Beim Psychiater

Die alte, ehemals sehr gute Freundin von mir, Dani (alle Namen geändert), hatte mir den Unterschied zwischen Psychiater und Psychologe bzw. Psychotherapeut erklärt. Ein Psychologe bzw. Psychotherapeut arbeitet mit Gesprächen und Analysen – das sind die mit der berühmten Couch. Ein Psychiater ist quasi der Arzt dahinter, er arbeitet vor allem mit Psychopharmaka – also Happy-Pills und dergleichen. Sie sagte außerdem, dass es der Psychiater wäre, der die ganze Behandlung steuern würde und mich durch diesen Dschungel der tausend Möglichkeiten leiten würde.

Am Montag nach dem schönen Wochenende in den Grainau war ich zwar etwas erschöpft, so dass ich den größten Teil des Tages im Bett zubrachte, aber insgesamt in ganz guter Verfassung. Der Termin war erst am späten Nachmittag und ich beschloss, mit dem Fahrrad dorthin zu fahren. Das würde ungefähr eine Dreiviertelstunde dauern, damit hätte ich dann auch die eine Stunde Bewegung an der frischen Luft am Tag, die mir meine Allgemeinärztin „verordnet“ hatte.

Ein Termin bei einem Psychiater. Ich schob den Gedanken weg. Oder versuchte alternativ, mich davon zu überzeugen, dass das ein ganz normaler Arzttermin war. Wie etwa beim Internisten. Ich kannte wohl genauso viele Menschen, die in psychiatrischer Behandlung waren wie in internistischer. Mit dem Unterschied, dass ich von Ersteren bisher gar nichts wusste. Erst in den letzten drei Wochen habe ich erfahren, wie viele Menschen in meinem Umfeld in psychiatrischer oder psychotherapeutischer Behandlung sind oder waren. Das schockierte mich, aber war verständlich. Denn nach wie vor denken wir doch so: Wer beim Psychiater ist, ist geisteskrank. Und das Bild, dass wir alle von einem Irrenhaus und Menschen in psychiatrischer Behandlung haben, ist in der Regel alles andere als positiv.

Ich fuhr also gemächlich quer durch München. Ich fuhr extra langsam, weil es so heiß war, und ich wollte nicht völlig verschwitzt dort ankommen. Bei ungefähr 40° im Schatten war das aber unmöglich. Diese verdammte Hitze. Ich war noch nie ein Freund großer Hitze; 28° Grad reichen mir völlig aus. Aber so geschlaucht wie in diesem Jahr hatte sie mich sonst nicht. Selbst die mehrstündige Wanderung um den Ayers Rock im australischen Outback oder Wanderungen im und am Grand Canyon hatten mich körperlich weniger mitgenommen als dieser heiße Sommer in Deutschland.

Die Praxis lag dann auch noch im vierten Stock ohne Aufzug (oder vielleicht habe ich den einfach übersehen, gut möglich). Immerhin war es schön kühl. Es war ein klassischer Altbau, dicke Mauern, hübsch gestaltetes Treppenhaus. Eigentlich wunderschön, insgesamt hätte es aber mindestens einen neuen Anstrich notwendig gehabt. Genauso die Praxis. Die war eher dunkel, im Stil der Siebzigerjahre eingerichtet. Die Sprechstundenhilfe war sehr freundlich, wusste sofort, wer ich war, und bat mich, im Wartezimmer Platz zu nehmen. Dort saß nur eine weitere Patientin, sie war etwa im gleichen Alter wie ich. Das Wartezimmer sah aus wie alle Wartezimmer dieser Welt. An den vier Wänden standen bequeme Stühle, vor dem hohen Fenster war ein kleines Tischchen mit allerlei Zeitschriften darauf platziert, ein paar Grünpflanzen in den Ecken und mehr oder weniger dekorative Bilder an der Wand. Das einzige, was vielleicht etwas aus dem Rahmen fiel, war der altmodische Teppich.

Als die Ärztin die andere Patientin zu sich hereinbat, entschuldigte sie sich sehr freundlich bei mir, ich würde noch etwa eine halbe Stunde warten müssen, der Termin eben hätte leider länger als üblich gedauert. Sie machte einen sehr netten Eindruck, wirkte sehr jung auf mich. Es überraschte mich nicht, ich hatte mir ihre Praxis und ihren Lebenslauf vorher im Internet angesehen. Aber trotzdem: Sie war genau das Gegenteil von dem grauhaarigen und bedächtigen Herren, den ich mir bisher als den Prototyp eines Psychiaters vorgestellt hatte. Als sie mich dann hereinbat –  das Sprechzimmer war ähnlich altmodisch eingerichtet wie der Rest der Praxis – war ich etwas befangen. Sie fragte mich, warum ich hier wäre und ich wusste nicht so recht, was ich antworten sollte. Also begann ich, ihr, wie der Psychologin und etwas kürzer gehalten auch der Allgemeinärztin, meine Geschichte zu erzählen. Sie ließ mich eine Zeitlang erzählen, unterbrach mich dann aber. Warum sind Sie denn hier? Was fehlt Ihnen denn? Ja, was fehlte mir denn? Ich hatte mich völlig verändert – aber es war gar nicht so einfach, das jemanden zu erklären, der mich vorher nicht kannte. Also zählte ich auf: Mir ist alles egal, ich mache nichts mehr, ich liege den ganzen Tag im Bett und ich kann nicht mehr einschlafen. Sie machte, wie ich fand, relativ kurzen Prozess. Sie verschrieb mir Citalopram, das wohl gängigste Anti-Depressiva, erklärte mir, wie ich es einzunehmen hatte, und ergänzte, dass es circa drei bis vier Wochen dauern würde, bis es wirkte. Ich sollte Anfang September wiederkommen, da die Praxis erstmal vier Wochen geschlossen war. Ich fragte dann noch nach einer Krankschreibung. Sie meinte, sie könnte mich schon krankschreiben, dann würde aber der Arbeitgeber sehen, dass ich bei einem Psychiater war. Ob mir das recht sei? Nein, war es nicht. Als ich die Praxis verließ, war ich total verunsichert. Ich hatte ja keine Ahnung, was bei einem Psychiater normal war, aber irgendwie hatte ich kein gutes Gefühl bei der Sache.

Dass Psychopharmaka keine Kopfschmerztabletten sind, weiß man ja. Die Beipackzettel würde ich lieber gar nicht erst auffalten. Und jetzt einfach so mir nichts, dir nichts welche zu nehmen, ohne zu wissen, wie sie eigentlich wirkten…. Nein. Daher löste ich das Rezept erstmal nicht ein. Ich wollte lieber noch die Meinung der Therapeutin und meiner Allgemeinärztin einholen.

 

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