieber hier. Ich will mir nicht vorstellen, wie trostlos diese Zuhause aussehen. Wenn ihnen sogar die Psychiatrie als bessere Alternative erscheint.

Ich jedenfalls verbrachte mit meinem Besuch nicht viel Zeit innerhalb der Klinikmauern. Die meisten waren neugierig, und wollten einfach sehen, wie es denn in einem echten Irrenhaus so aussieht – und wirkten manchmal beinahe enttäuscht, weil es so unspektakulär war. Manche Mitpatienten hielten es aber auch so, den Besuch gar nicht erst herein zu beten, um ihm den Anblick der doch manch trostlosen Gestalten zu ersparen. Ich war immer wieder froh, mal etwas anderes als die Klinik zu sehen. Oft fuhren wir nach der kurzen Stippvisite an einen der vielen Seen in der Umgebung – was sich bei dem heißen Wetter ja auch Ende August immer noch anbot – oder gingen zumindest eine lange Runde spazieren. So auch mit Hanni und Marlene. Erst gingen wir hoch ins Zimmer, dann eine kleine Runde durch den Wald und schließlich veranstalteten wir noch eine Art Picknick auf dem Parkplatz. Fast wie Urlaub. Wenn ich nicht um Punkt acht wieder in der Psychiatrie hätte sein müssen. Und mein Kopf nicht mal wieder kurz vor Anschlag gewesen wäre.

 

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