Wie immer eben

Als ich am Freitag aufwachte, war der Tag schlecht. Ich war depressiv, hatte überhaupt keinen Antrieb. Am liebsten wäre ich im Bett liegengeblieben. Ich musste allerdings frühstücken, sonst würde ich bis zum Mittagessen verhungern, soviel Obst hatte ich dann doch noch nicht gebunkert. Also quälte ich mich aus dem Bett. Ich bin auch ohne Depression ein kleiner Morgenmuffel, aber an diesem Morgen sprach man mich besser gar nicht erst an. Und machte schon gar keine Witze. Alles ödete mich an und ich war genervt von diesem Rückfall. Trotzdem – ich musste ja mindestens zwei Therapien am Tag belegen – ging ich, wie geplant, zum autogenen Training. Anfangs nervte mich auch das. Aber die vollkommene Konzentration auf meinen Körper entspannte mich. Während der halben Stunde, in der ich abwechselnd in meinen rechten Arm und mein linkes Bein hineinspürte, oder die Lehne des Stuhls an meinem Rücken bewusst annahm, wurde mein Kopf ruhig und die depressiven Gedanken verschwanden. Im Anschluss mischte ich noch die Damen und Herren der allgemeinen Gymnastik auf. Auf einen neuen Muskelkater!, dachte ich mir, aber der blieb glücklicherweise aus. Hinterher ging es mir wieder richtig gut – keine Spur mehr von Depression oder Antriebslosigkeit.

Am Wochenende würde ich außerdem heimfahren und endlich meine beste Freundin wiedersehen, die aus Kalifornien zurück war. Sie und ihr Mann hatten zu einer Wiedersehensparty eingeladen. Im Juli hatte ich noch sofort zugesagt – in einem Monat würde ich ja wohl wieder fit sein; zwei Wochen vor der Party hatte ich komplett abgesagt; jetzt war ich voller Elan, und beschloss auf jeden Fall hinzugehen, auch wenn ich vielleicht nur zwei Stunden dort sein könnte. Ich telefonierte mit einem Kumpel, der auch eingeladen war, um herauszufinden, ob es vielleicht ein Geschenk gäbe. Er klopfte dumme Sprüche, witzelte über die Tatsache, dass ich in einer Psychiatrie war, erzählte von seiner kleinen Tochter – und alles war wie immer. Es fühlte sich in mir drin auch an wie immer. Ich war da. Und ich begann, mich aus ganzem Herzen auf die Party zu freuen. Mich erfasste eine solche Freude, wie ich sie seit Monaten nicht mehr verspürt hatte. Ein Lächeln schlich sich in mein Gesicht, das für den restlichen Tag nicht mehr zu verjagen war. Mir ging es so unglaublich gut. Wie immer eben!

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