So viele Tage im Nichts

Mir war nicht ständig alles egal. Abends war es meistens besser als morgens. Manchmal konnte ich mich dazu aufraffen, Sport zu treiben oder spazieren zu gehen. Das tat gut. Manche Tage waren aus irgendeinem Grund sogar richtig gut. Zweimal in diesen zwei Wochen erschrak ich sogar richtiggehend über mich selbst. Ich hatte gelacht. Beim ersten Mal, als ich zwei Stunden lang mit meinem zweijährigen Cousin „Pferd“ gespielt hatte und er laut lachend und vor Freude quietschend vor mir her „galoppierte“ – übrigens sehr zur Freude der Nachbarn. Das zweite Mal ertappte ich mich in einer Wasserrutsche im Freibad. Meine Mutter hatte mich beinahe hineingenötigt, vermutlich in einem Versuch, mich aus der Reserve zu locken. Ich rutschte nur ihr zuliebe. Aber sie hatte Erfolg. Ich konnte offenbar doch noch lachen.

Die meiste Zeit jedoch war mir einfach alles egal. Ich sprach kaum noch. Lachte nicht mehr. Starrte stundenlang regungslos vor mich hin. Ich, die „Stillsitzen“ sonst nicht einmal buchstabieren konnte.

So viele Stunden vergingen im Nichts. Ich weinte viel, meine Augen brannten. Niemand konnte mir helfen. Nicht einmal meine Familie oder sehr enge Freunde. Keiner verstand, wie ich mich fühlte. Keiner konnte mich aufheitern. Jeder meinte, ich solle einfach mal den Sommer genießen und in ein paar Wochen wäre ich wieder fit. Ich konnte aber doch nichts mehr genießen! Ich erinnerte mich sehr wohl, was mir früher einmal Spaß gemacht hatte. Aber das erschien mir wie aus einem anderen Leben.

Außerdem meldeten sich langsam die Angst und das Herzstechen wieder zurück. Schließlich waren schon zweieinhalb Wochen vergangen. Was, wenn die Ärztin mich nicht mehr krankschreiben würde? Ich in zwei Wochen wieder arbeiten müsste?

Die Angst ließ mich aktiv werden. Ich kontaktierte eine alte, ehemals sehr gute Freundin, die im vergangenen Jahr wegen Burn-Out ein halbes Jahr ausfiel. Ich wusste ja eigentlich gar nicht so recht, was mich in der nächsten Zeit erwarten würde. Ich rief bei der Allgemeinärztin an, um einen Termin zu machen. Auf den Rat der Freundin hin suchte ich nach einem Psychiater, und bekam dank einer Empfehlung bereits in der nächsten Woche einen Termin. Und schließlich schrieb ich auch der Psychologin wieder. Sie hatte damals gemeint, ich sollte mich melden, wenn ich in ein Loch falle. Ich hatte damals nicht ganz begriffen, was sie meinte, und war mir auch nicht sicher, ob ich überhaupt schon im Loch war. Aber das war mir egal. Mein Arbeitgeber übernimmt pro Mitarbeiter insgesamt drei Termine. Ich vereinbarte den zweiten.

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